auf den Spuren von Ute & Dirk Prüter

Westerwaldrunde

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„O du schö-hö-höner Wä-hä-hesterwald ...“
Ein Lied, das mich schaudern lässt. Es ist weniger der Gedanke an die Höhen, über die der Wind so kalt pfeift, als Männer in Uniform, die es voller Inbrunst schmettern. Etwas, das mir nicht behagt. Machte ich deshalb bislang einen Bogen um diese Region, obwohl sie doch mehr oder weniger vor der Haustür liegt? Sollte dem so sein, so beschließe ich mit einem verlängerten Wochenende Ende Oktober 2017 diesem Umstand ein Ende zu bereiten. Die Voraussetzungen sind günstig – Martin Luther sei Dank. Zum fünfhundertsten Mal soll es sich jähren, dass der Mönch, Theologe und je nach Sichtweise Revoluzzer seine 95 Thesen an eine Kirchtür zimmerte, was der Bevölkerung einen bundesweiten gesetzlichen Feiertag beschert. Diesem folgt, zumindest in Nordrhein-Westfalen, mit dem ersten November ein weiterer arbeitsfreier Tag, an dem dem „wahren“ Gläubigen die Gelegenheit gegeben wird, kollektiv in einem Abwasch aller Heiligen zu gedenken. Gönnt man sich dann noch mit dem davor liegenden Montag einen Brückentag, hat man es beisammen, das lange Wochenende, und es drängt sich die Frage auf, was damit anzufangen sei. Ein Blick auf „meine“ Landkarte offenbart dabei diesen weißen Flecken, der bislang bei Radtouren weitestgehend unberücksichtigt blieb. Zeit, dies zu ändern.
In der Vorbereitung stoße ich im Internet auf eine Seite des Westerwald Touristik-Service. Routenvorschläge für Wanderer und Radfahrer sollen Besucher locken. Aus dem knappen Dutzend Touren konstruiere ich mir meinen individuellen Rundkurs: Westerwaldschleife von Wissen an der Sieg bis Wallmerod, über nicht näher benannte Pfade des örtlichen Radwegnetzes nach Montabaur, auf dem Westerwald-Lahn Radweg bis Hachenburg, von wo aus ich nur noch der Nister zu folgen brauche, um nach gut 200 Kilometern zurück zum Startpunkt zu gelangen. Dank herunterladbarer GPS Tracks ist das Navi eine Stunde später mit Daten versorgt. Ebenfalls schnell beantwortet ist die Frage, wie ich nach Wissen gelange: vom heimischen Porz verläuft entlang der Sieg eine Bahnlinie. Für einen Regionalexpress auf dem Weg nach Siegen sollte die Haltestelle auf dem Weg liegen, die S-Bahn endet etwa zehn Kilometer vorher, in Au. Ob das Ticket des regionalen Verkehrsverbundes über Au hinaus reicht, interessiert mich kaum. Die paar Kilometer radelnd zurückzulegen sollte nicht weh tun, zumal ich bereits über eine Route für die Strecke verfüge – mein Weg gen Alpen führte mich entlang der Sieg zu deren Quelle.
Bezüglich Übernachtung und Verpflegung verschwende ich keine Gedanken. Alles wie gehabt. Zelten und Tütenfutter. Ich will radeln, der Rest muss keinen großartigen Ansprüchen genügen. Im Gegensatz zu den letzten Touren im Sommer passt die betuchte Behausung jedoch nicht in die Packtaschen, sondern kommt quer auf den Gepäckträger. Laut Wettervorhersage rücken die Temperaturen Nachts schon Richtung Gefrierpunkt. Da kann eine dickere Jacke sowie ein Pulli mehr nicht schaden. Zusammen mit den Fressalien sieht es letzten Endes mal wieder so aus als starte ich eine Weltreise. Fehlen an sich nur noch Ersatzreifen, -felgen und ein Reisepass.

Sonntag Morgen geht es los. Die Uhr ist auf Winterzeit umgestellt, Sturm Herwart verliert langsam an Kraft und ein gemütliches Frühstück mit der holden Gattin neigt sich dem Ende, da ist um zehn plötzlich keine Zeit mehr zum Trödeln. Der Zug fährt in einer guten halben Stunde. Laut Internet hat er aktuell zwei Minuten Verspätung. Eine Viertelstunde vergeht, dann sind alle Taschen montiert, Ute noch einmal gedrückt und die Räder rollen. Dank ausbleibender Widrigkeiten stellen mich die ersten knapp anderthalb Kilometer bis zum Bahnhof vor keinerlei Probleme. Zu der frühen Stunde ist noch kaum jemand auf der Straße und das Wetter meint es gut mit mir. Der Himmel ist blau, für die Jahreszeit sind die Temperaturen passabel und selbst der Wind lässt nicht erahnen, was er im Norden der Republik nur kurz zuvor anrichtete.
Minuten später erreiche ich den Bahnhof und damit die erste Hürde. Wie gelange ich mit dem bepackten Dreirad hoch zum Gleis? Funktioniert der Fahrstuhl und passt das Rad hinein oder muss ich es die Treppen hoch wuchten? Bahnfahren mit dem Liegerad – für mich eine Premiere.
