auf den Spuren von Ute & Dirk Prüter

Ostfrieslandrunde

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Das erste mal campen, die erste mehrtägige Radtour - zur Vorbereitung auf die größere Runde Richtung Barcelona.
Mit dem Auto und den Rädern auf der Heckklappe machten wir uns auf nach Leer - jeglichem Aberglauben zum Trotz an einem Freitag den 13'ten. In gemütlichem Tempo ging es über die Autobahn. A3, A2, A31 - alles ohne größere Staus und Probleme. Zwischendurch eine kurze Pinkelpause, und weiter, immer geradeaus. Nach dem Emstunnel hatten wir um viertel vor drei unser Ziel erreicht - ein ruhiges Gewerbegebiet am Rande Leers. Der Wagen wurde geparkt und nun hieß es: Räder von der Heckklappe, Fahrradträger abmontieren sowie Packtaschen auf die Gepäckträger - das sah schon anders aus als Flughafenrunde. Jetzt noch raus aus den Jeans, rein in die Fahrradklamotten, und Weiterfahrt per Muskelkraft. Von dem Gepäck war nicht viel zu spüren. Das Wetter meinte es gut mit uns und ab ging es hinter dem Deich entlang. Nach einigen Kilometern verließen wir die vorbereitete Route und wechselten auf einen Weg hinauf auf den Schutzwall. Alle paar hundert Meter mussten Tore geöffnet werden, welche Schafe am Fortlaufen hindern sollten. Nur wenig später standen wir jedoch vor einem quer über den Weg gespannten Weidezaun, in dem sich ein Schaf verfangen hatte, das sich zudem in seiner Aufregung aufgrund unseres Erscheinens weiter verhedderte. Weit und breit war niemand zu sehen und es siegte der Beschützerinstinkt. Meine Frau bückte sich, ich assistierte irgendwann, und gemeinsam befreiten wir das strampelnde Tier aus seiner misslichen Lage und setzten es auf der Seite seiner Artgenossen ab, anstatt es als Abendmahlzeit auf unseren Rädern zu verstauen. Als Ute zu guter letzt den etwas in Mitleidenschaft gezogenen Weidezaun richten wollte, gab es nach einem beherzten Griff um eine Eisenstange Kribbeln als Belohnung - der Zaun stand, bis dahin unbemerkt, unter Strom.
Nach dem kleinen Intermezzo kehrten wir auf die ausgearbeitete Route zurück und setzten unseren Weg planmäßig fort. Sicher vom Navi auf dem Lenker geführt ging es über zuweilen holprige Feldwege Richtung "Grosses Meer", einem Binnensee, an dem der erste Campingplatz lag. Dort angekommen, machten wir unsere ersten Erfahrungen mit dieser Form der Unterkunft. Entgegen der Vorhersage hatte sich das Wetter gehalten, die Sonne wärmte verhalten, doch die meisten Stellplätze auf dem Campingplatz waren leer. Aufgrund der uns überlassenen freien Wahl radelten wir zunächst das komplette Gelände ab und entschieden uns schließlich für einen Platz in unmittelbarer Nähe der Sanitäreinrichtungen. Im Zuge unserer Erkundungsrunde lernten wir 2 ältere Ehepaare kennen, dem Anschein nach rüstige Rentner oder Vorruheständler, die mit Wohnmobil und Rädern unterwegs waren. Während die Männer von Marl aus bereits 300 Kilometer auf dem Sattel hinter sich gelassen hatten, fuhren die Frauen mit dem fahrenden Heim von Campingplatz zu Campingplatz und nahmen dort ihre Gatten in Empfang.
