Die Idee

Ich radle gern, wobei sich diese Betätigung bislang auf Touren mit dem Treckingrad in der näheren Umgebung beschränkte. Vor einigen Jahren war ich im Sommer zudem häufiger ins knapp 20 Kilometer entfernte Büro gefahren, doch dann wurde der Arbeitsplatz von Köln nach Düsseldorf verlagert, und die dreifache Entfernung war mir zu viel des Guten.

Mit der Anschaffung eines GPS Gerätes im Frühjahr 2009 erweiterte ich meinen Aktionsradius. Zwar blieb es weiterhin bei Tagesausflügen, aber aufgrund zielgenauer Wegführung wuchsen sowohl der Aktionsradius als auch die Bereitschaft, neue Wege in Angriff zu nehmen. Bisheriger Höhepunkt wurde in den letzten beiden Jahren jeweils die Fahrt zum gut 50 Kilometer entfernten Zülpicher See anlässlich des dort zelebrierten Sommerfestes; nach knapp 3 Stunden Radelei stand nach dessen Erreichen eine Runde schwimmen im See an, bevor es nach einer Siesta auf der Wiese wieder zurück nach Hause ging.

Eine gewisse Faszination übten auch Reiseberichte weitschweifigerer Radtouren auf mich aus. Ob es nun die Radwanderweg einen Fluss entlang betraf oder direkt eine Weltumrundung, einen gewissen Reiz hinterließen derartige Beschreibungen. Dazu kommt mit der Insel Formentera die Begeisterung für ein Fleckchen Erde, welches für mich bislang nur per Ibiza auf dem Luftwege zu erreichen war. Zwar gab es bereits eine Anreise mit dem Fahrrad, diese beschränkte sich aber auf die Strecken von der heimischen Wohnung in Köln zum nahe gelegenen Flughafen und, nach entsprechendem Transfer mit dem Flieger, vom Flughafen Ibizas zum dortigen Hafen, insgesamt also bestenfalls 15 Kilometer.

Wann die Idee, die Insel des Vertrauens komplett per Rad zu bereisen, erstmals nachvollziehbar aufkam, ist schwer zu bestimmen. Wie es häufig genug so geht, wird sie aus wirren Gedanken entstanden sein, die eines Tages einen Stand erreichten, der gar nicht mehr so illusorisch erschien. Ich erinnere mich noch daran, wie ich im Büro im Sommer 2010 mit Kollegen darüber philosophierte, dass eine Tour gen Balearien doch eine tolle Sache sei, wenn mich die Firma eines Tages loswerden wolle, ich im Zuge dessen einige Zeit bis zum Ablauf der Kündigungsfrist freistellt und mit einer Abfindung nach Hause geschickt würde. Für einen der Kollegen war die Situation gerade konkret, er besaß auch ein Ferienhaus an der Mittelmeerküste Spaniens, konnte meine Begeisterung aber nicht nachvollziehen. Ein knappes halbes Jahr später wurde absehbar, dass die Lage für mich gar nicht so abwegig war und die einst als Spinnerei abgetane Idee plötzlich das Potential hatte, in die Realität umgesetzt zu werden.

Vollends konkrete Züge nahm das Vorhaben schließlich am Neujahrstag 2011 an. Mit Freunden hatten wir Silvester gefeiert und nach dem gemeinsamen Frühstück zur Mittagszeit stellte sich die Frage, was weiter zu tun sei - 3 Männer, 3 Frauen, bis auf eine Ausnahme noch keine 50 Jahre alt. Die mittlerweile mehr oder weniger erwachsenen Kinder bedurften keiner Zuwendung oder Unterhaltung mehr, aber die wieder gewonnene Freiheit ließ sich nur mäßig konstruktiv nutzen. Für einen Gang vor die Tür war niemand zu bewegen. Weder schien die Sonne draußen, noch luden Schneereste oder Rheinpegel zu einem neugierigen Blick an die frische Luft ein. Auch fehlte ein Hund, dessen Entleerung von Darm oder Blase gedrängt und der der Begleitung bedurft hätte. Für ein Kartenspiel oder ähnlichen Zeitvertreib war ebenso niemand zu gewinnen. Irgendwann saßen die Damen am Esstisch und plauderten, während ich mich in der Runde der Herren auf der Couch vor laufendem Fernseher versammelt fand. Die Lust auf Action geladenes Programm war ebenso verhalten wie der Wille, hochkarätige Konzertmitschnitte zu verkonsumieren. Die Kompromisslösung war schließlich die DVD eines Pärchens, das per Rad entlang des nördlichen Polarkreises den Globus umrundet hatte. Angeregt durch den Film sprudelte es in dessen Verlauf aus mir heraus, dass es mich ja auch mal reizen würde, mit dem Rad nach Formentera zu reisen.

"Weiß Ute schon davon?", fragte Rüdiger, ein Fan stärker motorisierter Zweiräder, skeptisch. Natürlich hatte ich meine Frau noch nichts von meinen Hirngespinsten wissen lassen, aber mit der Vision vor Augen, hier ein nicht alltägliches Vorhaben anzugehen, beschäftigte ich mich weiter gedanklich mit diesem Thema. Zuerst war ich nicht davon ausgegangen, die Frau meiner Wahl für die Umsetzung der Idee motivieren zu können, doch je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger war der Gedanke von der Hand zu weisen. Zwar fürchtete ich mich nicht davor, allein zu reisen, allerdings hatte die Vorstellung einer Fahrt zu zweit seinen Charme. Einer sollte stets ein wachsames Auge auf Rad und Gepäck haben können, wenn es beispielsweise darum ging, einen Gang anzutreten, der klassischerweise allein beschritten wird, dem Lebensmittel Nachschub in Geschäften nachzukommen war oder sich die Gelegenheit bieten sollte, sich in einem See, Bach oder Freibad zu erfrischen. Die Reise mit jemand Fremden kam für mich weniger in Betracht. Was lag also näher, als die Herausforderung mit jemandem zu teilen, mit dem man ohnehin jahreein, jahraus zusammen lebt. Man kennt sich, weiß um seine Stärken und Schwächen und hat die Aussicht, den gemeinsamen Erlebnissen ein weiteres hinzufügen zu können.

Zur weiteren Argumentationshilfe recherchierte ich im Internet und stieß auf Reiseberichte, in denen gleichartig Gesinnte ähnliche Vorhaben in die Tat umgesetzt hatten. So war von ein paar sportlichen Damen aus Köln zu lesen, wie sie die Strecke in 2 Wochen mit dem Rennrad bewältigten, ein Pärchen in eher unserem Alter berichtete, wie sie aus Bayern via Barcelona nach Ibiza gelangten, 2 Studenten schrieben, dass ihnen auf dem Campingplatz die Räder gestohlen wurden, sie ihre Reise aber dennoch unbeirrt fortsetzten, und so weiter und so fort. Die meisten Berichte waren interessant geschrieben sowie reichlich bebildert und machten Appetit, ihren Verfassern nachzueifern. Entsprechend trug ich diese zusammen mit meinen Vorstellungen an meine Frau heran. Dabei muss es mir dabei gelungen sein, die Sache mit einem Hauch von Seriosität vorgetragen und den Abenteuercharakter reduziert zu haben, da sie es nicht stehenden Fußes als waghalsiges Unterfangen, Blödsinn oder Tagträumerei abhakte. Dafür wurde ich in der Folge bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten mit Fragen konfrontiert, wie ich mir die Sache im Detail vorstelle. Wie viele Kilometer am Tag, woher fahren, wie übernachten, was ist, wenn einer nicht mehr weiter kann, und, und, und ...

Auch wenn nicht unbedingt zur sofortigen und ungeteilten Zustimmung, so konnte ich doch die meisten Bedenken zerstreuen.

Meine Vorstellung bzgl. der Tagesetappen reduzierte ich von 80 bis 100 Kilometern auf ein meiner Frau zuträglicheres Maß, welches auch von anderen Gelegenheitsradlern als nicht zu strapaziös erachtet wurde unter dem Aspekt, dass nicht deutlich mehr als 4 Stunden pro Tag bei gemächlichem Tempo auf dem Sattel zu verbringen seien.