Ich habe Glück. Der Aufzug ist in Betrieb, die Kabine gerade groß genug. Sie dürfte allerdings auch keinen Millimeter kleiner sein. Den Halter für die Fahne muss ich leicht biegen, dann gibt sich auch die Lichtschranke geschlagen und die Türe schließt. Die nächste Herausforderung lässt jedoch nicht lange auf sich warten. Der Fahrkartenautomat. Fünf Minuten bleiben mir noch. Auch hier sieht es gut aus. Keine Kundschaft, die vor der Technik hadert, keine Fehlermeldung im Display, kein Kaugummi im Geldschlitz. Ein paar Klicks auf dem Bildschirm, auch der Geldscheinprüfer zickt nicht, und ich bin stolzer Besitzer zweier Tickets – direkt zum sofortigen Fahrtantritt entwertet. Eines für mich, ein weiteres für das Gefährt. Die verbleibende Zeit nutze ich um in Erfahrung zu bringen, wo der Wagen mit dem Fahrradabteil halten sollte. Diesmal werde ich enttäuscht. Der Aushang mit dem Wagenstandanzeiger wurde aus den Schaukästen entfernt. Nach einem ersten Blick am Ende des Bahnsteigs bleibe ich am Anfang stehen. Augenblicke später fährt der Zug ein. Zwei Minuten zu früh. Wie ich unschwer feststelle, stehe ich falsch. Das Fahrradabteil befindet sich nicht im ersten, sondern im letzten Wagen. Noch während ich über den Bahnsteig strampele, schließen die ersten Türen. Unmut kommt in mir auf. Im Vorbeifahren drücke ich auf jeden Knopf, der Türen öffnet. Ich komme mir vor wie ein Lausebengel, der einen Fahrstuhl auf jeder Etage zum Halten zwingt, doch was soll's – ich erreiche die Tür mit dem Fahrradsymbol, ohne dass der Zug mir vor der Nase weg fährt. Das dreirädrige Mobil an seinen Bestimmungsort im Wagen zu manövrieren ist ebenfalls keine ganz triviale Angelegenheit. Zweimal vor, zweimal zurück, dann passt es. Dass ich einmal ungeschickt hantiere und unbeabsichtigt die Druckluftfanfare erschallt, lässt die vier anderen Fahrgäste im Abteil erschrocken zusammen fahren. Entschuldigend zucke ich mit den Schultern. Abfahrt – wegen meiner. Als die Tür sich schließt und der Zug anrollt, ist dieser wieder genau im Fahrplan. Zwei Minuten sind seit der Einfahrt verstrichen. Zwei Minuten, die mir vorkommen wie eine kleine Ewigkeit.
Die folgende Dreiviertelstunde zieht sich weniger. Im Sitz meines Vehikels rauschen Landschaft wie Haltestellen an mir vorbei. Nachdem sich in Herchen der Zug ein weiteres Mal in Bewegung setzt, werde ich unruhig. Ist der nächste Halt bereits Au? Zu welcher Seite hin ist der Ausstieg? Wie sieht es dort mit dem Bahnsteig aus? Muss ich durch eine Unterführung, um auf die Straße zu gelangen? Gibt es wieder einen funktionierenden Aufzug?
Letzten Endes lösen sich alle Sorgen in Luft auf. Der Zug fährt auf Gleis 1 ein, der Ausstieg ist in Fahrtrichtung rechts. Über eine Rampe gelange ich ungehindert auf den Asphalt. Die ersten Kilometer entlang der Sieg kommen mir bekannt vor. Auf einer Bank am Wegesrand hatte ich zwei Jahre zuvor eine kurze Pause eingelegt, diesmal ist es für eine Rast zu früh. Direkt im nächsten Ort hingegen gelingt es mir, mich trotz Navi zu verfahren. Der Weg sieht aus, als könne er gar nicht anders sein. Als mit einem Male keine Radwegbeschilderung mehr folgt, ist es mir zu spät umzukehren. Geht es halt über die Landstraße nach Wissen. Ist zwar etwas weiter, dafür jedoch weniger hoch hinaus. Dank Baustelle und Wochentag hält sich der Verkehr in Grenzen.
Auch in Wissen, mittlerweile wieder auf dem Radweg angelangt, ist es nicht ganz einfach, der ausgearbeiteten Route zu folgen. Der Abzweig hinunter an die Sieg ist etwas versteckt, steil ist er außerdem, doch mit dem Einstieg in die Westerwaldschleife legen sich die Probleme. Die Strecke ist bestens markiert, nur selten ist ein Blick auf den elektronischen Wegweiser vonnöten, und auch wenn sich motorisierter Verkehr wie Radler die Piste teilen müssen, nur selten werde ich überholt oder es kommt mir jemand entgegen. Was sich ebenso schnell zeigt: es ist hügelig. Nicht nur um mich herum, auch für mich geht es rauf und runter. Gleichfalls unverkennbar: für einen Indian Summer komme ich zu spät. Die meisten Bäume haben ihr Laub bereits abgeworfen und der blaue Himmel muss immer wieder dicken, grauen Wolken weichen. In einer Kurve lassen mich Motorengeräusche aufhorchen. Parallel zur Straße pflügen Motorradfahrer matschige Waldwege um. Auf geländegängigen Maschinen sowie Lehm und Matsch verschmiert scheinen sie ihren Spaß zu haben, drehen unermüdlich ihre Runden und toben sich auf steilen Rampen und in Schlammlöchern aus. Muss dabei an Rudi denken, einen Freund. Auch für ihn wäre es sicher ein Vergnügen. Statt dessen aber wird er in Sohnemanns Wohnung auf der Leiter stehen und mit dem Pinsel in der Hand Wände einfärben, wie ich am Vorabend noch in trauter Runde beim Kartenspielen erfuhr. Wenige Kurven später werde ich unsanft in die Gegenwart zurückgeholt. Ich werde nass. Jetzt auch von außen. Ein Nieselregen geht in einen Schauer über. Es dauert keine Viertelstunde, dann setzt sich die Sonne wieder durch und so setzt es sich unbeständig fort. Sonne, Wolken, Sonne, Wolken, zwischendurch fallen abermals ein paar Tropfen. Landschaftlich überzeugt