auf den Spuren von Ute & Dirk Prüter

Aachen Trier

Karte
Bilder
Drei Wochen nach der Wupper Tour breche ich noch einmal auf. Ein letzter Ausflug für das Jahr, auf dem Drahtesel, mit dem Zelt im Gepäck. Dem Einmannzelt. Ute vergnügt sich derweil zusammen mit Freundinnen beim traditionellen, novemberlichen Wellness Wochenende. Mich treibt es auf anderem Wege, etwas für mein Wohlbefinden zu tun. Außerdem will ich es wissen; noch einmal schauen, ob ich mir das, was mir für 2015 so vorschwebt, wirklich die Sache wert ist. Radeln und Übernachten bei Temperaturen nur wenig über dem Gefrierpunkt – wenn es denn sein muss, auch darunter.
Die Strecke, die ich mir dazu ausgesucht habe: von Aachen nach Trier; über die ehemalige Vennbahn Trasse bis kurz hinter Sankt Vith, von dort aus, ebenfalls über eine einstige Bahnstrecke, bis nach Pronsfeld, wo ich auf den Prümtal Radweg stoße und diesem bis zur Mündung des Flusses in die Sauer folge. Von dort aus ist es dann nicht mehr weit. Sauer abwärts bis Wasserbillig, wo die Sauer sich in die Mosel ergießt, entlang letzterer noch ein paar Kilometer kurbeln, die Saarmündung rechts liegen lassen, und schon ist das Ziel der Reise erreicht. Länge der Route laut Plan insgesamt: circa 220 Kilometer.
Für zwei Tage ist mir die Distanz etwas zu viel, zumal An- und Abreise mit der Bahn ihre Zeit in Anspruch nimmt. Drei Tage erscheinen mir vernünftig. Entsprechend gönne ich mir einen freien Freitag, feiere Überstunden ab, und starte ab Porz um 10:24 Uhr mit der Regionalbahn. Das Schöne daran: ich brauche nicht umzusteigen, kann non-stop bis Aachen Rothe Erde/Brand durchfahren, und bin bereits eine gute Stunde später dort. Ich könnte auch noch eine Station weiter fahren, bis zum Hauptbahnhof, schenke mir aber die ersten fünf Kilometer des Vennbahn Weges. Durch die Innenstadt von Aachen radelte ich dieses Jahr bereits zwei mal, da muss keine erneute Wiederholung folgen, zumal die Gurkerei durch größere Städte für mich ohnehin nicht zum Reizvollsten zählt. Aufzupassen, nicht unter die Räder motorisierter Verkehrsteilnehmer zu kommen, Fußgängern nicht die Hacken ab zu fahren, die Warterei an Ampeln, dazu das Panorama grauer Häuserschluchten – es fällt mir nicht schwer, darauf zu verzichten. Entsprechend bin ich froh, bereits kurz nach 12:00 Uhr die Stadtgrenze hinter mir zu lassen und in weniger dicht besiedelte Gebiete sowie grünere Regionen vorzustoßen. Anfangs säumen noch Wohngegenden und Gewerbegebiete den Weg, ich überquere eine Autobahn, doch mit jedem Kilometer, den ich zurück lege, wird es ruhiger. Am Ende einer Neubausiedlung schließlich ein Viadukt, dann ist es ländlich. Weitläufige Wiesen und Felder, ein Bach, der sich zwischen den Stützen des Bauwerks durch ein Tal schlängelt, und wo ein Tal ist, da gibt es auch Hügel. Die Strecke hält jedoch, was die Beschilderung am Wegesrand verspricht: die durchschnittliche Steigung bleibt unter zwei Prozent. Würde mir jetzt noch der Wind in den Rücken pusten, es wäre Genussradeln pur. Doch auch mit dem leichten Luftzug auf der Brust will ich mich nicht beschweren. Gelegentlich kommt die Sonne durch, die Temperatur ist näher an der 10 Grad Grenze als am Gefrierpunkt, und die weiten Kurven sowie der fast ebene Verlauf lassen mich ohne größere Anstrengungen über den Asphalt rollen.