Den genauen Weg kannte ich in der frühen Phase natürlich auch noch nicht, aber immerhin stand das Ziel fest, von dem es zum Abschluss per Fähre nach Ibiza und von dort weiter nach Formentera zur Regenerierung gehen sollte. Auf jeden Fall sollten viel befahrene Straßen ebenso wie Strecken mit starken Steigungen weitestgehend gemieden werden.

Um das Reisebudget nicht zu sprengen ging ich davon aus, die Nächte auf Campingplätzen zu verbringen und nur in Ausnahmesituationen ein festes Dach über dem Kopf haben zu wollen. Zudem fiel der beabsichtigte Reisezeitpunkt in die Hauptferienzeit, was die Aussicht auf stets ausreichend freie Zimmer nicht unbedingt begünstigte.

Hinsichtlich der Verpflegung war meine Vorstellung, Abends Restaurants oder Imbissbuden aufzusuchen; tagsüber sollte aus der Hand gelebt werden, was Bäcker oder Supermarkt am Wegesrand hergeben.

Für den nicht erhofften Fall der Fälle, dass uns tatsächlich etwas ernsthafteres von der Erreichung des Ziels abhalten sollte, bestand gedanklich in erster Instanz die Option, für eine Teilstrecke auf die Bahn umzusteigen, bevor in letzter Konsequenz die Fahrt ganz abzubrechen wäre und in Abhängigkeit der Umstände es entweder weiter mit öffentlichen Verkehrsmitteln Richtung Formentera oder gar zurück nach Köln ginge.

Planung

Nachdem die Idee ausgesprochen war, musste sie bei allen möglichen und unmöglichen Anlässen als Gesprächsstoff herhalten. Im Kreise von Familie, Freunden und Bekannten wurde das Vorhaben thematisiert sowie Meinungen und Erfahrungen eingeholt. Ausrüstung, Tipps, Bedenken und Horrorszenarien - alles wurde diskutiert und erörtert, wobei der Zuspruch überwog, was wiederum zur Motivation beitrug.

Mit einem halben Jahr Vorbereitungszeit galt es nun, eine Reihe von Vorbereitungen zu treffen; eine Route war auszuarbeiten, die Ausrüstung zu beschaffen, eine gewisse Kondition anzutrainieren sowie organisatorische Vorbereitungen zu treffen. Entgegen dem Willen meiner Frau setzte ich mich durch, die Nächte im Zelt verbringen zu wollen. Ginge es nach ihr, so schliefen wir in Jugendherbergen, Hotels und Pensionen, was unter anderem das Risiko des Diebstahls unserer Ausrüstung minimierte sowie die Fragestellung vereinfachte, wie die mitzunehmende Elektronik mit Energie zu speisen sei, aber halt auch seinen Preis hätte. Hinsichtlich der Route waren wir uns einig, dass neben vorzugsweise ebener und nur wenig vom Straßenverkehr frequentierter Strecke die Entfernung zwischen zwei Campingplätzen 60 Kilometer nicht deutlich überschreiten sollte.

Aufgrund der positiven Erfahrungen war es mein Ziel, eine Route in elektronischer Form auszuarbeiten, mit der ich das vor 2 Jahren erstandene GPS Gerät versorgen konnte. Dabei bediente ich mich in der Regel des im Internet frei verfügbaren Kartenmaterials des Openstreetmap Projekts, dem ich letzten Endes auch selbst einige Wege hinzugefügt hatte.

Die Hoffnung, eine von anderen bereits absolvierte Tour nahezu nachfahren zu können, hakte ich nach einigem Suchen im Internet ab. Einzelne Teilstrecken speicherte ich zwar zur weiteren Verwertung, aber so richtig wollte nichts passen. Entweder stimmten die Richtungen nicht oder der gewählte Verlauf deckte sich nicht mit unseren Vorstellungen hinsichtlich zu bewältigender Steigungen. Wieder andere Kandidaten machten in ihren Wegbeschreibungen nur ungefähre Angaben oder waren dem Anschein nach mit einer Straßen- anstelle topographischen Karte unterwegs gewesen, was ich nun gar nicht nachvollziehen konnte.

Also setzte ich mich hin und begann auf eigene Faust mein Glück. Zur groben Orientierung wählte ich zunächst Google Maps und gab Start und Zielpunkt ein - von der heimischen Wohnung in Köln zum Ableger nach Ibiza in Barcelona. Google errechnete eine 1400 Kilometer lange Route über Autobahnen. Als nächstes änderte ich das Routenprofil. Anstelle des Autos wählte ich den Fußgänger - an eine Option für nur mäßig sportlich ambitionierte Radler hatten die Macher des Internet Dienstes nicht gedacht. Das Resultat war auch nicht viel besser. Der Weg führte nun vorzugsweise über Schnellstraßen, zudem nach Marseille, von dort weiter via Fähre nach Sardinien und von da aus, wie auch anders möglich, abermals über das Mittelmeer in die Katalanenmetropole. Als weitere Alternative gab ich ein paar Zwischenziele ein, um Spanien auf dem Landwege zu erreichen, doch das Ergebnis blieb bescheiden - gut ausgebaute und mutmaßlich ebenso genutzte Autopisten waren die bevorzugten Wege bei der Routenoptimierung.

Anschließend versuchte ich es mit den Openstreetmap Karten. Entgegen dem Engagement der Nutzer für Deutschland waren Frankreich und Spanien in den erforderlichen Regionen deutlich weniger erschlossen und das Kartenmaterial zur Planung somit ungeeignet.

Der nächste Blick galt den Karten aus dem Hause Garmin, dem Hersteller meines GPS Gerätes. Dort bot man für Frankreich neben einer kompletten Karte 4 Teilkarten an, von denen ich mindestens 2 benötigen würde - Frankreich Südwest und Frankreich Südost. Der Preisunterschied zwischen den beiden benötigten Karten und der des kompletten Landes war allerdings unbedeutend; unabhängig davon erschien mir die Ausgabe von 250 € nur für dieses Kartenmaterial als unverhältnismäßig, kamen noch die nur wenig entgegenkommenden Nutzungsbedingungen hinzu. Da mein GPS Gerät nur einen Speicher für Tagestouren bot, gehörte für mich gedanklich mein Netbook zur Reiseausstattung, um von diesem aus den elektronischen Wegführer mit tagesaktuellen Daten zu versorgen. Bildschirmgröße und Rechenleistung des mobilen Rechners waren aber weniger geeignet, die komplette Routenplanung auf diesem vorzunehmen, was wiederum mit den Garmin Lizenzvereinbarungen kollidierte, nach denen die Karten nur auf einem Rechner installiert werden durften. Dass die Spanien Karte aus gleichem Hause mit weiteren mindestens 150 € zu Buche schlagen sollte, geriet damit zur Nebensache.

Als verbleibende Alternative stellte sich für mich die Benutzung von Google Earth dar. Den kostenlos erhältlichen und aus Satellitenaufnahmen konstruierten Globus hatte ich bereits zahlreiche Male genutzt um zu überprüfen, wie geplante Routen "in echt" aussehen bzw. um aufgezeichnete Touren virtuell noch einmal abzufahren. Mit dem Routenwerkzeug des Programms selbst hatte ich bis dahin nur hin und wieder herumgespielt. Wie auch immer, ich startete mit einem Teilstück in Deutschland den Rhein entlang, das ich anschließend unter Zuhilfenahme eines Konvertierungsprogramms in das Programm importierte, von dem aus ich das GPS Gerät mit Daten versorgen konnte und schaute mir das Ergebnis auf der Openstreetmap Karte an; es machte einen tauglichen Eindruck. An verschiedenen Stellen wichen Route und Wege laut Kartenmaterial um einige Meter voneinander ab, was aber meines Erachtens systembedingt kaum vermeidbar ist unter der Berücksichtigung, dass per GPS ohnehin Abweichungen von ca. 10 Metern hinzunehmen sind und in den Satellitenaufnahmen wie auch in den zweidimensionalen Karten die Erdkrümmung ein gewisses Problem darstellt. Ansonsten erwies sich das Google Earth Routenwerkzeug als gewöhnungsbedürftig aber bedienbar bzw. hatte gegenüber dem Garmin Routenplaner den Vorteil, dass auch ein Höhenprofil der erstellten Route angezeigt werden konnte, welches Auskunft über Steigungen bzw. Gefälle gibt.

