Island mal anders

Ein Mann, ein Traum, acht Wochen

Seyðisfjörður
Ich habe noch keinen festen Boden unter den Füßen, da bin ich bereits begeistert. Meine Anreise gleicht einer perfekten Inszenierung. Schritt für Schritt wuchs die Spannung, bevor der Knoten platzt, wird der Höhepunkt noch eine gefühlte kleine Ewigkeit gehalten.
Beginnen taten die drei Tage an Bord der Norröna harmlos. Menschen strömten auf das Schiff, suchten ihre Kabinen, man knüpfte erste Kontakte, schaute, wie man die Zeit tot schlägt. Ich wollte mir den ersten Abend damit vertreiben, 22 Herren zu zu schauen, wie sie über einen Rasen rennen, wollte Fußball gucken. Am Tresen einer Rezeption erfuhr ich, dass dem nichts entgegen stünde. Man übertrage eine Begegnung. Manchester United gegen Arsenal London. Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Manchester? Arsenal? Klar, man beförderte internationales Publikum, doch ich war als Deutscher nicht allein. An dem Abend wurde in Berlin das DFB Pokalfinale ausgetragen. Gegeneinander an traten Bayern München und Borussia Dortmund. Ich insistiere, die Dame mir gegenüber jedoch hielt sich unverbindlich. Sie wolle schauen, was sich machen ließe.
Als der Anpfiff näher rückte, schlenderte ich durch die Salons. Aus einem schallten vertraute Fangesänge. Man hatte improvisiert, Leinwand und Beamer aufgestellt und übertrug die Partie. Klasse. Abend gerettet. Zudem, wie sich zeigt: Unterhaltung vom Feinsten. Trotz torloser regulärer Spielzeit. In der Verlängerung fällt ebenfalls kein Treffer. Dennoch, die Männer auf dem Platz gaben alles. Dass am Ende die Spieler des falschen Teams die Trophäe in den Nachthimmel reckten? Egal. Ansichtssache, Schicksal. Glück für die Einen, Pech für die Anderen, gewollte und grausame Konsequenz des Elfmeterschießens. Hinderte aber auch die Unterlegenen nicht daran, das Spielfeld hoch erhobenen Hauptes zu verlassen. Mindestens ebenso schön: der Funke sprang über. Die nicht gerade Wenigen, die das Geschehen mit verfolgten, waren in ihrer Leidenschaft vereint. Man litt, man hoffte, man bangte, man fieberte, am Ende: Erlösung.
Weniger aufreibend der Sonntag. Ein kompletter Tag auf See. Das Wetter meinte es gut. Sanftes Wogen, blauer Himmel. Ich unterhielt mich mit Mitreisenden, wir ließen uns aus über Gott und die Welt, philosophierten, gaben Anekdoten voran gegangener Reisen zum Besten. Am Nachmittag zogen in einigen Kilometern Entfernung die Shetlands vorbei. Schön. Wer es rechtzeitig geschafft hatte, saß im Liegestuhl, streckte die Beine aus, genoss die Sonne sowie den Anblick der Inseln in der Ferne, während über den Köpfen die Basstölpel kreisten. Dass mich am Abend mit dem Gang zum Buffet ein flaues Gefühl beschlich? Ein Grund erschloss sich mir nicht. Weder war das Meer aufgewühlt, noch peitschten Stürme darüber hinweg. Wahrscheinlich der Wink mit dem Zaunpfahl, mich in Dankbarkeit und Demut zu üben. Nicht jede Überfahrt dürfte so harmonisch verlaufen. In der Koje und nach Einwurf einer Reisetablette legte sich das Unwohlsein schließlich ebenso schnell, wie es aufkam.
Als ich am Montag erwachte, ruhte das Schiff. Zwischenstopp auf den Faröern. Gänsehaut. An über 300 Tagen im Jahr regnet es auf den Schafsinseln. Ich durfte das Archipel an einem der verbleibenden Tage kennen lernen. Sonnenaufgang in Tórshavn, der Hauptstadt der Inselgruppe – welch ein Erwachen. Kleine bunte Häuschen erstrahlten im Licht des anbrechenden Tages, Hafenkulisse und Himmel spiegelten sich im Wasser, Anblicke wie in einem Bilderbuch.
Die Fahrt am Nachmittag durch den nordöstlichen Teil der Inselwelt? Nicht minder spektakulär. Die Fähre glitt vorbei an schroffem Gestein, grünen Hängen und Schnee bedeckten Gipfeln. Was sich mal steil aus dem Meer erhob und scheinbar zum Greifen nah war, schmiegte sich anderswo sanft in die Fluten. Welch ein Vorgeschmack!
Dienstag Morgen schließlich das Finale. Ein grandioses. Ein Wiederholungstäter riet mir, früh aufzustehen. Das langsame Zusteuern auf Island sei etwas Einmaliges. Ich sollte es mir nicht entgehen lassen. Entsprechend stellte ich mir den Wecker. Als ich an Deck stand, sah ich – nichts. Um mich herum nur Suppe. Graue, dichte Schwaden. Nebel. Sichtweite? Keine Ahnung. Zehn Meter, zwanzig Meter, Fünfzig Meter? Wahrscheinlich je nach Wolke, durch die wir gerade fuhren. Das Einzige, was zu sehen war, war die Bordwand. Ansonsten nichts, das näher rückte. Irgendwann schließlich mehrten sich Stimmen, dass es nicht mehr weit sein könne. Stimmen derer, die mit ihren Handys Signale empfingen. Signale isländischer Mobilfunknetze. Augenblicke später war es dann so weit. Der Schleier lichtete sich, der Vorhang fiel. Ein Paukenschlag für großes Kino.
