Reisetagebuch

2016-05-01
2016-05-02
2016-05-03
2016-05-04
2016-05-05
2016-05-06
2016-05-07
2016-05-08
2016-05-09
2016-05-10
2016-05-11
2016-05-12
2016-05-13
2016-05-14
2016-05-15
2016-05-16
2016-05-17
2016-05-18
2016-05-19
2016-05-20
2016-05-21
2016-05-22
2016-05-23
2016-05-24
2016-05-25
2016-05-26
2016-05-27
2016-05-28
2016-05-29
2016-05-30
2016-05-31
2016-06-...
2016-07-...
Bilder

2016-05-30

30. Tag: 76 Kilometer (Gesamt: 2068); 174 Höhenmeter; 96 Meter max. Höhe
Strecke: Breiðabólsstaður (07:45 Uhr) – Skaftafell (16:15 Uhr)
Wetter: unterschiedlich bewölkt, ab Nachmittag leichter Regen bei 11° beziehungsweise vormittags bei Sonnenschein 15°

Was kann einem ein Tag bringen, bei dem man schon beim Aufstehen das Gefühl hat, alles richtig gemacht zu haben. Gut, so viel zu früher Stunde kann noch nicht schief gelaufen sein, doch als ich das Zelt aufschlage und den blauen Himmel sehe, da gerate ich schon in eine leichte Euphorie. Die Sonne ist um 05:30 Uhr noch nicht ganz über den Berg, aber die Gletscherlagune hebt sich kontrastreich vom Hintergrund ab. Mit dem Meer vor mir ist es nicht anders. Warum ich mir so früh den Wecker gestellt habe? Ich will den See, in den das Eis des Vatnajökull kalbt, vor den Menschenmassen erreichen, von denen mir berichtet wurde. Mein Plan geht auf. Gut zwei Stunden später ist selbst auf der Straße noch nichts los. Auf den 14 Kilometern zu einer der Attraktionen des Lands begegnen mir gerade mal ein halbes Dutzend Autos. Nicht, dass es auf dem Asphalt sonst keine ruhige Minute gibt, aber so wenig Verkehr hatte ich bislang noch nicht. Anstelle motorisierter Verkehrsteilnehmer, die an mir vorbei rauschen, überhole ich einen Wanderer. Fahre ein paar Meter neben ihm her, bringe in Erfahrung, dass er Franzose ist und auf der Insel zu Fuß umher pilgert, dann verabschieden wir. Bis gleich, am Jökulsárlón. Ein paar Minuten später ist es ein Autofahrer, der neben mir seine Geschwindigkeit drosselt. Wir fahren ein Stück weit nebeneinander her. Im Wesentlichen bin ich es, der Rede und Antwort über das Woher und Wohin steht, dann schaue ich den Rücklichtern hinterher.
Am Etappenziel angekommen bin ich zunächst einmal ein wenig enttäuscht. Hatte mir die Lagune größer vorgestellt. Statt dessen sehe ich sie nahezu erst vor mir, als ich die Brücke, die sie vom Meer trennt, vor mir habe. Ansonsten bin ich einmal mehr tief beeindruckt. Eine handvoll Autos steht bereits auf dem Parkplatz, einige Eisberge schwimmen im Wasser, und es ist eine herrliche Ruhe. Die Gesichter, in die ich blicke, sehen wahrscheinlich aus wie meines. Ergriffen. Leise tropfen sie dahin, die Eisblöcke, mal wankt einer kräftig, kippt dann aber doch nicht um, und die Farben – faszinierend. Schimmerndes Blau, tiefes Weiß, andere mit schwarzen Spuren. Wie ich später erfahre, Zeugen eines Vulkanausbruchs. Ich wandere ein wenig um den See herum, dann wird das Frühstück nachgeholt. Mülsi mit Blick auf die Gletscherlagune. Gesellschaft leistet mir dabei der Franzose, der eine Mitfahrgelegenheit fand und wahrnahm. Nach einer guten Stunde wird es lebhafter. Der Souvenirladen öffnet, ebenso der Ticketschalter für die Rundfahrten über das Gewässer und ich tappe in die erste Touristenfalle. Eine Fahrt im Amphibienfahrzeug. Touren im Schlauchboot werden erst ab dem ersten Juni angeboten, Kajaks hat man nicht im Programm. Das Vergnügen kostet mich 5.000 ISK (etwa 35 Euro), dauert gerade mal eine halbe Stunde, wovon fast ein Drittel mit Rangieren auf einer Schotterpiste vergeht. Hinaus bis an die Abbruchkante geht es nicht. Einmal in die Mitte, um ein paar Eiskolosse herum, dann reicht eine Begleitung aus einem Schlauchboot ein Stück Eis rüber und der Tourguide spult sein Programm ab. 1000 Jahre alt, die Farben, der Gletscher, der jedes Jahr 100 Meter an Länge verliert, die Lagune, die das ganze Jahr über nicht zufriert, darauf hin darf jeder das Prunkstück in die Hand nehmen und ein Stück probieren. Hat zwar Gänsehaut-Charakter, das Ganze, ist aber viel zu schnell vorbei, und schon heißt es wieder Platz nehmen, das Fahrzeug rumpelt über Land und die Schwimmwesten werden einkassiert. Was bleibt ist das Gefühl, das man vom Ufer aus auch nicht weniger sieht. Okay, die Scholle mit den Seehunden hatte ich zuvor nicht entdeckt, wäre aber wahrscheinlich bei einem ausgedehnteren Spaziergang auch nicht außen vor geblieben.
Als ich den Parkplatz verlasse bin ich froh, so früh den Weg aus den Federn gefunden zu haben. Es wird immer voller, mit der Ruhe ist es vorbei. Auf der anderen Seite der Brücke hingegen, Richtung Strand, bin ich wieder nahezu allein. Zwei Autos stehen dort. Davon einer ein Kleinbus mit einer Aufschrift einer deutschen Fotosafari. Die Teilnehmer schwirren irgendwo ein Stück weiter herum, ich begnüge mich mit wenigen Schritten an das Meer. Entdecke kleine Eisstücke, halte noch einmal die Kamera darauf, dann lasse ich Jökulsárlón hinter mir.
Keine 10 Kilometer weiter befindet sich Fjallsárlón. Die nächste Gletscherlagune. Nicht gar so spektakulär, nicht gar so überlaufen, die Eisberge auf engerem Raum zusammen gequetscht, die Abbruchkante des Gletschers vom Ufer aus hingegen deutlich zu erkennen. Eine Familie aus Bayern debattiert mit dem Nachwuchs. Der trauert noch immer einer Fahrt mit dem Amphibienfahrzeug hinterher. Versuche, das Verpasste zu relativieren, gelingt mir aber nicht. Solch ein schwimmfähiger Karren, der lässt das Kinderherz schon höher schlagen.
Die restlichen 50 Kilometer des Tages sind zur Abwechselung mal schnell und ohne sonderliche Strapazen erledigt. Moderate Steigungen sowie leichter Rückenwind machen es möglich. Die Landschaft: nichts Neues. Zur Rechten ein auslaufender Hang nach dem anderen, manch einer sieht aus wie im Ruhrpott eine Halde, zur Linken das Meer, dazwischen die Straße und Mondlandschaft. Geröllwüsten. Grün? Nur spärlich gesät. Nichts desto trotz, ich genieße das Karge, das Raue, die Weite, auch wenn nach Umfahren eines Hügels das Wetter umschlägt. Statt blauem Himmel ein grauer, statt 15° nur noch 11°, wie eine Wetterstation am Straßenrand anzeigt, später kommt noch leichter Nieselregen hinzu. Keine guten Voraussetzungen, um länger irgendwo zu verweilen. Auf dem Campingplatz lerne ich schließlich noch ein jüngeres Radler Pärchen aus den Vereinigten Staaten kennen. Wir quatschen, bis der Regen zunimmt und jeder sich in seine schützende Unterkunft verzieht – einen Aufenthaltsraum oder Küche gibt es nicht.
In einem Gespräch mit Ute erfahre ich schließlich noch, dass Tim, unser Jüngster, die Abschlussprüfung seiner Berufsausbildung bestanden hat. Glückwunsch! Bleibt lediglich bei dem tröpfelndem Nass auf das Tuch der Behausung das vage Gefühl, dass der nächste Tag ein grausamer werden könnte: wenn es darum geht, das feuchte T-Shirt von der Leine auf die Haut zu bekommen …