Nach geleisteter Basisarbeit lenkte ich mein Augenmerk wieder auf das eigentliche Problem - wie kommen wir von A nach B bzw. von Köln nach Barcelona unter Berücksichtigung der individuellen Rahmenbedingungen. Die Anforderung einer möglichst ebenen Wegführung war ebenso schnell gelöst, wie sie neue Fragen aufwarf. Sowohl Köln als auch Barcelona liegen am Wasser, und entlang von Wasserwegen herrscht traditionell überschaubares Gefälle, von Wasserfällen und Sturzbächen mal abgesehen. Die Aufgabe bestand nun darin, Wasserwege zu finden, die Köln am Rhein mit dem Mittelmeer verbinden. Klar, eine Möglichkeit war, dem Rhein Richtung Nordsee zu folgen und via Atlantikküste und Gibraltar dem Ziel entgegen zu steuern, doch dass der Weg das Ziel sein sollte, musste nicht derartig übertrieben werden. Grundsätzlich war für mich klar, dass es zunächst den Rhein hinauf gehen musste - ob bis Koblenz oder noch weiter, das galt es herauszubekommen. Ebenso stand fest, dass der Weg die Rhône hinunter bis an das Mittelmeer und mehr oder weniger an dessen Küste entlang nach Barcelona zu führen hatte. Somit reduzierte sich eine Frage darauf, wie es ohne großartige Anstrengungen gelingen sollte, vom Rhein zur Rhône zu gelangen; eine weitere war, an welcher Stelle die Pyrenäen zu überqueren seien unter Beachtung der gering zu haltenden Höhenmeter. Die Rhein/Rhône Problematik löste sich eines Tages als ich im Internet darauf stieß, dass es in Frankreich einen Rhein-Rhône-Kanal gibt, entlang dem auch weitestgehend ein Radweg existieren sollte; zumindest versprach ein entsprechendes Video einiger französischer Radwanderer derartiges. Der Kanal beginnt bei Straßburg und endet nach 240 Kilometern, um via Doubs und Saône die Rhône mit dem Rhein zu verbinden, womit ich eine Route die Mosel hoch und von dort aus weiter Richtung Saône verwarf.

Hinsichtlich der Pyrenäen Überquerung entschied ich mich für einen Weg entlang der Küste. Zwar ließen sich auch hier diverse Steigungen und Gefälle nicht vermeiden, aber ich hatte den Eindruck, dass nördlichere Passagen z.B. auf der Strecke Perpignan/Figueres/Girona abschnittweise entlang einer Autobahn auch nicht einfacher oder attraktiver wären. So wuchs die Strecke in Abende langer Kleinarbeit Kilometer um Kilometer; etliche Sackgassen wurden gelöscht, nachdem deutlich wurde, dass ein eingeschlagener Weg nicht zielführend weiter führte, während ich andere Male gesammelte Abschnitte aus fremden Routen integrieren konnte. Bzgl. der Campingplätze orientierte ich mich an dem, was als solches auf den Satellitenaufnahmen zu erkennen war bzw. verglich es mit den Angaben in den Openstreetmap Karten oder dem, was im Internet darüber zu finden war. Besondere Herausforderungen stellten die Routen durch bzw. um Ludwigshafen, Lyon und Barcelona dar. Aufgrund von Autobahnen, Schnellstraßen, Bahntrassen und Fabrikgeländen war es schwer, fahrenswerte Radwege zu finden, ohne mutmaßlich unter die Räder zu kommen. Fand ich für die beiden erstgenannten Städte nach einigen Irrwegen doch noch halbwegs passable Umgehungen, so mochte sich für Barcelona keine Alternative finden. Den gelesenen Reiseberichten hatte ich entnommen, dass es deren Verfassern ähnlich ergangen ist und diese sich für die letzten 50 Kilometer entschlossen hatten, einer vielbefahrenen Schnellstraße zu folgen. Die Aussicht, die Stadt entweder zwischen LKW Reifen oder total genervt zu erreichen, trieb mich zu dem Entschluss, für diese Etappe auf den Schienenverkehr umzusteigen. Den Internetseiten der Bahnlinie entnahm ich, dass es halbstündlich Züge geben sollte, in denen es außerhalb der Berufsverkehrszeiten auch gestattet ist, Fahrräder mitzuführen - und dies alles für weniger als 5 € pro Person. Nach einer Stunde Fahrtzeit, so war zu lesen, erreiche man von Calella aus Barcelona. Schon mal in der Stadt, sollte eine Besichtigung diverser Sehenswürdigkeiten nicht fehlen. Ich recherchierte weiter im Netz und stieß auf die Seiten eines Anbieters, der Rundfahrten per Rad anbot. Leider fand ich weder eine Route durch die Stadt noch Hinweise, dass man sich der Fahrt mit dem eigenen Rad anschließen könne, also googelte ich mir abermals einen Weg zusammen entlang dessen, was man als Tourist von der Stadt gesehen haben sollte. Das Ergebnis: je nach Lust und Laune eine 30 Kilometer Runde inklusive 300 Metern bergauf und ebenso vielen bergab, bevor Nachts die Fähre Richtung Ibiza ablegt oder bei mangelnder Anzahl freier Plätze auf dem Schiff oder ausreichend großem Interesse an der Stadt in einem Hotel Kraft für einen weiteren Tag Sightseeing zu sammeln sei.

Vorbereitung

Nachdem die Tourenplanung abgeschlossen war, hängte ich das Resultat einer E-Mail an, die ich an Garmin, den Hersteller meines GPS Gerätes, richtete. Ich fasste das Vorhaben kurz zusammen, wies auf einen beabsichtigen Reisebericht im Internet sowie Gespräche während der Fahrt hin und warb um ein Sponsoring in Form der benötigten Karten. Auf die vor Ostern abgesandte Mail erhielt ich zunächst eine Abwesenheitsnotiz, dass die zuständige Bearbeiterin für einige Tage im Urlaub sei; 2 Wochen später dann die Mitteilung der Dame, dass derartige Anfragen zu häufig eingingen und ein Erfolg für das Unternehmen auf das Entgegenkommen nicht messbar sei - schade aber auch.

Parallel dazu begannen meine Frau und ich, weitere Vorbereitungen für die Reise zu treffen. Für eine Tour durch zivilisierte Gegenden Westeuropas erübrigen sich zwar Dinge wie Beantragung von Visa, Versorgung mit Devisen, Impfungen gegen längst bekämpft geglaubte Erreger, Erdbeben oder Vulkanausbrüche, aber es blieb genug zu tun übrig. Mit an erster Stelle stand die Kondition, die es zumindest rudimentär zu stärken galt. Hatte ich ohnehin den Winter hindurch einige Abende in der Woche eine knappe Stunde auf dem Heimtrainer im Keller verbracht, so begannen wir mit den ersten schönen Tagen des Jahres damit, Runden an der frischen Luft zu drehen. Wie bereits seit Jahren, so gehörte eine Runde um den Köln Bonner Flughafen zu den bevorzugten Trainingsstrecken. Andere Male ging es in die Stadt, um bereits einen Blick in die Kollektionen der hiesigen Outdoor Ausstatter zu werfen, derer es in Köln gleich zwei größere gibt. Außerdem musste für meine Frau ein neues Rad angeschafft werden. Ein Samstag Mittag bei zwei Fahrradhändlern im Vorort zeigte, dass es mit dem Geldausgeben nicht so einfach war. Trotz vorgegebenem finanziellen Rahmen blieben eine Reihe von Entscheidungen zu treffen: Federgabel bzw. gedämpfte Sattelstütze vs. ungefederten Ausführungen, Hydraulik- vs. Felgenbremse, Gewicht, Ausstattung des Antriebs - für alles gab es ein Für und ein Wider.

