Entstehung  & Vorbereitung

"Träume leben" und "Mach, dass Du raus kommst", wie kann man da widerstehen?
Zwar gelang es mir bereits, das, womit die beiden in Köln ansässigen Outdoor Ausrüster werben, einige Male zu verwirklichen, doch das Verlangen zu neuen Taten, die ich mit einem Hauch von Freiheit und Abenteuer verbinde, lässt nicht nach - oder sind es gerade die gemachten Erfahrungen, die die Flammen am Lodern halten?
Egal, Berichte von Weltenbummlern, kleinere Radtouren 2012 und die überwältigenden Eindrücke der Reise nach Barcelona 2011 bewegen mich dazu, dass ich ein gutes Jahr später die Gelegenheit nutze, mich näher mit dem nächsten "Abenteuer" zu beschäftigen: erneut mit dem Rad nach Formentera, doch in zunächst entgegen gesetzter Richtung. Wer mit den geographischen Gegebenheiten vertraut ist oder sich eine Karte zur Hand nimmt, wird feststellen, dass der direkte Weg von Köln aus zur Balerareninsel in südwestlicher Richtung verläuft - entsprechend geht es entgegengesetzt nach Nordosten. Über Pfade, die ich weitestgehend einem aus EU Mitteln finanzierten Projekt entnehme, dem EuroVelo Routennetz, soll es über Münster, Hamburg, Kopenhagen und quer durch Schweden bis zum Nordkap gehen, wo der Punkt erreicht ist, umzukehren.
Da letztendlich die Zeit doch beschränkt ist, 6 Monate inklusive möglichst 4 Wochen Aufenthalt auf Formentera sind als berufliche Auszeit veranschlagt, sind eine Überbrückung auf einem Schiff der Hurtigruten nach Hammerfest und anschließende Flüge nach Aberdeen vorgesehen. Von dort aus, so die Planung, soll der Weg entlang schottischer und englischer Ostküste nach Dover seine Fortsetzung finden und per Fähre nach Calais zurück auf das Festland führen, wo das nächste größere Etappenziel Paris lautet. Weitere Stationen bzw. Abschnitte der Reise sind dann die "Pilgerroute", die uns über Bayonne an der Biscaya und weiter landeinwärts durch Nordspanien nach Santiago-de-Compostela gelangen lassen sollte, ein selbst gebastelter Weg über Lissabon durch Portugal, Tarifa bzw. Gibraltar, mit der Option, einen Abstecher nach Tanger auf den afrikanischen Kontinent einzuschieben, und schließlich Dénia, der Ort, von dem aus es eine Fährverbindung nach Formentera gibt.
Meinen Arbeitgeber, IP Dynamics, Partner für individuelle, plattformunabhängige Telekommunikations- und Contact Center Lösungen , kann ich im Oktober 2012 dafür gewinnen, mich für ein halbes Jahr zu entbehren. Bezahlter wie unbezahlter Urlaub, das Abfeiern angefallener Überstunden und die Bereitschaft, den Wünschen der Mitarbeiter ebenso entgegen zu kommen wie denen der Kundschaft, verschaffen mir den Luxus dieser Auszeit.

Ute ist zunächst wenig angetan von der neuen Idee. Dass das Nordkap bzw. der Weg dorthin sie nicht reizt, war mir nicht fremd. Während mich der Gedanke an eine Tour durch Skandinavien fasziniert, mit dem ich Weite, Natur und Einsamkeit verbinde, sieht sie nervende Mücken, raues Wetter und Einöde. Gut, das Nordkap selbst, ein Felsen, auf dem unser Planet als Stahlgerüst modelliert ist, halte ich zwar ebenfalls für überbewertet, aber wo käme man hin, wenn man, bereits in der Gegend unterwegs, dieses, wahrscheinlich eigens dafür geschaffene, touristische Highlight links liegen ließe? So überlege ich, wie ich Ute die Sache schmackhaft machen kann.
"Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich.", hadere ich mit einer Eröffnungsvariante.
"Die gute: du brauchst dir nicht mehr den Kopf zu zerbrechen, wie wir unseren 50sten feiern, und die schlechte: du musst wieder aufs Rad steigen"
Ok, die Sache hinkt. Zum einen freut sich Ute darauf, nicht nur unseren runden Geburtstage groß zu feiern, zum anderen sind da auch noch die adäquaten Gedenktage im gleichaltrigen Freundeskreis, die nicht kompatibel sind mit meiner Zeitplanung.