Der Aufbau des Zeltes gelang uns ohne größere Schwierigkeiten. Als problematischer stellte sich eher die Ordnung der restlichen Ausstattung heraus. Obwohl jeder von uns nur 3 Taschen zur Verfügung hatte, wurden für jedes Teil sämtliche Packtaschen durchwühlt, am besten gleich mehrfach; je kleiner der gesuchte Gegenstand, desto aufwändiger die Suche. Hier galt es, schnellstens ein System herein zu bekommen, wobei ich Utes Vorschlag, die Taschen mit einer Inhaltsliste zu versehen, für untauglich abtat. Insofern war der Tipp beim Kauf, dass jeder seine eigene Ecke im Zelt für sich haben sollte und auch der Ein-/Ausstieg am besten individuell zu arrangieren sei, ein wertvoller Hinweis zum Erhalt der Partnerschaft. Eine weitere Erfahrung war die Nutzung der sanitären Anlagen. Auch wenn die zurückgelegte Etappe nicht großartig schweißtreibend gewesen war, so durfte die Nutzung der Dusche nicht außen vor bleiben. Beim Betreten des Campingplatzes sprach man uns darauf an, in welchem Umfang uns nach Duschen zumute war. Der Hintergrund der Frage war, dass je 4 minütigem Schauer eine Duschmünze zu erwerben war. Der Preis von 75 Cent pro Wertmarke blieb im Rahmen, und eine zwischenzeitliche Pause beim Einseifen sollte auch die Uhr ruhen lassen. Während mir die Zeit alle Male ausreichte und ich letzten Endes die Dusche vorzeitig abstellte, ließ meine Frau sich vom warmen Nass berieseln, bis kein Tropfen mehr kam. Zudem musste sie feststellen, dass in ihrem Gepäck ein Reisefön fehlte, den jedoch bereitwillig eine Mitcamperin zur Verfügung stellte - auch eine nette Erfahrung.
Pünktlich zum Sonnenuntergang gegen 21 Uhr begaben wir uns auf die Futtersuche. Eines der Restaurants in unmittelbarer Nähe des Campingplatzes hatte den Küchenbetrieb gerade eingestellt, doch ein gegenüber liegendes Hotel hatte seine Pforten noch geöffnet. Auch wenn unser Outfit nicht unbedingt dem Ambiente entsprach, so ließ man uns nicht lange warten. Entsprechend der Region orderten wir Fischgerichte und wurden nicht enttäuscht. Anderthalb Stunden später kam man freundlich auf uns zu und fragte, ob wir zahlen und die gastliche Stätte verlassen könnten - der Koch des Hauses hatte zur Hochzeitsfeier geladen und man wollte sich das Ereignis nicht entgehen lassen. Verständnisvoll wie wir sind, kamen wir der Bitte nach, was der Chef des Hauses wiederum zum Anlass nahm, uns mit einem Schluck selbst aufgesetzten Feuerwassers zu versorgen; so soll es sein. Kurze Zeit später, der klangvolle Name des nordischen Gebräus war bereits wieder verflogen, lagen wir durch die Reißverschlüsse unserer Schlafsäcke voneinander getrennt in unserem Zelt, ließen den Tag noch ein wenig Revue passieren und harrten der ersten Nacht quasi unter freiem Himmel - wie aufregend ...
Der nächste Morgen brachte eine gewisse Ernüchterung mit sich. Der Himmel war grau und Wolken verhangen, die Wiese um uns herum voll Tau, und Ute hatte schlecht geschlafen. Die geliehene Luftmatratze war ihr zu hart aufgeblasen gewesen, und überhaupt und sowieso. Der Abbau des Zeltes und anschließende Aufbruch verliefen ähnlich wie Ankunft und Aufbau - unproblematisch. Die ersten Meter mit dem Rad führten uns an der Stelle vorbei, an der wir am Vorabend den Sonnenuntergang sahen und zum Abendessen einkehrten. Da uns für das Frühstück nichts besseres einfiel, stoppten wir erneut, erkundigten uns nach den Möglichkeiten und beteiligten uns ausgiebig am Frühstücksbuffet, welches an sich für die Hotelgäste gedacht war. Als wir um kurz nach 11 Uhr aufbrechen wollten, ließ uns die Hotelbesitzerin mit einem Blick auf die Wolkendecke wissen, dass da etwas auf uns zukommen werde. Doch egal, wir wollten unsere Tagesetappe wie geplant umsetzen und ließen uns nicht bange machen. Ich schlüpfte in meine Regenhose und zog die Kapuze der Regenjacke über den Fahrradhelm, während meine Begleiterin zusah, dass sie ihren Anorak einigermaßen wettertauglich zu bekam. Wir saßen kaum auf den Rädern, da begann auch der Regen. Mangels entsprechender Beinkleider waren die meiner Frau auch relativ zügig nass und es begann für sie, unangenehm zu werden. Doch das Glück ließ nicht lange auf sich warten. An einer Kreuzung im nächsten Dorf entdeckten wir ein Geschäft mit dem Schriftzug "Regenjacken 24". Voller Hoffnung betrat Ute den Laden. Nur wenige Minuten später folgten ihr 2 Motorradfahrer, deren Beine ebenso wenig regenfest bekleidet schienen. Weitere Minuten verstrichen, bevor die Frau meiner Wahl wieder vor mir stand - neu ausgestattet mit einer Angler grünen Regenhose. Wie sie berichtete, gab es noch genau 3 Regenhosen, so dass auch für die Motorbiker noch Aussicht auf Erfolg bestand.
