auf den Spuren von Ute & Dirk Prüter

Spezi 2018

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Was mich 2014 erstmals bewog, nach Germersheim zur Spezi zu pilgern? Ich vermag es nicht mehr so genau zu sagen.
Vielleicht das Vortragsprogramm. Dorothee Krezmar und Kurt Beutler berichteten von ihrer 10 jährigen Fahrradweltreise. Wahrscheinlich aber kam eines zum anderen.
Den Antrittsbesuch trat ich noch alleine an. An einem Freitag Nachmittag schnappte ich mir meinen roten Flitzer, den Z3, warf Zelt, Schlafsack, Luftmatratze, Zahnbürste und das Nötigste in den kleinen Kofferraum, nächtigte auf dem Campingplatz in Lingenfeld und kam zwei Tage später ziemlich angefixt wieder zurück. Bereits die Atmosphäre auf der Zeltwiese war inspirierend. Bei ein paar Regentropfen war sofort jemand zur Stelle der mir half, meine Behausung zu errichten, anschließend war ich „mitten drin“. Ich war einer von zahlreichen, die es liebten, mit dem Rad zu reisen. Es herrschte eine Stimmung wie am Lagerfeuer. Jeder hatte was zu erzählen, man lauschte dem anderen.
Nicht weniger faszinierte die Spezialradmesse selbst. Der Name war Programm. Kaum ein Rad, wie es üblicherweise auf der Straße zu sehen ist. Exoten dafür um so mehr. Liegeräder, Dreiräder, Falträder, Tandems, Mehrsitzer, Lastenräder, Velomobile, Anhänger und dergleichen mehr. Serienmodelle, Prototypen, Eigenkonstruktion. Vehikel mit Vorderradantrieb, Ruderantrieb, Stepper, kombinierte Hand- und Fußkurbeln, vieles davon zum selber Fahren auf einem Testparcours oder rund um das Ausstellungsgelände. Egal aber, womit man sich gerade beschäftigte – man war umgeben von Gleichgesinnten. Es wurde gefachsimpelt, geschwärmt, geträumt – es war die wahre Freude. Entspannt, locker, ungezwungen.
Die Begeisterung nach der Rückkehr schwappte schnell über. Schon im nächsten Jahr war Ute mit dabei. Anschließend stellte sich die Frage erst gar nicht mehr, ob sie mitkommen wollte. Der Termin im Kalender war gesetzt. Letztes Wochenende im April – Spezi.

Dem geregelten Arbeitsleben entrückt war im vergangenen Jahr hingegen eine ganz andere Entscheidung zu treffen. Erneute Anreise mit dem Auto oder Köln – Germersheim aus eigener Kraft. Bereits nach dem zweiten Messebesuch wurde der Roadster gegen ein Liegedreirad eingetauscht, im Jahr darauf Island damit unter die Räder genommen, da sollte es ja wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch ich zur Messe auf adäquatem Untersatz anrollte. Schon fast bei der Premiere meines Messebesuchs schaute ich den Pedalisten neidisch hinterher, wenn sie vom Campingplatz kurbelten oder die Räder vor der Bäckerei parkten. Kollidierten aber 2017 noch meine Vorstellungen mit Utes Urlaub, die etwa drei Stunden mit dem Auto sind für uns nicht in gleicher Zeit aus den Oberschenkeln heraus bewältigt, so ist uns 2018 wohler gesonnen. Mag aber auch daran liegen, dass meine Holde sich seit dem jüngsten Jahreswechsel selbst stolze Besitzerin eines Gefährts nennen darf, das mit meinem Trike nahezu baugleich ist. Wie aber auch immer – wichtiger ist, dass Ute den Mittwoch und Donnerstag vor der Messe frei bekommt, den folgenden Montag ebenso, der Maifeiertag auf den Dienstag fällt und sie die dazwischen liegenden Tage ohnehin nicht zu arbeiten braucht. Somit sollte die Hinfahrt unproblematisch zu bewerkstelligen sein, für den Rückweg gehen wir davon aus, bis Koblenz zu radeln und das letzte Drittel der Strecke mit der Bahn zurück zu legen. Immerhin gibt es eine Regionalbahnlinie, die an der Moselmündung startet und an unserem Wohnort vorbei führt.
Ebenso liefert Naviki, ein kostenloser Internet-Radroutenplaner, günstige Aussichten. Die kürzeste Route zwischen Haustür und dem Campingplatz in Lingenfeld berechnet er mit knapp 270 Kilometern. Einzig kleiner Haken: um Alzey herum ist es hügeliger und Ute tut sich noch schwer damit, Steigungen auf drei Rädern zu meistern. 300 Höhenmeter weniger verspricht eine 30 Kilometer längere Route über Nieder-Olm, nochmals 20 Kilometer mehr macht der Bogen aus, den der Rhein um Mainz herum schlägt. Wir entscheiden uns für den Weg über die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt.
Was bleibt ist die Aussicht auf zwei gut 100 Kilometer lange Etappen. An sich für unsere Verhältnisse ein wenig zu viel des Guten, doch auch minimaler Luxus hat seinen Preis: anders findet sich auf halber Strecke zwischen Lahnstein und unserem Reiseziel keine warme Dusche.
Lahnstein? Der Ort unweit von Koblenz steht als Wegpunkt bereits fest. Zwar würde eine Übernachtung auf einem Zeltplatz ein paar Kilometer weiter eine der 100 Kilometer Etappen etwas reduzieren, doch lebt ein Onkel von Ute in Lahnstein und die Reise ist eine willkommene Gelegenheit, ihm mal wieder einen Besuch abzustatten. Wir sind bereits für eine Übernachtung bei ihm angemeldet.
Ebenso wenig wie freie Tage und Route macht die Wettervorhersage einen Strich durch die Rechnung. An die sommerlichen Verhältnisse der voran gegangenen Wochen kommt die Prognose nicht heran, doch auch mit Tageshöchsttemperaturen zwischen 12° und 18° und nur mäßiger Schauerneigung lässt es sich radeln. Hinzu kommt, dass laut Campingplatzwart die Vorderpfalz als Schönwetterregion bekannt ist. Pfälzer Wald und Odenwald halten dickerer Wolken regelmäßig ab, die Gegend rund um Germersheim sei statistisch überdurchschnittlich häufig von der Sonne verwöhnt. Nahezu ideale Voraussetzungen also, dass der Ausflug zu einer rundum gelungenen Tour werden könnte.

