auf den Spuren von Ute & Dirk Prüter

Wupper Runde

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--- Freitag ---
Bis die Taschen zu sind und am Rad hängen ist es 14:40 Uhr – hatte ich fast befürchtet, so etwas. An sich wollte ich zu diesem Zeitpunkt bereits eine dreiviertel Stunde auf der Straße sein, um wenigstens noch drei Stunden im Hellen fahren zu können. Aber was soll's, ist halt nicht zu ändern. Ein vorheriger Einkauf benötigte seine Zeit, denn ohne Proviant im Gepäck sowie einem Brötchen im Magen wollte ich auch nicht starten. Essen ist wichtig. Ohne Mampf kein Kampf.
Doch ich kann dem späten Aufbruch auch etwas Gutes abgewinnen – es ist wieder trocken. War zwar ohnehin kein ergiebiger Schauer, aber immerhin. Was bleibt ist ein grauer Himmel und nasser Asphalt. Typisches November Wetter halt.
Die ersten zehn Kilometer sind mir wohl bekannt von meiner Flughafenrunde und entsprechend geht es, welch Überraschung, zum Flughafen. Zunächst über die Felder Richtung Leidenhausen, es folgen ein paar Wohngebiete am Rande von Eil, die Unterquerung der A59 und die Überquerung der S-Bahn Linie 13, dann teile ich mir mit dem motorisierten Verkehr die Alte Kölner Straße, die manch einem auch als Panzerstraße bekannt ist. Der Abschnitt bis Altenrath ist jedoch so gut asphaltiert, dass von den darunter liegenden Betonplatten nicht viel zu spüren ist, erst danach kommt die Strecke, bei der das Rad alle paar Meter erschüttert wird, doch so weit komme ich gar nicht. Nach ein paar Bildern mit dem Flughafen im Hintergrund biege ich vor Altenrath ab, und als ich vor dem Ortseingang einen Rad Wegweiser Richtung Overath entdecke, entschließe ich mich kurzerhand, diesem zu folgen anstatt der präparierten Route auf dem Navi. Den Navi Weg kenne ich bereits von einem Ausflug entlang der Agger, und die ausgeschilderte Strecke scheint auch nicht viel länger – 15 Kilometer, entnehme ich dem Hinweisschild. Auch hier ist mir das erste Stück noch bekannt, doch nachdem A3 und Sülz überquert sind, kommt Neuland. Nicht unattraktiv, viel Wald und Felder, doch es dauert nicht lange und ich weiß wieder, warum ich in der Planung den bereits bekannten Weg dem Vorzug gegeben hatte: ich wollte mir den 200 Meter hohen Hügel ersparen. Na ja, nun hab ich den Salat. Entschädigt werde ich durch die Gambacher Mühle, einem Ausflugslokal für Wanderer und Radfahrer, dass jedoch bei dem tristen Wetter einen ausgestorbenen Eindruck macht. Nach ein paar Metern Schieben und weiteren Metern in kleinen Gängen folgt ab Honrath die Abfahrt, und ab Agger geht es an dem gleichnamigen Flüsschen weiter, womit der reizvolle Teil der Strecke für den Tag sein Ende findet. Entlang der B484 folgt ein Dorf dem nächsten, rechts fließt das Wasser, dahinter sowie zur Linken erheben sich die Hügel, und auf der Bundesstraße herrscht reger Feierabend Verkehr. Ab Overath wird der Lärmpegel dann um den Krach bereichert, der von der A4 herüber dröhnt, und dass die Bahnlinie nicht auch noch ihren Beitrag zum Akustik Smog liefert kann meines Erachtens nur damit zu tun haben, dass die Lokführer streiken.