mich der nördlichste Zipfel des Westerwaldes. Auf der Straße geht es ruhig zu, die Route führt durch eine verhältnismäßig dünn besiedelte Gegend, das Auge wird im Wildenburger Land mit satten grünen Wiesen und reichlich Baumbestand verwöhnt. Um viertel vor drei ist nach 23 Kilometern ab Wissen und etwa 500 Höhenmetern der einstweilen höchste Punkt erreicht. Der anstrengendere Teil des Tages ist absolviert. Es geht zurück an die Sieg. Die nächsten 23 Kilometer bis Kirchen sind in eineinviertel Stunden absolviert. Über eine ehemalige Bahntrasse rollt es sich unbeschwert, 200 Meter Gefälle tun ein Übriges, wieder zu Kräften zu kommen, dazu bläst der Wind in den Rücken. In Kirchen erwartet mich ein historischer Ortskern mit viel Fachwerk sowie über den Dächern des Städtchens ein Regenbogen. Etwas anderes hingegen entwickelt sich zur Mangelware. Attraktive Flecken zum Zelten. Entdeckte ich sie zuvor in Hülle und Fülle, ein wenig abseits des Weges, häufig mit fließend Wasser in unmittelbarer Nähe, so wird es ab Kirchen dürftig. Der Radweg schlängelt sich von einem Ort durch den nächsten. Kirchen, Betzdorf und Alsdorf gehen nahezu ineinander über. Einen besonderen Parcours stellt in Alsdorf zudem die Überquerung der Heller dar. Eine schmale Stahlbrücke führt über den Nebenfluss der Sieg – gerade eben breit genug für mein Vehikel. Gelange ich auf die Konstruktion über eine kleine Rampe, so werde ich am anderen Ende zum Absteigen gezwungen. Die Erbauer sahen dort lediglich Treppenstufen vor. Erst anschließend nehmen die Bebauungen mit dem nächsten Anstieg wieder ab, dafür jedoch schlängelt sich der Waldweg entlang einer stärker befahrenen Landstraße sowie einer Bahnlinie. Als ich in Schutzbach, dem nächsten Ort, an einem Hof vorbei komme, an dem ein etwa 15 jähriges Mädchen vor dem geöffneten Kofferraum eines Wagens steht, sehe ich einen Hoffnungsschimmer. Ich frage, ob ich auf einer Wiese für eine Nacht mein Zelt aufschlagen kann. Die Antwort klingt etwas konfus, enthält aber die erhoffte Aussage: die Vermieterin helfe gerade bei einem Umzug, aber dort, zwischen Scheune und Böschung, sei es mit Sicherheit kein Problem, die Nacht zu verbringen. Ich hake noch zweimal nach, ob sie nicht vorsichtshalber Vater oder Mutter fragen wolle, doch das Mädel gibt sich selbstbewusst.
„Nein, nein, das geht schon in Ordnung, kein Thema.“
Die Spanngurte, die das Zelt hinter meinem Rücken halten, sind gerade gelöst, da kommt ein Mann auf mich zu. Seine Tochter habe ihm gerade von mir erzählt. Es tue im leid, aber das ich hier zelte, das gehe nicht. Man sei selbst nur Mieter, die Eigentümerin gerade nicht greifbar, der Umzug, ich möge doch bitte verstehen, und so weiter und so fort. Ich wiederum versuche dem Vater des Mädchens klarzumachen, dass er sich da mal gar keinen Stress machen solle. Ist ja noch nichts passiert und ich bin auch gleich wieder vom Acker. Es dauert zwar noch einen Augenblick, bis alles wieder fest verzurrt ist, doch keine zehn Minuten nach meiner Ankunft ist von mir nichts mehr zu sehen. Keine fünf Minuten später stehe ich erneut. Diesmal vor einer Schutzhütte am Wegesrand. Noch ganz frisch zusammengezimmert. Zwar ist der Platz nicht gar so versteckt, wie ich es mir wünsche, auch fließt kein Wasser in erreichbarer Nähe, doch in Anbetracht der einbrechenden Dämmerung ist er mir recht. Ich rechne kaum noch mit Spaziergängern auf dem Waldweg, und was das Nass angeht, so muss ich sparsam haushalten mit dem, was ich habe – etwas über einen Liter ohne Geschmack und einen dreiviertel Liter mit. Das Zelt steht noch nicht, da knattert ein Mopedfahrer heran. Ich halte ihn an. Ein junger Mann aus der Gegend. Ob er wisse, ob es hier außer der Daade, dem Flüsschen hinter den Bahngleisen am Fuße einer zugewucherten Böschung, einen Bach gäbe. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: nee, da gibt’s nichts. Worte, die ebenso schnell hervorgebracht sind wie sie sich als falsch erweisen, wie ich am nächsten Morgen feststelle. Hinter der nächsten Biegung zieht sich ein Rinnsal durch eine Wiese.
Kaum ist das Zelt aufgeschlagen, kommt eine Frau auf mich zu. Sie dreht gerade mit ihrem Hund eine Runde und ist besorgt um mich. Ob ich denn kein Angst vor dem Sturm hätte? Diesmal verneine ich. Wie ich die Lage einschätze, hat Herwart sich ausgetobt. Dennoch, sollte ich Hilfe benötigen, die Dame wohne oben, den Hügel hinauf, in einem Haus im Wald. Ich könne gerne vorbei kommen. Der Gedanke an das Wasser keimt noch einmal kurz auf, doch mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, klebrig in den Schlafsack zu kriechen sowie den Abwasch tröpfchenweise dosiert zu erledigen. Ich erspare mir weitere Bemühungen. Entsprechend einfach gestaltet sich der weitere Abend. Ich greife zum einzigen Gericht meines Proviantvorrats, das zur Zubereitung kein Wasser benötigt, eine Dose „Chili con Carne“, schmeiße den Kocher an, teile mir meinen Gute-Nacht-Trunk schlückchenweise ein, lese noch einige wenige Kapitel eines E-Books auf dem Smartphone und schließe zeitig die Augen – perfekte Voraussetzungen für einen Winterschlaf.