Nach knapp 20 Kilometern eine erste, wenn auch weitestgehend kaum wahrnehmbare Änderung. Ich passiere eine imaginäre Linie, die zwei Staaten voneinander trennt: Deutschland und Belgien. Irgendwelche Hinweisschilder, Markierungen, Fahnen oder ähnliches, die jeweils anderes Hoheitsgebiet kennzeichnen würden – Fehlanzeige. Lediglich die Straßenschilder sehen etwas anders aus. Und auf belgischer Seite ist eine Kolonne unterwegs, die mit dem Laubbläser die Piste von welken Blättern befreit sowie Gestrüpp am Wegesrand stutzt. Bringe ich für den Traktor mit seiner Schneidevorrichtung am langen Arm noch Verständnis auf, so kann ich innerlich über den Mann in orange farbener Arbeitskluft mit dem Krachmacher in der Hand nur den Kopf schütteln. Als ob der Wind die Arbeit nicht von alleine verrichten würde – Blödsinn in meinen Augen, aber was soll's, ist halt modern, und der arme Kerl erledigt ohnehin nur seinen Auftrag.
Was sonst noch auffällt im Nachbarland: die Besiedlung ist dünner. Darüber hinaus gibt es nur wenig, was sich von Deutschland unterscheidet. Blaue Hinweisschilder mit Kilometerangaben und Notrufnummern alle 500 Meter, das was es dann aber auch schon. Landschaftlich ändert sich überhaupt nichts. Rechts und links der Strecke sanfte, Baum bewachsene Hügel, über mir der blaue Himmel sowie hin und wieder ein paar Wolken – und den Asphalt unter mir habe ich so gut wie für mich allein; lediglich ein mal begegne ich einem weiteren Nutznießer des Radwegs, doch der Mann gehört der sportlich ambitionierteren Fraktion der Pedalisten an und zieht zügig mit seinem Rennrad an mir vorbei.
Sechs Kilometern später habe ich bereits wieder deutschen Grund und Boden unter den Rädern, aber auch hier verläuft die Grenze fließend. Einen lang gezogenen Schlenker weiter dann der nächste Ort. Roetgen. Nichts Großes, eine paar tausend Seelen Gemeinde, auf deren Zentrum ich vom Radweg aus über Wiesen herunter blicke. Ein Kirchturm, ein paar Dächer drum herum, und die einstige Bahntrasse, die um den Ort im Bogen herum führt. Dafür jedoch am Wegesrand ein Rastplatz. Sogar Allwetter tauglich. Und mit Fahrradständern. Man hat sich richtig was dabei gedacht, und nett aussehen tut es außerdem. Ein nachgebildeter Eisenbahnwaggon, eine Seite offen, eine Konstruktion aus Stahl, die Bänke und Tische überdacht, von der mir noch einige Exemplare im weiteren Verlauf begegnen. Überhaupt, was die Infrastruktur des noch recht neuen Radwanderweges betrifft, so hat man sich meines Erachtens Mühe gegeben: die bereits erwähnten Schilder mit Angabe der Streckenkilometer und Notrufnummer, Wegweiser zu nahe gelegenen Orten, Tafeln mit Hinweisen zu Sehenswürdigkeiten sowie Informationen zur Historie. Ich kann mir gut vorstellen, dass an wärmeren Tagen bei schönem Wetter die Strecke gut besucht ist, doch während ich an dem Unterstand eine kurze Pause einlege, kommen nur wenig mehr als eine Hand voll Radler vorbei. Nach langem Verweilen ist mir nicht zumute. Im Stehen verdrücke ich mein Mittagessen, ein belegtes Brötchen, nehme einen Schluck aus der Flasche, dann geht es weiter. Zum einen will ich die knappe Anzahl der Stunden mit Tageslicht nutzen, um voran zu kommen, zum anderen ist es mir zum Hinsetzen oder langen Ausruhen zu frisch. Entsprechend sitze ich nach einer Viertelstunde wieder auf dem Sattel, gelange dann doch noch an ein paar Häusern von Roetgen vorbei, bevor ich wieder von der Natur umgeben bin. Auch die folgenden 10 Kilometer geht es sanft aber stetig weiter aufwärts. Dass der Untergrund über ein paar Kilometer hinweg nur geschottert ist stört nicht weiter; der feine Kies ist plattgewalzt, es gibt weder Pfützen, noch graben sich die Reifen in die Fahrbahn ein. Mit Lammerdorf und Konzen liegen weitere Ortschaften am Rande der Strecke, dann ist Monschau nicht mehr weit entfernt und ich habe ein Tal zur Linken, in dem sich mir ein Flüsschen entgegen schlängelt, dem ich vor gut einem halben Jahr von der Quelle bis zur Mündung folgte: die Rur.