Irgendwie fällt eines Morgens beim Frühstück dann ein Stichwort, mit dem ich die Brücke schlage und verkünde, womit ich meinen Arbeitgeber bereits konfrontiert habe.
Ute muss schlucken, ein paar Tränen kullern, und der Haussegen hängt ein paar Tage lang schief. Dann gewinnt der Skrupel Oberhand, mich allein reisen lassen zu wollen, oder ist es doch auch ein wenig entfachtes Reisefieber? Ich hinterfrage es besser nicht.
Wie bereits mein Hauptsponsor so stellt sich auch Utes Arbeitgeber, KölnKitas, bei dem sie als Köchin in einer Kindertagesstätte dazu beiträgt, kleine, hungrige Mäuler zu stopfen, dem Ansinnen nicht in den Weg, so dass zumindest die Rückkehr in den Alltag geregelt erscheint.

Mit einem iPad versuche ich, Ute das Internet zugänglicher zu machen und sie für die Tour zu begeistern. Während sie nach Reiseberichten und Sehenswürdigkeiten entlang der Tour stöbert, arbeite ich am weiteren Verlauf der Route.
Innerhalb von 6 Wochen gelingt es mir, die Strecke in groben Zügen zu planen. Dabei kommt es mir entgegen, dass sich über weite Strecken für das GPS Gerät verwendbares Datenmaterial im Internet findet. Wie gewohnt arbeite ich dabei mit Google Earth, Openstreetmap Karten und einem Programm aus dem Hause Garmin. Im Zuge der Arbeit zeigt es sich, dass die Überprüfung der Wegführung und die Portionierung in für das Navi handhabbare Abschnitte keine vergeudete Zeit ist; so stelle ich fest, dass die Stromversorgung des GPS Trackers die Reisenden im Stich gelassen haben muss. Mancherorts durchquert eine Kilometer lange Gerade die Prärie, wo kein Weg erkennbar ist. Ebenso frage ich mich, woran es liegt, dass die Länge der Distanzen durchaus mal um bis zu 10 Prozent voneinander abweichen, wenn ich die Angaben von Google und Garmin bzw. Openstreetmap miteinander vergleiche, was bei einer Gesamtlänge von circa 10.000 Kilometern und unserem geplanten 70 Kilometer Tagesdurchschnitt durchaus 2 Wochen Unterschied ausmacht. Aber egal, normaler Schwund halt, da darf man nicht kleinlich sein und muss man mit fertig werden. Entweder läuft es darauf hinaus, zwischendurch mal einen Tag Pause einlegen zu können, oder die Tagesetappen werden anspruchsvoller - wir werden sehen.

Mitte Januar ist die Route bis zum Nordkap planerisch weitestgehend abgehakt. Mit einem Start der Tour am letzten April Wochenende läuft es darauf hinaus, diesen Punkt der Reise in etwa zur Sommersonnenwende zu erreichen. Was den Weg in den Süden betrifft, so steht dieser im Wesentlichen bis Tarifa fest. Unsicherheiten bestehen noch entlang des Mittelmeers, da für die entsprechende EuroVelo Route keine GPS Tracks aufzutreiben sind; selbst die Kilometerangaben auf den Seiten der Erschaffer erscheinen mir teilweise unrealistisch, und auf Anschreiben erhalte ich bislang keine Reaktion. Darauf, dass vor Ort die Route ausgeschildert ist, will ich mich nicht verlassen - ich glaube eher nicht daran. Außerdem fühle ich mich sicherer, auf eine geplante Strecke vor mir auf den Lenker blicken zu können, was mich dazu veranlasst, weiterhin etwas über den Radweg 8, die Mittelmeer Route, herauszufinden. Der "offizielle" Weg führt stellenweise von der Küste in das Inland, was z.B. mit der Aussicht seinen Reiz hat, in Granada vor der Alhambra stehen zu können. Dem entgegen stehen jedoch die zu bewältigenden Höhenmeter, um dorthin bzw. wieder zurück zur Küste zu gelangen. Was ich hingegen im Internet finde, sind verwertbare Informationen über umfunktionierte Bahntrassen, die dann auch schon mal an der einen oder anderen Stelle den Weg per Tunnel oder Brücke ebnen, doch noch ist keine endgültige Entscheidung getroffen, über welche Pfade wir Dénia erreichen werden. Für den Zweifelsfall greife ich auf die Aufzeichnungen anderer Radreisenden zurück, die den Weg entlang der Küste wählten, jedoch auch nicht davor zurückschreckten, einige Kilometer über Autobahnen zu radeln, was ich an sich vermeiden möchte; eher bevorzuge ich wenig befahrene Nebenstraßen oder Feldwege durch möglichst landschaftlich attraktive Regionen. Und wenn diese dann auch noch ein geringes Maß an Steigung bzw. Gefälle haben, dann bestehen an sich kaum noch Zweifel an der zu befahrenden Strecke.