Dienstag Nachmittag, nach Utes Feierabend und einem schnellen Happen aus der Hand, geht es los. Die Taschen sind bereits gepackt, das Anbringen am Rad hält nicht all zu lange auf und auch sonst gibt es nichts, was dem Aufbruch im Wege steht. Wie geplant ziehen wir die Tür um vier hinter uns zu.
Was folgt, unterscheidet sich von einer abendlichen Runde nur wenig. Es geht über die Felder gen Bonn. Erst zwei Tage zuvor beendeten wir eine Tour in entgegen gesetzter Richtung. Zusammen mit unserem Sohn Nick und seiner Freundin Judith pedalierten wir in die ehemalige wie provisorische Bundeshauptstadt. Überquerten wir dabei die Konrad-Adenauer-Brücke vom Linksrheinischen in das Rechtsrheinische, nach einer Besichtigung der Kirschblüte in der Altstadt, so sind wir diesmal anders herum sowie im weiteren Verlauf flussaufwärts unterwegs. Lockte das schöne Wetter am Wochenende noch zahlreiche Ausflügler auf die Straßen, haben wir bei deutlich bedeckterem Himmel und nur noch 18° statt 25° die Radwege nahezu ganz für uns allein.
Auch die folgenden Kilometer bis zur Rheininsel Nonnenwerth sind uns noch vertraut. Diese klapperten wir drei Wochen zuvor ab. Zum einen, weil das Wetter schön war und wir ein Ziel brauchten, zum anderen um Utes Kondition auf dem Trike ein wenig zu stärken und um zu sehen, wo wir unser Zelt auf dieser Tour aufschlagen könnten. Nach 35 Kilometern ist die Stelle an diesem Dienstag gegen halb sieben erreicht. Der Campingplatz ist wie angekündigt geöffnet, wie erhofft sauber und wie vermutet ziemlich verwaist. Dennoch – mit den bepackten Trikes ziehen wir die Aufmerksamkeit der wenigen Nachbarn auf uns. Ein Ehepaar aus Magdeburg, ein älterer Herr aus Emden sowie ein anderer aus Köln interessieren sich für unsere Fahrzeuge, wir quatschen ein wenig, bieten ihnen an sich davon zu überzeugen, wie bequem es sich auf den Vehikeln sitzt, dann geht jeder wieder seiner Wege.
Am nächsten Morgen um neun setzen wir unsere Fahrt fort. Rolandseck, der Blick auf Königswinter, der Drachenfels sowie das Siebengebirge liegen nicht länger vor uns. Am Wetter hat sich nichts geändert. Nur gelegentlich lugt die Sonne zwischen den Wolken hindurch, ansonsten bleibt es grau. In meiner langärmeligen Windbreakerjacke mit dünnem Shirt darunter fühle ich mich gut aufgehoben. Die Waden bleiben weiterhin blank. Solange wir in Bewegung sind, ist es warm genug, für Pausen warten wir die sonnigen Momente ab.
Der Weg weckt Erinnerungen an vergangene Touren. Allen voran an unsere erste längere Reise nach Barcelona beziehungsweise Formentera. Die Überreste der Brücke von Remagen, die Ahrmündung oder Bad Breisig liegen schon deutlich seltener auf unseren Wegen als ein Abstecher nach Bonn. Nehmen wir bei den Brohler Abfüllanlagen das Angebot an, ein Gratis Getränk zu verköstigen, man gestattet uns sogar, die Trinkflaschen zu füllen, so suchen wir bei Namedy vor Wasser Reißaus. Kurz vor Andernach kommt es tropfenreicher von oben. Was uns hingegen verwehrt bleibt ist ein Blick auf die alle zwei Stunden empor schießende Fontäne aus dem Erdinnern. Wir sprechen kurz zuvor eine Einheimische darauf an, ob Chancen bestehen, vom Geysir etwas zu erspähen, werden aber enttäuscht.
„Früher, da war er zu sehen. Jetzt stehen Bäume davor. Selbst wir als Anwohner müssen mittlerweile ins Besucherzentrum und Eintritt bezahlen, wenn wir den Ausbruch beobachten wollen.“
Entsprechend begnügen wir uns damit, zusammen mit einem anderen Radlerpärchen vor dem einen Naturereignis unter dem Blätterdach eines Baumes Schutz zu suchen und zu wissen, dass da irgendwo ganz in unserer Nähe ein anderes nur gegen Entgelt zu bestaunen ist.

Mehr Glück mit dem Wetter haben wir einige Kilometer weiter. Das Atomkraftwerk Mülheim Kärlich liegt gerade hinter uns, da strahlt der Himmel über uns. Über mögliche kausale Zusammenhänge machen wir uns keine Gedanken. Statt dessen nutzen wir die Gelegenheit, rangieren unsere Gefährte an den Wegesrand und nutzen die Annehmlichkeit, die ein Liegedreirad bietet: Füße hoch, Rücken in den Sitz, Kopf gegen die Stütze und Augen zu – Siesta. Ohne umzufallen, ohne nach einer geeigneten Bank oder Wiese Ausschau halten zu müssen, sogar ohne aufzustehen.
Mit dem Wind im Rücken sind auch weitere Kilometer bis zum Deutschen Eck schnell abgespult. Wo unter den steinernen Augen von Kaiser Wilhelm I. die Mosel in den Rhein strömt und einige Reiseradler für ein Foto posieren, kündigen wir uns bei Utes Onkel an: „Noch eine knappe Stunde, dann sind wir da“.
Nach einer knappen Stunde sind wir da. Der Rhein ist ein weiteres Mal überquert, die Lahn ebenso, dann liegen die alten Stadtmauern Oberlahnsteins sowie eine erste Herausforderung vor uns: wie bekommen wir unsere Vehikel die Nacht über untergebracht? Im Hausflur ist kein Platz, der Abstellplatz vor der Tür nicht so die rechte Alternative, doch Günther ist vorbereitet.
„Stellt die Räder in der Gartenlaube unter.“
Was leicht gesagt ist, entwickelt sich zu einem aufwändigeren Unterfangen. Im Weg steht ein geparktes Auto, dessen Besitzerin einstweilen nicht greifbar ist. Auch ist der Unterstand nicht gar so geräumig, wie er es gerne sein dürfte. Mit vereinten Kräften und ein wenig Taktieren gelingt es dennoch, zwei Trikes auf gefühlt drei Quadratmetern unterzubringen – zur Not lassen sich die Vehikel ja auch einmal zu zweit über ein Auto heben und etwas ineinander verkeilt abstellen.