Als wir im Osten Islands in den Fjord einlaufen, schauert es mich. Würden sich weniger Härchen sträuben, wäre der Fahrtwind nicht gar so frisch oder läge die Temperatur höher als gefühlt nur knapp über dem Gefrierpunkt? Schwer zu sagen. Wahrscheinlich nicht. Was wir sehen und was nicht nur mir die Sprache verschlägt ist das, was wir ersehnten. Wie an einem Schaufenster gleiten wir daran vorbei. Für den Moment dürfen wir nur gucken. Anfassen? Begreifen? Später. Alles zu seiner Zeit.
Die Situation hat etwas Unwirkliches. Der Anblick ist fast kitschig. Der strahlend blaue Himmel, letzte sich auflösende Wolkenfetzen, rechts und links Felswände – einige hundert Meter empor ragend, vor uns der Fjord. Seyðisfjörður. Auf gut 15 Kilometern Länge zieht er sich immer enger zu, am Ende liegt der gleichnamige Ort.
Ich komme mir vor, als tauche ich ein in eine Modellbaulandschaft. Bunte Häuser finden sich fast liebevoll lose arrangiert am Fuße Schnee bedeckter Hänge, hier und da ist in Ufernähe ein Fischkutter zu sehen – die über Nacht ausgelegten Netze einholend, mittendrin der mächtige Pott, auf dessen Außendeck nicht nur ich, sondern die meisten der an Bord befindlichen Passagiere die Szenerie bestaunen. Andächtig.
Eine gute Stunde später liegt der Stahlriese fest vertäut am Anleger. Die tiefe Ergriffenheit des ersten Eindrucks weicht einer Aufbruchstimmung. Der Dampfer ist zu verlassen. Hände werden geschüttelt, man schließt sich in die Arme, tauscht Adressen, posiert für ein gemeinsames Foto, dann sind Kabinen zu räumen, zieht es Menschen zu ihren Fahrzeugen. Wege, die sich erst vor kurzem kreuzten, trennen sich wieder. Auch wenn die ersten Kilometer an Land noch für alle die gleichen sein werden, fast jeder erlebt sie anders.

Meine Idee, quasi als letzter Seyðisfjörður zu verlassen, dem Pulk hinter zu fahren, erweist sich als hinfällig. Ich hatte nicht bedacht, dass der Zoll ein wachsames Auge wirft auf die mehr oder weniger voll beladenen Fahrzeuge, die aus dem Schiffsrumpf drängen. Mich winkt man freundlich vorbei an den Schlangen vor den Abfertigungsschaltern. Zwar ist auch mein fahrbarer Untersatz gut bepackt, doch dass Unmengen an Alkohol oder sonstigen nur limitiert einführbaren Lebens- wie Genussmitteln die Taschen füllen, hält man für unrealistisch. Wer mit einem Liegedreirad daher kommt, wird anderes nötiger haben. Das nächste Mal das ich denke: wow, Island - Respekt. Hier sind Menschen am Werke, die nicht Dienst nach Vorschrift leisten, hier wird mitgedacht. Die Folge? Unbeabsichtigt rücke ich in eine fordere Startposition.
Scheitern tut ebenso der Versuch, mich an das Ende des Fahrerfeldes fallen zu lassen. Das Wiederherstellen der ursprünglichen Ordnung im Gepäck sowie ein erstes Frühstück in der Morgensonne nehmen weniger Zeit in Anspruch als die Kontrollen der mit mir Angelandeten – da kann ich Wasser kochen, Cappuccino schlürfen oder Müsli löffeln wie ich will. Da alles seine Grenzen hat, trete ich wieder in die Pedale, noch lange bevor das letzte motorisierte Vehikel inspiziert ist.
Einen Schlenker durch den Ort erspare ich mir. Er erscheint überschaubar. Ich entdecke nichts, was mir eingehenderer Blicke wert wäre. Ein paar Wohn- und Gästehäuser, Lagerhallen, eine Fabrikanlage, eine Tankstelle – unscheinbar. Der Reiseführer listet zudem ein Technikmuseum auf sowie zwei Cafés. Auch nichts, was mich im Moment interessiert oder wohin es mich zieht. Es sind andere Dinge, die mich an dem Land reizen.
Meine Bedenken, Anführer eines Staus zu werden, zu einem mehr oder minder stehenden Hindernis, erweisen sich als gegenstandslos. Nicht, dass mich die kalte, klare Polarluft beflügelt, Rekord verdächtige Geschwindigkeiten zu erreichen. Nein, die gut 600 Meter Höhenunterschied, die sich auf zehn Kilometer verteilen, lassen mich eher Gefahr laufen, zu Fuß überholt zu werden. Nichts desto trotz fühle ich mich bei der Kurbelei im Schneckentempo prächtig.
Den ersten Pass bewältige ich, ohne schieben zu müssen. Dass die Steigungen zwischenzeitlich zehn Prozent erreichen? Macht nichts. Ich habe dennoch meinen Spaß. Es ist ein Festival für die Sinne: die trockene, frische Luft, der knatscheblaue Himmel, die Sonne, der erste kleine Wasserfall am Straßenrand nach nur vier Kilometern, die Wasser gefluteten Wiesen, die geschlossene Schneedecke ab 400 Meter Höhe, der Blick auf die umliegenden Gipfel vom Pass aus, die Ruhe – überholt mich nicht gerade ein Auto oder kommt mir eines entgegen, ich höre nur mich. Tiefes Atmen, bisweilen auch Keuchen und Schnauben. Bestenfalls rauscht noch irgendwo Wasser. Sonst nichts. Nichts als Stille. Es ist herrlich. Selbst in meinen kühnsten Vorstellungen hatte ich es mir schöner nicht erträumt.