Neben der Routenplanung gibt es weitere Vorbereitungen zu treffen, so dass die Abende und Wochenenden nicht langweilig werden. Die lange Abwesenheit wirft Aspekte auf wie Krankenversicherung, Steuererklärung, Bankvollmachten und dergleichen mehr, die anzugehen sind. Dazu kommt die Erkenntnis, dass es auch nicht schaden kann, die eine oder andere Impfung aufzufrischen oder die Ausrüstung zu vervollständigen, da bislang mehrtägiges "wildes" Campen, das Radeln in kühleren Gegenden oder die Überbrückung längerer Distanzen ohne Supermarkt neu sein werden. So wird die Liste dessen, was noch alles zu tun ist, eher länger statt kürzer.

Kompliziert gestaltet sich ebenso die Vermarktung des Reiseberichts der Tour nach Barcelona. Ich hätte einen Verleger gefunden, wenn ich nicht den Aufwand scheuen würde, die in der Vergangenheitsform niedergeschriebenen Erlebnisse in die Gegenwart umzutexten. Als ich mit BookRix im Internet auf eine Plattform stoße, die damit wirbt, E-Books ohne Vorauszahlungen zu vertreiben, fälle ich eine Entscheidung, die auf etwas hinausläuft wie die Bitte "Hast'e mal 'nen Euro?". Viel mehr bleibt von den 4 Euro, die ich als Verkaufspreis ansetze, nach Abzug von Steuern und Provisionen für mich nicht übrig. Ob der Erlös zur Finanzierung des Lebensunterhaltes beitragen wird, wage ich zu bezweifeln, jedoch hat die Schreiberei Spaß gemacht und dazu beigetragen, die Eindrücke in entspannter Form noch einmal genießen zu können. Dabei möchte ich auch nicht ausschließen, dass die schriftliche Aufarbeitung mit ein Auslöser war, mich gedanklich mit einer Fortsetzung oder Wiederholung, wie nun angedacht, zu beschäftigen.

Was an den winterlichen Tagen zu kurz kommt, ist das Radeln. Die Zeit vergeht wie im Flug, und häufig genug ist es 22 Uhr durch, wenn ich den Rechner ausschalte. Und wenn Ute und ich dann mal den Entschluss fassen, in die Pedalen zu treten, macht das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Klar, man kann auch bei Schnee und Eis auf das Rad steigen, doch bedarf es dazu vernünftiger Weise einer Ausrüstung, über die wir nicht verfügen. Man kann dem natürlich mit entsprechenden Investitionen entgegen treten, doch muss es ja auch nicht übertrieben werden. Über alles betrachtet mag ich nicht klagen; das Reisefieber bleibt geweckt, ich betrachte es als ein Privileg, mich mit Problemen wie den geschilderten beschäftigen zu dürfen, und es wird die Zeit kommen, wo ich mich auch über mangelnde Bewegung nicht mehr beklagen mag.

Ende Februar ist die Feinplanung der Route komplett. Bis Travemünde sehe ich zu, Campingplätze in Abständen von 70 Kilometern zu finden; mal gelingt es besser, ein anderes Mal schlechter, doch im Großen und Ganzen sollten die Etappen zu bewältigen sein. Über die weiteren Übernachtungsmöglichkeiten in Deutschland bis Puttgarden mache ich mir keine größeren Gedanken. Der Weg entlang der Ostseeküste erscheint mir diesbezüglich bestens erschlossen zu sein, und mehr als zwei weitere Nächte sollten wir in unserem Heimatland nicht verbringen. Ab Dänemark plane ich einzelne Etappen von Zeltplatz zu Zeltplatz, sofern diese nicht näher als 10 Kilometer voneinander entfernt liegen, so dass wir während der Reise entscheiden können, was wir uns pro Tag in Abhängigkeit von Wind und Wetter sowie Lust und Laune zumuten wollen. Zwar lässt es sich nicht vermeiden, dass auch schon mal mehr als 100 Kilometer kein Campingplatz zu finden ist, doch wie wir uns dann behelfen, soll situativ entschieden werden. Tendenziell sehe ich die erste Wahl darin, abseits der Straße das Zelt aufzuschlagen, während Ute eher der Übernachtung in Hotels und Pensionen den Vorrang geben würde.