Ab 17:00 Uhr schwindet recht rapide der graue Himmel, und mit ihm das spärliche Tageslicht. Als ich kurz vor Engelskirchen einen Campingplatz entdecke, ist es bereits so dunkel, dass ich die Telefonnummer des Platzwartes nicht mehr richtig lesen kann. Ich erkenne noch die Porzer Vorwahl, sehe auch anhand der Anschrift, dass der Mann mehr oder minder ein Nachbar ist, doch drei Versuche, den Menschen zu erreichen, schlagen fehl. Zunächst erreiche ich einen anderen Teilnehmer, beim Versuch mit einer anderen Interpretation der handgeschriebenen Nummern lande ich auf einem Anrufbeantworter, der mir nur die gewählte Rufnummer souffliert, nicht aber, wer sich dahinter verbirgt, und im dritten Anlauf pfeift mich schließlich ein Fax an. Zwar hatte ich ursprünglich vorgehabt, mein Zelt irgendwo in der Pampas aufzuschlagen, doch sowohl die Dunkelheit als bislang auch ausbleibende reizvolle Flecken sowie die Aussicht auf eine warme Dusche hatten durchaus das Interesse geweckt, einen Platz für das Zelt gegen Entgelt aufzusuchen. Nur wenige Meter weiter liegt am Fahrrad Geschäft am Wegesrand. Kurzerhand bleine ich stehen und treffe auf zwei hilfsbereite Schrauber, die dem Anschein nach nicht gerade in Arbeit ersticken und mir aufgeschlossen weiterhelfen. Etwa einen Kilometer weiter gäbe es jemanden, der Zeltplätze zur Verfügung stellt. Der Weg ist schnell beschrieben, Straße und Hausnummer gibt es für den Notfall auch noch, und dann begebe ich mich auf die Suche. Beziehungsweise – nicht ganz so unmittelbar, denn an der Wand der Werkstatt entdecke ich die umfangreiche Ausstattung mit Werkzeug eines Anbieters, von dem auch ich einen Hammer besitze. Einen Hammer, an dessen einem Ende ein Kunststoff Aufsatz sitzt, der bei mir ziemlich ramponiert ist, nachdem ich versuchte, Zeltheringe in einen festeren Untergrund zu treiben. Ob man mir mit einem entsprechenden Aufsatz weiterhelfen könne, will ich wissen, werde jedoch enttäuscht. Nicht vorrätig, und bestellen macht in meinem Fall wohl wenig Sinn. Stimmt, aber dennoch bemüht man sich, kramt den Katalog hervor und bestätigt, was ich bereits weiß. Das Teil soll bestellbar sein, hat aber weder eine Bestellnummer, noch einen Preis.
Die Suche nach dem Campingplatz ist hingegen erfolgreicher. Der Bungalow, in dem der Betreiber zu erreichen ist, ist schnell gefunden, und im Schein der Taschenlampe erhalte ich einen Flecken unter einem Baum zugewiesen, auf dem ich mich breit machen kann (also, auf dem Flecken). Sollte nun der Eindruck entstehen, dass es sich um eine weitläufige Zeltwiese mit Haus für Sanitäranlagen und am besten auch noch Stellplätzen für Wohnwagen handelt, so trügt der Schein. Das Gelände verteilt sich um einen ehemaligen Bauernhof. Toiletten und Waschgelegenheiten sind in einem Anbau der Scheune untergebracht, und wie es sich für einen ordentlichen Betrieb dieser Art gehört, ist es in der Nachbarschaft nicht gerade leise. Die nur unweit entfernte Autobahn ist ebenso unüberhörbar wie die Tatsache, dass der Ort in der Einflugschneise des Köln Bonner Flughafens liegt, und wäre nicht gerade der Bahnstreik, so würden wahrscheinlich auch noch die Züge über das Kopfkissen dröhnen. Doch ich will dem Betreiber nicht zu nahe treten – hätte ich mich irgendwo anders an der Agger nieder gelassen, es wäre diesbezüglich kein Unterschied gewesen.
Das neue Zelt im Licht der Stirnfunzel aufzubauen ist kein großes Problem. Ob es mir in der Zeit gelingt, die der Hersteller als Richtwert angegeben hat, ich weiß es nicht, denn ich schaue weder auf die Uhr, noch ist mir daran gelegen, irgend etwas derartiges unter Beweis stellen zu wollen. Ich bin schon damit zufrieden, dass die Behausung überschaubare Minuten später steht und ich das Gepäck untergebracht bekomme.