Bei Blick auf den Rhein und Schloss Stolzenfels nimmt der zweite Abend unserer Tour seinen Lauf. Wir lassen Erinnerungen aufleben, tauschen Neuigkeiten aus und genießen, was der Italiener in der Küche zaubert. Als letzte Gäste verlassen wir schließlich das Restaurant, tauschen uns noch eine Weile in Günthers Wohnzimmer aus, dann rückt so langsam in das Bewusstsein, dass es an den folgenden beiden Tagen anstrengender werden und eine Mütze voll Schlaf nicht verkehrt sein könnte.
Einem gemeinsamen Frühstück folgt am nächsten Morgen kurz nach neun der Aufbruch. Über Braubach und Osterspai bleiben wir erstmals auf diesem Streckenabschnitt rechtsrheinisch. Dass es sich entlang der B42 besser radelt als entlang der B9? Wohl kaum. Auf beiden Seiten rauscht regelmäßig eine Bahn vorbei, Auto wie Lastverkehr unterscheiden sich auch nicht deutlich, nur Radler mit bepackten Rädern scheint es am linken Flussufer mehr zu geben. Entsprechend wechseln wir bei Filsen zurück auf das linke Flussufer, setzen mit der Fähre über und halten uns damit an die Hinweise des Routenplaners. Auf dem Rückweg sollten wir den direkten Vergleich kennen lernen. Von Boppard aus wollen wir ohne den Strom zu überqueren nach Koblenz gelangen. Was wir jedoch nicht ahnen – es soll alles ganz anders kommen als geplant.

Bei weiterhin wechselnd bewölktem Himmel geht es so durch das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Vorbei an einem gut besuchten Sankt Goar, vorbei an der Loreley, gegenüber der wir vor 7 Jahren zelteten, und entlang der B9, die auf diesem Streckenabschnitt direkt neben dem Radweg verläuft. Die Breite des Tals lässt nicht viel Platz, nur die Bahngleise verschwinden hin und wieder in einem Tunnel. Je nachdem, wie der Wind zwischen den Hängen pfeift, haben wir ihn mal im Rücken, mal auf der Brust.
Kurz hinter Bacharach ist es jedoch ein anderer Luftzug, der uns stoppt. Zunächst lässt er uns aufhorchen. Irgend etwas tönt auf dem Asphalt anders als zuvor. Augenblicke später ist die Ursache erkannt. Einer der Reifen schlappt. Ein Platten in Utes rechtem Vorderrad. Dabei hatte ich extra in neue Reifen investiert. In die Unplattbaren. Vielleicht hätte ich sie auch aufziehen sollen. So aber stehen sie im Karton verpackt Zuhause, wie sie geliefert wurden, während der am Rad befindliche einer Scherbe nach gab. Zum Glück sind weder Mantel noch Schlauch komplett hinüber und eine Reparatur vorne kein großes Thema: Rad auf die Seite hieven, Mantel von der Felge wuchten, Schlauch heraus ziehen, Loch suchen, Flicken drauf und alles in umgekehrter Weise wieder fahrtüchtig machen. Inklusive Luft aufpumpen und Flickzeug wieder verstauen eine Angelegenheit von einer guten Viertelstunde. Profis werden in der gleichen Zeit schon wieder die ersten Kilometer hinter sich gebracht haben, wir jedoch brauchen uns mit niemandem zu messen. Bleibt es bei der einen Panne, ist es eine zu verschmerzende Angelegenheit. Fällt halt nur die Siesta entsprechend kürzer aus.
Eine solche halten wir in Bingen. Als wir auf unserem Weg nach Barcelona dort entlang kamen, lernten wir die Liegen in der Hindenburg Parkanlage schätzen, diesmal fläzen wir uns eher aus nostalgischen Gründen auf den Stahlkonstruktionen, minimieren von Günther mit auf den Weg erhaltene Proviantbestände, lassen den Blick über den Rhein hinüber nach Rüdesheim schweifen und schauen auf, wenn sich wieder eine Wolke vor die Sonne schiebt.
Nach einer guten halben Stunde treten wir erneut in die Pedale. Mainz rückt nicht von sich aus näher. Die gut 30 Kilometer radeln sich nicht deutlich anders als die bereits zurück gelegten 55. Die Strecke ist weiterhin eben und flach, nur rücken die Höhenzüge weiter in den Hintergrund. Im Gegenzug haben den Fluss nicht mehr ständig zur Linken, sondern dort weitläufige Auenlandschaften. Wie häufig wir den drei Meter hohen Deich rauf und wieder runter fahren, der uns den Blick auf das Ufer nimmt? Wir zählen es nicht. Was eher auffällt: aufgrund der ferner liegenden Hügel durchfahren wir keine Weinanbaugebiete mehr, sofern haben Kornfelder und Obstplantagen um uns herum. Vor Mainz werden diese abgelöst durch Schrebergärten, anschließend wird es weniger ansehnlich, ist allerdings auch nicht anders in Erinnerung. Wir durchqueren triste Industrie- und Gewerbegebiete, der Radweg führt einige Kilometer entlang eines Autobahnzubringers, durch dichter besiedelte Wohngegenden, erst gegenüber von Kastel blicken wir wieder auf den Strom.
Zügiger voran kommen wir dennoch nicht. Mussten wir zuvor an etlichen roten Ampeln stoppen, fahren wir nun auf der Rheinpromenade einen Hindernisparcours. Bei meinem letzten Besuch ein dreiviertel Jahr zuvor tobte an dieser Stelle ein Volksfest, dieser Tage laufen die Vorbereitungen für ein solches auf Hochtouren. Wahrscheinlich wird spätestens ab dem Wochenende in den Mai flaniert. Verkaufsstände werden aufgebaut, Buden eingeräumt, Wasser- und Stromanschlüsse verlegt – es herrscht geschäftiges Treiben, man wuselt umher, und wir stecken auf unseren Gefährten mittendrin, wollen Kilometer machen, zum nächsten oder übernächsten oder überübernächsten Campingplatz gelangen, es dabei gerne ruhig um uns herum haben.