Der Besuch eines Fachgeschäftes in der Stadt löste diese Fragen. Hier gab es ein Vorjahresmodell zum Vorzugspreis mit geeignet erscheinender Ausstattung. Der Verkäufer trug sein Übriges dazu bei und redete uns das Rad schön. Der Haken an der Sache: es gab neben dem benötigten Damenrad auch noch die Herrenvariante mit Querstange und dem Bewusstsein, dass mein altes Rad über 15 Jahre auf dem Buckel und die Ausstattung sich weiterentwickelt hatte. Einmal im Kaufrausch und mit dem gewählten Rad für meine Frau zufrieden, entschloss ich mich 2 Wochen später zum Partnerlook. Gegenüber der Ladenausstattung ließen wir die Räder mit "unkaputtbaren" Reifen ausstatten und starteten nachfolgende Vorbereitungsfahrten mit den Neuerrungenschaften; am 1. Mai ging es aus Kölns Süden mit einer Fahrt zum Fühlinger See in den Norden der Stadt über eine Distanz, wie wir sie in Richtung Mittelmeer täglich zurückzulegen vorhatten, allerdings noch ohne Gepäck. Die letzten paar Kilometer waren für meine Frau ein wenig anstrengender als die ersten, aber der Ausflug machte Spaß und verlief ohne größere Probleme.

Die Woche drauf folgte die nächste Runde mit ähnlicher Anzahl an Kilometern in den Kölner Westen bzw. Richtung Brühl. Dort hatte Globetrotter, einer der beiden Möchtegern-Abenteurer-Fachhändler, zur Messe auf einem Campingplatz am Heider Bergsee gerufen, wo Zelte und Kajaks in freier Wildbahn getestet und begutachtet werden konnten. Bzgl. der mobilen Unterkünfte hatte ich mir aufgrund verschiedener Kriterien eine Liste entsprechender Modelle zusammengestellt, bei denen ich mein Augenmerk unter der Berücksichtigung der Preise auf Packmaß, Gewicht und Größe gelegt hatte; die Bauform war mir egal gewesen. Der aufgesuchte Verkäufer zeigte uns die Zelte meiner Wahl bereitwillig, ließ jedoch nicht unerwähnt, auf seines Erachtens geeignetere Behausungen hinzuweisen, die seltsamerweise allesamt teurer waren als die von mir ins Auge gefassten. Nichts desto trotz erschienen uns einige der Argumente sinnvoll. Für jeden von uns ein eigener Eingang, auch im Regen leicht aufbaubar - wieder stellte sich die Qual der Wahl. Die uns nahe gelegten Ausstellungsstücke zum Vorzugspreis waren glücklicherweise bereits verkauft, so dass wir eine Entscheidung nicht über das Knie brechen mussten. Ein Besuch ein paar Tage später bei der Blackfoot Konkurrenz vereinfachte auch hier die Entscheidungsfindung. Nach nunmehr fachkundigeren Fragen wurde mir ein Zelt empfohlen, welches gegenüber denen der revidierten Favoritenliste weitere Vorzüge aufwies und das nach oben hin angepasste Budget auch nicht weiter sprengte.

Was die Ausstattung anbelangte, so war mit dem Kauf des Zeltes die Shoppingtour bei weitem nicht erledigt. Mangels Vorhandensein entsprechenden Equipments galt es, weitere Einkäufe zu tätigen, und jedes Mal mussten neue Entscheidungen getroffen werden: Daunen- vs. Kunstfaserschlafsack, Luftmatratze vs. selbstaufblasender Variante, verschiedene Packtaschen, und so weiter. Doch nachdem die Ausrüstung weitestgehend angeschafft war, stand die nächste Herausforderung an: eine erste größere Runde mit Gepäck und Übernachtung im Freien, letzteres für meine Frau und mich eine Premiere, da uns die Übernachtung auf einem Campingplatz bislang nicht vom Hocker reißen konnte. Nun galt es, Nägel mit Köpfen zu machen!

Eine erste ausgearbeitete Tour sollte komplett per Rad absolviert werden und uns die Erft hinauf in die Eifel, die Ahr hinab zum Rhein und diesen entlang zurück nach Hause führen. Abermals setzte ich mich an den Rechner, arbeitete eine Runde aus, suchte Campingplätze und warf einen Blick auf das Höhenprofil. Eifel bedeutete Erhebungen, und da waren sie: Berge! Unglücklicherweise war meiner Frau eine Sehne im rechten Oberarm gerissen, was für sie mit Schmerzen verbunden war. Der aufgesuchte Arzt äußerte zwar keine generellen Bedenken gegen unser Vorhaben, riet aber von Belastungen ab. Welche Alternativen gab es? Geradelt werden sollte unbedingt, nur möglichst ohne großartige Steigungen. Mosel oder Ruhr flussabwärts schieden aus, da wir unseren Sohn nicht dazu überreden konnten, uns samt Rädern und Gepäck mit dem Auto an einem Startpunkt unserer Wahl abzusetzen und uns die Anreise mit der Bahn zu aufwendig war - also musste eine Rundtour her. Meine Wahl fiel auf das flache Land, genauer gesagt, Ostfriesland - Morgens sehen, wer Mittags zum Essen kommt. Ich konstruierte eine neue Route: Dank Routing fähiger Openstreetmap Karte keine große Sache und innerhalb von 3 Stunden geschehen, inklusive Campingplätzen in 60 Kilometer Entfernung. Start- und Zielpunkt war irgendwo am Rande von Leer, leicht von der Autobahn aus zu erreichen. Von dort ein Stück die Ems hinunter, irgendwann nordwärts Richtung Norddeich, von dort an der Küste entlang bis Greetsiel und noch ein wenig weiter, landeinwärts über Emden wieder zurück zur Ems nach Leer, insgesamt gute 150 Kilometer. Der Wetterbericht versprach zwar neben Sonne auch Regen, auf jeden Fall aber Wind mit Böen von bis zu 60 km/h, doch die Richtung sollte uns wohl gesonnen sein; aufgrund eines zwischenzeitlichen Wechsels der Windrichtung prognostizierten uns die Wetterfrösche Rückenwind. Soviel zur Theorie.

Die Fahrt begann am Freitag den 13'ten Mai gegen 11:00 Uhr mit dem Auto. Dem Navi ward das Fahrtziel beigebracht und mit den Rädern auf der Heckklappe unseres Golfs zockelten wir in gemütlichem Tempo über die Autobahn. A3, A2, A31 - alles ohne größere Staus und Probleme. Zwischendurch Pinkelpause, und weiter, immer geradeaus. Nach dem Emstunnel hatten wir um viertel vor drei unser Ziel erreicht - ein ruhiges Gewerbegebiet am Rande Leers. Der Wagen wurde geparkt und nun hieß es: Räder von der Heckklappe, Fahrradträger abmontieren sowie Packtaschen auf die Gepäckträger - das sah schon anders aus als Flughafenrunde. Jetzt noch raus aus den Jeans, rein in die Fahrradklamotten, und Weiterfahrt per Muskelkraft. Von dem Gepäck war nicht viel zu spüren. Das Wetter meinte es gut mit uns und ab ging es hinter dem Deich entlang. Nach einigen Kilometern verließen wir die vorbereitete Route und wechselten auf einen Weg hinauf auf den Schutzwall. Alle paar hundert Meter mussten Tore geöffnet werden, welche Schafe am Fortlaufen hindern sollten. Nur wenig später standen wir jedoch vor einem quer über den Weg gespannten Weidezaun, in dem sich ein Schaf verfangen hatte, das sich zudem in seiner Aufregung aufgrund unseres Erscheinens weiter verhedderte. Weit und breit war niemand zu sehen und es siegte der Beschützerinstinkt. Meine Frau bückte sich, ich assistierte irgendwann, und gemeinsam befreiten wir das strampelnde Tier aus seiner misslichen Lage und setzten es auf der Seite seiner Artgenossen ab, anstatt es als Abendmahlzeit auf unseren Rädern zu verstauen. Als meine Frau zu guter letzt den etwas in Mitleidenschaft gezogenen Weidezaun richten wollte, gab es nach einem beherzten Griff um eine Eisenstange Kribbeln als Belohnung - der Zaun stand, bis dahin unbemerkt, unter Strom.