Dann der Gang unter die Dusche. Da ich im Dunkeln keine Mitbewohner entdecken kann, bin ich so frei und breite meine verschwitzten Klamotten sowie das nasse Handtuch auf einem Stuhl vor der Heizung aus, bevor es an das Abendmahl geht. Aufgrund des Brötchens zum Mittag fällt meine Wahl auf etwas Warmes, wobei ich die Wahl habe zwischen Chili con Carne aus der Dose und Chili con Carne aus der Dose. Mangels vorhandener Alternativen im Supermarkt griff ich zu zwei gleichartigen Konserven, was mir nun die Wahl erleichtert. Gegen 20:00 Uhr schließlich bin ich gesättigt, auch eine Tasse Cappuccino ist weg geschlürft, und ich verziehe mich vom Dreibein Hocker vor dem Zelt in das Schlafgemach, räume ein wenig auf, packe den Rechner aus, schreibe diese Zeilen, bevor zweieinhalb Stunden später die ersten Regentropfen fallen und ich die Augen schließe.

--- Samstag ---
07:00 Uhr – der Wecker meldet sich zu Wort, obwohl es draußen bereits hell ist. An sich sollte laut Navi gerade die Sonne aufgehen und ich hätte angenommen, dass es dann noch deutlich düsterer ist. Kommt davon, wenn man sonst frühestens eine Stunde später aufsteht. Die Idee war, so viel Zeit wie möglich von den hellen Tagesstunden zu nutzen, allerdings war mir ebenso wenig daran gelegen, bereits Morgens mit der Taschenlampe auf dem Kopf herum zu rennen. Aber ärgern bringt nichts, ist denn halt so, wie es ist. Wird halt für den nächsten Tag der Wecker eine halbe Stunde vor gestellt.
Bis ich startklar bin vergehen zwei-ein-viertel Stunden, dafür habe ich dann aber auch schon eine Portion Müsli verdrückt sowie die nächste Tasse Cappuccino geleert.
Als ich den Schlüssel für die Toilette bei meinem Vermieter abgebe begrüßt dieser mich im Bademantel. Ich solle mir aber keine Gedanken machen, ich habe niemanden aus dem Bett geworfen, unterbreche lediglich die morgendliche Zeitungslektüre. Verbunden mit der Frage, wie alt ich sei, bekomme ich noch ein paar aufmunternde Worte mit auf den Weg. Ich mache das schon richtig. Nicht erst warten, bis ich Rente kassiere, jetzt schon das Leben genießen. Mein Gegenüber sei bereits Rentner, er wisse, wovon er spreche. Für all die Dinge, die man aufgeschoben habe, reiche die Zeit gar nicht, und andere fallen Krankheiten sowie anderen Zwängen zum Opfer. Beruhigt mich mal wieder, so etwas zu hören. Mache ich wohl doch nicht alles verkehrt.
Als nächstes bedanke ich mich noch kurz in dem Fahrrad Laden für den Tipp. Anscheinend hat man hier gerade erst die Pforten geöffnet, es ist weder Kundschaft im Geschäft, noch störe ich jemanden bei der Arbeit. So steht Augenblicke später der nette Fachmann vor der Tür, inspiziert mein Gefährt und wir fachsimpeln ein wenig. Es ist schön mit einem Spezialisten ganz ungezwungen plaudern zu können. Er weiß, dass er mir nichts verkaufen kann – und ich weiß es ebenso. So erfahre ich, dass ich da eine recht vernünftige Technik unter dem Sattel habe, die allerdings seine Grenzen hat, als der Mann erfährt, was mir an Ideen für weitere Radtouren so vorschwebt. Breitere Reifen bekäme ich nicht drauf, selbst wenn ich die Felgen tausche, und was die Stabilität der Felgen angehe, so solle ich mich am besten mit konkreten Angaben zu Gewicht von Rad, Körper und Gepäck an den Hersteller wenden – dann sollten auch so Sachen wie die in Schweden festgestellten Risse zwischen den Speichen nicht mehr vorkommen.