Nach dem Überqueren der Theodor-Heuss-Brücke wird es langsam wieder beschaulicher. Eine kleinere Fußgängerbrücke über eine Hafenzufahrt bremst uns dort zwar nochmals aus, die Barriere für motorisierte Zweiräder ist auch für uns nicht ohne Absteigen zu bewältigen, anschließend geht es aber. Entlang der Maaraue teilen wir uns die erdige Piste mit zahlreichen Joggern, erklimmen die nächste Brücke, auch der Main will irgendwie überwunden werden, lassen ebenso den Campingplatz von Gustavsburg rechts liegen, dann sind wir wieder im Grünen. Deichweg rechtsrheinisch.
Die letzten zehn Kilometer des Tages ziehen sich für Ute. Hätten wir doch näher an der Stadt unser Zelt aufschlagen sollen? Einige der 100 voran gegangenen Kilometer stecken ihr in den Beinen.
Am Ginsheimer Altrhein wird die Frau meiner Wahl erlöst. Nach ein paar Metern holperigem Kopfsteinpflaster sowie anderthalb Kilometern über staubigeren Untergrund ist der ruhige wie abgelegene Campingplatz eines Nudistenvereins erreicht. Keine Autobahn in der Nähe, keine Bahnlinie, lediglich die B9 über den Rhein hinweg sowie die Einflugschneise des Rhein-Main-Flughafens. Dem Anschein nach startet und landet man an diesem Abend aber überwiegend in anderen Himmelsrichtungen.
Per Telefon wird mir vor dem verschlossenen Tor der Anlage mitgeteilt, dass in wenigen Minuten jemand erscheint, um uns herein zu lassen, und so ist es auch. Wir werden freundlich willkommen geheißen, man macht uns mit den sanitären Einrichtungen vertraut und Minuten später ist die mobile Bleibe zum zweiten Mal auf diesem Trip errichtet. Bei nur noch knapp über 10° in den letzten Sonnenstrahlen des Abends stört es niemanden, dass wir uns in Textilien gehüllt bewegen – die wenigen Dauercamper, die uns über den Weg laufen, halten es nicht anders. Minimalistisch fällt lediglich die warme Mahlzeit des Tages aus. In einem Supermarkt in Mainz fand ich in den Regalen die Nudelgerichte, die einfach nur im Becher mit kochendem Wasser bis zu einer Markierungslinie aufzufüllen sind, man alles fünf Minuten lang quellen lässt, zwischendurch mal umrührt und anschließend weglöffelt – genau das Richtige, um halb zehn, frisch geduscht, halb im Schlafsack kauernd, mit deutlich gelängten Beinen.

Halbwegs ausgeruht, gestärkt mit dem Inhalt einer Tasse Müsli sowie von der Sonne beschienen verlassen wir keine 12 Stunden später die FKK Anhänger, rumpeln zurück auf den Deich und haben es nicht weit bis zur Fähre. Kornsand – Nierstein. Wir brauchen nicht lange an dem Biker-Treff zu warten, dann überqueren wir den Rhein auf dieser Tour ein letztes Mal. Nur wenige hundert Meter später, im nächsten Ort, in Oppenheim, entrücken wir dem Strom einmal mehr. Unsere Route führt uns sanft den Hügel empor und in die Weinberge. Der Weg ist geringfügig kürzer als entlang des Flussufers und liefert zudem ein wenig Abwechselung im Erscheinungsbild. In regelmäßigen Abständen durchfahren wir kleinere Ortschaften, stehen nur selten motorisiertem Verkehr im Wege und erfreuen uns der Rücksichtnahme, die wir erfahren. Häufig genug gewähren uns Autofahrer die Vorfahrt, man hält Abstand beim Überholen, freundlich gegrüßt und angelächelt werden wir darüber hinaus ebenso von anderen Leuten, die unterwegs sind.
Kurz vor Worms wird die Strecke dann richtig angenehm für Radler. Wir landen auf einer ehemaligen Bahntrasse. Zumindest halte ich einen Streckenverlauf mit weiten Kurven, langen Geraden und nach einstigen Bahnhofsgebäuden aussehenden Häuschen dafür. Dass der Boden staubig ist und ich erst viel zu spät bemerke, dass wir irgendwo hätten abbiegen sollen? Egal, der Schlenker ist kein großartiger und der Irrweg gen Dom und Rathaus vernachlässigbar. Streiften wir die Nibelungen- und Lutherstadt auf unserem Weg nach Barcelona nur im Regen, so wird unser Abstecher diesmal belohnt, wenngleich man ohne Probleme intensiver eintauchen könnte. In Anbetracht der knappen zur Verfügung stehenden Zeit aber belassen wir es dabei, in einer Grünanlage ein wenig die Beine hochzulegen, Brötchen zu verdrücken sowie für einen Moment die Augen zu schließen. Wüssten wir, dass uns die Sonne noch den ganzen Nachmittag über auf den Pelz brennt – wir hätten uns ein schattigeres Plätzchen ausgesucht.

Mit der Umfahrung unseres nächsten Etappenziels hatte ich im Vorfeld unserer ersten Tour an das Mittelmeer viel Zeit verbracht, um im Endeffekt ungeplant auf der gegenüber liegenden Rheinseite ein nicht minder unattraktives Gebiet zu durchqueren. Der Weg, den Naviki jedoch für uns auserkoren hatte, ist an sich gar nicht so übel. Die Route durch Mannheim habe ich schlimmer in Erinnerung. In einem weiten Bogen werden wir um Ludwigshafen herum geleitet, Fabrikanlagen bekommen wir nur einmal kurz zu Gesicht, dann schlängeln wir uns vorbei an Altrhein Armen und Deichen. Kurz vor Speyer halten wir Ausschau, wo wir am Sonntag Abend unser Zelt aufschlagen können, erfahren aber, dass die vielen Campingplätze geschlossene Vereinsgrundstücke sind, auf denen für Tagesgäste kein Unterkommen möglich sei. Ohne zu wissen, dass sich die Dinge ohnehin ganz anders entwickeln werden, machen wir uns einstweilen aber auch keine all zu großen Gedanken.
