Reisetagebuch

2016-05-...
2016-06-01
2016-06-02
2016-06-03
2016-06-04
2016-06-05
2016-06-06
2016-06-07
2016-06-08
2016-06-09
2016-06-10
2016-06-11
2016-06-12
2016-06-13
2016-06-14
2016-06-15
2016-06-16
2016-06-17
2016-06-18
2016-06-19
2016-06-20
2016-06-21
2016-06-22
2016-06-23
2016-06-24
2016-06-25
2016-06-26
2016-06-27
2016-06-28
2016-06-29
2016-06-30
2016-07-...
Bilder

2016-06-21

52. Tag: 66 Kilometer (Gesamt: 3390); 388 Höhenmeter; 90 Meter max. Höhe
Strecke: Hvammstangi (11:00) – Vesturhópsvatn (17:45)
Wetter: leicht bewölkt, 13°, 5 Bft. NO

Auch wenn mein Aufenthalt auf Island mittlerweile in die fünfte Woche geht, die Insel begeistert mich weiterhin nahezu jeden Tag aufs Neue. Zunächst ist es an diesem Tag die Zwanglosigkeit, mit der die Reise behaftet ist. Es gibt keine konkreten Verpflichtungen, kein bestimmtes Ziel, das zu erreichen ist, lediglich die vage Vorstellung, wo ich am Abend mein Zelt als nächstes aufbauen könnte. Sofern ich es nicht einfach stehen lasse. Einen Grund, in Hvammstangi mehr als einen Tag lang zu bleiben, sehe ich aber nicht. Statt dessen komme ich noch einmal mit Angelika und Burkhard, meinen Zeltplatznachbarn, die mich am Vorabend zum Essen einluden, ins Gespräch. Und das ist das Schöne – man quatscht, ohne auf die Uhr zu schauen, irgendwann geht es schon weiter. Wenn nicht früher, dann später. Wann und wo ich die Radelei beende, tut eigentlich ebenso nicht viel zur Sache. Lediglich den Abreisetermin gilt es im Auge zu behalten, aber der ist noch weit genug entfernt. Und seit meinem gefühlsduseligen Moment am Dynandi, angekommen zu sein, reise ich ohnehin einigermaßen tiefenentspannt. Was ich zu Gesicht bekomme, ist gut, und wenn ich nicht alle Sehenswürdigkeiten abklappere, die ich mir vorgenommen habe, dann ist es auch gut – dafür wird der Rest um so intensiver gewesen sein oder ich anderes erlebt haben. So wie an diesem Tag.
Die Umrundung der Halbinsel Vatnsnes stand ursprünglich überhaupt nicht auf dem Plan, doch der Verkehr auf der Ringstraße sowie die Empfehlung der Recklinghausener Motorradfahrer in Hólmavík ließen mich umdisponieren. Die ersten Kilometer aus Hvammstangi heraus habe ich noch Asphalt unter den Rädern. Schon glaube ich, elektronische wie papierene Karte seien nicht mehr aktuell, da verwandelt sich der Untergrund in das, was ausgewiesen ist: Schotterpiste. Was mal wieder in keiner Orientierungshilfe vermerkt ist, ist der Wind. Mag aber daran liegen, dass er täglich in Stärke und Richtung variiert. Ich habe zumindest so langsam den Eindruck, dass er ein hervorragender Wegweiser ist. Solange er ins Gesicht bläst, bin ich richtig. Gut, gar so extrem ist es nicht, aber gelegentlich werde ich dieses Gefühl nicht los. Und auf mindestens der Hälfte der Strecke irre ich mich damit nicht, wobei die Intensität keine Zweifel aufkommen lässt.
Landschaftlich wird es lieblicher. Nicht mehr die schroffen Hänge, sondern flachere. Weite Flächen sind landwirtschaftlich genutzt, entweder es weiden Pferde oder es wächst Gras. Schafe gibt es nahezu überall. Zwischendurch dann wieder ein blaues Schild am Straßenrand sowie einige an dem entsprechenden Parkplatz stehende Autos. Robben. Auch ich nutze die Gelegenheit, nach zwei Stunden Treterei andere Muskeln zu beanspruchen. Vom Ufer aus sind sie dann unschwer zu erkennen. Zwei Tiere, denen das Begaffen und fotografiert werden nichts ausmacht – sie räkeln sich auf ihrem Felsen.
Ein paar Kilometer weiter ein Restaurant, das mit Sea Food lockt. Scheint ebenso anzukommen. Vor der Tür wird es eng für neue Gäste, die einen Abstellplatz für ihren fahrbaren Untersatz suchen. Für mich geht es ohne Halt weiter. Das Reisebudget. Selbst auferlegte Beschränkung. Dafür gönne ich mir mehr Zeit als die meisten anderen, die ich spreche, und will nicht tauschen.
Was mich mehr irritiert ist, dass mir viele derer, die mich überholen, entgegen kommen. Den Fahrer eines Kleinbusses mit Rendsburger Kennzeichen spreche ich an. Ist ja nicht schwierig, auf der Piste jemanden anzuhalten. Da kaum jemand unterwegs ist, kann man auch mal auf der Straße quatschen. Meine Sorge erweist sich jedoch einmal mehr als unbegründet. Die Umkehr zumindest dieses Pärchens erfolgt nicht aufgrund einer Wegsperrung oder Unbefahrbarkeit der Piste.
Als eindrucksvoll empfinde ich auch das Geschehen über der Straße. Vom Meer her ziehen Schwaden über das Land, hüllen nicht mal 200 Meter hohes Gestein in Dunst.