Die ersten Entwürfe des weiteren Verlaufs, die ich überwiegend diversen Quellen im Internet entnommen hatte, überarbeite ich noch ein wenig, wenn ich im Nachgang auf reizvollere Ausweichstrecken stoße, die einen verkehrsärmeren Eindruck machen. Immer wieder werfe ich dabei einen Blick auf die Fotos, die in Google Earth eingestellt wurden, oder nutze die „Street View“ des Programms um zu sehen, wie es vor Ort aussieht (oder zumindest ausgesehen hat); der angenehme Nebeneffekt, den diese Vorgehensweise hat: ich kann es kaum abwarten zu starten und komme mir dabei vor wie ein Hund, dem man ein Stück Fleisch vor die Nase hält, es aber immer wieder wegzieht, bevor er es zu fassen bekommt.
Nicht ganz zufrieden bin ich weiterhin mit dem Weg durch den Süden Spaniens. Meine Anschreiben an die EuroVelo Route Protagonisten bringen mich weiterhin nicht voran, und vor den Anstiegen Richtung Granada verliere ich ebenso nicht den Respekt. Entsprechend plane ich zunächst den Weg entlang der Küste, der allerdings auch seine Haken hat. Entnehme ich den Satellitenaufnahmen, dass weite Strecken zwischen Marbella und Dénia zugebaut sind mit Hotels, Apartment- und Bungalowanlagen, so erweckt die Bucht von Almería den Eindruck, als ob dort über 30 Kilometer eine Plastikfolie an die nächste anknüpft – Mar del plástico, ein Meer aus Kunststoff. Sollten wir im Zuge der Radelei die Furcht vor den Höhenlinien im Inland verlieren, so bleibt der kurzfristige Schwenk auf eine alternative, aber noch nicht für das Navi aufbereitete Route Richtung Alhambra.
Eine detaillierte Planung hingegen erfährt der Weg durch die Hauptstädte, die auf dem Weg liegen. Mit einem Blick auf die Sehenswürdigkeiten entwerfe ich Stadtrundfahrten, die uns durch Kopenhagen, London, Paris und Lissabon führen sollten. Gut, der Begriff Rundfahrt ist eher falsch gewählt, da der Startpunkt nicht wieder erreicht wird, aber durch die Städte geht es. In Portugal schließe ich dabei nicht aus, den Weg in das Zentrum per Bahn zu bewältigen. Ebenso wie die letzten Kilometer 2011 nach Barcelona erscheint mir auch hier die Strecke, diesmal entlang des Tejo, nicht so reizvoll, dass ich dort einen Tag verbringen müsste.

Fortschritte macht ebenso die Abarbeitung der Liste, was noch alles im Vorfeld der Reise zu erledigen ist, wenngleich es auch Rückschläge gibt – zwei Schritte vor, einer zurück. Das Besorgen von Ausrüstungsgegenständen ist relativ einfach, nachdem die damit verbundenen Entscheidungen getroffen sind. Geld auf den Tisch, Ware mitnehmen, fertig. Da ich auch nicht davor zurückschrecke, die Kreditkarte bei Online-Händlern einzusetzen, kommt es vor, dass an einem Tag der Paketbote zwei mal vor der Tür steht und sich die Kartons stapeln. Einen nicht unerheblichen Anteil nimmt dabei die Elektronik ein, die in den Haushalt wandert. In dem Bestreben, unabhängiger von Strom- und Internetversorgung zu werden, investiere ich in einen Akku, mit dem sich so gut wie alle Geräte aufladen lassen sollten, sowie in ein Smartphone, das den Zugang zum weltweiten Datennetz für den Rechner verspricht. Auch wenn ich sonst nicht zu den Anhängern dieser Technik gehöre, so rechtfertige ich vor mir den Kauf mit dem Argument, dass der Mobilfunkapparat zudem als Ersatz für das Navi sowie zu Kommunikations- und Unterhaltungszwecken dienen soll.
Als die Geräte vor mir angeschlossen auf dem Tisch liegen stelle ich jedoch fest, damit eine neue Baustelle geschaffen zu haben. Bei der mobilen Stromversorgung entdecke ich, dass entgegen der Produktbeschreibung keiner der beiliegenden Stecker passt, um den Akku meines Netbooks laden zu können; entweder hat der Hersteller des Rechners zwischenzeitlich das Steckerformat geändert, oder der Produzent des handlichen Stromspeichers hat die Spezifikation nicht aufmerksam studiert. Recherchen im Internet ergeben, dass es zwar einen passenden Adapter gibt, doch zunächst stehen entsprechende Schriftwechsel an, um den Sachverhalt zu klären und nicht die nächste Enttäuschung zu erleiden. Dass sich dabei eine Möglichkeit abzeichnet, auch die Energiequelle der Fotokamera aufladen zu können, mildert zwar ein wenig die Frustration, doch auch diesbezüglich sind weitere Erkundigungen vonnöten; letztendlich wendet sich aber alles zum Guten, und Probleme der Stromversorgung scheinen gelöst.