Wie schon in Worms so werfen wir auch in Speyer einen kurzen Blick auf den Dom und die angrenzende Altstadt – an sich ebenfalls ein Ort, für den wir uns gerne ein wenig mehr Zeit nehmen würden. Da wir jedoch bis acht auf dem Campingplatz eintreffen wollen, andernfalls würde es problematisch mit dem Zugang zu den Toiletten und Duschen, geben wir uns mit der flüchtigen Stippvisite zufrieden. Vielleicht sollten wir bei nächster Gelegenheit doch besser eine komplette Woche für die An- oder Abreise vorsehen. So aber geht es ohne Halt weiter. Vorbei am historischen Museum der Pfalz, vorbei am Technik Museum, vorbei am Flugplatz. Lediglich der weithin sichtbare Jumbo Jet, ein paar aufsteigende Heißluftballone sowie ein Doppeldecker, der seine Platzrunden dreht, bleiben in Erinnerung, ohne dass wir dafür anhalten müssten.
Mit den letzten Kilometern verhält es sich nicht großartig anders wie am Vortag. Ute fallen sie schwer und sie ziehen sich entlang des Deiches. Gegen halb acht aber liegt schließlich vertrautes Terrain vor uns. Die ersten Wohnwagen hinter dem Zaun, Augenblicke später der Badesee sowie die Rezeption des Lingenfelder Campingplatzes. Auch die tschechischen Liegeradbauer lagern wieder an ihrem Stammplatz. Beeindruckt bin ich einmal mehr vom Platzwart. Dass er mich wieder erkennt, überrascht mich kaum noch, dass er sich an meinen Vornamen erinnert hingegen schon. Immerhin sind wir nicht die einzigen Gäste und das Jahr ist lang. Vielleicht liegt es ja an den kleinen Nettigkeiten, die wir austauschen – ein freundliches Lächeln, ein kurzes Pläuschchen, ein wenig Verständnis.
Der restliche Tagesablauf ist geübte Praxis. Kurzes Hallo gegenüber den Nachbarn, auch hier ist manches Gesicht bekannt, Zelt aufbauen, duschen, dann ist es an der Zeit, die 320 abgestrampelten Kilometer zu würdigen – mit zwei großen Bieren, gepanscht mit Limo, einem Schnitzel und einer Portion Pommes beziehungsweise Apfelschorle nebst opulentem Salatteller. Zwar haben sich die Tische auf der Terrasse des Restaurants auf dem Campingplatz geleert, wärmende Sonnenstrahlen gibt es auch keine mehr, doch die Küche hat noch eine halbe Stunde geöffnet und in Ruhe sitzen lässt man uns ebenfalls noch.

Samstag Morgen. Als ein Reißverschluss nach dem anderen um uns herum aufgezogen wird, meldet sich auch unser Wecker. Halb acht. Verschlafen pellen wir uns aus den Schlafsäcken und tun es unseren Nachbarn gleich: mit verklebten Augen zum Waschraum schlurfen, anziehen, frühstücken. Nachdem die Lebensgeister geweckt sind, geht es sehr individuell weiter. Vor dem einen Zelt sind eine handvoll Leute versammelt und lauscht den nicht zu überhörenden Worten des Hausherrn, was er schon alles erlebte und er für falsch oder richtig hält. Zwei Hartgesottene stürzen sich in den See und schwimmen eine Runde, andere lassen es gemächlicher angehen. Wir zählen uns zu letzteren. In den Sitzen unserer Fahrzeuge schlürfen wir eine Tasse Heißes, löffeln unser Müsli und genießen die ebenfalls wieder erwachte Sonne. Während Ute anschließend Geschäftliches erledigt plaudere ich mit einem der Schwimmer. Wie viele Züge man denn machen könne, ohne zu erfrieren. Für den Mann ist es jedoch nichts Ungewöhnliches, wie er mir berichtet. Er kommt aus Amsterdam, betreibt Zuhause ein Radgeschäft, hat es aber seit Jahren schwer. 2008 machte ihm die Krise das Leben schwer, nun mag er nicht auf den Zug aufspringen und sein Geschäft mit elektrifizierten Rädern machen. Der Mann ist in meinem Alter und versteht den ganzen Hype nicht. Wo er lebt, ist es flach, die überwiegende Teil der potentiellen Kunden sei gesund und ein wenig Bewegung sollte ihnen gut tun. Viele von ihnen sehen es jedoch anders. Menschen neigen zur Bequemlichkeit. Außerdem würde der Holländer lieber mehr reisen. Mit dem Rad. Ganz entspannt. Keine Kilometer fressen, andere Menschen dabei kennen lernen. Leider jedoch findet er niemanden, der ihm den Laden abkauft oder zeitweise bei ihm einspringt. Ich kann unseren Nachbarn verstehen. Als Ute zurück kommt, drängt es auch meinen Gesprächspartner Richtung Messe und er bedauert, dass er kein Rad dabei habe. Ich verstehe den Mann noch besser.

Die 8 Kilometer nach Germersheim zu radeln sind ein Vergnügen. Der Himmel ist blau, die Luft milde, der Radweg weitestgehend abseits der Straße. In der einstigen Garnisonsstadt jedoch werden wir auf der Suche nach belegten Brötchen enttäuscht. Die Bäckerei neben dem Lidl hat dicht gemacht, eine andere in der Königsstraße hat keinen Belag, die am Königsplatz auch nicht. Greifen hier bereits neue EU Verordnungen, die wir noch nicht kennen? Wird es halt nur eine zweite Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen.
Auf dem Weg zur Ausstellung läuft uns Peter über den Weg. Peter ist Tourenleiter Zuhause beim ADFC, träumt von einem Liegedreirad mit elektrischer Unterstützung, war mit der Bahn am Morgen angereist und hat einen Gang durch die Halle 1 bereits hinter sich. Wir verabredeten uns mit ihm lose. Mit unserem Bekannten zusammen lassen wir uns durch das Getümmel treiben. Nachdem die Räder geparkt und abgeschlossen sind, geht es runter zur Halle 3. Dort seien die Kassen sind so belagert. Mit einem Bierrad legen wir die zweihundert Meter zurück. Wir sitzen uns gegenüber, die Hälfte der Plätze bleibt unbesetzt, jeder muss trampeln, der Chauffeur des Vehikels lenkt. Alkohol am Steuer gibt es keinen – besser so. Nachdem ein Bändchen unsere Handgelenke ziert und dokumentiert, dass wir unseren Eintritt gezahlt haben, schlendern wir durch die Gänge. Drinnen quasi nichts Neues, alles wie gehabt, außer vielleicht den Radhersteller, der seine Modelle mit einem Holzrahmen ausstattet. Ich bin mir nicht ganz sicher. Ansonsten die bereits bekannten Zeitschriften, Helme, Trikots, Handschuhe, Brillen, Tandems sowie Vehikel für gehandicapte Menschen.