Irgendwann ließ der Regen nach, so dass auch der langsam durchnässte Anorak wieder trocknen konnte. Nach entspannter Radelei bei wieder blauem Himmel erreichten wir Norddeich. Von der Nordsee war nicht fiel zu sehen, es war Ebbe, dafür stürmte es jedoch um so kräftiger. Wir fuhren zum Hafen, machten ein paar Fotos und legten eine kurze Rast an einer Fischbude ein. In der Sonne genossen meine Frau und ich ein Krabben- bzw. Fischbrötchen, bevor es auf dem Deich entlang westwärts Richtung Strand weiterging. Zwar sah der Plan vor, dort ein Stück mit Blick auf Norderney, Juist und Borkum weiter entlang zu radeln, doch der Wind machte einen Strich durch die Rechnung. Anstatt uns, wie vorhergesagt, zu unterstützen, blies er uns direkt entgegen. Mal mehr hinter dem Deich, mal weniger, erreichten wir nach anderthalb Stunden Greetsiel - Zeit für eine weitere Pause und ein Kännchen Ostfriesentee zum Aufwärmen. Die Wolken hingen zeitweise bedrohlich tief und dunkel vor uns am Himmel, doch wir hatten Glück und mussten keine weiteren Regenschauern über uns ergehen lassen.
Um 18:00 Uhr machten wir uns auf zur letzten Etappe des Tages. Auch wenn Utes Kilometerzähler nur noch 5 Kilometer erahnen ließ, so hatten wir noch etwas mehr als das Doppelte aufgrund diverser Umwege vor uns. Nicht nur der Wind hinderte uns an einem raschen Fortkommen, auch der Weg hinter dem Deich wurde immer beschissener, was aber in keinem kausalen Zusammenhang miteinander stand, sondern eher auf die dort weidenden Schafe zurückzuführen war. Eine gute Stunde später lag der Campingplatz vor uns; der Name "Am Deich" war nicht falsch gewählt. Die Rezeption war bereits nicht mehr besetzt, doch nach einem Druck auf die Klingel ließ man uns nicht lange warten und auch die Anmeldeformalitäten waren schnell erledigt. Der Platz war ein wenig größer als der des Vortags und wir erhielten diesmal klare Anweisungen, wo wir unser Zelt aufzuschlagen hatten. Wir saßen bereits wieder auf den Rädern um dorthin zu gelangen, als mir einfiel, dass wir vergessen hatten darauf hinzuweisen, dass uns auch nach Duschen zumute war. Also erneute Betätigung des Klingelknopfes, einen Augenblick warten und Anliegen vortragen: "Wie funktioniert das bei Ihnen mit den Duschen?"
Die Antwort war ebenso hilfreich wie überraschend: "Einfach den Knopf drücken, dann sollte Wasser kommen." So einfach kann das Leben sein!
Auf der uns zugewiesenen Wiese standen bereits 2 Zelte aufgebaut. Wir wählten einen uns genehmen Platz zwischen den beiden Zelten und begannen mit dem Aufbau. Da der Wind noch immer kräftig blies, verwendeten wir diesmal sämtliche Heringe, um unser Dach über dem Kopf wettergerecht zu sichern. Kaum stand unsere Behausung, lernten wir einen unserer Nachbarn kennen; ein Holländer, der mit seiner Frau ebenfalls per Rad unterwegs war. Die beiden kamen aus Amsterdam und hatten vor, innerhalb von 4 Monaten eine 6000 Kilometer lange Radwanderroute abzufahren, die sie entlang der Nordseeküste nach Schweden, und von dort weiter nach Norwegen und quer durch England zurück in ihre Heimat führen sollte - klang auch nicht schlecht.