Der nächste Tag beginnt für mich um sieben. Es ist gerade hell genug, dass ich ohne Taschenlampe meine Siebensachen packen kann. Gefrühstückt wird im Stehen, zum Hinsetzen ist es mir zu frisch. Während ich mein Müsli mit Kakao weglöffele, bekomme ich erneut Besuch. Ein älterer Herr, der seinen Hund ausführt, sowie ein Rentner Pärchen aus dem Ruhrgebiet, aus Essen. Sie sind interessiert, was mich umher treibt, und wir plaudern ein wenig. Wie ich erfreuen auch sie sich daran, die Zeit noch an der frischen Luft verbringen zu können. Dunkle und kalte Tage, an denen man sich besser nicht vor die Tür wagt, stehen noch zu genüge bevor. Der Essener gibt zudem zum Besten, dass er vor einigen Jahren ebenfalls Liegerad gefahren sei – zweirädrig. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem jemand aus dem Bekanntenkreis mit gleichartigem Gefährt auf der Straße ums Leben kam. Ein LKW-Fahrer habe ihn zu spät gesehen. Von da an musste mein Gegenüber versprechen, wieder auf ein normales Rad umzusteigen. Wie viele Kreuze ich mittlerweile am Straßenrand gesehen habe, die aufrecht radelnden Zeitgenossen gewidmet waren, erwähne ich vorsichtshalber nicht.
Als ich aufbreche ist es neun. Gegenüber dem Vortag bleiben mir gut zwei Stunden mehr zum Radeln. Was ich noch nicht ahne: ich soll knapp zehn Kilometer weniger weit kommen, was seine Gründe hat. Zunächst folgt die Route noch ein Stück der Daade und damit der Landstraße sowie der Bahnlinie. Trotz maximal 7° auf dem Thermometer stehe ich schnell im eigenen Saft. Es geht stetig aufwärts, gerne auch mal steiler. Kurz hinter Daaden verlässt der Radweg das Flusstal und ich stoße langsam aber sicher vor in das Wäller Land beziehungsweise den Hohen Westerwald – eine Bezeichnung, die mir nicht ganz willkürlich gewählt scheint. Weitläufig um Bad Marienberg herum, einem größeren Ort, gewinne ich an Höhe. Auch wenn es die Hügel munter mehr hinauf als hinab geht, landschaftlich gewinnt die Strecke für meinen Geschmack. Ein Höhenzug reiht sich an den nächsten, Wiesen, Felder und Wälder wechseln einander ab, getrübt wird der Anblick lediglich dadurch, dass die Wolkendecke nur selten aufreißt. Die Orte, die auf dem Weg liegen, bestehen meist nur aus einer überschaubaren Anzahl an Straßen, einigen Höfen, ein paar Häusern und in der Regel einer Kirche. Einkaufsmöglichkeiten? Zumeist null. An sich nicht weiter tragisch, gegen Mittag hätte ich jedoch nichts einzuwenden gegen eine Bäckerei, einen Metzger oder einen kleinen Laden, dessen Obsttheke mit Bananen lockt. Was die Wasserversorgung anbelangt, so habe ich Friedhöfe schätzen gelernt. Auch der Westerwald macht diesbezüglich keine Ausnahme. Was gut zum Blumen gießen ist, hilft auch gegen Durst. Im Ort Hof schließlich werde ich erlöst. Ich muss mich nicht weiter ausschließlich von Snickers ernähren – im Cafe verkauft man auch belegte Brötchen, nur ist die Auswahl bei meinem Eintreffen bereits arg eingeschränkt.
Der nächste Halt ist deutlich ungeplanter. Hof liegt gerade hinter mir, ich strampele mich den nächsten Hügel empor, da fällt mir etwas auf, das mich bereits auf Island den Pannendienst rufen ließ. Der Rahmen gibt beim Treten nach. Sobald ich Kraft auf ein Pedal bringe, verspüre ich ein Spiel im Faltscharnier unter mir. Vertraut mit der Ursache fahre ich vor einem Windrad an den Straßenrand, nehme Packtaschen und Sitz ab und lege das Fahrzeug auf die Seite. Wie bereits knapp unter dem Polarkreis ist auch diesmal nichts Auffälliges zu entdecken. Die Kontermutter des Klappmechanismus sitzt fest, der Überwurf schließt trotzdem nicht stramm. Nach dem Lösen der Mutter und Anziehen der entsprechenden Schraube sieht es wieder besser aus. Blöd nur – die Zwangspause kostet mich eine gute halbe Stunde und die Finger sind schwarz.
Über Salzburg und kurzem Abstecher in Willingen zur recht unscheinbaren Nisterquelle geht es hinauf zur Fuchskaute. Mit 657 Metern ist sie die höchste Erhebung des Westerwaldes. Läge Schnee, sollten hier Loipen gespurt sein, so aber ist an diesem trüben Montag Ende Oktober nicht viel los. Zwei Autos stehen auf dem Parkplatz für Wanderer, vor der Event-Scheune nebenan sieht es auch nicht lebhafter aus. Mehr Action hingegen bietet der Weg ein paar hundert Meter weiter. Umgestürzte Bäume sind zu überwinden. Forderte der Sturm also auch im Westerwald seinen Tribut. Zunächst ist es einer, hinter der nächsten Kurve liegen zwei weitere Tannen. Reicht es für den ersten, das Rad am Waldrand zwischen den Bäumen hindurch zu schieben, so kommt nach der Kurve ein Bachlauf hinzu – zwar nur einen Schritt breit, jedoch einen halben Meter tief. Eine Herausforderung, die zumindest mit dem Rad für mich nicht fahrend zu bewerkstelligen ist, zumal im tiefen Waldboden ein pedalierendes Vorankommen ohnehin ausscheidet. Mit ein wenig Geduld und Spucke sowie hin und her Wuchten meistere ich jedoch auch diese Schikane.
