Reisetagebuch

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Bilder

2016-07-08

69. Tag: 29 Kilometer (Gesamt: 4327); 1046 Höhenmeter; 1059 Meter max. Höhe
Strecke: Kerlingarfjöll (13:30) – Kjölur/Árbúðir (16:30)
Wetter: bewölkt, 6°, 5 - 6 Bft. N

Geburtstag! Und was für einer! Nicht nur das Wetter, auch die weiteren Erlebnisse sind einmal mehr außergewöhnlich. Es beginnt damit, dass ich zusammen mit Andrea, der nur wenige Jahre jüngeren Radlerin aus Bonn, um kurz vor 08:30 Uhr zu der Wanderung aufbreche, die ich am Vorabend vertagte. Statt Bilderbuchwetter mit blauem Himmel und Sonnenschein hängen die Wolken tief und es ist leicht nieselig.
Ohne, dass wir uns verabredet hätten, kreuzen sich Andreas und meine Wege in der Küche des Campingplatzes und wir sind uns einig – gemeinsam soll es losgehen. Gut eingepackt ist es Minuten später soweit. Meine Zeltnachbarin schreitet zügig voran, der Trampelpfad führt recht steil einen Hügel empor. Auf ebeneren Abschnitten bleibt Atem zum Quatschen, dazwischen liegen immer wieder Anstiege sowie das eine oder andere Altschneefeld, durch das wir stiefeln. Dazu kommt, dass der Wind immer heftiger wird und uns plötzlich ein Schnee- und Graupelschauer horizontal um die Nase weht. Liegen bleibt zwar nichts, auf der Wetterseite an unseren Klamotten dauert es aber einen Moment, bis der Griesel wieder wegtaut. Von der sagenhaften Landschaft ist zunächst nicht viel zu entdecken, bis wir schließlich auf einem Grat stehen, von dem es rund herum steil abfällt. Wir sind uns einig, zusammen los zu marschieren, das war nicht verkehrt. Rutscht hier einer aus, so ist noch jemand da, der Hilfe herbei rufen kann. Andererseits verschlägt es uns nach und nach die Sprache. Unter uns ein Bild wie von einem anderen Planeten. Welch ein Farbspektrum! Von erdig braun bis rötlich schimmernd ist alles dabei, dazwischen graues Gestein, schwarze Flecken, leuchtendes Grün, schwefliges Gelb bis hin zu Schneeresten mit Blaustich. Die Stimmung ist unbeschreiblich, wir sind fasziniert. Beschränkten sich die bisher gesehenen Solfatarenfelder auf überschaubare Flächen, so steigt hier überall an den Hängen sowie dazwischen, wo sich Bäche entlang schlängeln, Rauch auf. Vielerorts brodelt und blubbert es, im Dampf der schon vertraute Geruch fauler Eier. Dazu das Ganze umgeben von Schneefeldern. Tue ich mich normalerweise schwer mit dem Superlativ, so fehlen mir die Worte. Unglaublich, atemberaubend oder faszinierend können lediglich die Eindrücke beschreiben, nicht jedoch das, was wir sehen, riechen oder fühlen können. Genoss ich bislang derartige Momente allein und war bis hin zu Tränen gerührt, so habe ich hier jemanden an meiner Seite, mit dem ich das Erlebnis teilen kann. Ein Besser oder Schlechter gibt es nicht, beides möchte ich nicht missen.
Kalkulierten Andrea und ich zuvor, wie lange wir für die Wanderung unterwegs sein würden, bevor es wieder auf das Rad geht, so gerät Zeit in Anbetracht dieser Kulisse zur Nebensache. Irgendwann schlagen wir den Weg ein, der mit Fahrzeugen erreichbar ist, um einen Blick auf die Schlucht zu werfen, die vom Wanderpfad aus nicht zu sehen ist. Außerdem verbinden wir damit die Hoffnung, nicht die gesamte Strecke zurück laufen zu müssen, sondern vielleicht von jemanden mitgenommen zu werden. Abermals haben wir Glück. Der Canyon liegt gerade hinter uns, da kommt von hinten ein Geländewagen heran. Ein Pärchen junger Franzosen. Kaum ist der Daumen ausgestreckt, halten die beiden an, machen