Nach dem kleinen Intermezzo kehrten wir auf die ausgearbeitete Route zurück und setzten unseren Weg planmäßig fort. Sicher vom Navi auf dem Lenker geführt ging es über zuweilen holprige Feldwege Richtung "Grosses Meer", einem Binnensee, an dem der erste Campingplatz lag. Dort angekommen, machten wir unsere ersten Erfahrungen mit dieser Form der Unterkunft. Entgegen der Vorhersage hatte sich das Wetter gehalten, die Sonne wärmte verhalten, doch die meisten Stellplätze auf dem Campingplatz waren leer. Aufgrund der uns überlassenen freien Wahl radelten wir zunächst das komplette Gelände ab und entschieden uns schließlich für einen Platz in unmittelbarer Nähe der Sanitäreinrichtungen. Im Zuge unserer Erkundungsrunde lernten wir 2 ältere Ehepaare kennen, dem Anschein nach rüstige Rentner oder Vorruheständler, die mit Wohnmobil und Rädern unterwegs waren. Während die Männer von Marl aus bereits 300 Kilometer auf dem Sattel hinter sich gelassen hatten, fuhren die Frauen mit dem fahrenden Heim von Campingplatz zu Campingplatz und nahmen dort ihre Gatten in Empfang.

Der Aufbau des Zeltes gelang uns ohne größere Schwierigkeiten. Als problematischer stellte sich eher die Ordnung der restlichen Ausstattung heraus. Obwohl jeder von uns nur 3 Taschen zur Verfügung hatte, wurden für jedes Teil sämtliche Packtaschen durchwühlt, am besten gleich mehrfach; je kleiner der gesuchte Gegenstand, desto aufwändiger die Suche. Hier galt es, schnellstens ein System herein zu bekommen, wobei ich den Vorschlag meiner Frau, die Taschen mit einer Inhaltsliste zu versehen, für untauglich abtat. Insofern war der Tipp beim Kauf, dass jeder seine eigene Ecke im Zelt für sich haben sollte und auch der Ein-/Ausstieg am besten individuell zu arrangieren sei, ein wertvoller Hinweis zum Erhalt der Partnerschaft. Eine weitere Erfahrung war die Nutzung der sanitären Anlagen. Auch wenn die zurückgelegte Etappe nicht großartig schweißtreibend gewesen war, so durfte die Nutzung der Dusche nicht außen vor bleiben. Beim Betreten des Campingplatzes sprach man uns darauf an, in welchem Umfang uns nach Duschen zumute war. Der Hintergrund der Frage war, dass je 4 minütigem Schauer eine Duschmünze zu erwerben war. Der Preis von 75 Cent pro Wertmarke blieb im Rahmen, und eine zwischenzeitliche Pause beim Einseifen sollte auch die Uhr ruhen lassen. Während mir die Zeit alle Male ausreichte und ich letzten Endes die Dusche vorzeitig abstellte, ließ meine Frau sich vom warmen Nass berieseln, bis kein Tropfen mehr kam. Zudem musste sie feststellen, dass in ihrem Gepäck ein Reisefön fehlte, den jedoch bereitwillig eine Mitcamperin zur Verfügung stellte - auch eine nette Erfahrung.

Pünktlich zum Sonnenuntergang gegen 21 Uhr begaben wir uns auf die Futtersuche. Eines der Restaurants in unmittelbarer Nähe des Campingplatzes hatte den Küchenbetrieb gerade eingestellt, doch ein gegenüber liegendes Hotel hatte seine Pforten noch geöffnet. Auch wenn unser Outfit nicht unbedingt dem Ambiente entsprach, so ließ man uns nicht lange warten. Entsprechend der Region orderten wir Fischgerichte und wurden nicht enttäuscht. Anderthalb Stunden später kam man freundlich auf uns zu und fragte, ob wir zahlen und die gastliche Stätte verlassen könnten - der Koch des Hauses hatte zur Hochzeitsfeier geladen und man wollte sich das Ereignis nicht entgehen lassen. Verständnisvoll wie wir sind, kamen wir der Bitte nach, was der Chef des Hauses wiederum zum Anlass nahm, uns mit einem Schluck selbst aufgesetzten Feuerwassers zu versorgen; so soll es sein. Kurze Zeit später, der klangvolle Name des nordischen Gebräus war bereits wieder verflogen, lagen wir durch die Reißverschlüsse unserer Schlafsäcke voneinander getrennt in unserem Zelt, ließen den Tag noch ein wenig Revue passieren und harrten der ersten Nacht quasi unter freiem Himmel - wie aufregend ...

Der nächste Morgen brachte eine gewisse Ernüchterung mit sich. Der Himmel war grau und Wolken verhangen, die Wiese um uns herum voll Tau, und meine Frau hatte schlecht geschlafen. Die geliehene Luftmatratze war ihr zu hart aufgeblasen gewesen, und überhaupt und sowieso. Der Abbau des Zeltes und anschließende Aufbruch verliefen ähnlich wie Ankunft und Aufbau - unproblematisch. Die ersten Meter mit dem Rad führten uns an der Stelle vorbei, an der wir am Vorabend den Sonnenuntergang sahen und zum Abendessen einkehrten. Da uns für das Frühstück nichts besseres einfiel, stoppten wir erneut, erkundigten uns nach den Möglichkeiten und beteiligten uns ausgiebig am Frühstücksbuffet, welches an sich für die Hotelgäste gedacht war. Als wir um kurz nach 11 Uhr aufbrechen wollten, ließ uns die Hotelbesitzerin mit einem Blick auf die Wolkendecke wissen, dass da etwas auf uns zukommen werde. Doch egal, wir wollten unsere Tagesetappe wie geplant umsetzen und ließen uns nicht bange machen. Ich schlüpfte in meine Regenhose und zog die Kapuze der Regenjacke über den Fahrradhelm, während meine Frau zusah, dass sie ihren Anorak einigermaßen wettertauglich zu bekam. Wir saßen kaum auf den Rädern, da begann auch der Regen. Mangels entsprechender Beinkleider waren die meiner Frau auch relativ zügig nass und es begann für sie, unangenehm zu werden. Doch das Glück ließ nicht lange auf sich warten. An einer Kreuzung im nächsten Dorf entdeckten wir ein Geschäft mit dem Schriftzug "Regenjacken 24". Voller Hoffnung betrat meine Frau den Laden. Nur wenige Minuten später folgten ihr 2 Motorradfahrer, deren Beine ebenso wenig regenfest bekleidet schienen. Weitere Minuten verstrichen, bevor meine Frau wieder vor mir stand - neu ausgestattet mit einer Angler grünen Regenhose. Wie sie berichtete, gab es noch genau 3 Regenhosen, so dass auch für die Motorbiker noch Aussicht auf Erfolg bestand.

Irgendwann ließ der Regen nach, so dass auch der langsam durchnässte Anorak wieder trocknen konnte. Nach entspannter Radelei bei wieder blauem Himmel erreichten wir Norddeich. Von der Nordsee war nicht fiel zu sehen, es war Ebbe, dafür stürmte es jedoch um so kräftiger. Wir fuhren zum Hafen, machten ein paar Fotos und legten eine kurze Rast an einer Fischbude ein. In der Sonne genossen meine Frau und ich ein Krabben- bzw. Fischbrötchen, bevor es auf dem Deich entlang westwärts Richtung Strand weiterging. Zwar sah der Plan vor, dort ein Stück mit Blick auf Norderney, Juist und Borkum weiter entlang zu radeln, doch der Wind machte einen Strich durch die Rechnung. Anstatt uns, wie vorhergesagt, zu unterstützen, blies er uns direkt entgegen. Mal mehr hinter dem Deich, mal weniger, erreichten wir nach anderthalb Stunden Greetsiel - Zeit für eine weitere Pause und ein Kännchen Ostfriesentee zum Aufwärmen. Die Wolken hingen zeitweise bedrohlich tief und dunkel vor uns am Himmel, doch wir hatten Glück und mussten keine weiteren Regenschauern über uns ergehen lassen.