Ich bin noch nicht ganz wieder zurück auf dem Weg, da kommt mir jemand entgegen. Eine junge Frau mit Pferd. Sie schaut sich ebenso ratlos um wie ich nur wenige Minuten zuvor. Wie an den Bäumen vorbei kommen? Was mich beruhigt: sie findet keine geeignetere Stelle als die, die ich wählte. Was mich amüsiert: ihr Fortbewegungsmittel hat Angst vor Wasser. Unverrichteter Dinge kehrt sie auf den Weg zurück – das Hindernis weiterhin vor sich. Im Rückspiegel kann ich vor der nächsten Biegung gerade noch erkennen, woher der nächste Anlauf führen soll. Die Reiterin klettert direkt über die quer liegenden Stämme. Wünsche ihr und ihrem Ross nur Hals- und Beinbruch.
Der nächste Höhepunkt meiner Route erschließt sich mir ohne größere Barrieren. Über Teile der einstigen Westerwaldquerbahntrasse passiere ich eine Wasserscheide. Etwa hundert Meter tiefer als die Fuchskaute gelegen verläuft der Höhenzug, der den Zuläufen von Dill und Lahn die Richtung diktiert. Auf erdigem Untergrund geht es zunächst durch den Wald, anschließend vorbei an einem wiesenreichen militärischen Sicherheitsbereich. Alle paar Meter verbieten Schilder, das Gebiet zu betreten und warnen vor Blindgängern. Ohne Ambitionen einer Zuwiderhandlung erreiche ich im Anschluss Rennerod, wo ich Zuhause am Rechner ausgesuchte Pfade verlasse. Die Suche nach einem Supermarkt treibt mich gen Zentrum des Ortes, der bis zur Wiedervereinigung Deutschlands geographischer Mittelpunkt des westlichen Teils der Republik war. Von einer Familie am Straßenrand erfahre ich, dass ich die falsche Richtung wählte. Läden, nach denen ich Ausschau halte, finden sich dort, wo mich auch die Route vorbei geführt hätte – am südlichen Ortsausgang.
Nachdem eine Banane für zwischendurch sowie eine Flasche Limo und ein Brötchen für den Abend erstanden sind, folgt um kurz nach vier der Antritt zum Endspurt, verbunden mit der neuerlichen Suche nach einem Schlafplatz. Bereits eine knappe halbe Stunde später werde ich fündig. Ganz bieder. Am großen Secker Weiher befindet sich ein Campingplatz. Nicht zwingend das, was ich bevorzuge, doch ich mag auch nicht in unmittelbarer Nachbarschaft wildzelten. Vorbei an zahlreichen Wohnwagen gelange ich zur Rezeption. Wie ich erfahre, ist sie nicht besetzt. Die Betreiberin der Anlage sei in den Urlaub entrückt. Die Dame, die mich entsprechend informiert, verweist mich an Jurek. Jurek ist auf der Wiese, an der ich zuvor vorbei kam, und macht Krach. Er sitzt auf dem Rasenmäher und dreht seine Runden. Auf mein Winken hin knattert Jurek zu mir und stellt den Motor ab – sehr zuvorkommend, andernfalls hätte ich mir den Weg zu ihm auch sparen können. Als Jurek auch noch seinen Gehörschutz abnimmt, konfrontiere ich ihn mit meinem Anliegen.
„Nee, der Platz hat geschlossen. Ende Oktober ist die Saison gelaufen. Die Chefin ist schon im Urlaub.“
Ach! Wie interessant. So sehr ich der mir unbekannten Dame ihr Vergnügen und ihre Erholung gönne, so sehr ist mein weiteres Insistieren zwecklos. Dennoch verabschiede ich mich freundlich und wünsche noch einen schönen Abend.
Während hinter mir das Getöse wieder losgeht, sehe ich zu, Meter zu machen. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass ich ein Stück des Abwegs wieder gut machen kann. Zwischen kleinem und großen Weiher führt ein Pfad hindurch, der mich auf meine Route zurück führt. Dort angelangt klingt ein weiterer Wegweiser vielversprechend. Wiesensee – nur drei Kilometer entfernt. Bereits nach anderthalb Kilometern weicht die Euphorie. Der Weg führt über einen Golfplatz. Ein paar hundert Meter weiter liegt ein Golfhotel zur Rechten. Ein nobler Schuppen, in dessen Nachbarschaft es mir auch nicht unbedingt ratsam erscheint, die eigene Luxusherberge zu errichten. Das mittlerweile in Sichtweite rückende Seeufer trägt ein Übriges dazu bei, den Gedanken an ein lauschiges Plätzchen zu verwerfen: offenes Gelände, großer Parkplatz, Gaststätte mit Blick auf das Wasser. Beim Überqueren der Straße hingegen eine unerwartete Überraschung. Campingplatz Wiesensee – beim Holländer. Bei langsam hereinbrechender Dunkelheit wohl das Beste, was mir passieren kann. Ohne Vorbehalte schreite ich zur Rezeption. In einer gut beheizten Blockhütte werde ich mit unüberhörbar niederländischem Akzent willkommen geheißen. Übernachtung? Kein Problem! Duschen? Auch kein Thema – stehen mir gegen kleines Entgelt zur Verfügung. Und bis acht sei auch die muggelig warme Hütte mit Tischen, Stühlen und Bänken besetzt, selbst einem Feierabendbier steht nichts im Wege. Da mir ein kurzer Weg zu den Sanitäranlagen wichtiger ist als ein Stellplatz in Ufernähe, im Dunkeln und bei den fallenden Temperaturen werde ich nicht viel mehr sehen als mein Zelt von innen, entscheide ich mich für einen Flecken auf der Wiese des verwaisten Kinderspielplatzes. Dem Platzwart kommt es entgegen. Muss er nicht weiter als nötig laufen. Auch gegen den verlangten Obolus kann ich nichts sagen. Es gab gleichartige Übernachtungsbetriebe, da schreckte man nicht davor zurück, das Dreifache zu verlangen. Frisch geduscht und in Abendgarderobe genieße ich anschließend noch gut eine Stunde bei zwei Radlern vor dem Kanonenofen, dann will ich die Betreiber nicht länger von ihrem Feierabend abhalten, begebe mich in meine „Unterkunft“ und lasse den Tag ausklingen – diesmal bei Nudelfertiggericht, Cola und Schmökern in der E-Book-Reader-App.