Vor der Halle auf jeden Fall eine Neuigkeit. Das Erfinderlabor. Unter einem großen Pavillonzelt präsentiert ein knappes Dutzend Bastler, Designer und Erfinder ihre Kreationen. Besonders pfiffig erscheint mir die Konstruktion eines Tüftlers, der ein normales Rad in ein dreirädriges Lastenrad verwandelt. In die Gabel des Vorderrades wird einfach ein Gestell ähnlich einer Sackkarre eingespannt und dem Schwerlasttransport steht nichts mehr im Wege. Außer vielleicht die Anschaffungskosten. 750 Euro sollen für die durchdacht und ausgereift wirkende Lösung zu berappen sein. Ist natürlich eine Hausnummer, doch einen wertigen Eindruck macht das Ganze.
Als wir an dem Testparcours vorbei kommen, können wir uns nicht zügeln. Gerade strömt eine Gruppe neuer Fahrer zu den Rädern, da nutzen wir die Gunst der Stunde – es sind noch Plätze frei. Schnell werden Ausweise gegen gelbe um den Hals zu tragende Plastikkärtchen getauscht, dann wird gestrampelt. Während Ute und Peter alle möglichen dreirädrigen Fahrzeuge durchprobieren, schnappe ich mir ein zweirädriges Liegerad und drehe meine Runden. Ich bilde mir ein, es steht mir gut. Toxy LT steht in schwarzen Lettern auf dem gelben Rahmen. Anfangs kommt es mir etwas wackelig vor und es bedarf wahrscheinlich einiger Zeit, bis das Anfahren und Gleichgewicht halten in Fleisch und Blut übergegangen ist, doch fände ich einen Sponsor, ich könnte es mir gut für Feierabendrunden oder als Rad für den Einkauf vorstellen. Für längere Reisen hingegen möchte ich nicht auf das dritte Rad und die Option auf eine auch im Stand verfügbare Sitzgelegenheit verzichten.
Auf dem Freigelände vor Halle 1 decke ich mich mit Ersatzteilen ein. Das Kettenblatt an meinem Trike dürfte mit dem nächsten Kettenwechsel fällig sein. Das Gesicht hinter dem Verkaufsstand ist mir bereits bekannt, wir fachsimpeln und albern ein wenig, und ehe ich mich versehe, habe ich ein zweites Kettenblatt sowie noch dazu eine Kette in meiner Einkaufstüte. So günstig komme ich mit einem Fähnchen für Utes Rad einen Stand weiter nicht davon. 50 Euro lasse ich dort für den neonfarbenen wie reflektierenden Fetzen Stoff nebst zweier Flatterbänder, doch unsere Sicherheit ist es uns wert.
Als wir über ein motorisiertes Liegedreirad „stolpern“, ist es geschehen. Einmal mehr wird ein Personalausweis gegen Fahrspaß getauscht, dann dreht einer nach dem anderen von uns dreien eine Runde und das Vergnügen steht uns der Reihe nach im Gesicht geschrieben. Ein, zwei Umdrehungen treten und das Gefährt geht ab wie eine Rakete. 25 Stundenkilometer sind mühelos erreicht, dann steht entweder wieder jemand im Wege oder es folgt die nächste Kurve und es heißt Abbremsen. Wahrscheinlich haben wir eines der Fahrzeuge unter dem Hintern, die 45 Stundenkilometer erreichen, doch anstatt die Höchstgeschwindigkeit auszuloten, geben wir uns mit dem Beschleunigungsverhalten zufrieden. An sich müsste man mit dem Teil einmal um Germersheim fahren. Mindestens. Ginge es nach Peter, er würde das gute Stück direkt mitnehmen. So aber begnügen wir uns mit einer kurzen Runde auf den Straßen um das Ausstellungsgelände – wir sind schließlich nicht allein.

Einer Bratwurst vom Grill, einer Limo dazu sowie dem Gang durch Halle 2 folgt der Besuch des Hörsaals. Ein Weltenbummler berichtet, Live musikalisch begleitet, von seiner Tour mit einem Velomobil entlang des Mississippis. Während ein Trio ein- beziehungsweise ausleitend Gitarren und Saxophon Tönen entlockt, flimmern Bilder über die Leinwand. Dazwischen wird gelesen. Ohne optische Ablenkung. Was stellenweise zwar ganz witzig klingt, erscheint uns am Stück jedoch zu langatmig. Der Protagonist liest aus seinem Buch zwar sehr lebendig, doch eine knappe halbe Stunde lang wirkt es ermüdend. Dem Anschein nach ergeht sind wir nicht die einzigen, denen es so ergeht. Um uns herum wird gegähnt, manch einem fallen die Augen zu. Vielleicht ist der frühe Nachmittag bei draußen blauem Himmel ein ungünstiger Zeitpunkt für eine derartige Darbietung.
Wendet Peter sich anschließend der abgesteckten Teststrecke für Fahrzeuge mit Elektroantrieb zu, lauschen Ute und ich einem weiteren Vortrag. Er spricht uns mehr an. Auf englisch bekommen wir von einem Franzosen zu hören, was ihn auf seiner Reise von Valence nach Armenien auf einem Liegerad bewegte: Begegnungen, Gastfreundschaft, die Erkenntnis, das trinkbares Wasser aus der Leitung nicht überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit ist und dass man an sich gar nicht viel benötigt, um ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen. Es ist schön – der Mann spricht mir aus der Seele und ich hoffe, auch unser Nachbar vom Zeltplatz aus den Niederlanden ist unter den Zuhörern. Ihm dürften die Worte ebenso gefallen.

Ausreichend für weitere Radreisen motiviert stiefeln Ute und ich gegen fünf dorthin, wo Peter sich bereits seit einer Stunde vergnügt. Zum Elektro-Parcours. Auch wenn für mich die Anschaffung eines entsprechenden Vehikels einstweilen nicht in Frage kommt, gelegentliche mal ein paar Meter ohne eigenen Kraftaufwand darauf dahinzugleiten ist ganz nett. Die Probefahrt mit dem Modell vom Freigelände hatte es einmal mehr gezeigt.