Als ich mich verabschiede ist es 09:30 Uhr durch, und noch stehen knapp 80 Kilometer für den Tag auf dem Programm. Bei vorsichtiger Schätzung von 10 Kilometern pro Stunde sollte ich jedoch nicht in Bedrängnis geraten und meine Verabredung zwischen 17:00 und 18:00 Uhr in Wuppertal locker einhalten können, die ich mit dem Hausvater des CVJM Hauses in Langerfeld im Vorfeld getroffen hatte, um organisatorische Details meines Vortrags eine Woche drauf zu klären.
Bei blauem Himmel ist Engelskirchen schnell erreicht, auch wenn die Situation auf der Straße sich nicht deutlich verbessert hat. Es herrscht weiterhin reger Verkehr, es ist laut, und am Straßenrand gibt es auch nicht weniger Bebauung. Einen versteckten Flecken, auf dem ich hätte übernachten können, entdecke ich nicht, nur bei einem Abstecher entlang eines Spazierweges entlang der Agger überraschen mich ein paar malerische Motive. Tau an den Ästen, leichter aufsteigender Nebel, dazu die Strahlen der Sonne, die das Herbstlaub farbenprächtig zur Geltung bringen.
Um kurz nach 10:00 Uhr biege ich nach links ab, Richtung Marienheide. Dabei lasse ich Agger hinter mir und schraube mich langsam die Hügel empor – manchmal auch sehr langsam. Als ich in einem der folgenden kleineren Orte an einer Metzgerei vorbei komme und nicht Halt mache schwant mir bereits, dass dies ein Fehler gewesen sein dürfte, und so ist es auch. In der nächsten Bäckerei, die ich ansteuere, erhalte ich keinen belegten Brötchen. Samstags gibt es dort keinen Belag. Und es ist nun mal Samstag. Zwar begnüge ich mich mit einem Stück Mohnkuchen, dass auch erst gar nicht seinen Weg in die Packtaschen findet – die Höhenmeter fordern ihren Tribut, und schmecken tut die Streusel Schnitte außerdem, aber etwas Herzhafteres für später wäre natürlich auch nicht unangebracht.
Gegen 12:00 Uhr erreiche ich das Quellgebiet der Wupper, die hier noch Wipper heißt. Historische Gründe. Egal. Einem Hinweisschild entnehme ich, dass der Fluss gar keine richtige Quelle hat, sondern sich je nach Regen, Lust und Laune aus einer Vielzahl von Rinnsalen in der Wiese speist. So folge ich einer Treckerspur durch saftiges Grün und gehe das erste Mal über die Wupper – nein, Wipper. Und es ist auch kein richtiges Gehen, sondern eher ein Furten. Ist aber wahrscheinlich ebenso unzutreffend, da ich das Rad über eine quer liegende Dachlatte schiebe, unter der sich das Wasser ergießt, und ich selbst mit einem großen Schritt trockenen Fußes das andere „Ufer“ erreiche. Anschließend geht es über zumeist kleinere Straßen und Wirtschaftswege weiter den noch jungen Fluss entlang, doch hatte ich die Hoffnung, dass es in Fließrichtung auch für mich nur noch abwärts geht, also, auf die Strecke bezogen, so sehe ich mich eines Besseren belehrt. Hätte ich wohl doch mal vorher das Höhenprofil besser studiert. Immer wieder führt die Route einen Hügel empor, während das Gewässer seinen Weg ohne die Überbrückung von Steigungen findet. Hätte man besser lösen können, für mich, der der Kondition späterer Tage der Nordroute nach Formentera hinterher hechelt.