Der Morgen des Reformationstags beginnt, wie der Brückenmontag aufhörte – trübe. Der Luxus, Bad und Toilette direkt nebenan zu haben, kostet mich eine halbe Stunde, dafür starte ich ohne überflüssigen Ballast im Verdauungstrakt. Während sich das Navi noch orientiert, trete ich beherzt in die Pedale – hügelabwärts über den Campingplatz. Als ich unten ankomme stelle ich fest, dass mein elektronischer Wegweiser es sich anders überlegt hat. Der Punkt, an den ich gelangen wollte, ist weiter entfernt als er es zu Beginn war. Toll. Also den Hügel wieder hinauf. Irgendwie müssen schließlich Höhenmeter gesammelt werden. Weitere kommen in Westerburg, dem nächsten Ort, hinzu. 30 Meter Höhenunterschied auf kürzester Distanz. Erst runter, dann rauf. Erneut bin ich begeistert. Dafür entschädigen die folgenden 11 Kilometer. Ohne nennenswerte Steigungen gleite ich auf einer weiteren ehemaligen Bahntrasse durch das Wäller Land. Eine halbe Stunde weilt das Vergnügen, dann ist Wallmerod und damit das Ende des Streckenabschnitts erreicht. Der Ort wirkt auf mich unscheinbar. Um halb elf am Feiertag ist kaum jemand auf der Straße, obwohl die Wolkendecke aufreißt und die Sonne lacht. An einem kleinen Abzweig verlasse ich wie geplant die Westerwaldschleife. Mein nächstes Ziel: Montabaur. An sich brauche ich weiterhin nur den Radwegweisern zu folgen, auch wenn der Verlauf weder Teil eines Radfernweges noch einer benannten Route ist. Es geht weiter wie gehabt. Über Wiesen und Felder, durch Dörfer und Wälder, bis nach gut zehn Kilometern die A3 sowie das nächste Etappenziel näher rücken. Von Himmelfeld aus, einem erhöht gelegenen Ortsteil, in dem die Straßen Namen von Himmelskörpern tragen, habe ich einen hervorragende Ausblick auf das Schloss und weite Teile der Stadt. Das Zentrum aus der Nähe zu sehen reizt mich hingegen nicht. Der Blick aus der Ferne reicht mir. Mag aber auch daran liegen, dass ich mir weitere unnötige Höhenmeter ersparen möchte. Das Rathaus im neugotischen Baustil mit Balkon und vielen Spitzbögen hätte sich zwar auf einem eigenen Bild gutgemacht, doch aus der Senke heraus sind die nächsten unbedingt zu bewältigenden Anstiege bereits wieder absehbar. Entsprechend folge ich der ausgearbeiteten Route, mache einen Bogen um die Stadt, amüsiere mich über die überdimensionalen Damenpumps am Straßenrand, die Mon-Stilettos. Sie erinnern mich an Dortmund. Dort stehen Nashörner unterschiedlich bemalt im Stadtgebiet herum, hier sind es Schuhe. Gute zwei Dutzend sollen es sein, die den Weg vom „Fashion Outlet“ zur Altstadt weisen. Drei davon entdecke ich, dann habe ich den neuen Bahnhof vor mir, an dem 2002 der erste ICE auf der Strecke Köln/Frankfurt hielt.
Für mich geht es ohne Stopp weiter. Was folgt sind weitere gut zehn Kilometer, die mich von 230 Meter über dem Meeresspiegel auf knapp 450 Meter zurück bringen und so geht es weiter in einem nur wenige Kilometer breiten Korridor Richtung Norden, bis irgendwann auch wieder eine 5 an erster Stelle steht. Landschaftlich gibt es keine Überraschungen. Der Westerwald macht in dieser Region seinem Namen alle Ehre. Häufig stehen die Bäume dicht beieinander, gefühlt mindestens ebenso oft erklimme ich kurze, steile Anstiege und auch mit den Holperpisten verhält es sich nicht anders.
