Reisetagebuch

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Bilder

2016-06-03

34. Tag: 104 Kilometer (Gesamt: 2370); 214 Höhenmeter; 72 Meter max. Höhe
Strecke: Skógar (10:15 Uhr) – Selfoss (19:00 Uhr)
Wetter: sonnig, 17°, 4 Bft. S

Ein weiterer Tag, der einiges an Überraschungen parat hält. Zunächst aber einmal beginnt er wie erhofft und laut Wettervorhersage prognostiziert. Mit viel blauem Himmel. Das den Wasserfall niemand abgestellt hat, ist nicht zu überhören. Trotz des Getöses habe ich wunderbar geschlafen. Es der Wecker der mich daran erinnert, dass ich um 07:30 Uhr aus den Federn steigen wollte. Die Tage zuvor war es die Sonne. Sie scheint zwar auch, braucht aber ihre Zeit, um über den Hügel zu kommen und wärmende Strahlen auf meine Behausung fallen zu lassen. Das absolute Highlight ist dann das Frühstück. Das Müsli ist zwar kein anderes als die letzten Tage auch, Kakao wie Kaffee sind gleichfalls identisch, aber im Sitz zurück gelehnt die ersten Happen und Schlücke zu genießen, während die Sonne wärmt und nur wenige hundert Meter vor mir das Wasser 60 Meter in die Tiefe stürzt, das hat schon was. Als mich dabei ein älterer Herr einer Reisegruppe anspricht und wir auf das Thema Übernachten zu sprechen kommen, fällt mir nur ein, dass ich diesen Morgen mit keinem Hotelzimmer der Welt tauschen mag. Kann natürlich sein, dass ich meine Meinung nach drei Tagen Dauerregen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt revidieren würde, aber in diesem Moment? Nein Danke!
Nach gut 20 Kilometern dann der nächste Wasserfall. Seljalandfoss. An sich sind es mehrere Sturzbäche nebeneinander, die da aus einigen Metern Höhe den Hügel hinunter donnern, aber das besondere an dem einen ist, dass man dahinter her laufen kann. Dass das keine ganz trockene Angelegenheit ist, dürfte sich von selbst verstehen. Dafür gibt es je nach Standpunkt und Einfallwinkel der Sonnenstrahlen Regenbögen dazu. Der letzte namhafte Wasserfall an diesem Tag ist in meinen Augen eigentlich keiner, eher Stromschnellen, aber nicht weniger sehenswert. Urriðafoss steht dazu am Wegesrand sowie in der Karte. Laut einer Hinweistafel die Wasser reichste Stelle Islands. Durchschnittlich 350 Kubikmeter pro Sekunde, im Frühjahr auch schon mal das drei- bis vierfache. Um ihn zu sehen, verlässt man die 1, folgt einer zwei Kilometer langen Holperpiste, dann steht man davor und kann beziehungsweise sollte dem kurzen Fußweg über Lavakrümel folgen. Wundert man sich dann wie es geschehen kann, dass sich ein schwarzer Stein Strom aufwärts bewegt, stellt man bei genauerem Hinsehen vielleicht fest, dass es gar kein Stein ist, der sich da bewegt, sondern ein Seehund. Und schaut man noch genauer und geduldiger hin, dann entdeckt man vielleicht sogar einen zweiten oder gar dritten. So ergeht es mir zumindest. Wie viele es tatsächlich sind? Schwer zu sagen. Die meiste Zeit verbringen die Tiere unter Wasser. Das gegen den Strom schwimmen macht gewiss hungrig, und fischreich soll er sein, der Wasserlauf.
Eine andere Sache, die unschwer zu ignorieren ist, ist, dass der Verkehr zunimmt. Anstatt minutenlang der einzige zu sein, der auf der Straße ist, überholt mich ein Fahrzeug nach dem anderen. Und wenn niemand von hinten naht, kommt jemand von vorne. Problematisch wird es, wenn beides gleichzeitig geschieht, was auch nicht selten vorkommt. Für manch einen Fahrzeugführer scheint Sicherheitsabstand sich darauf zu beschränken, dass man bestenfalls weiß, wie das Wort geschrieben wird. Die Bedeutung ist offensichtlich unklar. Nun sehe ich schon zu, dass ich mir einen Meter zur Rechten frei halte und diesen erst dann aufgebe, wenn der Fahrer im Rückspiegel ansatzweise meine Geschwindigkeit fährt, trotzdem gibt es den einen wie anderen, der sich auf gewagtere Überholmanöver einlässt. Und ob jede Hupe, die ich höre, freundlich gemeint ist, bezweifele ich mittlerweile auch.