Erlöst werde ich irgendwann von einer Bahntrasse. Über zig Kilometer bestenfalls moderate Anstiege, und zwischendurch sogar mal ein Tunnel, der den Weg ebnet. In Wipperführt verlasse ich die Komfortpiste mal kurz, um einen Blick auf den Ortskern zu werfen, finde auch dort nur eine Bäckerei, die lediglich Teigwaren im Sortiment führt, dann geht es wieder zurück auf den einstigen Schienenweg. Unterwegs treffe ich dabei auf jemanden, dessen Gepäckträger ebenfalls mit Packtaschen behängt ist, und der, wie ich im Gespräch feststelle, auch in Köln wohnt und dort am Vormittag gestartet ist. Zwar bekomme ich nicht heraus, welchen Weg er eingeschlagen hat, dafür aber eine Reihe anderer Dinge, die auch nicht uninteressant klingen. Geboren sei er in Australien, was den englischen Akzent in seiner Aussprache erklärt, die familiären Wurzeln lägen aber in Serbien, wohin es ihn auch bereits mit dem Rad trieb. Und er liebe die Berge, oder Hügel, die es ja leider nicht an seinem jetzigen Wohnort gäbe, die ihn aber hier begeistern. Was ihm hingegen überhaupt nicht gefällt ist, dass es so früh dunkel werde – ach was …
In Hückeswagen trennen sich unsere Wege wieder. Meine neue Bekanntschaft will sich den Ort ansehen und dann den Rückweg antreten, mich treibt es weiter den Fluss entlang.
An der Wupper Talsperre verlasse ich die Bahntrasse und tausche die asphaltierte Piste gegen eine geschotterte ein. Nach einigen Kilometern entlang der Wasserkante hört aber auch hier der Spaß mal wieder auf und es geht aufwärts. Hatten wir ja auch schon lange nicht mehr. Da der Boden zwischendurch erdig und nass ist, auch hier und da mit durchdrehendem Hinterrad. Aber selbst bei der folgenden Abfahrt ist das Fahren auf diesem Untergrund für mich kein wahres Vergnügen. Anders mögen es die Mountainbiker sehen, denen ich begegne, doch gibt es auch unter denen welche, die ihr Geländerad schieben – zumindest, wenn die Richtung „aufwärts“ heißt. Für mich folgt anschließend noch ein weiterer Anstieg auf geteerter Straße, irgendwo zwischendurch steige auch ich ab und schiebe, dann die Abfahrt, die ich nicht mehr schiebe, sondern es auch mal genieße, mich mit gut 40 Sachen rollen zu lassen, bis der Radweg wieder eben an der Wupper entlang läuft und ich die Stadt erreiche, die nach dem Tal benannt ist, durch welches sich das Gewässer bahnt.
Nachdem dort die A1 unterquert ist, verlasse ich den Radweg und biege ab Richtung Etappenziel für den Tag. Trotz einiger Pausen bin ich früher dran als geplant, doch auf dem steilen Weg bergan lasse ich erneut langsam gehen und steige aus dem Sattel. Was anschließend folgt, ist weniger anstrengend. Der Hausvater des CVJM Hauses macht mich mit den Gegebenheiten vertraut, die mich für meinen Vortrag eine Woche später erwarten, zeigt mir auch noch die anderen Räumlichkeiten, wir unterhalten uns nett über das, was unter dem Dach des Hauses in den nächsten Jahren noch stattfinden soll und was mir zu diversen Themen einfällt, dann beziehe ich auf einer großzügigen Wiese bei einbrechender Dunkelheit Quartier und der Tag nimmt einen typischen Verlauf, begleitet vom stetigen Rauschen der nahe gelegenen A1 sowie dem stündlichen Geläut einer Kirchturmglocke …

--- Sonntag ---
Der Wecker macht sich, wie eingestellt, um 06:30 Uhr bemerkbar, doch ein Blick vor die Tür zeigt – es ist noch dunkel. Also für noch eine halbe Stunde zurück in den kuschelig warmen Schlafsack. Im nächsten Anlauf bin ich konsequenter. Von Sonne ist zwar weiterhin nichts zu sehen, aber es wird so langsam hell. Ich stolpere den steilen Hang hinunter, nutze das Angebot, die Toiletten im Keller des CVJM Hauses zu nutzen, wo bereits die ersten Aussteller des Flohmarktes herum wuseln, der hier stattfindet und sich laut Hausvater großer Beliebtheit erfreut. Oder sind es schon die Schnäppchenjäger, die mir über den Weg laufen? Tut an sich aber auch gar nichts zur Sache. Die Dame des Hauses bietet mir auf jeden Fall einen Kaffee an. Super nett, wie ich finde, doch ich lehne dankend ab. Nicht, dass mir das Vertrauen in die Künste des Aufbrühens oder der Auswahl der Bohnen fehlt, aber ich bevorzuge es, mir eine Tasse Warmes in aller Ruhe zusammen mit dem Müsli einzuverleiben, und so fällt mir der Verzicht nicht schwer. Dafür fällt mir jedoch ein, was ich vergessen habe mit zu nehmen. Eine Flasche für Wasser. Unter anderem halt für das morgendliche Gebräu, sowie für den Abwasch, oder für unterwegs, falls es noch was dauert, bis ich einen Laden finde, in dem ich mich mit Nachschub eindecken kann. Also – nach dem Erklimmen des Hügels den gleichen Weg noch mal runter und wieder rauf. Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen. Wie sollte es auch anders sein.