Schon nach fünf Kilometern ist aber mit Küchelscheid der Punkt erreicht, der mir bereits bekannt ist. Von dort an geht es dieses Mal in südwestlicher Richtung weiter und ich überquere die Grenze nach Belgien erneut. Abermals ist gar nicht so richtig ersichtlich, wo ich Deutschland verlasse, doch schon bald blicke ich auf die Wasser gefluteten Wiesen und Hochmoore des Hohen Venn, wie ich sie im Quellgebiet der Rur bestaunt hatte. Erneut genieße ich es, Kilometer weit mal kein Haus zu entdecken. Ein paar Zäune in der Landschaft sowie der Weg, auf dem ich mich befinde, daneben ungenutzte Bahngleise sowie in einiger Entfernung eine kaum befahrene Straße sind die einzigen Spuren der Zivilisation. Dass ich darüber hinaus kaum einem Menschen begegne, und das mitten im an sich dicht besiedelten Europa, begeistert mich geradezu. Erst ein plötzlich abknickender Streckenverlauf sowie ein bis auf einen guten Meter Höhe ansatzweise Blick dichter Zaun reißen mich aus meiner Euphorie. Die Abgrenzung des Weges lässt diesen wie einen Korridor erscheinen, der hier nicht her gehört. Ob ein Schild am Wegesrand zur Aufklärung beigetragen haben könnte, lässt sich bestenfalls unterstellen. Unzweifelhaft lesbar steht dort zumindest in weißen Lettern auf schwarzem Hintergrund: 1.000.000 € Mehrkosten – Umleitungsidiotie. Es gibt leider keinerlei Hinweise darauf, weshalb der Radweg auf einer Länge von einem Kilometer nicht dem Verlauf der Gleistrasse folgt. Irgendwie hinterlässt alles auf mich einen eher seltsamen und fragwürdigen Eindruck.
Einige Kilometer weiter beende ich die erste Tagesetappe. Es ist 16:30 Uhr, die Sonne ist bereits hinter dem nächsten Hügel versunken, als ich an einer Wiese vorbei radle, zu der es einen Zugang gibt. Der Platz ist zwar nicht optimal, oberhalb verläuft ein Weg, von dem aus man das Areal überblicken kann und es gibt keinen Bach, der mir als Waschgelegenheit dienen könnte, doch die herein brechende Dämmerung sowie bislang mangelnde Alternativen vereinfachen mir die Entscheidung. Das Zelt ist in der schwindenden Helligkeit noch ohne Taschenlampe schnell aufgebaut und eingeräumt, dann ist es aber bereits so dunkel, das ohne künstliches Licht nichts mehr zu sehen ist. Während ich im Schein der Stirnlampe den Inhalt meiner Konservendose erwärme stelle ich fest, dass ich nicht so weit abseits der nächsten Ortschaft bin, wie ich es mir gewünscht hätte; auf dem gegenüber liegenden Hügel haben sich zwischenzeitlich die Straßenlaternen eingeschaltet, und gelegentlich sind vorbei fahrende Fahrzeuge zu hören, was jedoch nichts ist im Vergleich zu den Autobahnen oder Bahnstrecken, an denen häufig genug „offizielle“ und mehr oder minder teure Campingplätze gelegen sind.
Als die warme Mahlzeit des Tages verspeist ist wird mir bewusst, dass ich vergessen habe, mich um eine nicht ganz unbedeutende Kleinigkeit zu kümmern. Ich habe kein Wasser im Gepäck – und wie bereits festgestellt, vor der „Tür“ auch nicht. Leider kann ich dem Umstand, dass ich aus eben diesem Grunde um den Abwasch herum komme, nicht Positives abgewinnen, da sich nicht nur das Spülen nicht von alleine erledigt, sondern auch die Grundlage fehlt, um eine Tasse Cappuccino aufzusetzen beziehungsweise am nächsten Morgen die Zähne zu putzen oder mir eine Katzenwäsche zukommen zu lassen. Ärgerlich, ich komme mir vor ein Greenhorn!