Nach der Umrundung des Kaps, natürlich nicht ohne steilere Passagen, wechselt das Bild. Über den hier schmalen Fjord hinweg eine breite, flache, schwarze Fläche vor einer 100 100 Meter hohen Erhebung, dahinter, aus den Wolken aufragend, ein massiverer Fels mit Schneefeldern. In der Karte finde ich lediglich die Bezeichnung Hvitserkur, im Reiseführer keinerlei Hinweise. Ich kann nur vermuten, dass es sich um einen Vulkan mit davor liegendem Lavafeld handelt.
Während ich noch fasziniert bin von der Aussicht, überholen mich zwei Motorradfahrer. Mit Recklinghausener Kennzeichen. Ich bekomme nur mit, ich solle mich nicht so breit machen, auf der Straße. Für mehr Worte reicht es nicht, ich hätte mich gerne für den Tipp bedankt, doch bei dem Gerappel, den Motor- sowie den Windgeräuschen ist nicht mehr drin, und dann sind sie schon wieder weg, die beiden auf ihren Gelände tauglichen Maschinen.
Ein paar Meter weiter gibt es einen Rastplatz sowie ein Hostel. Nach fünf Stunden Fahrt genau das, was ich brauche. Zudem Schutz vor ein paar Regentropfen sowie vor allem – dem Wind. Zu einer Limo gibt es Kleinkram aus dem Proviantbeutel, als plötzlich eine kleinere Reisegruppe den Verkaufsraum betritt, der gleichzeitig die Rezeption der Unterkunft darstellt. Spanier. Sie haben reserviert, zahlen, nehmen ihre Schlüssel in Empfang und betrachten die Souvenirs, die es zu kaufen gibt. Ich spreche sie an. Aus San Sebastian kommen sie und sind ganz überrascht, dass jemand aus Deutschland ihre Sprache spricht. Als ich Formentera erwähne, leuchten ihre Augen. Auch eine tolle Insel, ein kleines Paradies, da war man natürlich ebenfalls schon. Über den Weg dorthin, den ich mir ausgesucht habe, den Camino del Cid, können sie mir hingegen nichts sagen. Klar, Cid, den Volksheld, den kennt man, aber die Gegend? Heiß sei es dort, im Sommer, aber ob es dort ebenso hügelig ist wie auf Island – man weiß es nicht. Nun denn, immerhin schön, auch mal wieder ein paar Brocken in der zweiten Fremdsprache zu wechseln.
Die nächste Konversation kommt so gut wie ohne gesprochene Worte aus, ist aber dennoch verständlich. Bereits als ich aus der Ferne den Vesturhópsvatn, einen etwa sieben Kilometer langen See, erblicke, steht für mich fest: dort das Zelt aufschlagen, das wär's! Ein Autofahrer, der aus einem kleinerem Weg vor mir auf die Schotterpiste abbiegt, versteht meine Zeichen falsch, grüßt nur und fährt weiter. In zwei Häusern, an denen ich anklopfe, scheint niemand Zuhause zu sein, zumindest ist alles still und es gibt keine Reaktion. Entsprechend fahre ich den Stichweg weiter, der am Ufer endet. Dort ist ein älterer Herr gerade dabei, seinen Fang zu sortieren. In seinem Boot steht ein Eimer, darin landen die Fische, die wohl zum Abend auf den Tisch kommen. Auf meine Frage in englisch, ob ich hier mein Zelt für eine Nacht aufstellen dürfe, nur ratlose Blicke. Also Zeichensprache. Zelt, aufs Ohr legen – der Mann versteht. Kein Problem. Nach oben gerichteter Daumen, Nicken.
Ob das Wasser des Sees Fluss- oder Meerwasser sei? Auch hier hilft die Handbewegung. Trinken. Die Antwort interpretiere ich als ein Ja, kommt aber nicht so überzeugend beziehungsweise umgehend wie zuvor. Der Mann druckst ein wenig herum, ich probiere ein paar Tropfen am Finger. Es ist nicht salzig, enthält vielleicht ein paar Schwebeteilchen, letztendlich aber Kopfnicken von meinem Gegenüber.
Während ich das Zelt aufbaue, fährt der Isländer von dannen, steht aber keine Viertelstunde später wieder vor mir. Mit einer zwei Liter Flasche Wasser in der Hand, die er mir reicht. „Fresh water“, die Trinkbewegung. Ich bin mal wieder begeistert, bedanke mich mit Takk fyrir, Hand auf's Herz, leichter Verbeugung – und kann den Filter, den ich mir extra aus den Tiefen meines Gepäcks ins Zelt gelegt habe, unbenutzt lassen.
Wieder allein widme ich mich schließlich der Körperreinigung sowie der Wäsche. Das Wasser im See ist zwar frisch, erfüllt aber seinen Zweck. Ein paarmal untertauchen, und schon fühle ich mich besser. Bewunderte ich tags zuvor noch die Einheimischen, wie sie nach dem Hot-Pot in das Eisbecken stiegen, so komme ich mir bei der Gelegenheit selbst vor wie ein Wikinger. Selbst der Wind ist in diesem Augenblick halbwegs erträglich. Trocknet sogar. Mag aber daran liegen, dass unter strahlend blauem Himmel die Sonne ihren Teil dazu beiträgt.
Hätte ich all das bereits am Morgen gewusst, es hätte gar keine Zweifel gegeben, wohin der Weg zu führen hat. So aber die schöne Erkenntnis: unverhofft kommt oft. Oder aber, um es in den Worten der Reiselektüreautorin auszudrücken: the trail provides you …