Zeit frisst ebenso die Beschäftigung mit dem Smartphone. Als ich versuche, die Musiksammlung auf die eigens dafür gekaufte Speicherkarte zu kopieren, erhalte ich nach einiger Zeit eine Fehlermeldung und das Gerät startet selbsttätig neu. Weitere Versuche ergeben das gleiche Resultat, doch entdecke ich dabei eine kurzzeitig eingeblendete Fehlermeldung: Kernel Panic! Nicht ganz ohne Hintergrundwissen habe ich den Verdacht, mit der Speicherkarte Ausschussware erworben zu haben. Da im Laden gekauft, schwinge ich mich auf das Fahrrad in dem Bestreben, die Karte umzutauschen. Anstatt meinem Wunsch nachzukommen verweist man mich dort aber an den Service, wo ich eine Wartenummer ziehe und sehe, dass ich bei vorgesehener Verfahrensweise eine gute Stunde Geduld aufzubringen habe. Nach 5 Minuten bin ich mit dieser am Ende. Ich durchbreche den geordneten Ablauf, spreche einen der Bearbeiter direkt an und bekomme zu hören, dass ich einfach den Speicher neu formatieren solle. Wie dumm kann man sein? Ich setze den Ratschlag erst Zuhause um und sehe, dass das Ergebnis das gleiche ist wie beim Kopieren der Dateien – nach 15 Sekunden setzt mich das Gerät in Kenntnis, dass es intensive Angstzustände hat und startet ein weiteres Mal. Also tags drauf erneut in den Laden. Das einzig positive, was ich der Fahrt in die Stadt abgewinnen kann, ist, dass ich zum Radeln komme. Diesmal lasse ich mich nicht von der Information an den Service abwimmeln, sondern begebe mich direkt zu den Verkäufern. Eine junge Dame in der Kluft des Hauses konfrontiere ich mit den Eigenwilligkeiten meiner Neuanschaffung. Sie überzeugt sich vom geschilderten Verhalten und es gelingt mir die Angestellte zu überreden, es mit der Speicherkarte in einem der Ausstellungsgeräte auszuprobieren. Welch Wunder, auch das gewählte Vorführmodell reagiert wie das meine.
In einem Nebensatz höre ich raus, dass ich nicht der erste Kunde sei, der mit einer Speicherkarte aus dem Hause, aus dem auch das Smartphone stammt, Probleme hat. Entsprechend zögere ich nicht lange und entscheide mich für einen Ersatz eines anderen Herstellers, mit dessen Produkten es dem Vernehmen nach weniger Reklamationen gibt, und tatsächlich, ich bekomme die Musiksammlung kopiert, ohne dass das Smartphone mit Stress- und Ausfallerscheinungen reagiert.
Die nächste Enttäuschung mit dem Gerät lässt allerdings nicht lange auf sich warten. War ich davon ausgegangen, dass ich für ggf. kleines Geld eine „App“ finde, mit der mir das Smartphone einen von mir gewünschten Weg weist, so stelle ich fest, dass die Anbieter entsprechender Software andere Ziele verfolgen; zwar bedient man sich gerne des kostenlos verfügbaren OpenStreetMap Kartenmaterials, zu dem auch ich einige Kilometer beigesteuert habe, bietet auch teilweise ohne Entgelt zu verlangen die Programme an, allerdings lässt man sich die Aufbereitung der geographischen Daten in offline nutzbarer Form bezahlen. Dass einzelne Regionen für ein- oder kleine zweistellige Beträge angeboten werden hilft mir dabei wenig; über die 9 Länder hinweg komme ich rasch auf so viele Regionen, dass die Anschaffung eines weiteren Navis, für das ich kostenlos nutzbares Kartenmaterial habe, die preiswertere Alternative wäre. Jens, ein ehemaliger Arbeitskollege aus Düsseldorf, hat schließlich für mich mit dem Hinweis auf „OsmAnd“ den ersehnten Tipp. Eine kostenlose Version des Programms erlaubt die Installation von bis zu 10 Karten, wobei in Deutschland eine einem Bundesland entspricht; gegen einen geringen Obolus gibt es zudem die Software Variante, welche eine nicht limitierte Anzahl von Karten gestattet. Bei einer Proberunde wird jedoch deutlich, dass der Einsatz des Smartphones auf dem Lenker weitere Einschränkungen mit sich bringt. Das Display ist je nach Einfallwinkel des Sonnenlichts kaum ablesbar, und die ständige Anzeige entlädt den Akku des Gerätes binnen weniger Stunden. Entsprechend sehe ich den Einsatz dieser Lösung nur für den absoluten Notfall, dass das „konventionelle“ Navi während der Tour seinen Geist aufgibt.