Entsprechend „stinkig“ beschließe ich gegen 18:15 Uhr, den Tag für beendet zu erklären. Ein Schluck Warmes hätte sicherlich gut getan, es ist nämlich bereits empfindlich frisch, und ein wenig klebrig fühle ich mich ebenso. Aber es hilft ja nichts. Letztendlich stelle ich mir den Wecker auf 07:00 Uhr, spreche mir noch ein paar Notizen auf das Handy, krieche mit den noch leicht feuchten Klamotten in den Schlafsack, ziehe die Kapuze so weit es geht zu, und beginne zu verstehen, was manche Lebewesen zum Winterschlaf bewegt.
Nachts werde ich bei gefühlt jedem Umdrehen wach wobei ich feststelle, dass meine Strategie für kalte Nächte noch verbesserungswürdig ist. Dort, wo der Schlafsack nach oben hin Körperkontakt hat, verspüre ich das Bedürfnis nach einer weiteren Isolationsschicht, kann mich aber doch nicht dazu aufraffen, Abhilfe zu schaffen.
Als ich Morgens meine leidlich wärmende Hülle verlasse, hat sich an der Umgebungstemperatur kaum etwas geändert. Ein Blick auf die Wiese zeigt mir, interpretiere ich die Raureif bedeckten Grashalme richtig, dass es immer noch unter Null Grad sein muss. Von einer Sonne, die helfen könnte, das Kondensat im Innern des Zeltes verdunsten zu lassen, ebenfalls keine Spur. Und die Hoffnung, dass sich in absehbarer Zeit etwas daran ändern könnte, ist gering – es ist neblig. Also greife ich zum Lappen, um nicht alles nass einpacken zu müssen. Das Resultat bleibt jedoch zweifelhaft. Zwar nimmt das Textil Feuchtigkeit auf, wie ich beim Auswringen über dem dreckigen Kochtopf feststellen kann, doch kurze Zeit später bildet sich dort, wo ich die Tropfen abgewischt habe, Eis. Mit steifen Fingern packe ich meine Habseligkeiten zusammen, reinige das Geschirr leidlich, und bin um kurz nach 09:00 Uhr wieder auf dem Radweg.
Im nächsten Dorf, der Nebel hat sich noch immer nicht gelichtet, erbettele ich mir Wasser. Meine Trinkflasche ist mittlerweile geleert, als ich eine Frau vor einem Restaurant sehe, die gerade vor der Tür wischt. Obwohl weiterhin in Belgien, gibt es keine Verständigungsprobleme. Die Dame spricht perfekt deutsch, und so dauert es keine fünf Minuten, dass ich meine Reise, bereichert um das kostbare Gut, fortsetze.
Nach gut einer Stunde Fahrt, die ersten 20 Kilometer des Tages sind absolviert, gelange ich an einen Flecken, wie ich ihn mir für die Nacht gewünscht hätte. Ein Rastplatz am Wegesrand, mit einer Bank, einer kleinen Wiese, und – einer Quelle. Eschborn, so steht es in Stein gemeißelt über dem Rohr, aus dem das Wasser in einen Überlaufbehälter plätschert, bevor es zur Seite hin abfließt. Ich öffne meine Packtasche am Vorderrad, krame Kocher und Müsli hervor, reinige den Kochtopf, in dem ich mein Abendessen zubereitet hatte, noch einmal unter fließendem Wasser, hole das Zähne Putzen ebenso nach wie auch eine Hand voll Wasser für das Gesicht nicht zur kurz kommt, dann widme ich mich dem Frühstück. Hafermilch erwärmen, Müsli drauf, und während ich die körnige Pampe weglöffele, kocht das Wasser für die Tasse Cappuccino. Nach einer Stunde fühle nicht nur ich mich wieder frischer, nein, es ist auch alles wieder verstaut und geht weiter, dem nächsten Ziel entgegen – Sankt Vith.