...



Westfjorde
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Nur unweit der Straße entdecke ich einen natürlichen Hot-Pot. Drei Leute sitzen in Badezeug zwischen den Steinen im Wasser. Platz genug wäre auch noch für eine vierte Person, doch nach einer Stunde Radelei, zumal bis dahin ohne größere Anstrengungen, ist es mir noch zu früh für eine ausgiebigere Pause. Also fragen, ob ich ein Foto machen dürfe. Die drei haben nichts dagegen. Entsprechend macht es Klick, dann rollen die Räder wieder.
Wenig später bin ich es, der als Motiv, Modell oder Beiwerk herhalten darf. Der Fahrer eines mir entgegenkommenden Wagens will wissen, ob er mich auf meinem für Island ungewöhnlichen Gefährt ablichten dürfe. Er darf. Revanchieren tut er sich dafür mit dem Hinweis, dass ich mich warm anziehen solle.
„Hinter der nächsten Kurve kannst du dich auf einiges gefasst machen. Da geht es steil den Hang rauf und oben, auf dem Berg, weht ein zugiges Lüftchen.“
Eine halbe Stunde später weiß ich, was der Mann meinte. Die Stellen in der Karte, die nicht gelb markiert sind, sind orange – sprich: dort, wo die Steigungen nicht zwischen sechs und zehn Prozent liegen, übersteigen sie diese. Dass zudem wieder die 500 am Wegesrand steht und ein mehr als frischer Wind weht, macht die Sache nicht leichter. Das Rad schieben? Mehrmals. Bei Schotter unter den Reifen und den steileren Passagen bergauf keine Überraschung mehr. Die Schlaglöcher? Unproblematisch. Bei Geschwindigkeiten im Schneckentempo sind sie einfach zu umfahren. Quietschende Bremsen abwärts? Selten. Meist ist es der Wind, der auch auf Strecken mit Gefälle zur Geschwindigkeitsreduzierung beiträgt – er ist es eher, der pfeift.
Dort wo eine kürzere Strecke Richtung Fähre einmündet, lege ich eine kurze Pause ein. Kräfte sammeln, Kalorien tanken, aufpassen, nicht zu erfrieren. Der Himmel strahlt zwar weiterhin blau, aber der Wind …
Dem ersten Pass folgt ein zweiter. Die Höhe ist die gleiche, der Anstieg enthält jedoch in der Karte keine orangefarbenen Stellen mehr, sondern nur noch gelbe. Zudem geht es dazwischen ausnahmsweise nicht runter bis an den Fjord, sondern lediglich hinab auf 300 Meter über dem Meeresspiegel. Wie ich den Scheitel erreiche? Ich weiß es nicht. Mechanische Bewegungsabläufe, angetrieben durch eine grandiose Aussicht. Meeresarm und Schnee bedeckte Gipfel, so weit das Auge reicht.
Vollends die Sprache verschlägt es mir, als ich auf der abschließenden Talfahrt erneut auf etwa 300 Meter Höhe ankomme. Etwa acht Kilometer trennen mich noch von meinem Tagesziel. Der Boden wird wieder grüner und von überall her fließt Wasser. Aus Schneefeldern, aus Bächen, über Felsen – rings um mich herum sprudelt, rauscht und plätschert es, es bilden sich Pfützen und Seen, es fließt und strömt. Dass es keine Fata Morgana ist belegen die Fotos, die ich mache. Die Dynamik und Geräuschkulisse geben sie leider nicht wieder. In Gedanken ringe ich um Worte, doch was mich umgibt, erscheint mir unbeschreiblich. „Natur ist verschwenderisch“ ist ein Satz, der mir immer wieder durch den Kopf schießt. Von einem anderen ist es nur ein Fragment, das sich in mir fest beißt, ohne dass ich in der Lage wäre, daraus etwas Vollständiges zu formulieren, das ansatzweise ausdrückt, was ich empfinde. „Wenn Wasser Leben ist, dann …“ - tja, was dann - „… dann ist hier der Nabel der Welt?“ Klingt mir zu pathetisch, ist aber immerhin ein Versuch.
Möglicherweise fehlen mir auch einfach nur die Worte, weil dieser Ort etwas hat, was meine fünf Sinne überfordert. Wie beschreibt man etwas, das sich nicht sehen, hören, riechen, schmecken oder anfassen lässt? Obwohl esoterisch ansonsten eher weniger angehaucht, ich habe das Gefühl, das, was vor mir liegt, hat eine Ausstrahlung. Energie, Inspiration, Lebenskraft – irgendwie so etwas. Ich bekomme es nur nicht zu fassen. Was ich hingegen spüre: Hunger, Erschöpfung und Müdigkeit sind mit einem Male wie weg geblasen. Außerdem verstehe ich nicht wie hier Autos vorüber fahren können ohne anzuhalten. Klar, Lonely Planet und Konsorten dürften hier nur den Wasserfall dreihundert Meter tiefer erwähnen, aber das schließt ja nicht aus, sich offenen Auges fort zu bewegen. Dem Anschein nach aber doch. Zudem stelle ich fest: etwas passiert mit mir.