Nach einer Dusche stand das Abendessen an. Diesmal wurden wir in dem dem Campingplatz angeschlossenen Restaurant fündig. Als wir das nüchtern und zweckmäßig gehaltene Lokal betraten, waren nur noch einige wenige Tische besetzt; eine gute Stunde später erging es uns zu etwa gleicher Stunde wie am Abend zuvor - die Bedienung schloss hinter uns die Pforten. Anstelle der ostfriesischen Variante eines Chupitos wurde uns diesmal vor dem Kehraus ein Nachtisch serviert, der nicht auf der Speisekarte erwähnt war. Liebevoll in ein Dessertglas umverpackt gab es Fruchtjoghurt aus dem Becher - wir gingen mal davon aus, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht ganz überschritten war, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass wir von andernfalls eventuell möglichen Verstimmungen des Verdauungstraktes verschont blieben.
Der Versuch der anschließenden Nachtruhe muss für Ute als gescheitert erklärt werden. Dem Bekunden nach fand sie erst zu fortgeschrittenerer Stunde in den Schlaf, lauschte dafür aber einem heftigen Schauer und konnte attestieren, dass unser Zelt diesem Stand hielt. Gegen Morgen muss sie aber dennoch tiefer eingedöst sein, da es sie einige Mühen kostete, ihren muckelig warmen Schlafsack wieder zu verlassen.
Dennoch schafften wir es, um kurz vor 10 Uhr wieder auf unseren Rädern zu sitzen. Ein letzter Blick über den Deich, und mit dem Wind im Rücken ging es über Feld- und Fahrradwege nach Emden. In der Stadt selbst folgten wir einem Weg durch einen Grüngürtel, passierten zahlreiche Kanäle und schauten zu, wie ein Motorboot eine 4-torige Schleuse passierte. Anschließend ging es weiter über Felder zum Vorort Petkum. Meine Planung sah vor, hier die Ems mit einer Fähre zu überqueren und dieser auf der anderen Seite bis Leer zu folgen, bevor wir nach einer abermaligen Uferwechsel, diesmal per Brücke, an unseren Ausgangspunkt zurück gelangen sollten, ohne einen Meter doppelt gefahren zu sein. Als wir an dem Fähranleger standen, war von dem Boot weit und breit nichts zu sehen. Dafür fielen meiner Frau die leichten Wellenkämme auf, die der Wind über das Wasser trieb und welche ihr Unbehagen bereiteten. Laut Fährplan sollte die nächste Überfahrt in einer dreiviertel Stunde stattfinden. Da an dem Anleger nichts los war, machten wir kehrt und fuhren zu einem Café zurück, an dem wir zuvor bereits mit einem erfolglosen Blick auf eine Speisekarte kurz gehalten hatten. Auf der Terrasse trocknete diesmal eine Bedienung die Stühle und verteilte Sitzkissen. Gäste hatten sich bis dahin noch nicht eingefunden. Wir fragten, ob wir noch ein Frühstück bekommen könnten, erhielten aber nicht die erhoffte Antwort. Es war bereits 1 Uhr Mittags und die Kellnerin bot uns Kuchen an. Dann halt das! Als Ute sich nach der Fähre erkundigte, konnte ich meine schöne Tourenplanung und die Vorstellung, keinen Kilometer doppelt zu fahren, über den Haufen schmeißen.
"Auf den ollen Kahn würde ich bei dem Wetter nicht steigen!"
Entsprechend packte ich bei Kaffee und Kuchen den Mini Rechner aus und schaute, ob sich auf die Schnelle noch eine attraktive Alternative finden ließe, doch Fehlanzeige. Nach einer Stunde ging es über einen Fahrradweg entlang der Straße hinter dem Emsdeich zurück Richtung Leer, wobei das letzte Stück der Strecke identisch war mit dem unseres Starts - nur halt in Gegenrichtung.
Doch wie auch immer, es war eine schöne Tour, ich wäre am liebsten direkt weitergeradelt, aber noch gab es einige Arbeitstage wie auch kleinere Vorbereitungen zu absolvieren, bevor die Fahrt Richtung Katalanen Metropole folgen sollte.