Als wir Peter entdecken, zeigt er uns seinen linken Ellenbogen. Er ist gespickt mit Blessuren, die er sich nach einem unfreiwilligen Kontakt mit dem Asphalt zuzog – Blutspuren und aufgeschürfte Haut. Zu hohe Geschwindigkeit in einer Kurve hatte unseren Begleiter aus der Bahn geworfen. Oder falsch eingesetztes Körpergewicht. Oder falsch gebremst. Oder von allem etwas. Ute und ich sind gewarnt.
Nachdem wir ein paar Runden unbeschadet überstehen, bewegen sich die Zeiger der Uhr langsam aber sicher auf sechs zu. Toresschluss. Feierabend für den ersten Messetag. Gemeinsam schlendern wir hinüber zum Königsplatz. Peters Zug geht in anderthalb Stunden, auf Ute und mich wartet die nächste Verabredung. Silke und Franz wohnen eine halbe Stunde mit dem Auto von Germersheim entfernt. Wir kennen die beiden von Formentera Urlauben. Wie so einige im Bekanntenkreis. Der Preis, wenn man jahrein, jahraus am gleichen Ort seine Urlaube verbringt.
Am vereinbarten Treffpunkt warten die beiden bereits auf uns. Zu fünft hocken wir uns für eine halbe Stunde noch auf einen Schluck in die Sonne, dann bricht Peter auf in Richtung Bahnhof. Wir übrigen vier vertrauen uns einem Smartphone Routenplaner an. Silke und Franz reservierten für sieben einen Tisch bei einem Italiener im Ort.
Ohne uns zu verlaufen finden wir das Restaurant und es folgt ein vergnüglicher Abend, lediglich dadurch gestört, dass Ute sich nur noch krächzig äußern kann und einen ständigen Hustenreiz hat – bei mir hält sich das Kratzen im Hals noch in Grenzen. Eine nicht all zu lange zurück liegende Erkältung ist offensichtlich noch nicht richtig auskuriert.
Gegen halb elf kommt eine weitere ungebetene Störung hinzu. Draußen donnert und schüttet es. Wir warten noch eine Weile ab, doch die Prognose kündigt ein Abklingen des Gewitters erst gegen zwei an. Eine halbe Stunde später geben wir uns geschlagen. Mehr Cappuccinos, Tees und dergleichen gehen nicht und trocken kommen wir vor Mitternacht ohnehin nicht zurück auf den Zeltplatz. Während Franz sich opfert, den Wagen vorzufahren, quatschen wir noch ein wenig vor der Tür, wo zwei Mitarbeiter eines Ausstellers ihre Zigaretten qualmen. Von den beiden erfahren wir, dass auch bei ihnen die Spezi aus anderen Veranstaltungen dieser Art hervor sticht. Atmosphäre und Publikum seien schon irgendwie besonders. Als Franz zurück ist, ist für uns der Zeitpunkt gekommen, uns dem Unvermeidbaren zu stellen – auf in die Fluten.
Als wir vor unserem Zelt stehen ist von unserer guten Ausgehgarderobe kaum noch etwas trocken. Dass Ute ohne Licht fuhr? Abgehakt. Dem Mitläuferdynamo war es ebenfalls zu nass. Er fand auf dem Reifen keinen Halt und drehte durch. Aufgefallen ist es zum Glück kaum jemanden – zu später Stunde im Regen war so gut wie niemand mehr unterwegs.

Am nächsten Morgen herrscht um uns herum ein ähnliches Bild wie am Vortag, mit dem Unterschied, dass erste Zelte abgebaut werden und es auf der Wiese leerer wird. Ließen wir zunächst offen, ob wir am Sonntag oder am Montag abreisen, so spricht Utes Gesundheit eine klare Sprache. Spricht? Nein, sie flüstert. Ihre Stimme ist weg, sie fühlt sich gerädert, kommt aus dem Husten nicht mehr raus. Eine Rückfahrt mit dem Rad bis Koblenz verbietet sich bei gesundem Menschenverstand. Entsprechend packen auch wir und ich recherchiere, wie wir mit der Bahn zurück nach Köln gelangen. Das Ergebnis: gar nicht so schlecht. Verzichten wir darauf, bis nahezu vor die Haustür chauffiert zu werden, gibt es eine Verbindung, bei der wir nur einmal umsteigen müssen. Abfahrt um kurz nach halb fünf, Ankunft gegen neun.
Bereits die kurze Strecke bis Germersheim wird für Ute zur Qual. Sie ist müde, schlapp, der Körper schreit nach Ruhe. Entsprechend lassen wir es ruhig, langsam und gemächlich angehen. Wir setzen uns in einen weiteren Vortrag, halten aus, obwohl viele andere vorzeitig die Diapräsentation verlassen, dann werfe ich noch einen Blick in Halle 1. Der nette Mitarbeiter des Herstellers meines Rades, der mir schon bei meiner Reifenpanne vor den Pyrenäen Ende Januar mit Rat und Tat aus der Ferne zur Seite stand, hat bestellte Teile für mich mit im Gepäck. Außerdem will ich mich noch persönlich bei ihm mit einer Flasche Hierbas bedanken, dem Kräuterlikör von der Insel des Vertrauens. Es dauert eine Weile, bevor ich ihm habhaft werden kann, dann gibt es nichts, was uns noch hält. Die ausgesuchte Bahnverbindung wird im Zweistundentakt bedient, den Zug um kurz nach halb drei sollten wir problemlos erwischen.
Nach einer weiteren Stärkung am Bratwurststand beginnt das Abenteuer. Es startet am Fahrscheinautomaten. Um 14:32 Uhr drücke ich erste Knöpfe. Germersheim – Köln, zwei Personen, einfache Fahrt, einmal mit Bahncard. Soweit kein Problem. Fahrradmitnahme? Eine derartige Option entdecke ich nicht. Zahlen. Per Girokarte. 14:35 Uhr. Nachdem der Pin Code eingegeben ist, fällt ein Beleg in das Ausgabefach. Zeitgleich rollt der Zug heran. Drei Minuten zu früh. Egal. Ein Schaffner signalisiert uns, wo wir einsteigen können. Wir radeln zu ihm herüber, bugsieren die Räder in das dafür vorgesehene Abteil und beichten, dass wir keine Tickets für die Vehikel hätten ziehen können.