Den Ort erreiche ich gegen 12:00 Uhr. Bis dahin ändert sich nicht viel, es bleibt grün, in den Wiesen steht beziehungsweise fließt das Wasser, das Wetter zeigt sich beständig, sprich, es klart nicht auf, die Wolken hängen weiterhin tief, nur die Hügel verlieren an Höhe, es wird flacher. An einer Brücke finde ich auch den Hinweis auf eine Wasserscheide, dass heißt, ich habe einen Grat erreicht. Zur einen Seite hin münden die Bäche und Flüsse in den Rhein, zur anderen in die Maas. Im Internet finde ich zudem später die Information, dass Sankt Vith die Eifel von den Ardennen trennt. Tja, so lernt man während so einer Fahrt dazu.
Im Städtchen angekommen halte ich es für ratsam, einen kleinen Einkauf zu erledigen. Es ist schließlich Samstag, und ich weiß nicht, was an Ortschaften noch so folgt und wie man es dort mit Öffnungszeiten in den Geschäften hält. Ein Brötchen für zwischendurch und ein weiteres für den Abend brauche ich auf jeden Fall, darüber hinaus kann es nicht schaden, eine zweite Flasche im Gepäck zu haben. Ich frage mich durch, stoße auch hier auf freundliche und hilfsbereite Zeitgenossen, die meine Sprache sprechen, und ergattere in der schon reichlich ausverkauften Bäckerei neben dem, was auf dem Einkaufszettel steht, noch ein Teilchen mit Rhabarber, das mich anlacht – rede ich mir zumindest ein, dass es das tut. Doch ich werde den Kauf nicht bereuen. Anschließend drehe ich noch eine kurze Runde durch den Ort, wobei mir der bunte Mix an unterschiedlichen Autokennzeichen ins Auge springt. Nummernschilder aus Luxemburg, Deutschland, Belgien, klar, ist ja alles nicht weit entfernt beziehungsweise bin ich ja mitten drin. Frankreich, Niederlande – auch nicht so ganz aus der Welt. Was mich allerdings überrascht ist, dass auch verhältnismäßig viele Autos mit polnischer Zulassung am Straßenrand stehen. Aber gut, die Fahrer werden schon wissen, was sie hierher treibt.
Nach ein paar Fotos von der Kirche im Ort kehre ich zurück auf die Bahntrasse. Ich fahre keine 10 Kilometer, da passiere ich zum vierten und letzten Mal die deutsch/belgische Grenze. Diesmal an einer Stelle, an der eine Straße vorbei führt, und in Anbetracht dessen auch mit Hinweisen, die darüber Auskunft geben. Ich verlasse jedoch an dieser Grenze nicht nur Belgien, sondern außerdem den Vennbahn Radweg. Ob ich die richtige Wahl treffe? Ich weiß es nicht. Mir fehlt der Vergleich, wie sich die Strecke entlang der Our weiter entwickelt. Auch dieses Flüsschen mündet in die Sauer, wie auch die Prüm, die mein nächstes Ziel ist. Wie ich noch feststellen soll, ist zumindest die Wahl, die ich treffe, nicht ganz frei von steileren Anstiegen.
Einstweilen geht es aber bis Pronsfeld über den Eifel-Ardennen Radweg ohne nennenswerte Steigungen weiter. Zumindest bis zu dem Punkt, an dem Schild auf die Sperrung eines Tunnels hinweist. Die Umleitung führt über eine Landstraße einen Hügel hinauf, und als pedalierender Weise kaum schneller voran komme als zu Fuß, steige ich ab und schiebe. Ansonsten verläuft die Strecke flach. An den Hügeln stehen wieder mehr Bäume, auf ein paar Kuppen verschwinden zyklisch die Flügel von Windkrafträdern in den tief hängenden Wolken, und nach weiteren 20 Kilometern stehe ich an der Prüm, bei Pronsfeld. Mittlerweile ist es 14:00 Uhr und ich mache mich über meine jüngsten Errungenschaften her, den Einkauf aus der Bäckerei in Sankt Vith. Den Kalorienverlust muss ein Brötchen mit einem Snickers Riegel kompensieren, zum Nachtisch verleibe ich mir die Rhabarber Schnitte ein. Da weiß man doch, wofür man sich verausgabt – futtern, ohne mit schlechtem Gewissen an die Waage denken zu müssen!
Bei meinem kurzen Stopp bekomme ich Gesellschaft. Eine getigerte Miezekatze schleicht sich heran, beäugt aufmerksam, was ich da in mich hinein stopfe, wendet sich nach einiger Zeit aber doch enttäuscht wieder ab als sie merkt, dass es nichts zu Schnorren gibt.