Hachenburg, die „Perle des Westerwaldes“, wie die Residenzstadt angeblich auch genannt wird, erreiche ich gegen vier. Zeit, so langsam wieder die Augen offen zu halten für einen Schlafplatz. Was den Ort zum Kleinod macht, bleibt mir verborgen. Die Route führt mich durch den Burggarten und am Schloss vorbei. Nett, aber bei dem mittlerweile verhangenem Himmel auch nichts, was mich die Kamera zücken lässt. Einem Schlenker vorbei am historischen Rathaus ergeht es wie dem Pendant in Montabaur. Eine kurze Pause im Grünen und das Vertilgen eines Brötchens sind mir wichtiger, zumal auch andernorts bereits mit Fachwerk nicht gespart wurde. Verheißungsvoller klingt für mich die nahe gelegene Abtei Marienstatt. Eine Nacht bei Mönchen? Als ich vor dem Kloster stehe, lasse ich die Idee fallen. Anstatt besinnlicher Ruhe ist es rummelig. In der Zufahrt liegt ein Brauhaus, die nebenan gelegene Bibliothek macht mir eher den Eindruck eines Souvenirshops, der Garten sieht zu akkurat angelegt aus als dass ich mir vorstellen könnte, dass dort ein Zelt für eine Nacht geduldet würde und die Schar der Besucher und Spaziergänger verschreckt mich. Die Gegend ist ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderungen in der Kroppacher Schweiz. Nachdem ich einen Wegweiser missverstehe lande ich am Fuße eines Hügels in einem Tal, durch das sich die Nister schlängelt. Schnell stelle ich fest, dass der Pfeil oben an der Gabelung halbrechts halten und nicht rechts abbiegen bedeuten sollte. Der Weg verengt sich immer weiter zum Pfad und ab einem Schild „Kaiserlicher Friedhof“ ist für mich auf drei Rädern kein Durchkommen mehr. Ich schaue mich um. Ein Wink des Schicksals? Sollte ich hier mein Zelt aufschlagen? Das Ufer des Flüsschens, an dessen Quelle ich tags zuvor stand, scheidet mehr oder minder aus. Zwar führt ein Weg in dessen Richtung, doch endet dieser auf einer Wiese hinter einem verschlossenem Gatter. Über den Zaun klettern mag ich auch nicht, hinzu kommt, dass die Au kein verstecktes Plätzchen bietet. Auf den Gebeinen der Ende des 18-ten Jahrhunderts gestorbenen 600 Soldaten zelten? Kommt mir auch ein wenig pietätlos und grotesk vor. Außer dem Schriftzug auf dem vor sich hin modernden Holzschild gibt es zwar keine Hinweise auf eine Grabstätte, doch eine innere Stimme sagt Nein. Noch während ich hadere bekomme ich Besuch. Zwei junge Mountainbiker. Ich spreche sie darauf an, ob sie mir weiterhelfen können. Sie können. Im nur wenige Kilometer entfernten Astert gäbe es eine Zeltwiese. Entsprechend mache ich kehrt, folge diesmal dem Wegweiser in seiner beabsichtigten Richtung und erreiche den Ort zwanzig Minuten später gerade rechtzeitig zum Einbruch der Dämmerung. Eine weitläufige Wiese im Flusstal mit Grillhütte, Fußballtoren und Spielplatz. In der Mitte stehen drei Jurten, um ein Lagerfeuer herum wuseln einige junge Familien. Pfadfinder. Seit Sonntag campieren sie dort. Ich spreche einen von ihnen an, ob es sie stören würde, wenn ich in gebührendem Abstand mein Zelt aufschlage. Mein Gegenüber gibt sich gleichgültig, rät mir aber, die an eine Holzwand angeschlagene Platzordnung zu lesen und mich bei der der Gemeinde anmelden. Dem Hinweis folgend greife ich zur Lesebrille und Handy. Neben der Information, dass Zuwiderhandlungen mit einer Strafanzeige geahndet werden, findet sich eine Telefonnummer. Ich tippe die Ziffern auf dem Display, drücke auf Wählen und lande auf einem Anrufbeantworter. In knappen Worten formuliere ich mein Anliegen, bitte um Rückruf und breite mich im Anschluss in einem entlegenen Winkel aus. Dank offen stehender Türen in einer Blockhütte mit Toiletten und Waschbecken ist die Wasserversorgung unproblematisch, lediglich das Duschen kommt abermals zu kurz, und so nimmt ein weiterer Abend seinen Verlauf, der sich nicht deutlich von den voran gegangenen unterscheidet. Trotz Halloween bleibe ich von Angst und Schrecken verschont und selbst das Smartphone bleibt ruhig.

Auch der nächste Morgen birgt keine Überraschungen. Weckergeläut zum Tagesanbruch, Taschenpacken, Müsli, Kaffee, Zähneputzen, Aufbruch – mit dem Gongschlag um neun zurück auf die Straße. 20 Kilometer sind es, die mich von meinem Einstiegspunkt in die Westerwaldschleife bei Wissen trennen. Bei tief hängenden Wolken folge ich weiter dem Lauf der Nister, bis in Stein-Wingert die Straße ein paar Windungen ausspart. Statt dessen geht es den Hügel hinauf. Gab es zwischenzeitlich Hinweise auf den Radwegweisern, dass Streckenabschnitte mit acht Prozent Steigung zu bewältigen seien, so finden die 90 Meter Höhenunterschied, die sich auf knappe 900 Meter Strecke verteilen, keine Beachtung. Nach einer Viertelstunde blicke ich mit einem Snickers in der Hand und einem gewissen Stolz auf diese zurück. Die erste Hälfte des Anstiegs verteilte sich auf ein Drittel der Distanz. Macht nach meinen Berechnungen 15 Prozent – eine Zahl, die für meinen Geschmack gerne hätte erwähnt werden dürfen. Vielleicht nicht gleich am Anfang, aber so mittendrin, für das Ego und die Motivation, den Rest auch noch abzustrampeln – doch, wäre nicht das Verkehrteste. Bei der Schussfahrt zurück an das Flüsschen verhält es sich nicht anders. Die letzten 30 Meter verteilen sich auf 150 Meter Länge. 20 Prozent Gefälle. Auch alles ohne Hinweis, dafür auf Laub. Bremste ich das Rad zuvor auf 50 km/h, so belasse ich es auf dem letzten Stück bei einem Fünftel der Geschwindigkeit und sorge damit eine Minute lang immer noch für einen Adrenalinschub. Die Talfahrt endet in einer engen Haarnadelkurve und gelegentlich rutsche ich auf dem nassen Blätterwerk.