Ohne dass der emotionale Höhenflug endet, folge ich nach einiger Zeit dem Wasser Richtung Fjord. Anstatt über Felsen oder im freien Fall, weiterhin auf der Holperpiste – strömendes Nass stets an meiner Seite. Immer wieder bleibe ich stehen. Das, was mich umgibt, lässt mich nicht los – ich bin tief ergriffen. Verlassen von Raum und Zeit lande ich schließlich irgendwann dort, wo die rote Linie auf dem Navi endet. Ich hätte das Gerät ebenso ausschalten können, das Ziel wäre nicht zu verfehlen gewesen. Dann hätte ich allerdings auch keine Aufzeichnung der zurück gelegten Strecke und müsste mich möglicherweise fragen, ob ich nicht alles nur träume. So aber habe ich neben Fotos einen weiteren Beleg, dass ich wirklich vor dem lande, das weder zu übersehen noch zu überhören ist: dem Dynjandifoss, dem tobenden Wasserfall. Aus über hundert Metern ergießt er sich über mehrere Kaskaden, fächert sich immer breiter auf, zwängt sich schließlich noch durch fünf tiefer gelegene Wasserfälle, dann sammelt sich das Wasser noch einmal bevor es in den Fjord abfließt. Dazwischen liegt die Straße, die auf einem staubigen Parkplatz endet, sowie eine Wiese, auf der gezeltet werden darf. Eine Anmeldung oder ein Besucherzentrum existieren nicht, lediglich eine kleine Holzhütte mit drei Toiletten, an deren Wand auf einem Zettel erbeten wird, 200 Kronen, also etwa 1,50 Euro, bei Benutzung zu hinterlassen. Daneben ein Kasten für das Geld, zwei Waschbecken und eine Wasserleitung. Dass sie nur kaltes Wasser führt? Irgendwie logisch. Nach Duschen und Stromanschlüssen braucht man nicht lange Ausschau zu halten – es gibt sie nicht.
Um halb sieben kann ich mir den Platz für mein Zelt nahezu frei aussuchen. Zwei Österreicher, Vater und Sohn, haben eine der Tisch/Bank Kombinationen in der Nähe der Sanitäranlagen eingenommen, erst nach mir treffen noch eine handvoll weiterer Camper ein, die sich auf der Wiese verteilen. Für meine Unterkunft suche ich mir einen halbwegs windgeschützten Flecken vor einem Felsen. Das Plätzchen lauschig zu nennen wäre übertrieben, idyllisch ist es aber alle Male. Hinter mir die tosenden Wassermassen, vor mir der Fjord in der Abendsonne, deren Strahlen es erst um halb elf nicht mehr schaffen, den Bergrücken zu überwinden. Nur zwei Schritte entfernt ein Rinnsal in der Wiese, dem ich bedenkenlos das Wasser zum Kochen und Trinken entnehme.
Unendlich glücklich und dankbar, derartiges erleben zu dürfen, schlafe ich ein. Dass der Wasserfall im Rücken seinem Namen alle Ehre macht, stört meine Nachtruhe nicht. Ganz im Gegenteil. Rasch überkommt mich eine bleierne Müdigkeit und ich falle in einen komatösen Schlaf.
Als ich am nächsten Morgen wach werde fühle ich mich entspannt wie selten zuvor. Verspüre eine tiefe innere Ruhe und Gelassenheit, Frieden in mir, habe den Eindruck, nichts könnte mich erschüttern. Zudem ein Gefühl, angekommen zu sein. Angekommen auf Island, auf meiner Reise, in meinem Leben? Ich weiß es nicht und es stört mich nicht. Zweifelsfrei hingegen: würde ich den letzten Atemzug machen, alles wäre in Ordnung. Es wäre ein letzter Moment, wie man ihn sich nur wünschen kann.
Ein Blick um mich herum zeigt: ich scheine nicht der einzige zu sein, dem es so ergeht. Bei meinen österreichischen Nachbarn werkelt Sohnemann an Stativ und Kamera, während der ältere Herr gedankenverloren dem Wasser zusieht, das unermüdlich in die Tiefe donnert. Andere liegen verträumt auf der Wiese in der Sonne, manch einer alle Viere von sich gestreckt. Das bloße Sein wird genossen.
Die Frage, die sich mir aufdrängt, ist, wie geht es weiter, wenn man angekommen ist? Abermals habe ich keine Ahnung. Was ich nur weiß ist, auch hier wird der Himmel nicht ewig strahlend blau sein, der Fjord nicht jeden Tag die Kulisse im Wasser spiegeln, es nicht immer so menschenleer sein. Entsprechend lasse ich mir zwar viel Zeit bei dem, was ich tue, mache es aber trotzdem. Das Gleiche wie jeden Tag. Frisch machen, frühstücken, Zelt abbauen, Taschen packen. Als alles am Rad verstaut ist, bummle ich noch ein wenig herum, verharre mehrfach, kann mich noch nicht so richtig von dem Ort lösen. Laufe noch einmal ein paar Schritte den Hang hinauf, überlege wie es wäre, mir auch eine Angel zu kaufen und versuche erfolglos, die Gesetze der Physik zu ignorieren – auch bei noch so eindrucksvoll den Abhang hinunter stürzendem Wasser gelingen Fotos nicht, solange ein Planet im Hintergrund kräftig strahlt.

Gemächlich angehen lasse ich es ebenfalls auf der Straße. Ich fahre selbst dort langsam, wo es schneller möglich wäre. Zwischendurch bleibe ich stehen, spiele ein paar Takte auf der Mundharmonika, träume mit offenen Augen oder genieße einfach nur sentimentale Gedanken in einer Umgebung, die weiterhin geprägt ist von Wasser, das mal talwärts plätschert, andere Male rauscht oder tost, im Fjord aber nahezu unbewegt scheint. Als ein paar Enten vor mir auf dem Ableger des Meeres Reißaus nehmen und dabei kaum abheben, sind es die kleinen Wellen, die sie mit ihren Flügelschlägen hinterlassen und in denen ich mich verliere. Bei dem untertauchenden Kopf einer Robbe oder eines Seehundes in Ufernähe verhält es sich nicht anders. Mehrfach bin ich so ergriffen, dass Tränen kullern. Schämen tue ich mich ihrer nicht.