Bericht zurück
2016-05-29
Seitenanfang
2016-05-30
Bericht vor
2016-05-31



Mit dem Rad von Köln nach Formentera - es geht auch anders ...




Newsletter

Sie wollen per E-Mail über neue Einträge auf dieser Seite informiert werden?
Kein Problem!
Klicken Sie auf Newsletter und folgen Sie den dort beschriebenen Anweisungen.




Live Vortrag

Zurzeit ist leider nichts geplant, die Liste unter Vorträge wird jedoch ständig aktualisiert.
Falls Sie selbst Interesse haben, mich einzuladen oder Sie einen Veranstalter kennen, treten Sie gerne mit mir in Kontakt. Es erwarten Sie unterhaltsame anderthalb bis zwei Stunden Fotoshow mit live vorgetragenen Erlebnissen und Anekdoten sowie Musik untermalten Passagen. Für Fragen oder einen kleinen Plausch stehe ich Ihnen während einer kurzen Pause oder im Anschluss gerne zur Verfügung und ich würde mich freuen, Sie persönlich kennen zu lernen!




Zum "mitnehmen"

Der Reisebericht der Radtour 2011 von Köln über Barcelona nach Formentera ist unter dem Titel "Urlaub, mal anders" (ISBN: 978-3-7309-0754-2) als E-Book für kleines Geld im Handel erhältlich.

Kennen Sie das?
Sie haben den Supermarkt gerade hinter sich gelassen da fällt Ihnen ein, was Sie unbedingt besorgen wollten - dann aber doch vergessen haben. Das ist nicht nur on tour blöd, sondern Zuhause ebenso. Und da Stift und Zettel sich häufig genug nicht in greifbarer Nähe befinden, der kleine elektronische Störenfried hingegen schon und weil es obendrein viel praktischer ist: verwenden Sie, sofern Sie es nicht bereits tun, Pruedis Einkaufsliste.
Die App für Ihr Android Smartphone, der Sie nicht nur vertrauen können, die Sie nicht mit Werbung belästigt, die auf das Wesentliche reduziert ist, die sich einfach bedienen lässt und die auch dort funktioniert, wo es vielleicht mal kein Internet gibt.
Sie kennen Pruedis Einkaufsliste noch nicht? Dann wird's aber Zeit - jetzt kostenlos testen!