Unproblematischer verhält es sich mit der Auswahl eines Campingkochers. Nachdem ich im Internet auf einen Hinweis stoße, dass selbst leere Brennstoffbehälter von Benzinkochern nicht in Flugzeugen mitgeführt werden dürfen, fällt unsere Wahl auf ein Modell, welches mit Spiritus die Flamme am Lodern halten soll. Zwar bewirbt der Verkäufer eindringlicher die Vorteile Gas betriebener Alternativen, doch unter dem preislichen Aspekt gebe ich der Spiritus Variante den Vorrang. Das Hauptargument, dass wir damit deutlich mehr Zeit für das Erwärmen von Wasser oder Gargut benötigen, entkräfte ich damit, dass dies in unserem Fall vernachlässigbar sei. Eine Viertelstunde mehr oder weniger sollte nicht wehtun, wenn der Brenner seinen Dienst verrichtet und wir mit Zeltauf- oder abbau oder anderen anfallenden Tätigkeiten beschäftigt sind.
Da der Campingkocher, wie auch ein paar Lebensmittel für den Notfall und andere Kleinigkeiten, die wir auf dem Weg nach Barcelona nicht dabei hatten, unterwegs verstaut sein wollen, finde ich mich gedanklich damit ab, zumindest mein Rad mit einem Lowrider aufzurüsten. Dabei handelt es sich um einen dieser Gepäckträger, die am Vorderrad montiert werden und zur Aufnahme zweier kleiner Packtaschen dienen, die ebenfalls noch zu erwerben sind. Bei einem der Wege in die Stadt mache ich Halt beim Radhaus K, dem Händler, bei dem wir unsere Räder erstanden. Ich erkundige mich nach einem passenden Modell, erfahre jedoch, dass der Fachmann mir von meinem Vorhaben abrät. Die Belastungen durch das zusätzliche Gewicht auf die Federgabel könnten Schäden an eben dieser beziehungsweise der Federung zur Folge haben. Weitere Recherchen im Internet ergeben, dass Reisende eher Probleme mit Materialschäden am Lowrider hatten; das Gestänge erlag häufig genug den höheren Vibrationen gegenüber denen an einer ungefederten Gabel. Verunsichert schreibe ich den Hersteller des Rades an, doch mit einer Beantwortung meiner Fragen lässt man sich Zeit. In dem Vorschlag des Händlers, einen Anhänger zu verwenden, sehe ich keine Alternative; zu teuer, zu aufwendig, zu ungelenkig – an eine Fahrt mit so einem Ding über die Champs-Élysées oder irgendwo die Serpentinen rauf oder runter will ich gar nicht nachdenken. Schließlich entscheide ich mich zum Kauf einer ungefederten Gabel.

Trotz der kleinen Rückschläge gibt es auch angenehme Überraschungen. Auf der Suche nach einem am Dynamo zu betreibenden Ladegerät zusätzlich zu dem bereits erwähnten Akku, welcher selbst zum Aufladen eine Steckdose benötigt, stoße ich im Internet auf ein Gerät mit der Bezeichnung DynaLader Modular. Das Gerät macht einen durchdachten Eindruck, das Preis-Leistungsverhältnis klingt angemessen, und ich schreibe den Anbieter mit einigen Fragen zum Gerät an, verbunden mit dem Hinweis, dass ich mich auch gerne sponsern lassen würde.
Ein paar Tage später finde ich in meinem elektronischen Briefkasten eine Antwort, in der mir der Firmeninhaber neben den erbetenen Antworten mitteilt, dass er mir gerne eine Neuentwicklung mit auf den Weg gibt, sofern diese rechtzeitig zum Tourstart fertig wird; sollte es mit dieser nichts werden, so dürfe ich mit der Bereitstellung eines Exemplars aus der aktuellen Produktpalette rechnen. Das Lesen der Zeilen mildert auch direkt den Schmerz, den die Niederlage der Dortmunder Borussen gegen Bayern München im DFB Pokal Viertelfinale Augenblicke zuvor hinterließ.