Um 18:00 Uhr machten wir uns auf zur letzten Etappe des Tages. Auch wenn der Kilometerzähler meiner Frau nur noch 5 Kilometer erahnen ließ, so hatten wir noch etwas mehr als das Doppelte aufgrund diverser Umwege vor uns. Nicht nur der Wind hinderte uns an einem raschen Fortkommen, auch der Weg hinter dem Deich wurde immer beschissener, was aber in keinem kausalen Zusammenhang miteinander stand, sondern eher auf die dort weidenden Schafe zurückzuführen war. Eine gute Stunde später lag der Campingplatz vor uns; der Name "Am Deich" war nicht falsch gewählt. Die Rezeption war bereits nicht mehr besetzt, doch nach einem Druck auf die Klingel ließ man uns nicht lange warten und auch die Anmeldeformalitäten waren schnell erledigt. Der Platz war ein wenig größer als der des Vortags und wir erhielten diesmal klare Anweisungen, wo wir unser Zelt aufzuschlagen hatten. Wir saßen bereits wieder auf den Rädern um dorthin zu gelangen, als mir einfiel, dass wir vergessen hatten darauf hinzuweisen, dass uns auch nach Duschen zumute war. Also erneute Betätigung des Klingelknopfes, einen Augenblick warten und Anliegen vortragen: "Wie funktioniert das bei Ihnen mit den Duschen?"

Die Antwort war ebenso hilfreich wie überraschend: "Einfach den Knopf drücken, dann sollte Wasser kommen." So einfach kann das Leben sein!

Auf der uns zugewiesenen Wiese standen bereits 2 Zelte aufgebaut. Wir wählten einen uns genehmen Platz zwischen den beiden Zelten und begannen mit dem Aufbau. Da der Wind noch immer kräftig blies, verwendeten wir diesmal sämtliche Heringe, um unser Dach über dem Kopf wettergerecht zu sichern. Kaum stand unsere Behausung, lernten wir einen unserer Nachbarn kennen; ein Holländer, der mit seiner Frau ebenfalls per Rad unterwegs war. Die beiden kamen aus Amsterdam und hatten vor, innerhalb von 4 Monaten eine 6000 Kilometer lange Radwanderroute abzufahren, die sie entlang der Nordseeküste nach Schweden, und von dort weiter nach Norwegen und quer durch England zurück in ihre Heimat führen sollte - klang auch nicht schlecht.

Nach einer Dusche stand das Abendessen an. Diesmal wurden wir in dem dem Campingplatz angeschlossenen Restaurant fündig. Als wir das nüchtern und zweckmäßig gehaltene Lokal betraten, waren nur noch einige wenige Tische besetzt; eine gute Stunde später erging es uns zu etwa gleicher Stunde wie am Abend zuvor - die Bedienung schloss hinter uns die Pforten. Anstelle der ostfriesischen Variante eines Chupitos wurde uns diesmal vor dem Kehraus ein Nachtisch serviert, der nicht auf der Speisekarte erwähnt war. Liebevoll in ein Dessertglas umverpackt gab es Fruchtjoghurt aus dem Becher - wir gingen mal davon aus, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht ganz überschritten war, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass wir von andernfalls eventuell möglichen Verstimmungen des Verdauungstraktes verschont blieben.

Der Versuch der anschließenden Nachtruhe muss für meine Frau als gescheitert erklärt werden. Dem Bekunden nach fand sie erst zu fortgeschrittenerer Stunde in den Schlaf, lauschte dafür aber einem heftigen Schauer und konnte attestieren, dass unser Zelt diesem Stand hielt. Gegen Morgen muss sie aber dennoch tiefer eingedöst sein, da es sie einige Mühen kostete, ihren muckelig warmen Schlafsack wieder zu verlassen.

Dennoch schafften wir es, um kurz vor 10 Uhr wieder auf unseren Rädern zu sitzen. Ein letzter Blick über den Deich, und mit dem Wind im Rücken ging es über Feld- und Fahrradwege nach Emden. In der Stadt selbst folgten wir einem Weg durch einen Grüngürtel, passierten zahlreiche Kanäle und schauten zu, wie ein Motorboot eine 4-torige Schleuse passierte. Anschließend ging es weiter über Felder zum Vorort Petkum. Meine Planung sah vor, hier die Ems mit einer Fähre zu überqueren und dieser auf der anderen Seite bis Leer zu folgen, bevor wir nach einer abermaligen Uferwechsel, diesmal per Brücke, an unseren Ausgangspunkt zurück gelangen sollten, ohne einen Meter doppelt gefahren zu sein. Als wir an dem Fähranleger standen, war von dem Boot weit und breit nichts zu sehen. Dafür fielen meiner Frau die leichten Wellenkämme auf, die der Wind über das Wasser trieb und welche ihr Unbehagen bereiteten. Laut Fährplan sollte die nächste Überfahrt in einer ¾ Stunde stattfinden. Da an dem Anleger nichts los war, machten wir kehrt und fuhren zu einem Café zurück, an dem wir zuvor bereits mit einem erfolglosen Blick auf eine Speisekarte kurz gehalten hatten. Auf der Terrasse trocknete diesmal eine Bedienung die Stühle und verteilte Sitzkissen. Gäste hatten sich bis dahin noch nicht eingefunden. Wir fragten, ob wir noch ein Frühstück bekommen könnten, erhielten aber nicht die erhoffte Antwort. Es war bereits 1 Uhr Mittags und die Kellnerin bot uns Kuchen an. Dann halt das! Als meine Frau sich nach der Fähre erkundigte, konnte ich meine schöne Tourenplanung und die Vorstellung, keinen Kilometer doppelt zu fahren, über den Haufen schmeißen.

"Auf den ollen Kahn würde ich bei dem Wetter nicht steigen!"

Entsprechend packte ich bei Kaffee und Kuchen den Mini Rechner aus und schaute, ob sich auf die Schnelle noch eine attraktive Alternative finden ließe, doch Fehlanzeige. Nach einer Stunde ging es über einen Fahrradweg entlang der Straße hinter dem Emsdeich zurück Richtung Leer, wobei das letzte Stück der Strecke identisch war mit dem unseres Starts - nur halt in Gegenrichtung.

Doch wie auch immer, es war eine schöne Tour, ich wäre am liebsten direkt weitergeradelt, aber noch gab es einige Arbeitstage wie auch kleinere Vorbereitungen zu absolvieren.

6 Wochen und einen Inselaufenthalt später - ich wollte die Strecke noch einmal abfliegen, war aber dummerweise aufgrund des frühen Abflugs eingeschlafen - entschlossen wir uns zu einer weiteren Proberunde. Meine Frau sorgte sich noch immer hinsichtlich der zu bewältigenden Höhenmeter, welche die Überquerung der Pyrenäen mit sich bringen würden. Entsprechend wollten wir doch noch versuchen, die bereits ausgearbeitete Erft-Ahr-Rhein Tour abzuradeln, zumal auch Bekannte uns von der Runde begeistert berichtet hatten.