Was ebenfalls zunimmt ist die Anzahl der Radfahrer, denen ich begegne. Der erste hat den Wind vor der Brust, dem Anschein nach sein Tempo gefunden und nicht motiviert, mir den Kopf zuzuwenden. Zwei weitere haben gerade an der nächsten Kreuzung wieder Fahrt aufgenommen, grüßen aber freundlich zurück. Die vierte Begegnung ist kommunikationsfreudiger. Wie sich nach dem „where do you come from“ herausstellt, ebenfalls aus Deutschland. Eine Frau in meinem Alter. Sie klingt allerdings ziemlich frustriert. Der Verkehr, das Wetter, und überhaupt und sowieso. Den Weg nach Reykjavík hinein habe sie abgebrochen. Auf der Straße ging es ihr zu rücksichtslos zu, da ist sie kurzerhand auf den Bus umgestiegen. Bei nächster Gelegenheit sei sie um 3.000 ISK für eine Übernachtung auf einem Campingplatz erleichtert worden, kräftig nass geworden sei sie ebenfalls, nun der Gegenwind – sie überlegt bereits, ab der Gletscherlagune wieder umzukehren. Ich bilde mir ein, aus den fünf Wochen, die sie zur Verfügung hat, könne man mehr machen. Versuche, sie ein wenig mit meiner Begeisterung für die Dinge anzustecken, erzähle ihr von meiner letzten Übernachtung und dass es für sie auf der Straße ruhiger werden sollte, dann geht es weiter. Für mich zur Abwechselung mit dem Wind im Rücken. Schalte sogar bei 22 km/h Hügel aufwärts noch einen Gang höher. In Hvolsvöllur lege ich einen kurzen Verpflegungsstop am Supermarkt ein, vertilge den größten Teil des Einkaufs unmittelbar und mache dabei die nächste Bekanntschaft. Der Typ macht einen etwas seltsamen Eindruck. Gibt sich als Biologe sowie Anthropologe aus, der auf Island lebt, dort wandert und als Anhalter größere Distanzen überbrückt. Letzteres klingt nicht ungewöhnlich, der Rest, den er von sich gibt, schon. Im Gespräch zieht er kräftig über die einheimische Bevölkerung her, lässt auch andere Nationen nicht all zu gut weg kommen und findet auf deutsch für die Polen wiederholt nur eine abfälligere Bezeichnung. Die Erfahrungen der von mir erlebten Gastfreundschaft wertet er ab. Vordergründig vielleicht, aber hinter dem Rücken? Da wird gelästert. Und dumm seien sie, die Menschen. Dumm, einfältig und engstirnig. Er habe das beobachtet. Sie unterschieden sich von ihrem Verhalten her nicht von Schafen, Kühen oder Schweinen. Als ihm entfährt, dass man sie ausrotten solle, merkt er wohl, dass er in mir keinen Gleichgesinnten gefunden hat während mir bewusst wird, dass ich dem Anschein nach auf einen Vertreter einer nicht mehr existierend geglaubten Spezies gestoßen bin. Typ Herrenrasse. Gab's ja mal, in der Geschichte Deutschlands. Kein rühmliches Kapitel der Geschichte. Die Unterhaltung findet jedenfalls ein recht abruptes Ende. Hätte ich nicht während der Zeit meine Mahlzeit verdrückt, ich hätte den investierten Minuten hinterher getrauert. So bleibt es dabei, dass mir während der Fahrt Gesprächsfetzen durch den Kopf schwirren und die wenigen Kilometer bis Hella, einem für mich eher glanzlosen Ort, dahin fliegen. Erst der bereits erwähnte Urriðafoss mit den erspähten Seehunden bringt mich wieder auf andere Gedanken.
Angenehmer sind ebenso die Gespräche mit den Mitcampern im letzten Ort für den Tag, in Selfoss. Franzosen, Kanadier, Deutsche, darunter einige Radler – sie alle geben sich tolerant und von dem Land begeistert, keiner grenzt den anderen aus – es ist ein angenehmes Miteinander. Einzig kleiner Wermutstropfen: auf meine Anfrage an einen Warmshower Gastgeber in Reykjavík erhalte ich nicht die erhoffte Antwort. War aber auch recht kurzfristig – die Nacht zuvor. Komme ich am nächsten Tag genau so gut voran wie diesen, so werde ich wohl mit dem Campingplatz der Hauptstadt für die kommende Nacht vorlieb nehmen müssen.



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