Reisetagebuch

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Bilder

2016-06-13

44. Tag: 40 Kilometer (Gesamt: 2893); 669 Höhenmeter; 542 Meter max. Höhe
Strecke: Dynjandifoss (10:30) – Þingeyri (16:15)
Wetter: sonnig, 13°, 4 Bft. N

„You're awesome! You're awesome!“ - „Du bist großartig!“ Der Asiat hinter dem Steuer, der mir mit seinem Mietwagen entgegen kommt, ist ganz aus dem Häuschen. Seine drei Beifahrer ebenfalls. Die Fenster sind herunter gekurbelt, Arme mit nach oben gerichteten Daumen ragen bis zum Anschlag heraus. „That's awesome.“ lasse ich es zurück tönen und kreise mit der Hand um mich, wo sich zur Linken der Fjord befindet und zur Rechten eine Felswand ansteigt. Darüber ein strahlend blauer Himmel. Aus den Gedanken haben sie mich gerissen, die Verrückten. So wie ich drauf bin, kann mich jedoch im Moment nichts erschüttern. Ich habe trotz tosenden Wassers hinter mir gut geschlafen, die morgendliche Szenerie genossen und losgefahren in dem Gefühl, angekommen zu sein. Wo? Schwer zu sagen. Island, die Reise, das Leben? Würde mein Dasein jetzt und hier ein Ende finden, es wäre ein Moment, wie man ihn sich nur wünschen kann. Die äußeren Umstände sorgen dafür, dass ich eine tiefe innere Ruhe verspüre. Seelenfrieden. Es ist so unglaublich, einfach nur zu sein. Und ich habe an diesem Morgen den Eindruck, nicht der Einzige zu sein, der so empfindet. Vor dem Dynjandifoss gibt es die, die einfach nur auf der Wiese liegen, oder den älteren Österreicher, der zusammen mit seinem Sohn unterwegs ist, der ebenfalls lediglich auf der Holzbank sitzt und die Naturkulisse auf sich wirken lässt. Meine Zeit scheint aber noch nicht gekommen. Es gibt noch ein Danach. Bleibt die Frage: was tun? Abwarten? Nee, kann es auch nicht sein. Da mir nichts Besseres einfällt, radle ich einfach weiter entlang der Route, die ich mir Zuhause überlegt habe. Ganz langsam, auch wenn es manchmal schneller möglich wäre. Genieße die sentimentalen Gedanken sowie die Umgebung, die von Wasser geprägt ist, das mal talwärts plätschert, andere Male rauscht oder tost beziehungsweise im Fjord nahezu unbewegt scheint. Fasziniert nehme ich wahr, wie Enten vor mir auf dem Ableger des Meeres Reißaus nehmen, dabei nicht richtig abheben und kleine Wellen mit ihren Flügelschlägen hinterlassen. Oder entdecke am Ufer den Kopf einer Robbe oder eines Seehundes, der kurz darauf wieder untertaucht. Mehrfach bin ich so ergriffen, dass Tränen kullern. Schämen tue ich mich ihrer nicht. Bleibe irgendwann stehen, ziehe die Mundharmonika aus der Tasche, schließe die Augen und spiele das, was Ute und mir in Schweden in Hjo am Vättern See jemand mit auf den Weg gegeben hat. Ein paar Takte aus Doris Days „Sentimental Journey“.
An der Stelle, an der der Weg vom Arnarfjöður abknickt, stoße ich auf ein Schild, dass meine Stimmung erklärt: der Fjord ist einer der größten und spektakulärsten Islands. Er ist umgeben von steilen Bergen und Tälern, die starke und mystische Eindrücke hinterlassen. Berühmt ist er für die Schönheit der Landschaft, die renommierte Persönlichkeiten und Künstler hervorgebracht hat. Unglaublich – und ich durfte diesen Geist spüren, ihn erleben.
Dass die Straße über den nächsten Pass eine der beschwerlichsten ist, die bislang auf meinen Wegen lagen, stört nur wenig. Ich habe ja Zeit – und diese tiefe innere Gelassenheit. Es muss die Piste sein, vor der ich gewarnt wurde. Steil, manchmal matschig, jedoch nicht so sehr, dass das Rad einsinkt. Einige hundert Meter schiebe ich, gute zwei Stunden kosten mich die sieben Kilometer, in denen ich die dreifache Höhe von Formenteras Mola erklimme. Wiederholt bekomme ich den nach oben gestreckten Daumen entgegen kommender Autofahrer zu sehen, auf dem Gipfel begegne ich zwei Motorradfahrern aus Belgien. Vater und Sohn. Während die beiden mit respektvollen Worten meine Leistung honorieren, hält ein Amerikaner im Auto und gibt zum Besten, dass er ja Zuhause auch Motorrad fahre, aber die Strecke hätte er sich nicht zugetraut. Ich will ihm empfehlen, es doch vielleicht besser unmotorisiert zu versuchen, da ist der Fuß aber schon wieder auf dem Gaspedal.
Die Talstrecke nehme ich in bewährter Weise. Da weiterhin geschottert, mit nicht mehr als 20 km/h, wobei mich selbst bei diesem Tempo ein kalter Luftzug frösteln lässt. Gehe ich davon aus, den anstrengenden Teil überwunden zu haben, so werde ich kurz vor Þingeyri eines Besseren belehrt. Noch einmal sind 50 Meter Höhenunterschied zu überwinden.
Im Ort schließlich vor der Tankstelle die Frage, ob es auch einen Supermarkt oder ein Lebensmittelgeschäft gäbe. Mit einiger Verständnislosigkeit bekomme ich zu hören, dass ich da noch 100 Kilometer weiter müsse. Also eine Limo aus der Tanke, die auch Bananen sowie weitere nicht ganz unwesentliche Artikel für das tägliche Leben im Sortiment führt. Nur ein Stück Kuchen für 500 ISK, 3,50 Euro, bin ich mir nicht wert. Die knappe Hälfte dessen gebe ich statt dessen im örtlichen Schwimmbad aus, um mich im dortigen Hot-Pot aufzuwärmen und zu entspannen. Bei der Gelegenheit lerne ich nicht nur einen Kanadier kennen, dessen familiäre Wurzeln im Ort liegen, sondern gleichfalls eine junge Frau, die mittlerweile zwar hier lebt, allerdings ganz woanders groß wurde – in Dortmund, Märkische Straße. Wie klein die Welt doch sein kann. Großartig weiter kommen wir jedoch nicht ins Gespräch, es entwickelt sich eher in Richtung des Nordamerikaners, der lebendige Ahnenforschung erfährt.
Auf dem Campingplatz, nachdem die warme Mahlzeit des Tages gerade verputzt ist, dann aber wieder Gesprächspartner für mich. Caroline und Sandy kommen plötzlich mit ihren Rädern um die Ecke. Ganz unvorbereitet bin ich nicht, Zeltnachbarn aus Osnabrück erwähnten bereits, dass sie auf der Talfahrt ein Radlerpärchen überholten, aber es gibt ein herzliches Wiedersehen und reichlich Gesprächsstoff, bevor ins Bewusstsein rückt, dass da noch eine Behausung zu errichten ist. Really awesome.



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Mit dem Rad von Köln nach Formentera - es geht auch anders ...




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