In einer ersten Etappe starteten wir Frohnleichnam Nachmittags zum Liblarer See. Um wenigstens auf über 25 Kilometer zu kommen, fuhren wir über die Rheinbrücke anstatt per "Krokodil" Fähre den Strom zu überqueren. Bis auf die letzten paar Kurven war mir der Weg bereits bekannt und dementsprechend wenig aufregend verlief die Radelei. Am Heider Bergsee, an dem wir uns einige Wochen zuvor bzgl. der Zelte hatten beraten lassen, legten wir kurz vor dem Ziel und bei noch schönem Wetter einen Halt ein und wurden Zeuge, wie ein aufgeblasener Delphin vom Wind über das Wasser Richtung Uferböschung getrieben wurde. Der zurückgebliebene Besitzer (räumlich - alles andere entzieht sich unserer Kenntnis) fand in der Besatzung eines ebenso aufgeblasenen Gummibootes ein Rettungsteam, so dass wir mit unserer Hilfsbereitschaft zurückhalten und uns stattdessen von der Aktion unterhalten lassen konnten.

Auf dem Campingplatz angekommen schafften wir es gerade noch, unser Zelt im Trocknen aufzubauen. Anschließend wurden zunächst die sanitären Einrichtungen konsultiert, bevor es uns schließlich in das Restaurant verschlug. Entgegen den Speisekarten der Ostfrieslandrunde, die reichlich Fischgerichte enthielten, fanden wir in der Kölner Bucht auf der ersten Seite ein knappes Dutzend Schnitzelvarianten. Angetan hatte es meiner Frau entweder das Schnitzel mit Paprikarahmsauce oder selbiges mit Paprika- und Zigeunersauce. In unserer Entschlussfreudigkeit ließen wir uns vom Restaurantpersonal unterstützen und fragten, was denn der Unterschied zwischen den beiden Alternativen sei. Bereitwillig und fachkundig gab der von der Bedienung herbeizitierte Küchenspezialist Auskunft, dass die Paprikarahmsauce mit Sahne und die Zigeunersauce halt mit Zigeunerstückchen angemacht sei; neugierig geworden entschloss sich meine Frau frei von rassistischen Gedanken für die zuletzt genannte Variante, während ich ein leicht zähes Schweinefilet mit unmissverständlicher Pfeffersauce verdrückte.

Ein weiteres Highlight des Campingplatzes waren die Sanitäranlagen. In den Duschen gab es einen seltsam anmutenden Automaten, der entfernt an eine Parkuhr erinnerte und ebenso darauf wartete, mit Münzen gefüttert zu werden. Eingefleischten Campern werden die ein wenig antiquiert wirkenden Kästen vertraut sein, uns hingegen kostete es einen Moment zu verstehen, welche Handgriffe erforderlich waren, um das Wasser fließen zu lassen. Einmal den Griff an den linken Anschlag drehen, dann zurück an den rechten, und zu guter Letzt noch einmal zur Dosierung der Wassermenge in die gewünschte Position - bis zum Ablaufen der Uhr. Ohne zeitliche Limitierung wurde hingegen der gesamte Wasch- und Toilettenraum mit seichter Entspannungsmusik berieselt, die an sich zum Verweilen einlud. Dem entgegen sprach allerdings ein Energiesparmechanismus, der das Licht nach einigen Minuten selbsttätig abschaltete. Zudem war uns fremd, dass es in den WC Zellen kein Klopapier gab, sondern man sich mit diesem im Vorraum einzudecken hatte. Was passierte, wenn man dabei zu beherzt zugegriffen hatte, konnte ich auf dem Boden der Nachbarkabine liegend bewundern, der andere Fall blieb die Ausgangsbasis für phantasievolle Vorstellungen.

Tags drauf, ein Brückentagsfreitag, sollte es die Erft hinauf in die Eifel gehen. Wie der Wetterbericht es prophezeit hatte, war der Himmel reichlich mit grauen Wolken bedeckt. Um 10:15 Uhr saßen wir zwar bereits auf den Rädern, mussten aber vor dem Tor des Campingplatzes wieder absteigen, um zu bezahlen, und hatten auch noch nicht gefrühstückt. Eine knappe halbe Stunde später erreichten wir nach 3 Kilometern Fahrt einen Supermarkt. Meine Frau durfte sich der ehrenvollen Aufgabe widmen, uns mit belegten Brötchen und Kaffee zu versorgen, während ich aufpasste, dass weder Räder noch Ausrüstung unerwünscht den Besitzer wechselten. Kaum war ich allein, fing es an zu regnen, wobei diese Formulierung dem mit Hagel vermischten Wolkenbruch nur ansatzweise gerecht wird. Der Spuk war aber ebenso schnell wieder vorbei, wie er hereingebrochen war, und kaum hatten wir das Frühstück verdrückt, waren wir mit unserer Regenbekleidung auch schon wieder "overdressed". Doch egal, wir radelten zunächst einmal weiter, bis wir bei Erftstadt das nach dem Ort benannte Flüsschen erreichten. Bis dahin waren die Regenwolken einem stellenweise sogar blauen Himmel gewichen, so dass die wasserfeste Kluft einstweilen wieder abgelegt werden konnte.

Auf unserem weiteren Weg die Erft entlang kamen uns immer wieder mehr oder weniger große Grüppchen Radler entgegen. Man grüßte sich freundlich, sah, dass man nicht der einzig Verrückte war, und setzte seinen Weg fort. Bei einem Pärchen, welches auf einer Bank am Wegesrand Rast gemacht hatte, machten wir ebenfalls halt. Nach kurzem Hallo, wo kommt ihr her und wo geht es hin und so weiter boten uns die beiden von ihren Kirschen an, die sie genüsslich mümmelten. In diesem Zusammenhang stellte sich heraus, dass die Früchte aus eigener Ernte stammten, nur halt nicht aus dem eigenen Garten, sondern aus den Bäumen, die sich direkt hinter der Sitzgelegenheit reihten - auch nicht schlecht.

Bis hinter Euskirchen konnten wir unsere Fahrt trocken fortsetzen, bevor uns vor Bad Münstereifel der nächste Schauer erwischte und bis in den Ort hinein begleitete. Dort fanden wir mit dem "Café T" ein uriges Bistro, wo wir uns mit Salat und überbackenem Käse im Fladenbrot stärkten, unsere Wasserflaschen auffüllten und uns selbst entleerten. Meine Frau war ganz begeistert von dem kleinen Museum im Innern des Lokals, während mich eher der Veranstaltungskalender mit einigen Blues Konzerten ansprach, die sich aber leider nicht ganz mit unserer Terminplanung in Einklang bringen ließen. Nach einer Stunde brachen wir abermals auf, schossen noch ein paar Fotos im Ort und setzen unseren Weg fort. Noch nicht ganz aus Bad Münstereifel heraus bekamen wir einen Vorgeschmack dessen, wie es weiter gehen sollte - deutlich hügeliger als bislang.

Eine weitere gute Stunde und einige Drahtesel geschobene Meter später hatten wir die Quelle der Erft bei anhaltend nieseligem Wetter erreicht. Das Wasser sprudelte hinter einem Gitter aus dem Boden hervor und 2 andere Radler standen gerade im Aufbruch in die Richtung, aus der wir kamen. Auch mit ihnen tauschten wir uns über unsere Strecken aus und nutzen die Gelegenheit, uns vor der Quelle gemeinsam ablichten zu lassen. Darüber hinaus folgte ich dem Rat der beiden, meine schon wieder leere Wasserflasche nun mit frischem Quellwasser zu füllen, während meine Frau der natürlichen Betankung ungerechtfertigterweise misstraute. Um kurz vor 18:00 Uhr machten wir uns zur Schlussetappe des Tages auf, die zunächst darin bestand, weitere Höhenmeter zu bewältigen. Im Dörfchen Frohngau unterbrachen wir jedoch abermals unsere Fahrt, um Energieverluste mit Schokoriegeln und anderen dubiosen Präparaten zu kompensieren, nachdem die Steigungen steiler geworden waren und zum Schieben einluden. Aber wie auch immer, den Steigungen folgten Strecken mit Gefälle, und über Landstraßen und Waldwege erreichten wir schließlich gegen 19:30 Uhr den Freilinger See und damit den Campingplatz für die Nacht. Der Platz erstreckt sich entlang eines Hügels und wir hatten die Wahl, uns auf der Sommer-, der Grill- oder der Indianerwiese niederzulassen. Nach einer Besichtigung der Zeltgründe entschieden wir uns, unser Tipi bei den Rothäuten unter dem Marterpfahl aufzuschlagen, neben einem Ross aus Plaste und Elaste auf 4 Rädern - ein Trabi mit Kölner Kennzeichen.