„Kein Problem. In Rheinland-Pfalz ist die Mitnahme von Fahrrädern an Wochenden, Feiertagen und nach neun Uhr frei.“
„Wir wollen aber nach Köln.“
Der Zugbegleiter daddelt auf seinem Smartphone herum, kann uns aber auch nicht so richtig weiterhelfen, ob, wo und wie wir in den Besitz adäquater Tickets gelangen können. Nachdem ich mir seinen Namen notiere, um mich notfalls auf ihn berufen zu können, kommt er nach einer Weile doch nochmal auf mich zu.
„Im Zug ist noch ein weiterer Herr mit Rad, der ebenfalls nach Nordrhein-Westfalen reist. Sie müssten in Mainz beim Umsteigen eine Fahrkarte für das Rad nachlösen. Kostet 4 Euro 50 pro Rad. Was Sie am Automaten eingeben müssen, kann ich Ihnen allerdings nicht sagen.“
Na bitte, wenn das keine Hilfe ist …
Unterhaltsamer ist das Gespräch mit einer Mitreisenden. Sie war ebenfalls auf der Spezi, hat ein Faltrad dabei und hat darüber hinaus auch eine Menge zu erzählen. Zusammen mit ihrem Mann fährt sie ein selbst gebautes Stufentandem – fast so, wie es sie auch serienmäßig zu kaufen gibt und wie Ute und ich es vor Jahren einmal probefuhren. Der Vordermann fährt zurückgelehnt, nach vorne hin tretend, der Hintermann klassisch, aufrecht. Im Gegensatz zu den Serienmodellen sei das unserer Reisebegleitung jedoch für beide Beteiligten getrennt schaltbar. So kann sie vorne langsam und kraftvoll in die Pedale treten, der Gatte hinter ihr schneller aber leichter kurbeln. Als die Frau um Worms herum aussteigt, nimmt ein älterer Herr ihren Platz ein. Er ist nicht mit dem Rad unterwegs, interessiert sich auch kaum für uns, lässt uns aber dennoch an seinen Gedanken teilhaben. Unentwegt brabbelt er vor sich hin, auch wir werden wortreich bedacht, jedoch ohne dass sich ein Dialog entwickelt. Ob der Mann einen über den Durst getrunken hat oder ständig laut denkt – wir bekommen es nicht heraus. Mir erscheint es jedenfalls ziemlich schräg.
In Mainz dann der avisierte Zugwechsel. Zum Glück endet der Zug aus Germersheim auf dem gleichen Gleis, auf dem der Richtung Köln startet. Dazwischen liegt eine knappe Viertelstunde. Zeit genug, um die erforderlichen Fahrkarten für die Räder zu ziehen. Irgendwo gut versteckt im Angebot der Deutschen Bahn finde ich eine entsprechende Auswahlmöglichkeit. Ob es die Tickets sind, die ich benötige? Ich weiß es nicht. Der Preis deckt sich aber immerhin mit dem zuvor genannten.
Die Räder in dem Anschlusszug unterzubringen ist bereits nicht mehr ganz so einfach. Der Zug ist ein anderer, die Abteile anders geschnitten. Enger. Entsprechend der Hinweise des neuen Schaffners bringen wir unsere Gefährte in dem dafür vorgesehenen Waggon unter. Das eine gegenüber der Toilette, das andere hinter dem Abort und leicht in den Gang ragend. Die Tickets? Ja, es sollten die richtigen sein. So sicher sei sich der Bedienstete allerdings auch nicht. Er fahre nur bis Remagen mit, danach seien die Kollegen für das andere Bundesland an der Reihe.
Bis Bingen haben wir das Radabteil so gut wie für uns allein. Zwischendurch steigen noch drei Mountainbiker zu, doch auch für sie reicht der Platz. In Bingen schließlich betritt eine Frau den Zug. Genau an der Tür, in die Utes Rad ragt. Schwer mit Tüten bepackt murmelt sie etwas vor sich hin. Wortfetzen wie „unverschämt“, „Krüppelrad“ und „sollte man kurz und klein hauen“ dringen an unsere Ohren. Hallo?
Ich stehe kurz davor, die Dame anzugehen, kann mich aber noch im Zaum halten – die entspannte Atmosphäre der Spezi ruht noch in mir. Auf ihre Fragen antworte ich nur das Nötigste.
„Wie nennt man so ein Rad?“
„Liegedreirad.“
„Ich habe so etwas schon einmal als Krüppelrad gesehen. Ist das das Gleiche?“
„Kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß nicht, was Sie da gesehen haben.“
Eine Station später steigt die Frau glücklicherweise wieder aus.
Um die Loreley herum wird der Zug dann brechend voll. An dem Tag wurde gewandert, Teilnehmer mit einem Weinglas um den Hals drängen in den Waggon. Um nicht unnötig Platz wegzunehmen, setzen Ute und ich uns in die Sitze unserer Räder. Blödele ich mit den leicht angesäuselten Spaziergängern herum, kommt Ute weniger gut mit ihnen zurecht. Man regt sich auf, dass man immer Rücksicht auf die Behinderten nehmen müsse, sitzt fast auf dem Gepäckträger beziehungsweise den darauf angebrachten Taschen und irgendwann bekomme ich mit, wie sich jemand äußert: „die kann ja doch laufen, jetzt geht sie zur Toilette.“
Unglaublich.
Einmal mehr geht mir der Spruch durch den Kopf, den ich vor Jahren in einem überfüllten Regionalexpress aufschnappte: das Leben in vollen Zügen genießen.
Als wir im Kölner Hauptbahnhof schließlich aussteigen, haben wir genug davon. Dort sollten wir eher mit einem Aufzug vom Gleis runter kommen als in Deutz. Wir machen die Rechnung jedoch ohne den Fahrstuhl. Eine Weile warten wir davor, drücken mehr als einmal den Knopf, doch nichts tut sich. Statt dessen lernen wir den anderen Liegedreiradler kennen, der mit uns in Germersheim eingestiegen war. Er hat das gleiche Problem, will weiter nach Gelsenkirchen und muss dazu das Gleis wechseln. Gemeinsam wuchten wir unsere Fahrzeuge die Treppe herunter, dann trennen sich unsere Wege. Seiner führt wie-auch-immer in den Kohlenpott, unserer vertraute zehn Kilometer den Rhein entlang Fluss aufwärts, hoffend, dass Utes Erkältung bald überwunden ist und der nächste Spezi Besuch reibungsloser verläuft.