Die nächsten 10 Kilometer entlang der Prüm bis Waxweiler stellen keine besondere Herausforderung dar und sind zügig abgeradelt. Eine halbe Stunde bin ich unterwegs, dann mache ich noch mal Halt. An der Kreuzung, an der meine Route vom Fluss abknickt und den Hügel hinauf führt, gibt es einen Supermarkt, der noch geöffnet hat. Noch einmal tanke ich die Trinkflasche sowie die Wasserreserve auf, versuche, den Anstieg noch ein wenig hinaus zu zögern, doch die Strategie bleibt erfolglos. Trotz Aufschieberei, der Weg wird nicht flacher. Die ersten anderthalb Kilometer bewältige ich noch in kleinen Gängen, dann steige ich ab und schiebe, und es bleibt nicht bei einem Mal. Immer wieder gibt es weniger steile Passagen, mal geht es auch wieder ein Stück abwärts, dann folgt die nächste Steigung, die mir die Grenzen meiner Kondition schonungslos offenbart. Bis ich in Biersdorf angelangt bin, wo die Prüm in einem See gestaut wird, vergehen auf diese Weise eindreiviertel Stunden, in denen ich 25 Kilometer zurück lege, wobei sich Abschnitte dazwischen befinden, auf denen ich für fünf Kilometer keine 10 Minuten benötige.
Wie auch immer, als ich Biersdorf erreiche, ist es 17:00 Uhr, von Sonne war ohnehin den ganzen Tag nichts zu sehen, und es wird zusehends dunkler. Angeblich soll ich am Ufer des Sees auf einen Campingplatz stoßen, doch vielleicht hat mich der ältere Herr, den ich bei seinem Lungenbrötchen vor der Haustür ansprach, mit meiner Frage ebenso schlecht verstanden, wie ich seine Antwort, und alles ist nur ein Missverständnis. Zumindest entdecke ich weit und breit keine Spur, die auf ein Areal für mobile Behausungen hin deutet; keinen Wegweiser, keine Zelte, keine Wohnwagen – nichts. Statt dessen lande ich auf einem größeren Parkplatz, hinter dem ein geschlossenes Café mit Terrasse zum Gewässer hin liegt, und von dem aus man in beiden Richtungen den See umrunden kann. Zur Rechten verläuft eine Zufahrt zum nahe gelegenen Resort einer Hotelkette, zur Linken ein Stellplatz, auf dem eine Armada von Tretbooten auf ihren Einsatz in der nächsten Saison wartet, daneben ein Spielplatz und ein paar überhängende Felsen, an dem sich der Wanderweg entlang zieht.
Zunächst hadere ich noch. Soll ich wirklich mein Lager unter dem Felsen, direkt am Wanderweg, aufschlagen? Doch ich brauche nicht lange, dann verwerfe ich meine Bedenken. Es ist nichts los, die paar Jogger und Herrchen, die ihre Vierbeiner Gassi führen, werden mich schon nicht stören, ich sie ebenso wenig, und die Alternativen sind in Anbetracht der voran schreitenden Zeit ohnehin nicht so berauschend. Den Platz unter einer Laterne wähle ich, um weitestgehend ohne Taschenlampe auszukommen – ist doch irgendwie lästig, die Funzel auf der Stirn, zumindest, wenn man ohne sie auskommen kann.
Auf eine Dusche verzichte ich ein weiteres Mal, der Weg zum See runter ist recht steil, und sehen tut man auch nicht gerade viel, aber das Abendessen gestatte ich mir ein wenig komfortabler als noch am Vorabend. Ich klemme mir meine Kochutensilien unter den Arm, begebe mich an einen der Tische des geschlossenen Cafés am See, und bewirte mich selbst. Man hat darauf verzichtet, Stühle wie Tische aneinander zu ketten, und so mache ich mich, mehrlagig eingepackt, an einem davon breit, werfe den Brenner an, und genieße nach dem Dosenfutter zum Nachtisch diesmal eine Tasse des Kaffee artigen Instant Gebräus aus der Tüte. Die Spuren meines Daseins zu verwischen ist ebenso wenig problematisch, überall stehen Abfalleimer, und da ich mit ausreichend Wasser versorgt bin, muss auch der Abwasch nicht lange warten. Zwischendurch werfe ich einen Blick auf die Hinweistafeln am Rande des Parkplatzes. Neben den Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten in der Nähe, es existiert ein Schloss Hamm ein Stück Prüm aufwärts, der Wanderweg um den See herum ist mit Höhenprofilen und Entfernungsangaben beziffert, gibt es auch Informationen zum Prümtal Radweg. War ich davon ausgegangen, mit meiner Fahrt über die Hügel die Anstiege hinter mir gelassen zu haben, so werde ich hier eines Besseren belehrt: bis Irrel, also noch gute 20 Kilometer, gibt es immer wieder Kuppen mit knackigen Steigungen zu bewältigen. Na ja, zumindest bin ich mental vorbereitet.