Die Waschräume dieses Campingplatzes zeichneten sich hier zur Freude meiner Frau dadurch aus, dass es Kabinen mit Klo und Dusche hinter einer Tür gab, sowohl Klopapier als auch Licht und Wasser ohne künstliche Beschränkung zur Verfügung standen und es auch sonst keinen Anlass zur Beanstandung gab.

Nach Zeltaufbau und Duschen ging es in das Restaurant des Campingplatzes. Während es für uns Spareribs gab, erbettelte ich eine Ladung Strom für den Rechner, auf dass dieser uns auch für den Rest der Tour zur Verfügung zu stehen sollte. Was die anschließende Nachtruhe anbelangte, so gingen die Empfindungen meiner Frau und mir abermals auseinander. Die Nacht zuvor störte uns am Liblarer See anfangs eine nahe gelegene Autobahn oder Schnellstraße bzw. der daraus resultierende Autolärm. Hier fiel ich recht zügig in einen komatösen Schlaf, wohingegen meine Frau den dumpfen Bässen einer vermeintlichen Dorfdisko bis kurz vor Sonnenaufgang ihre Aufmerksamkeit schenkte. Beim morgendlichen Frühstück im Restaurant erfuhren wir allerdings, dass weit und breit kein entsprechendes Etablissement existieren würde, sondern dass wahrscheinlich Jugendliche am See für die Beschallung verantwortlich gewesen sein dürften.

Nachdem wir uns unsere Brötchen einverleibt und das Gepäck auf die Räder verteilt hatten, sahen wir unser Vertrauen unseren Mitmenschen auf dem Campingplatz gegenüber erschüttert - der Fahrradhelm meiner Frau war verschwunden! Wir suchten den von uns okkupierte Platz weiträumig ab, befragten unsere Nachbarn und stellten wildeste Vermutungen an, doch der Helm blieb verschollen. Beim Verlassen des Platzes hakte ich an der Rezeption vorsichtshalber noch einmal nach und wurde belohnt! Meine Frau dürfte ihn auf der Bank vor dem Gebäude in ihrer Erschöpfung liegen gelassen haben und ein ebenso aufmerksamer wie ehrlicher Zeitgenosse hatte sich des guten Stücks angenommen - das Vertrauen in die Gesellschaft war wiederhergestellt.

Abermals wurde es so fast wieder 11:30 Uhr, bevor es richtig losging. Nach einigen Metern über Wald- und Feldwege fanden wir uns mit einem Mal auf einer zugewucherten Treckerspur wieder, die auf den Google Earth Bildern noch deutlich befahrbarer erschien. Vollends zugewachsen schließlich die Strecke, die uns zurück auf die Straße und hin zum Ahrtalradwanderweg führen sollte. Da der Nieselregen angehalten hatte, stiefelten wir also in unseren Regenklamotten und die Räder schiebend den Hang runter durch das fast kniehohe Gras.

Auf dem Radweg ging es hingegen zügig weiter. Leichtes Gefälle und eine gut ausgebaute Piste sorgten trotz zahlreicher einladender Rastplätze, die wir Wetter bedingt ohne schlechtes Gewissen ungenutzt links liegen lassen konnten, für ein gutes Vorankommen. Irgendwann lösten Weinberge die bewaldeten Hügel ab und die Dichte der Weinstuben in den Dörfern entlang der Ahr nahm zu. Wir wählten jedoch ein Einkaufszentrum außerhalb der Orte für einen etwas längeren Verpflegungsstop und trugen zum kargen Überleben des Bäckers bei. Kurz vor Bad Neuenahr, unserem Etappenziel des Tages, legte ich schließlich meine Regenhose ab, nachdem sich abzeichnete, dass es trotz grauen Himmels wohl nicht mehr regnen sollte, und wurde prompt mit einem kräftigen Insektenstich in die verschwitzte Wade belohnt.

Den direkt an der Ahr und gegenüber des alten Stadtkerns gelegenen kleinen Campingplatz erreichten wir um kurz nach 18:00 Uhr. Das kräftige Geläut der Kirchenglocken ließen uns ebenso die Nachtruhe in Frage stellen wie der Lärm, der von einem Schützenfest nur wenige hundert Meter weiter herüber kam: das Gehupe und Getröte einer Kirmes wurde gelegentlich von der Schützenkapelle und der Liveband im Festzelt übertönt, während das Flüsschen schon eher beruhigend durch den Ort plätscherte. Doch die Wirtin des Campingplatzes zerstreute unsere Bedenken - hoch her ginge es auf dem Schützenfest nur alle 3 Jahre, und dieses Jahr sei ein verhalteneres Gelage zu erwarten.

Entsprechend beruhigt und wie bereits am Vortag gestaltete sich der weitere Tagesablauf. Meine Frau zog sich zum Duschen zurück, während ich unser Lager errichtete. Nachdem auch ich mich anschließend hatte berieseln lassen, hielten wir noch ein kurzes Gespräch mit zwischenzeitlich ebenfalls per Rad eingetroffenen Nachbarn aus den Niederlanden, um uns nachfolgend in den Mauern der Altstadt den Bauch voll zu schlagen. Ich tendierte eher zu Pizza oder Deftigem vom Griechen, ließ mich aber auch gern von meiner Frau zu Gediegenerem in edlerem Ambiente überreden, so dass sich letztendlich ein Steak auf dem Teller vor mir befand. Erneut waren wir es, die das Restaurantpersonal in den Feierabend entließen, um danach noch eine kleine Runde über den Festplatz des Schützenfestes zu drehen. Zu unserer Überraschung verstummte die Musik tatsächlich gegen Mitternacht und sowohl meine Frau als auch ich erwachten einigermaßen ausgeruht am nächsten Morgen - ob durch Kirchengeläut aufgeweckt oder nicht geriet vor der Niederschrift in Vergessenheit.

Der Sonntag dann brachte tatsächlich die angekündigte Unterbrechung des Schmuddelwetters. Nach einer erneuten Runde durch die Altstadt, diesmal zum Erwerb belegter Brötchen, ging es weiter den sich langsam füllenden Radweg hinab Richtung Rhein. Vorbei war die Zeit des freundlichen Grüßens und der kleinen Pläuschchen, stattdessen fuhr jeder für sich und sah zu, dass er dabei möglichst zügig vorankam. So erreichten wir gegen Mittag die Ahrmündung, ließen uns dort kurz nieder, um die Morgens erlangten Brötchen zu vertilgen, und setzen unseren Weg entgegen vorheriger Planung linksrheinisch fort gen Bonn, vorbei an der nicht mehr existierenden Brücke von Remagen, dem Drachenfels und den diversen Burgen und Schlössern.

In der ehemaligen Bundeshauptstadt suchten wir uns ein ruhiges Plätzchen am Rhein und breiteten die Zeltunterlage aus für ein Mittagsschläfchen auf der Wiese. Der Rest der Strecke führte uns über bereits bekanntes Terrain: die Kennedybrücke rüber und zurück auf "unsere", d.h. die kontinentale Rheinseite, Überquerung der Sieg mittels Einmann-Gierfähre an der langen Leine, Zwischenstop auf eine Entleerung der Gedärme, eine Apfelschorle sowie eine Fassbrause in der Mondorfer Strandbar "km 660.50" und schließlich den Rhein entlang bis in heimische Gefilde.

Abschließend ist festzuhalten, dass die bisherigen Touren ohne Beeinträchtigung von Ross und Reiter verliefen, die Gestaltung des Tagesablaufs noch optimiert werden kann, auch der im Nachhinein ein wenig mutierte Insektenstich kein Zeckenbiss zu sein scheint und dass an sich kaum noch etwas uns am Erreichen des größeren Ziels hindern sollte ...