Sechs Kilometer weiter ist Wissen erreicht. Während der zwanzigminütigen Fahrt kommt mein Puls wieder zur Ruhe. Der Streckenverlauf ist leicht abfallend und wenig aufregend – Flusstal, Auen, Bäume, zwischendurch immer wieder mal ein paar Häuser. Als ich auf einen Wegweiser mit der Beschriftung „Hamm (Sieg) – 6 km“ treffe beschließe ich: das war's, mit meiner Westerwaldrunde. Ich bilde mir ein, den Ortsnamen bereits auf dem Hinweg gelesen zu haben. Entsprechend lasse ich das Navi Navi sein und folge den Hinweisschildern am Straßenrand. Über eine Landstraße, der B256, geht es gen Westen. Der Verkehr ist zwar trotz Allerheiligen stärker als auf den kleineren Pisten durch die Prärie, bleibt aber erträglich. Womit ich eher meine Probleme habe ist die Orientierung. Die Richtung, in die die Straße führt, erschließt sich mir nicht immer zweifelsfrei. Der Streckenverlauf ist alles andere als geradlinig, auch nur seltenst eben, doch die Beschilderung mit Altenkirchen und Neuwied vor Augen, Hinweise auf Hamm finden sich lange Zeit nicht, gibt mir ein sicheres Gefühl. Dass ich zwischenzeitlich ein paar hundert Meter des Weges fahre, den ich erst drei Tage zuvor entgegengesetzt unterwegs war, sehe ich erst Zuhause, als ich einen Blick auf die Aufzeichnungen des GPS Gerätes werfe. Kurz vor Hamm an der Sieg dann leichte Verwirrung. Eine Großbaustelle. Die Ortsdurchfahrt ist gesperrt. Während ich am Navi hantiere und versuche herauszufinden, wie ich das Hindernis umfahren kann, bleibt ein Autofahrer stehen. Ob er mir helfen könne. Ich schildere ihm, wo ich hin will. Nee, da müsse ich unbedingt der Umleitung folgen. Durch den Ort hindurch, das wird nichts. Als der gute Mann mich nicht mehr im Rückspiegel sehen kann, wende ich - Richtung Ortszentrum. Wäre doch gelacht, wenn ich da nicht durch käme. Meine Einschätzung gibt mir recht. Wo Autofahrer kehrt machen müssen, dürfen Fußgänger passieren – Radfahrer möglicherweise ebenso. Vorbei an Flatterbändern, schwerem Gerät und über Schotter lerne ich Hamm an der Sieg kennen. Der Ort liegt auf rheinland-pfälzischer Seite quasi genau gegenüber Au auf nordrhein-westfälischem Hoheitsgebiet – getrennt vom Fluss, der die Landesgrenzen in diesem Abschnitt markiert. Nach dem Überqueren der Demarkationslinie schließt sich „mein“ Rundkurs. Würde ich zum Bahnhof abbiegen, käme ich exakt dort heraus, wo ich vor nahezu auf die Minute genau 72 Stunden zuvor startete. Um kurz vor halb zwölf ist mir jedoch nach 25 Kilometern nicht danach zumute, mich in den Zug zu setzen. Die Sonne lacht inzwischen und Köln ist in eine Entfernung gerückt, die aus eigener Kraft erreichbar ist. Entsprechend lasse ich den Bahnhof rechts liegen und folge der Radwegbeschilderung. Die D-Route 4 beziehungsweise der Siegtalradweg sind mir zumindest in Gegenrichtung nicht unbekannt. Nach zweieinhalb Kilometern gelange ich an einen Wegweiser: Eitorf – 22 km. Ich biege von der Landstraße ab, überquere die Sieg, stutze jedoch, als die Strecke sich immer weiter vom Fluss entfernt. Nach einigen Kilometern stehe ich an einem Knotenpunkt des Streckennetzes der RadRegionRheinland – Radeln nach Zahlen. Eine Übersichtskarte zeigt die nähere Umgebung. Die Route 63 – 62 – 61 – 15 führt zwar nach Eitorf beziehungsweise ab Knotenpunk 61 wieder entlang der Sieg, bis dorthin jedoch durch hügeliges Terrain, wie ein Blick in die entsprechende Richtung erahnen lässt. Einerseits nicht uninteressant, sehe ich etwas Neues, andererseits habe ich meine Bedenken. Ich will Kilometer machen und nach Möglichkeit noch im Hellen Zuhause ankommen. Da Umkehren für mich keine Option ist, füge ich mich meinem Schicksal. Um es vorweg zu nehmen: die Strecke lohnt sich, hat aber ihren Preis. Noch einmal geht es stetig bergauf – gute 200 Höhenmeter am Stück, erneut mit teilweise zehnprozentigen Steigungen. Bergab sieht es nicht anders aus. Von 365 Meter Höhe auf 115 Meter über Meeresspiegel auf vier Kilometern. Abermals über einen Waldweg, auf Laub, diesmal jedoch ohne Haarnadelkurve am Ende. Dazwischen liegen fantastische Talblicke bei strahlend blauem Himmel. Dass ich für die knapp zehn Kilometer hinauf zum höchsten Punkt nur gut eine Stunde benötige, kommt mir vor wie ein Wunder. Es sind Abschnitte dabei auf denen ich mich davor fürchte, von jemandem mit einem Rollator überholt zu werden. Für die Talfahrt hingegen benötige ich keine Viertelstunde. Auf einzelnen Passagen hätten Mofafahrer das Nachsehen. Auch auf den anschließenden Kilometern sehe ich häufig genug eine zwei an erster Stelle, wenn mein Blick auf die Geschwindigkeitsanzeige des Navis fällt. Nicht ganz unmaßgeblich dürften die Windverhältnisse jedoch das für mich zügige Vorankommen begünstigen. Dennoch stürze ich mich in Eitorf in die nahezu erstbeste Imbissbude, die ich entdecke. Einer Bratwurst, einer Portion Pommes und einem Liter Cola folgt der Endspurt. Die verbleibenden gut 45 Kilometer sind in deutlich weniger als drei Stunden abgespult. Um halb fünf stehe ich mit dem Rad vor dem Gartentörchen und lade meine Packtaschen ab. Das war er also, mein Ausflug in den Westerwald, über dessen Höhen der Wind so kalt pfeift. In den Oberschenkeln spüre ich sie auch noch am nächsten Tag.