Reisetagebuch

2016-05-01
2016-05-02
2016-05-03
2016-05-04
2016-05-05
2016-05-06
2016-05-07
2016-05-08
2016-05-09
2016-05-10
2016-05-11
2016-05-12
2016-05-13
2016-05-14
2016-05-15
2016-05-16
2016-05-17
2016-05-18
2016-05-19
2016-05-20
2016-05-21
2016-05-22
2016-05-23
2016-05-24
2016-05-25
2016-05-26
2016-05-27
2016-05-28
2016-05-29
2016-05-30
2016-05-31
2016-06-...
2016-07-...
Bilder

2016-05-24

24. Tag: 29 Kilometer (Gesamt: 1668); 557 Höhenmeter; 620 Meter max. Höhe
Strecke: Seyðisfjörður (09:30 Uhr) – Egilsstaðir (14:30 Uhr)
Wetter: leicht bewölkt, 14°

An diesem Dienstag werde ich ohne Lautsprecherdurchsage um 06:00 Uhr Bordzeit wach. Egid, meine Island erfahrene Reisebekanntschaft, empfahl mir die frühe Stunde, um das Zusteuern auf die Insel miterleben zu können. Zu sehen gibt es für uns jedoch leider nichts. Es ist neblig. Lediglich die Sonne scheint gelegentlich milchig durch die geschlossene Wolkendecke. Erst mit der Einfahrt in den Fjord lösen sich die Schwaden und der Blick fällt auf die empor ragenden Felsen, die nicht nur an den Kuppen noch Schnee bedeckt sind. Darüber hinaus das Bild, das bereits die Farörs hinterließen. Gehöfte, Straßen, Fischerboote – wie in einer inszenierten Modellbaulandschaft. Mit gedrosselter Geschwindigkeit zieht sich die Fahrt, dann liegt schließlich Seyðisfjörður vor uns. Der Hafen mit dem Anleger. Man könnte meinen, alle Passagiere hätten sich auf dem Deck im Bug versammelt, um das Ende der Reise mitzuverfolgen. Entlang der Reling steht man dicht gedrängt, viele mit dem Finger auf dem Auslöser. Während auf der einen Seite Gruppenfotos mit ersten Eindrücken Islands geschossen werden, werden auf der andererseits Hände zum Abschied geschüttelt, beste Wünsche mit auf den Weg gegeben. In den Kabinen sind noch Sachen zu packen, man begibt sich schon einmal in die Startlöcher, um schnell beim Fahrzeug zu sein.
Bei mir gibt es nicht viel zusammen zu räumen. Schlafsack, Kulturbeutel, lange Unterwäsche, die nicht benötigt wurde, Handtücher – das war's. Den Rucksack mit den „Wertgegenständen“, dem Rechner, dem Navi, der Kamera, dem Pufferakku sowie dem Kabelsalat hatte ich ohnehin stets in Griffweite, Geld sowie Smartphone in der Hosentasche. Nachdem das Schiff festgemacht ist, werden die Türen zu den Parkdecks entriegelt. Bei einigen geht es ganz schnell, dann rollen sie von Bord, andere, zu denen ich gehöre, brauchen mehr Zeit. Sachen sind zu verstauen, umziehen, raus aus der „Abendgarderobe“, rein in das Radleroutfit, und ebenfalls runter von dem Kahn. Müssen sich die motorisierten Fahrzeuge in mehreren Spuren einreihen, um eine Abfertigung durch den Zoll über sich ergehen zu lassen, so gestattet man mir, mich durch einen Seitenausgang zu verdünnisieren. Mein Plan, abzuwarten bis so gut wie alle weg sind, bevor ich starte, geht nicht ganz auf. Die Kontrollen brauchen ihre Zeit, da ist die Ordnung in den Packtaschen schneller wieder hergestellt sowie das Müsli ausgelöffelt. Einige mittlerweile bekannte Gesichter fahren vorbei, noch einmal wünschen wir uns viel Spaß, eine gute Reise und eine gute Zeit, dann lasse auch ich Seyðisfjörður hinter mir.
Die ersten Meter laufen noch leicht, dann wird es anstrengender, jedoch nicht so sehr wie befürchtet. Auch wenn die Steigung bisweilen zweistellige Prozentzahlen erreichen soll, im kleinsten Gang erklimme ich sie. Dass ein zügiger Wanderer mich zeitweise dabei überholen könnte? Stört mich nicht. Ich kann mich an der neuen Umgebung gar nicht satt sehen. Überall her sprudelt Wasser, überflutet Wiesen, stürzt in ersten Wasserfällen über Felskanten, dazu die klare, frische Luft, die Entfernungen kürzer erscheinen lässt, als sie sind, der blaue Himmel, wärmende Sonnenstrahlen, erst kleinere Altschneefelder, je höher ich komme, desto geschlossener werden sie. Überholt mich nicht gerade ein Auto oder kommt mir eines entgegen, manchmal absolute Stille. Nur das eigene Atmen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie einige meiner Mitreisenden auf dem Schiff Island in zwei Tagen erleben wollen. Erst mit dem Bus in den Norden, zum Myvatn, dem Mückensee, dann in den Süden, zum Jökulsárlón, dem Ort, an dem ein riesiger Gletscher kalbt. Zwischendurch beziehungsweise danach zurück auf die Fähre, um zu übernachten und die Rückreise anzutreten. Zu Gesicht bekommen sie einiges, tauschen möchte ich mit ihnen nicht – da würde mir zu viel entgehen.
Nachdem der Pass geschafft ist, geht es abwärts. Abschnittweise ebenso steil wie aufwärts. Was nervt, ist das Quitschen der Scheibenbremsen. Verlässlich scheinen sie, aber das Getöse stört. An einer Stelle bin ich froh, ein Auto vor mir zu haben. Es wirbelt eine Staubwolke auf. Dort, wo der Asphalt für ein paar Meter fehlt, ein kleiner Absatz besteht und Schotter liegt. Ich mag nicht darüber nachdenken was hätte passieren können, wäre ich ungebremst da hinein gefahren. Als ich später nachschaue, welche Höchstgeschwindigkeit ich erreicht habe, trotz der Bremserei, bin ich fast erschrocken. 60 Stundenkilometer.
Kurz vor Egilsstaðir entdecke ich einen Rastplatz. Umzäunt, mit einem Gedenkstein an einen Herrn, der sich in der Gegend verdient gemacht hat. Ich nutze die Gelegenheit, schalte das Handy aus dem Flugmodus und melde mich bei Ute. Als wir miteinander sprechen habe ich Schwierigkeiten, Worte hervorzubringen. Tränen stehen mir in den Augen. Einerseits ist es schön, ihre Stimme zu hören, andererseits fühle ich mich überwältigt. Die frischen Eindrücke, die Zeit auf der Fähre, die Bekanntschaften, die Gespräche, allen voran die mit Egid – es ist so intensiv.
Hatte ich vor den ersten Islandkilometern meine Bedenken mit dem zu überwindenden Hügel, so bin ich im Nachhinein froh, mir für den ersten Tag nicht mehr vorgenommen zu haben. Nicht jedoch aufgrund der körperlichen Anstrengungen, einzig und allein wegen der mentalen, wobei ich es nicht als Anstrengung empfinde. Will einfach erst einmal in Ruhe mit dem Kopf ankommen. Isländische Kronen sind zu besorgen, ein Einkauf zu erledigen, eine warme Dusche wäre nicht schlecht und ein paar Klamotten schreien dringend nach Wasser und Seife. Das T-Shirt trug ich jeden Abend, während der Überfahrt zog ich es nicht mehr aus, Socken und Unterhose hatte ich an Bord auch nicht zu wechseln, und all das nach einem langen Tag auf dem Rad, das ist mir zu viel. Ich will die Zeit auch genießen, wenigstens ansatzweise versuchen, Eindrücke zu verarbeiten. So wird es von der Distanz her nicht mehr als eine Feierabendrunde, bevor ich den Dingen nachkomme, die ich erledigt haben möchte, auf dem Campingplatz auf Franzosen stoße, die ich bereits in Hirtshals kennen lernte, ich mir ein Nudelgericht aus der Tüte koche und einmal mehr meine Gedanken in Worte fasse – nur halt erstmalig auf Island.