Bericht zurück
2016-06-20
Seitenanfang
2016-06-21
Bericht vor
2016-06-22



Mit dem Rad von Köln nach Formentera - es geht auch anders ...




Newsletter

Sie wollen per E-Mail über neue Einträge auf dieser Seite informiert werden?
Kein Problem!
Klicken Sie auf Newsletter und folgen Sie den dort beschriebenen Anweisungen.




Live Vortrag

Zurzeit sind 2 Veranstaltungen geplant, die Liste unter Vorträge, in der Sie Details zum Wann, Wo und Worüber finden, wird jedoch ständig aktualisiert.
Falls Sie selbst Interesse haben, mich einzuladen oder Sie einen Veranstalter kennen, treten Sie gerne mit mir in Kontakt. Es erwarten Sie unterhaltsame anderthalb bis zwei Stunden Fotoshow mit live vorgetragenen Erlebnissen und Anekdoten sowie Musik untermalten Passagen. Für Fragen oder einen kleinen Plausch stehe ich Ihnen während einer kurzen Pause oder im Anschluss gerne zur Verfügung.
Ich freue mich über Ihren Besuch und bin gespannt darauf, Sie kennen zu lernen!




Werbung in eigener Sache

Der Reisebericht der Radtour 2011 von Köln über Barcelona nach Formentera ist unter dem Titel "Urlaub, mal anders" (ISBN: 978-3-7309-0754-2) als E-Book für kleines Geld im Handel erhältlich.

Kennen Sie das?
Sie haben den Supermarkt gerade hinter sich gelassen da fällt Ihnen ein, was Sie unbedingt besorgen wollten - dann aber doch vergessen haben. Das ist nicht nur on tour blöd, sondern Zuhause ebenso. Und da Stift und Zettel sich häufig genug nicht in greifbarer Nähe befinden, der kleine elektronische Störenfried hingegen schon und weil es obendrein viel praktischer ist: verwenden Sie, sofern Sie es nicht bereits tun, Pruedis Einkaufsliste.
Die App für Ihr Android Smartphone, der Sie nicht nur vertrauen können, die Sie nicht mit Werbung belästigt, die auf das Wesentliche reduziert ist, die sich einfach bedienen lässt und die auch dort funktioniert, wo es vielleicht mal kein Internet gibt.
Sie kennen Pruedis Einkaufsliste noch nicht? Dann wird's aber Zeit - jetzt kostenlos testen!