Nach dem etwas unfreiwilligen Frühsport nimmt alles seinen ganz natürlichen Lauf. Kocher anstellen, anfangen Sachen zu packen, Cappuccino aufgießen, weiter packen, frühstücken, Zelt abbauen. Zelt abbauen? Klar, schon, aber erst, nachdem zumindest das Gröbste des Kondenswassers weg geputzt ist. Die Hoffnung, dass sich das von selbst erledigt, erfüllt sich leider nicht. Die Sonne kommt nur sehr verhalten über den Hügel.
Als ich schließlich mit gepackten Taschen das Rad durch das Laub den Abhang herunter schiebe, ist der Gebrauchtwarenhandel bereits in vollem Gange. Vor der Tür Besucher, die sich an Kaffee und Waffeln laben, dahinter geschäftiges Treiben. Die Zeiger der Uhr bewegen sich auf 09:30 Uhr zu, ich sehe zu, dass ich mich vom Acker mache. Dem Hausherrn begegne ich noch mal an der Zufahrt, wir wechseln noch ein paar Worte, dann geht es in nahezu umgekehrter Richtung den Weg zurück, den ich Tags zuvor gekommen war. Nur: diesmal wird nicht geschoben, denn es geht talwärts. Unten angekommen zunächst ein Blick auf die Wupper. Sie fließt immer noch. Dann geht es auf der Straße weiter. Nach ein paar hundert Metern eine zweispurige Linksabbiegerspur, danach eine größere Bundesstraße – die B7. Zwar herrscht an diesem Sonntag Morgen noch nicht viel Verkehr, doch die Aussicht, so das Stadtgebiet zu durchqueren, ist nicht unbedingt das, woran mir gelegen ist. Nur wenige Meter weiter, auf der linken Straßenseite, noch vor dem Fluss, die bereits ins Kalkül gezogene Alternative – Plan B sozusagen. Eine Fahrt mit der Schwebebahn. Einen Aufzug, um mit dem Rad, ja, wie sagt man, an das „Gleis“ zu kommen, gibt es, nur der Fahrscheinautomat verweigert die Annahme von Plastikgeld oder Scheinen, und 5,60 € in Münzen habe ich nicht im Portemonnaie. Nebenan befindet sich jedoch der Bahnhof von Oberbarmen, und in dem gibt es, neben einer Hamburger Braterei, einen Bäcker. Sehr schön, so lassen sich direkt zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen. Zweitfrühstück und Mittagessen oder etwas für danach und Kleingeld erwerben. Zwei belegte Brötchen sind schnell ausgemacht, und das, was von dem Zehner übrig bleibt, reicht in Verbindung mit dem Geschrabbel in der Börse, um dem Stahlschrank des Verkehrsbetriebs Fahrkarten zu entlocken.