Aus den Gedanken reißt mich einer der wenigen Wagen, die unterwegs sind. Auf mich zu kommend reduziert der Fahrer die Geschwindigkeit, Seitenscheiben fahren herunter, Arme werden heraus gestreckt. Fäuste mit nach oben gerichteten Daumen zucken mir entgegen, darüber hinaus wildes Gejohle.
„You're awesome! You're awesome! - Du bist großartig, du bist großartig!“, der Asiat hinter dem Steuer und seine drei Beifahrer sind ganz aus dem Häuschen. Ein wenig kann ich sie ja verstehen, die Verrückten, wenngleich ich weniger mich großartig finde als vielmehr das, was ich erleben darf, wobei das „Wie“ sicherlich seinen Teil dazu beiträgt. Meine Antwort ist zwar nicht sonderlich geistreich, etwas Besseres fällt mir jedoch auf die Schnelle nicht ein.
„That's awesome … - Das ist großartig …“, dazu der Versuch, mit ausgestrecktem Zeigefinger und kreisender Hand auf all das zu deuten, was um mich herum existiert.
Ein paar hundert Meter weiter dann erhalte ich Antworten auf nicht gestellte Fragen, Sätze, die meine Empfinden erklären, Erleuchtung. Dort, wo die Straße vom Ufer abknickt und sich den Bergrücken empor zieht, steht eine Hinweistafel. Ein Bild zeigt den Ausläufer des Fjordes, links unten eine winkende Familie mit schnabeligen Gesichtern, rechts unten wie der Vorderkörper eines Hummers die Umrisse der Westfjorde, oben drüber mehrspaltiger Text sowie die Überschrift „Arnarfjöður“ – der Name des Meeresarms. Ich halte, lese und staune. Was dort geschrieben steht, lässt mich fast laut losprusten. Der Fjord ist einer der größten und spektakulärsten Islands. Er ist umgeben von steilen Bergen und Tälern, welche starke und mystische Gefühle und Eindrücke hinterlassen. Berühmt ist er für die Schönheit der Landschaft. Sie inspirierte schon Menschen, die als renommierte Persönlichkeiten und Künstler bekannt wurden – ich verstehe und darf also hoffen …
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Islands Norden
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Die Halbinsel, die ursprünglich überhaupt nicht auf dem Plan stand, ist nahezu umrundet, da blicke ich auf den Vesturhópsvatn und weiß: an dem See soll es stehen heute Abend, mein Zelt. Gute 60 Kilometer Schotterpiste liegen hinter mir, bis zum nächsten Campingplatz wären es noch einmal über 30 Kilometer, doch halb sechs ist ein guter Zeitpunkt, sich Gedanken über das Nachtlager zu machen und das sich länglich dahin ziehende Gewässer sieht perfekt aus. Entlang seines westlichen Ufers finde ich am südlichen Zipfel einen Weg, der von der 711 abgeht. Ich bin gerade kurz davor abzubiegen, da kommt mir von der kleineren Straße ein Wagen entgegen. Mein Handzeichen, mit dem ich den Fahrer dazu bewegen will anzuhalten, wird übersehen oder ignoriert. Ebenso ist Versuchen kein Erfolg beschert, an einer der nächsten Haustüren in Erfahrung zu bringen, ob es genehm sei, mein Zelt am Wasser aufzuschlagen. Die beiden Hütten, bei denen ich schelle und klopfe, scheinen verlassen. Zielführender hingegen meine Bemühungen, Reifenspuren in einen noch schmaleren Stichweg zu folgen. Sie führen mich an einen kleinen Strand. Am Ufer liegen einige Fischerboote. Vor einem steht ein älterer Herr. Er sortiert seinen Fang. Kleinere Fische in den einen Eimer, größere in einen anderen. Ich spreche den Mann an, will wissen, ob es jemanden stören würde, wenn ich für eine Nacht bleibe. Die Antwort: ein fragendes Gesicht. Der Mann spricht weder deutsch noch englisch, ich kein isländisch. Also Zeichensprache. Ein Zelt ist mit den Händen einfach symbolisiert, der Fingerzeig, wo es stehen soll, auch kaum falsch zu verstehen. Ebenso unmissverständlich die Antwort. Schulterzucken und Kopfnicken. Wenn du willst, dann sei so frei. Die nächste Rückmeldung kommt nicht gar so schnell und ist weniger überzeugend. Meinem erneuten Fingerzeig, diesmal auf den See, folgt eine kippende Handbewegung Richtung Mund. Ich nehme einen virtuellen Schluck aus einem imaginären Becher, will wissen, ob das Wasser des Sees trinkbar sei. Abermals scheint die Geste verständlich. Wankt der Kopf meines Gegenübers zunächst leicht von der einen Schulter zur anderen, zucken letztere kurz darauf abermals und ein leicht geneigter Kopf hebt und senkt sich. Ich interpretiere die Rückmeldung als ein „im Notfall auch das“. Um Missverständnisse auszuschließen bücke ich mich und probiere ein paar Tropfen des klaren Nass. Schmeckt weder salzig noch sonst wie bedenklich. Erneutes Schulterzucken und Kopfnicken meines Gegenübers, begleitet von Worten, die ich nicht verstehe. Diesmal bin ich es, der mit leicht verständnislosem Blick die Schultern hebt, doch ich blicke auf empor gezogene Mundwinkel. Mit erhobener Hand zum Gruß und einer dankenden Kopfbewegung wende ich mich ab, schreite zu meinem Rad, suche mir ein ebenes Plätzchen und mache mich breit.