Eine weitere Schwäche hingegen offenbart die erste Runde mit dem Rad nach der Winterpause. Bei leichtem Schneetreiben, aber trockenen Straßen, setze ich mich an einem Samstag Mittag auf den Sattel und kurbel nach Bonn. Der Weg führt mich zunächst Richtung Köln bis zur nächsten Gelegenheit, den Rhein zu überqueren. Auf den anschließenden Kilometern zum ehemaligen Regierungssitz bläst mir der Wind in den Rücken und ich komme gut voran. Nach dem abermaligen Wechsel über den Strom kommt dafür, womit zu rechnen war: der Wind bläst mir entgegen. Nach 50 Kilometern Strampelei ohne großartige Pausen bekomme ich ab Troisdorf kaum noch die Beine hoch, benötige für die restlichen 10 Kilometer gut eine ¾ Stunde und merke auch noch einen Tag später, was ich mir da angetan habe.
Entsprechend versuche ich, die Kondition langsam wieder aufzubauen. Mit dem Heimtrainer im Keller kann ich mich nicht so recht anfreunden. Ich habe immer das gleiche Bild vor Augen, der Sattel ist auch nicht dazu geeignet, es länger als eine knappe Stunde darauf auszuhalten, und frische Luft weht mir ebenfalls keine um die Nase. Als Anfang März die ersten wärmenden Sonnenstrahlen Frühlingsgefühle aufkommen lassen, wird der Drahtesel für weitere Strecken als bis zum Bäcker hervor gekramt. Ich beginne mit einer Runde um den Köln-Bonner Flughafen. Da der Boden in der Wahner Heide noch aufgeweicht vom Wetter der vergangenen Tage ist, belasse ich es bei der einfachen Variante mit viel Asphalt. Für die 30 Kilometer gegen den Uhrzeigersinn und entschärftem Anstieg über das Camp Spich benötige ich bei den ersten Anläufen 90 Minuten – immerhin steht schon mal die 2 vorne bei der Durchschnittsgeschwindigkeit, wenn ich mit durchgeschwitztem T-Shirt das Rad wieder zurück in die Garage schiebe.
Ebenso nutze ich die Reklamationsfahrten in die Stadt zu Trainingszwecken. Mit einem Umweg über die Zoobrücke verlängere ich die Strecke um circa 10 Kilometer und werde dabei auch einmal belohnt. An der Auffahrt im Rheinpark treffe ich auf ein Pärchen, das über ihre Lenker gebeugt ein wenig ratlos auf eine Straßenkarte schaut. Ich weiß nicht, wer schneller ist, die beiden mit der Frage, ob ich mich hier auskenne, oder ich, ob ich weiterhelfen könne, auf jeden Fall erfahre ich in süddeutschem Dialekt, dass die beiden nicht wissen, wie sie am besten nach Leverkusen kommen.
Meinen erstbesten Gedanken aussprechend empfehle ich ihnen den Weg über die Zoobrücke und über die Autobahnbrücke wieder zurück auf die andere Rheinseite, doch dann fällt mir ein, dass die Leverkusener Brücke repariert wird – Risse in der Stahlkonstruktion. Nicht, dass die beiden Radler das Bauwerk hätten einstürzen lassen, aber ob der Radweg aufgrund der Bauarbeiten passierbar ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Also der Rat, weiter am Rhein entlang bis Mühlheim, und dann querfeldein, immer den hoffentlich noch vorhandenen Radwegweisern hinterher.
Nachdem die fundamentalen Fragen geklärt sind, kommt der für mich spannendere Teil: woher und wohin, als ob ich es selbst noch nie gehört hätte. Ich staune nicht schlecht als ich zu hören bekomme, dass die beiden aus Frankreich stammen, seit September unterwegs sind, bis Georgien geradelt sind und nach Leverkusen Holland das nächste Ziel ist, von wo aus es zurück in die Heimat gehen soll. Als ich Frankreich höre, tippe ich auf eine Herkunft aus dem Elsass, doch mit dem Hinweis, dass SEINE Mutter aus Heilbronn käme und man in Narbonne lebe, ist die Brücke zum nächsten Thema geschlagen. Ich berichte von unserer Tour nach Barcelona, dass wir dabei quasi an der Haustür der beiden vorbei gekommen sind, und kann natürlich auch mit dem neuen Vorhaben nicht zurückhalten. In dem Zusammenhang werfe ich die Frage auf, was meine Gegenüber gegen die Kälte unternommen haben, mit der sie zu tun gehabt haben dürften. Die Antwort ist ebenso einfach wie logisch, man habe gefroren!