die Rücksitzbank für uns frei und kurze Zeit später geht es deutlich entspannter und weniger der Kälte ausgesetzt weiter – in der Anzeige des Außenthermometers im Armaturenbrett steht immerhin 2°, Andrea fröstelt arg und auch mir ist Wärme nicht unangenehm. Ein paar Worte mit den netten Franzosen und kurze Zeit später setzt uns das Pärchen am Campingplatz ab und verabschiedet sich mit einer Visitenkarte. „Trip In Wild“, so steht es dort in dicken Lettern, mit dem Verweis auf eine gleichnamige Seite im Internet – www.tripinwild.fr. Was dort nachzulesen ist werde ich erst nach meiner Reise in Erfahrung bringen, einstweilen reicht es mir, die Adresse nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Nach der Rückkehr zum Ausgangspunkt gibt es weiterhin nichts, was uns zur Eile treibt. Zusammen mit meiner jüngsten Reisebekanntschaft gönnen wir uns noch einen Kaffee, genehmigen uns einen Schokomuffin, sind uns einig, dass man von letzterem noch mehrere vertilgen könnte, dann hat uns das Nomadenleben wieder: Zelt abbauen, Rad bepacken, herzliche Umarmung und einstweilen Abschied nehmen, wie wir uns kennen gelernt haben. Andrea will noch etwas zu sich nehmen, ich fahre schon einmal vor.
Der Stichweg zurück auf die 35 verläuft wie der Hinweg. Holperig, nicht frei von Steigungen, erneut mit Schiebepassagen. An einem der Anstiege, die ich sitzend empor strampele, hält ein Auto. Hinter herunter gekurbeltem Fenster grinsen mich Fahrer und Beifahrer an. An sich bedarf die Begegnung keinerlei Worte, dennoch bekomme ich nach kurzer Pause zu hören: „Seems you have fun.“. In der Tat, Spaß, den habe ich, und es wird nicht schwer sein, ihn mir anzusehen. Weniger an der Nasenspitze als eher an dem Ausdruck, der mir im Gesicht zu stehen scheint. Wahrscheinlich ein fettes Grinsen von einem Ohr zum anderen. Entsprechend fällt meine Antwort aus verbunden mit dem Hinweis, doch selbst die Straße bis ans Ende zu fahren. Höflich hake ich noch nach, wo meine Bewunderer herkommen, erfahre „from Orgeon“, es folgt einmal mehr ein „gute Reise“, dann setze ich meine Fahrt fort.
Etwas kürzer verläuft der nächste Kontakt auf der Straße. Ich strample gerade mit höherer Trittfrequenz ein paar Meter empor, da bekomme ich aus einem weiteren vorbeifahrenden Geländewagen zu hören „You are my hero!“. Ich kann nur hoffen, dass der Mann das ebenso denen mit auf den Weg gab, die im Gegensatz zu mir an diesem Tag wirklich heldenhaftes leisten, nicht den Wind im Rücken haben. Es bläst nämlich weiterhin kräftig. Andrea wird damit klarkommen, Albrecht, dem ohnehin schon leicht gestresste Radler vom Vortag, dürfte der Gruß besonders gut tun, und auch die beiden Neuseeländer, die aus meiner Gegenrichtung kommend kurz vor mir
ihr Zelt am nächsten Übernachtungsstopp aufschlugen, hätten ihn sich verdient. Wie ich auch bei derartigen Verhältnissen zuvor kapitulierten sie nach gut 30 Kilometern vor der Naturgewalt. Ich hingegen bin weiterhin total beseelt von dem, was ich an diesem Tag erleben durfte und freue mich zudem, Utes Stimme trotz widriger Mobilfunkverbindung zu hören. All denen, die mich ebenfalls mit Glückwünschen bedachten oder dies probierten, ebenso vielen Dank, auch wenn sie mich an diesem Tag nicht erreichen. Schöner hätte ich mir den Beginn eines neuen Lebensjahres kaum vorstellen können.



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Mit dem Rad von Köln nach Formentera - es geht auch anders ...




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