Wenig später stehe ich oben an der Haltestelle. Was für einen Elefanten kein Hindernis war, hält auch mich nicht auf. Nach acht Minuten Warterei gondelt ein leerer Wagon heran, es öffnen sich die Türen, und ich steige ein. Die an der Stahlschiene hängende Kabine ist zwar nicht gerade ein Raumwunder, doch dort, wo für Rollstühle oder Kinderwagen Platz ist, bekomme ich das Rad untergebracht, ohne dass es im Wege steht oder ich jemand anderem den Platz weg nehme. Dann ruckelt das Gefährt von einer Haltestelle zur nächsten, immer über dem Wasser her. Für die circa zehn Kilometer bis zur Haltestelle Stadion/Zoo benötigt die Schwebebahn eine gute halbe Stunde, dann trennen sich Wupper und Hochtrasse. Entsprechend verlasse ich das Vehikel und setze meinen Weg aus eigener Kraft fort. Die Straße, der ich folge, ist mittlerweile wieder einspurig, doch es dauert auch nicht lange, dann knickt nach links ein Pfad ab und es wird deutlich ruhiger, allerdings gleichermaßen hügeliger. Die Sonne schafft es nur selten über den Gipfel des Höhenzuges, so dass ich überwiegend im Schatten radle, doch der Himmel ist blau, die Hänge sind goldgelb vom Laub bedeckt, und der Boden ebenso – Herbst halt, an einem der schöneren Tage.
Im weiteren Verlauf folgen Wupper und Radweg einer Schnellstraße, oder ist es anders herum, bis die Stadtgrenze erreicht und es bis Remscheid nicht mehr fern ist. 6 Kilometer über die Bundesstraße, Richtung Nordosten. Mein Weg verläuft jedoch gen Süden. Ein Mal mehr über die Wupper, dann aber nicht mehr begleitet vom Straßenverkehr. Die ersten Meter sind noch asphaltiert, anschließend wird es erdig. Was aber deutlich imposanter ist: Deutschlands angeblich höchste Eisenbahnbrücke, deren Gleise in etwas über 100 Meter Höhe über das Tal führen. Trotz Baustelle ist das Bauwerk ein Anziehungspunkt, und das Wetter trägt sein übriges dazu bei, dass viele Ausflügler unterwegs sind. So dauert es auch nicht lange, bis ich angesprochen werde. Ein voll bepacktes Rad scheint ebenso ein Anziehungspunkt zu sein. Es ist ein älterer Herr, der mir die üblichen Fragen stellt. Woher, wohin, und schnell werden Erinnerungen des Mannes an eigene Touren geweckt. Im Sommer gab es immer Ferien mit dem Rad. Drei Wochen, vier Wochen. Den Rhein sei man rauf geradelt, und andere Flüsse ebenso. Oder runter. Und Ortlieb Taschen müsse ich mir zulegen. Die seien immer wasserdicht geblieben. Ohne Schleichwerbung betreiben zu wollen oder Tantiemen dafür zu kassieren – ich kann nur zustimmen. Aus meinen Taschen aus gleichem Hause ist auch noch kein Wasser heraus getropft, aber ebenso wenig eingedrungen! Ich höre geduldig weiter zu, und der eine oder andere Ort, den der Mann nennt, lässt auch Bilder vor meinem geistigen Auge erscheinen. Zu guter Letzt gibt mir meine jüngste Bekanntschaft mit auf den Weg, dass ich entlang der Wupper die ärgsten Anstiege hinter mir habe.