An Händen und an den Füßen; und als Tränen während der Fahrt im Gesicht den Aggregatzustand wechselten, habe man erst einmal eine Pause eingelegt und ein paar Tage abgewartet.
Da die beiden mit verhältnismäßig wenig Gepäck unterwegs sind, interessiert es mich, wie sie es mit dem Übernachten halten. Ich schätze die beiden auf 25 bis 30 Jahre und sie machen auf mich nicht den Eindruck, dass sie jede Nacht im Hotel oder einer Pension verbringen. „Warm showers.“, lässt man mich wissen. Als ich ein wenig begriffsstutzig schaue, werde ich darüber aufgeklärt, dass es sich dabei um ein Netzwerk Gleichgesinnter handelt, wo Radfahrer untereinander Unterkunft und eine warme Dusche gewähren, und dass die nächste Anlaufstelle des vor mir stehenden Pärchens die beiden halt nach Leverkusen treibt. Ansonsten sei diese Form des Übernachtens recht preiswert, da kostenlos, und man habe bereits jede Menge netter Bekanntschaften gemacht, viel Insiderwissen und Tipps mit auf den Weg bekommen, wenn nicht gar der Gastgeber selbst die beiden hier und da ein Stück des Weges begleitete oder half, die nähere Umgebung zu erkunden.

Ostern dann ist der Zeitpunkt gekommen, den wir selbst für eine mehrtägige Runde nutzen. Sieht meine ursprüngliche Planung vor, die Nächte im Zelt zu verbringen, so revidiere ich das Vorhaben in Anbetracht der vorherrschenden Temperaturen, die das Thermometer Nachts unter den Gefrierpunkt fallen lassen. Anstatt uns allerdings auf die Suche zu begeben, ob und wo wir bei anderen Radlern schlafen könnten, fällt die einfachere aber kostenintensivere Wahl auf Hotels am Wegesrand, die ich dem „Bett und Bike“ Katalog entnehme.
Einen Tag vor unserem Aufbruch erhalte ich von Werner, einem weiteren ehemaligen Arbeitskollegen eine SMS, in der er mir sein Navi anbietet, dass ich ihm anlässlich einer Fahrt den Main entlang ein paar Jahre zuvor empfohlen hatte. Wir einigen uns auf einen vernünftigen Preis, ich hole das Gerät noch am gleichen Abend bei ihm ab und tags drauf fährt auch Ute mit einem elektronischen Wegweiser vor sich auf dem Lenker. Während sie der symbolisierten Kompassnadel folgt, die aktuelle Geschwindigkeit vor Augen hat und abliest, wie weit es noch bis zum nächsten Wegpunkt bzw. Ende einer Etappe ist, blicke ich auf die Karte und den weiteren Verlauf der Strecke. Dass wir dabei einige der Wegweiser des ausgewählten und gut ausgeschilderten Lahntalradwegs übersehen, stört nur wenig. Etwas, das uns hingegen nicht verborgen bleibt, ist das Wetter.
Zwar bleibt es uns erspart, die Regenbekleidung auszupacken, allerdings werden wir damit konfrontiert zu erfahren was es heißt, bei einstelligen Temperaturen im unteren Bereich den Tag an der frischen Luft zu verbringen. Gerne hätte es 10 bis 20 Grad wärmer sein dürfen, doch auch trotz zwischenzeitlicher Begegnungen mit Schnee und Eis überstehen wir die „Proberunde“ unbeschadet. Lediglich die durch die Fahrt beanspruchten Muskelpartien sowie mein Sitzfleisch zeigen, dass ein wenig Training nicht hätte schaden können. Auf der anderen Seite wird aber auch deutlich, dass es durchaus möglich ist, relativ unvorbereitet 70 Kilometer am Tag zurück zu legen, ohne dabei an die Grenze der Belastbarkeit zu gelangen. Insgesamt sind wir zumindest nach 4 Tagen, an denen wir 310 Kilometer hinter uns lassen, zufrieden und gehen davon aus, dass auch der Norden Europas zur Zeit der Sommersonnenwende nicht viel kälter werden sollte und wir in der Lage sind, uns mit den Gegebenheiten zu arrangieren.
So verbleiben uns 4 Wochen, in denen letzte Vorbereitungen zu treffen sind und die Zeit an sich gar nicht schnell genug verstreichen kann.