Minuten später blechernes Türenschlagen. Der Fischer packt seine Eimer in den Wagen und fährt davon. Ich winke ihm hinterher, der Mann zurück, dann habe ich den Strand für mich allein. Es ist herrlich. Die Sonne hat sich durchgesetzt, der Wind die Wolken vertrieben. Immer wieder höre ich kurze Flügelschläge, dieses eigenartige Geräusch einiger Vogelart, wie ich es vor Island nicht kannte. Ansonsten lässt mich nur irgendwo in der Ferne ein Trecker wissen, dass die Gegend nicht gänzlich menschenleer ist.
Eine Viertelstunde später, ich stehe kurz davor, ein Bad im See zu nehmen, knirscht erneut Kies unter Autoreifen, schlägt abermals eine Wagentür. Der alte Mann ist zurück und kommt auf mich zu. Als er vor mir steht, hält er mir etwas entgegen – ein durchsichtiges Kunststoffgefäß, verschlossen mit einem kleinen grünen Deckel, wie ich es aus dem Supermarkt kenne. Zwei Liter Wasser. Ich muss ein ziemlich belämmertes Gesicht machen. Mit den Worten „Fresh water – frisches Wasser“, der Trinkbewegung und einem Lachen im Gesicht reicht er mir die randvoll gefüllte Flasche und verabschiedet sich auch gleich wieder. Einmal mehr bin fast sprachlos, bringe gerade noch ein „Takk fyrir“ über die Lippen, lege die Rechte auf das Herz, bedanke mich mit einer leichten Verbeugung und kann kaum glauben, wie mir geschieht.
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Kjölur
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Eine gute halbe Stunde bin in auf der Holperpiste, da überholen mich zwei weitere Pedalisten. Ihre Zelte standen noch, als ich aufbrach. Mit den einspurigen Rädern sind sie deutlich schneller als ich, der stets mit mindestens einem Rad einen Stein oder eine Bodenwelle mitnimmt. Vielleicht haben sie aber auch unabhängig davon mehr Kraft in den Beinen. Dennoch mag ich nicht tauschen. Mein Hinterteil dürfte deutlich weniger in Mitleidenschaft gezogen werden, zudem genieße ich es einmal mehr, die Landschaft bei blauem Himmel im Schneckentempo an mir vorbei ziehen zu lassen.
Noch schneller unterwegs als die beiden Radler ist Matthias. Sein zweirädriges Gefährt ist motorisiert und er hält nur an, um ein Foto zu machen. Einmal kurz das Visier öffnen, die Handschuhe abstreifen, die Beine strecken, auf den Auslöser seiner Kamera drücken, dann geht es weiter, würde er nicht noch ein paar Worte mit mir wechseln als ich neben ihm stehen bleibe. Obwohl die Landschaft ansonsten nur an ihm vorbeirauscht, auch er ist begeistert von der Weite, der Wüste, den Bergen, den Gletschern und davon, dass so wenig los ist, im Inland.
An der Abzweigung nach Kerlingarfjöll der nächste Kontakt. Wieder ein Pedalritter. Beziehungsweise diesmal wieder eine Pedalritterin. Andrea. Sie kommt aus Bonn, ist erst ein paar Tagen unterwegs, hat aber noch fünf Wochen vor sich. Im Gegensatz zu Albrecht ist es für sie jedoch nicht die erste Tour. Erneut höre ich an diesem Tag Australien und Neuseeland, dazu kommen Afrika, Südamerika, Kanada und Alaska. Erneut lerne ich also eine wahre Weltenbummlerin kennen.
„Wie geht es für dich von hier aus weiter? Fährst du auch Richtung Kerlingarfjöll?“
„Ich bin mir noch unsicher. Vorhin sprach ich mit dem Fahrer eines Jeeps. Er war umgekehrt, weil es ihm zu steil war.“
Ich berichte Andrea von Egid, meiner Bekanntschaft auf der Fähre, und davon, dass er mir empfahl, mir dieses Highlight nicht entgehen zu lassen, wenn ich auf der Kjölur bin. Nun bin ich hier und fest entschlossen, mich so einfach nicht von dem Vorhaben abbringen zu lassen. Wir quatschen noch ein wenig, kommen über Tunnels auf Island dahin, dass es mit der Röhre zum Nordkap eine gibt, durch die wir beide bereits radelten, Andrea 2014, ich 2013, dann sorgen plötzlich sandige Böen für ein abruptes Ende unserer Unterhaltung. Während Andrea sich nicht so einfach um ihre Pause bringen lassen will, nehme ich vor dem Wind Reißaus. Zähneknirschend bringe ich noch ein „vielleicht bis später“ über die Lippen, dann ziehe ich mir das Halstuch bis unter die Augen und versuche, dem gesprächstötenden Treiben zu entkommen.
Nach nur wenigen hundert Metern auf der F347 ändert sich die Landschaft. Gras sprießt aus dem Boden, zwischen zerklüfteten Felsen schlängeln sich Flüsse, mal reißender, mal ruhiger und die Schotterpiste windet sich kurvenreich. Auf einem überschaubaren Abschnitt kommt mir ein Motorradfahrer entgegen. Als er vor mir stehen bleibt und den Helm abnimmt, erkenne ich ihn wieder. Matthias. Der Mann, dem ich erst wenige Stunden zuvor an einem See begegnete und der meine Begeisterung für die Landschaft teilte. Diesmal ist er total euphorisiert.