Bericht zurück
2016-05-23
Seitenanfang
2016-05-24
Bericht vor
2016-05-25



Mit dem Rad von Köln nach Formentera - es geht auch anders ...




Newsletter

Sie wollen per E-Mail über neue Einträge auf dieser Seite informiert werden?
Kein Problem!
Klicken Sie auf Newsletter und folgen Sie den dort beschriebenen Anweisungen.




Live Vortrag

Zurzeit ist leider nichts geplant, die Liste unter Vorträge wird jedoch ständig aktualisiert.
Falls Sie selbst Interesse haben, mich einzuladen oder Sie einen Veranstalter kennen, treten Sie gerne mit mir in Kontakt. Es erwarten Sie unterhaltsame anderthalb bis zwei Stunden Fotoshow mit live vorgetragenen Erlebnissen und Anekdoten sowie Musik untermalten Passagen. Für Fragen oder einen kleinen Plausch stehe ich Ihnen während einer kurzen Pause oder im Anschluss gerne zur Verfügung und ich würde mich freuen, Sie persönlich kennen zu lernen!




Werbung in eigener Sache

Der Reisebericht der Radtour 2011 von Köln über Barcelona nach Formentera ist unter dem Titel "Urlaub, mal anders" (ISBN: 978-3-7309-0754-2) als E-Book für kleines Geld im Handel erhältlich.

Kennen Sie das?
Sie haben den Supermarkt gerade hinter sich gelassen da fällt Ihnen ein, was Sie unbedingt besorgen wollten - dann aber doch vergessen haben. Das ist nicht nur on tour blöd, sondern Zuhause ebenso. Und da Stift und Zettel sich häufig genug nicht in greifbarer Nähe befinden, der kleine elektronische Störenfried hingegen schon und weil es obendrein viel praktischer ist: verwenden Sie, sofern Sie es nicht bereits tun, Pruedis Einkaufsliste.
Die App für Ihr Android Smartphone, der Sie nicht nur vertrauen können, die Sie nicht mit Werbung belästigt, die auf das Wesentliche reduziert ist, die sich einfach bedienen lässt und die auch dort funktioniert, wo es vielleicht mal kein Internet gibt.
Sie kennen Pruedis Einkaufsliste noch nicht? Dann wird's aber Zeit - jetzt kostenlos testen!