Ein paar hundert Meter weiter habe ich aber so meine Zweifel an das Erinnerungsvermögen des Mannes. Vor mir: eine Treppe, zwar nur circa fünf Meter hoch, doch mit schmalen Stufen, keinem Geländer zum Abstützen Richtung Abhang zum Fluss runter, zur Rechten der blanke Fels, ohne eine Möglichkeit, das Rad hoch zu schieben. Unschlüssig bleibe ich stehen. Bleibt mir ja ohnehin nichts anderes übrig. Taschen abnehmen oder dran lassen? Ich entscheide mich für letzteres. Ein Fehler, wie ich nur Augenblicke später feststelle, als ich auf der vierten oder fünften Stufe stehe, das Rad tragend, den Halt verlierend. Ein Spaziergänger, der das Elend von oben mit ansieht, hat Erbarmen und fasst an. Meine Rettung – ich hatte mich schon mit Beulen unter meinem Drahtesel liegen sehen. Anschließend halten sich die Steigungen tatsächlich in Grenzen. Immer wieder mal 10 Meter rauf, 10 Meter runter, doch keine dramatischen Höhen, die zu bewältigen sind. Zumindest nicht für mich. Einen anderen Parkour haben die Mountainbiker hinter sich, die ich in ihrem Schlamm besprenkelten Outfit an einer Weggabelung treffe. Sie geben sich nicht mit dem überschaubaren Auf und Ab zufrieden, atmen aber gerade ebenfalls mal kurz durch. Wir quatschen ein bisschen, dann geht es weiter. Für mich weiter entlang der Wupper, die Berg- und Talfahrer den steilen Hang hinauf, um irgendwo anders rasant über Stock und Stein hinunter zu brettern.
Bis zum Fuße von Schloss Burg herrscht reger Betrieb. Spaziergänger, Wanderer, Radler – ebenso wie ich erfreuen sie sich an dem schönen Wetter, dann lichten sich die Wege und ich gelange an eine Bank in der Sonne, die nicht bereits besetzt ist, wobei, Bank ist ein wenig untertrieben. Es handelt sich eher um eine Relaxliege. Breite Sitzfläche, lang hochgezogene Lehne, bis über den Kopf hinaus, und die Füße liegen auch noch entspannt auf den Brettern. Also: mit Wasserflasche und Brötchen bewaffnet ab in die Horizontale, beziehungsweise Diagonale, und den Augenblick genießen. Herrlich!
Ein paar Biegungen weiter, dann laufen die Hügel rechts und links der Wupper aus, die Autos tragen Solingener Kennzeichen und – der blaue Himmel schwindet zusehends. Von Westen her zieht es sich mehr und mehr zu, doch auf einem Thermometer lese ich für die Jahreszeit angenehme 13° ab. Auch meine Befürchtung, dass es sich ab Leichlingen beziehungsweise spätestens ab Leverkusen Opladen an einer mehrspurigen Kreuzung auf idyllischen Wegen entlang des Wassers ausgeradelt hat, erweisen sich als unbegründet und ich werde immer wieder angenehm überrascht. Hier noch mal ein Schlenker zurück an den Fluss, da noch mal ein paar Kilometer auf aufgeweichtem Matschweg, auf dem die Reifen durchdrehen. Mir gefällt es deutlich besser als auf dem Radstreifen neben Kreisstraßen, durch Wohnsiedlungen oder Industriegebiete gelotst zu werden.
Gegen 14:30 Uhr hat es sich dann ausgewuppert. In Höhe des Rheinkilometers 703 mündet der Fluss, dem ich circa 110 Kilometer folgte, in den größeren Strom, und für mich geht es auf die Zielgerade. Ich wechsele über die Leverkusener Brücke auf das andere Ufer, erreiche somit wieder das Kölner Stadtgebiet, kurbel durch Merkenich, vorbei an den Fordwerken und Riehler Hafen, lasse die Mühlheimer Brücke ebenso links liegen wie die anderen innerstädtischen Querungen über den Rhein, und kämpfe mich entlang von Dom, Altstadt, Schokoladenmuseum sowie Rheinauhafen zwischen den Spaziergängern hindurch, um über die Rodenkirchener Brücke wieder rechtsrheinischen Boden unter die Räder zu bekommen. Als ich Porz gegen 17:00 Uhr erreiche ist von der Sonne nichts mehr zu sehen, statt dessen bleibt mir der Blick zurück auf eine weitere Radtour, im Zuge der ich laut Navi 13½ Stunden in Bewegung war, dabei 213 Kilometer sowie 2025 Höhenmeter bei einer maximalen Höhe von 462 Metern bewältigte, es neben den nackten Zahlen aber ansprechendere Eindrücke gab.