„Dirk – Glückwunsch, diese Route eingeschlagen zu haben. Ich habe gerade eine kleine Wanderung hinter mir. Die Gegend ist der Hammer. In ein paar Kilometern erwartet dich in einem Tal ein idyllisch gelegener Campingplatz. Von dem führt ein Weg noch mal gut dreihundert Meter hoch in die Berge. Musst du dir unbedingt antun, der absolute Wahnsinn!“
Ich berichte Matthias von Andrea und das der Weg einem Jeep Fahrer zu steil gewesen sein soll.
„Ach was. Natürlich geht es kräftig rauf und runter, aber das schaffst du. Lass dir da keine Angst einreden. Das lohnt sich, du wirst es nicht bereuen.“
„Erzähl das mal Andrea, wenn sie noch an der Kreuzung sitzt oder du sie siehst. Und bestell ihr schöne Grüße.“
Matthias strahlt mich an und zwinkert mir verschwörerisch zu, dann setzt er sich wieder den Helm auf und wir wünschen einander erneut weiterhin viel Spaß. Augenblicke später gibt er Gas. Während ihm eine Staubfahne folgt, strample ich erwartungsvoll weiter dem viel gepriesenen Kerlingarfjöll entgegen. So herausfordernd die Piste ist, so sehr lohnen sich die Anstrengungen. Wie schon in den Westfjorden hinauf zu dem Pass, der zum Dynjandifoss führte, bin ich froh, festes Schuhwerk zu tragen. Mehrfach steige ich auf losem Geröll ab und schiebe. Manches Mal rutsche ich auf lockerem Boden eine handbreit zurück, doch die knöchelhohen Stiefel geben Halt, das es nicht mehr wird. Was sich den Augen bietet, ist phänomenal. Schluchten und Canyons, durch die das Wasser stürzt und schießt, mäandernde Gletscherabflüsse, ein beeindruckendes Bergpanorama und das alles unter strahlend blauem Himmel. Nach einem letzten gemeinen Anstieg stehe ich vor dem Campingplatz. Wie in einem Kessel liegt er eingeschlossen zwischen zwei Berghängen. Durch das Tal strömt ein Fluss. Auf der einen Seite steht ein zweigeschossiges, an den Fels gebautes Gebäude, darum verteilt eine handvoll Hütten mit Spitzdächern, ein paar Meter abseits davon zwei martialisch monströse Wohnmobile, von denen ich nicht weiß, ob man sie nicht ehrfürchtiger Expeditionsfahrzeuge nennen muss. Mittendrin spannt sich eine Brücke. Sie macht eine Wiese auf der anderen Seite des Flusses zugänglich, auf der einige Zelte aufgebaut stehen. Vor der Rezeption begrüßen mich zwei Holländer und ein Engländer – Radfahrer.
„Auch das Rad hierher geschoben?“
Wir lächeln uns an, man zeigt mir einen nach oben gestreckten Daumen. Ergeht es anderen also auch nicht anders.
Beim Rollen über die Brücke rüber zur Zeltwiese dann ein Geräusch, das mir leider nicht fremd ist. Es signalisiert mir, dass ich mich um mein Rad kümmern darf. Ein Klacken, als ob jemand einen Eisstiel in die Speichen des sich drehenden Rades hält. Nur klimpert hier kein Holz gegen Metallstäbe, sondern eine Metallfeder in den Löchern der Bremsscheibe – die Bremsbeläge sind abgenutzt. Bei den diversen Abfahrten nach viertausend Kilometern an sich nicht großartig verwunderlich.
Mein Zelt steht gerade und ich knie vor der Technik, da radelt Andrea heran. Matthias hat sie angetroffen, richtete ihr meine Grüße aus und machte auch sie neugierig, was sich am Ende des zehn Kilometer langen Stichwegs auftut. Ohne staubige Unterbrechungen setzen wir unsere Plauderei fort. Nachdem auch das Zelt der Bonnerin steht, ich aber immer noch auf der Wiese mit Schrauben, Federn und verkanteten Trägerplatten hadere, macht sich meine neue Nachbarin mit Badeanzug und Handtuch im Rucksack auf zu einer Wanderung. Drei Kilometer flussaufwärts soll es einen natürlichen Hot-Pot geben.
Gefühlte Ewigkeiten später nehmen neuwertige Bremsbeläge eine betagtere Bremsscheibe in die Zange. Obwohl weiterhin kaum eine Wolke am Himmel ist und dieser blau strahlt, fehlt mir die Muße, Andrea zu folgen. Ich will einfach nur die Schmiere an den Fingern loswerden und raus aus den verschwitzten Klamotten. Unter der Dusche mache ich die nächste Bekanntschaft. Ein fehlender Sichtschutz zwischen den beiden Duscharmaturen an gegenüber liegenden Wänden macht es möglich. Neben mir genießt ein Mann aus dem Ruhrgebiet es, sich nach einer längeren Wanderung warmes Wasser über Haupt und Schultern fließen zu lassen. Wie Matthias klingt auch er begeistert. Heiße Quellen, in verschiedensten Farben schimmerndes Gestein, atemberaubende Panoramen – all das sei ein paar Kilometer Kraxelei wert. Es gäbe einen kurzen Wanderweg, einen etwa sechs Kilometer langer Rundweg, sowie Möglichkeiten, die Tour ausgedehnter zu gestalten. Schon die kurze Runde aber sei ein Erlebnis. Nach dem Abendessen bin ich hin und her gerissen. Jetzt noch aufbrechen? Am nächsten Tag soll es trüber werden. Andererseits stecke ich in frischen Sachen und fühle mich nicht unwohl dabei. Dreihundert Meter Aufstieg sehen nach den umliegenden Hängen nicht danach aus, als kosteten sie keinen Schweiß. Also nochmal umziehen und ein weiteres Mal Duschen, um anschließend nicht klebrig in den Schlafsack zu kriechen?
Ich entscheide mich für das Aufschieben. Läuft ja nichts weg. Entsprechend lasse ich den Wecker auf sechs Uhr stehen und begebe mich zeitig in die Waagerechte – zum letzten Mal als 52-jähriger.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“
Ich freue mich, Andrea wieder zu sehen. Ohne, dass wir uns verabredet hätten, kreuzen sich unsere Wege vor der Küche des Campingplatzes. Mein Frühstück ist gerade vertilgt, ihres steht unmittelbar bevor. Kurz tauschen wir uns darüber aus, dass sie wie ich am Vorabend noch mit Wanderern ins Gespräch kam, die von dem Weg in die Berge schwärmten. Auch wenn mittlerweile von einem blauen Himmel nichts mehr zu sehen ist und es leicht nieselt, für uns steht fest, zumindest den kleinen Rundweg werden wir uns gönnen – gerne gemeinsam. Während Andrea frühstückt, räume ich schon mal in meinem Zelt auf und packe zusammen. Eine gute halbe Stunde später brechen wir auf. In den Zelten um uns herum wird man gerade erst wach. Nur eine weitere Wanderin ist den steilen Pfad den Berg hinauf unterwegs. Obwohl wir ohne Trekkingstöcke laufen, lassen wir die Frau schnell hinter uns. Auf den ebenen Abschnitten laufen wir nebeneinander und plaudern munter, aufwärts fehlt mir der Atem und ich sehe zu, mit Andrea Schritt zu halten. Bergziege, schießt es mir mehr als einmal durch den Kopf. Das macht sie nicht zum ersten Mal. Landschaftlich sieht es um uns herum bei umgebendem Grau zunächst unspektakulär aus. Wären wir vielleicht doch besser am Vorabend aufgebrochen? Egal – zu spät. Interessanter wird es, als der Weg durch ein Schneefeld führt. Gefährlich sieht es nicht aus. Unsere Vorgänger hinterließen eine nicht zu verfehlende Spur. Kurz vor dem Gipfel stecken wir plötzlich in einem Schneesturm. Der Wind bläst uns die Flocken um die Ohren. Mit 53 hat man ja schon einige Geburtstage hinter sich, doch derartiges erlebte ich noch nicht. Es ist immerhin Anfang Juli!
Auch wenn von der weißen Pracht kaum etwas liegen bleibt, einfacher macht sie das Vorankommen nicht. Die Sicht ist bei dem Treiben noch weiter eingeschränkt. Mehrfach halten Andrea und ich Ausschau danach, wo der Weg her führt. Irgendwo finden wir aber immer wieder eine Markierung, bis kurze Zeit später an sich keine Möglichkeit mehr besteht, sich zu verlaufen. Wir stehen auf einem schmalen Grat. Rechts wie links fällt der Hang zu beiden Seiten steil ab. Es ist gar keine Frage: zusammen los zu marschieren, das war nicht verkehrt. Rutscht hier einer aus, so ist noch der andere da, um Hilfe herbei rufen zu können. Nach einigen Schritten auf dem Kamm legt sich das Schneetreiben und es klart ein wenig auf. Was wir zu sehen bekommen, verschlägt uns die Sprache.
Wir stehen nur andächtig da, schauen und sind ergriffen. Vor uns liegt ein schmales Tal, durch das sich ein Bach schlängelt. Das Farbspektrum ist phänomenal. Von erdig braun bis zu unterschiedlichsten Rottönen ist alles dabei, dazwischen graues Gestein, schwarze Flecken, giftgrün leuchtendes Moos, schwefliges Gelb, weiße Schneereste, in denen es bläulich schimmert. Die Stimmung ist unbeschreiblich. Überwältigend. Es sieht aus, als seien wir auf einem uns fremden Planeten. Einerseits unwirklich, andererseits real. Wir brauchen uns gar nicht zu zwicken um festzustellen, dass wir nicht träumen – Kälte ist spürbar, Wind hörbar, in der Luft liegt ein Geruch fauliger Dämpfe. Vor dem Hintergrund verschneiter Gipfel und tief hängender Wolken fehlen uns die Worte.
Nach einer zeitlosen Weile begeben wir uns an den Abstieg. Über in den Boden gehauene Bretter führt der Weg in Stufen hinunter in das Tal, in dem es rauscht und plätschert, blubbert, brodelt und dampft, ohne dass die Faszination schwindet. Wir schlendern noch ein wenig über Holzbrücken, lassen uns von dem sich uns bietenden Anblick verzaubern, dann stehen wir auf einem kleinen Parkplatz und es stellt sich die Frage: was tun? Weiter umher stiefeln? Uns noch eine Weile von der unglaublichen Szenerie vereinnahmen lassen? Ursprünglich waren wir davon ausgegangen, nach anderthalb Stunden zurück an den Zelten zu sein. Wie spät es ist, interessiert uns im Augenblick jedoch wenig. Zeit gerät in Anbetracht der Naturkulisse zur Nebensache. Für den Moment haben wir jedoch das Gefühl, keine neuen Eindrücke aufnehmen zu können. An Intensität ist das Erlebte kaum zu überbieten. Entsprechend beschließen wir den Rückweg anzutreten.
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