Die Nacht verbringe ich weniger fröstelnd. Mag es daran liegen, dass die Temperatur minimal über dem Gefrierpunkt liegt, oder daran, dass ich die Jeans über der langen Unterhose anlasse und so ein zusätzliches Luftpolster schaffe, nachdem das E-Book um 20:30 Uhr beiseite gelegt ist, gibt es nichts, was mich von einer geruhsamen Zeit auf der Isomatte abhält.
Auch der nächste Morgen hat keine unangenehmen Überraschungen parat. Wie erwartet drehen ein paar Frühaufsteher ihre Runden, ich grüße sie verschlafen, und niemand nimmt Anstoß daran, dass ich am Wegesrand campiere. Das Frühstück verschiebe ich auf einen späteren Zeitpunkt. Zunächst will ich die Anstiege hinter mich bringen, und außerdem habe ich die Hoffnung, dass sich der Nebel an diesem Sonntag vielleicht lichtet und ich nicht gar so verfroren mein Müsli in mich hinein schaufeln muss. Wieder wird es 09:00 Uhr, bevor die Räder rollen, aber immerhin starte ich nicht ganz ohne morgendliche Hygiene. Dass ich keine Dusche abbekommen habe, davon ist bereits eine halbe Stunde später nichts mehr zu bemerken. Die ersten Höhenmeter liegen hinter mir, und das T-Shirt ist genau so durchnässt wie das, das am Vortag noch auf dem Leib klebte. Die Wasserflasche erhalte ich erneut an einem Restaurant aufgefüllt, an diesem Morgen wird jedoch nicht vor der Tür gewischt, sondern die Spuren des Vorabends beseitigt. Eine Dorfgemeinschaft hatte gefeiert, und nun ist das Abräumkommando damit beschäftigt, Zapfanlage, Tresen, Grill und dergleichen wieder verschwinden zu lassen.
Was die übrigen Eindrücke anbelangt, so gibt es bis auf einige Hopfenfelder nichts Neues. Der Nebel hält sich beharrlich, der Radweg folgt der Prüm, führt auch schon mal etwas höher am Hang entlang und zwingt mich wiederholt zum Absteigen, steht aber so gut wie mir allein zur Verfügung. Irgendwo gibt es eine Baustelle, laut einem Verkehrsschild ist der Weg gesperrt und das Befahren sowie Betreten verboten, doch wo käme man hin, wenn man alles befolgt, was andere von einem verlangen?
Ich zumindest finde den unebenen und vielleicht etwas aufgeweichten Untergrund nicht schlimmer als andere Pisten, auf denen dies der normale Zustand ist, und erreiche mit Irrel das prognostizierte Ende der Berg- und Talfahrt. Ein Stückchen dahinter lege ich nach gut 30 Kilometern gegen 11:30 Uhr eine Pause ein. Eine überdachte Bushaltestelle erscheint mir ein geeigneter Ort, einigermaßen Wind und Kälte geschützt das Frühstück einnehmen zu können, und so finden einmal mehr Kocher und Fressalien ihren Weg aus der Packtasche heraus. Nach der Mahlzeit sind es nur noch zwei Kilometer, dann stehe ich in dem Minden, in dem die Prüm in die Sauer fließt. Echternach, der nächste größere Ort, ist kaum weiter entfernt als die Strecke, die seit dem letztem Halt hinter mir liegt, doch für mich geht es in entgegen gesetzter Richtung weiter, Sauer abwärts. Ich habe die Wahl, auf deutscher oder auf luxemburgischer Seite zu radeln, ziehe es aber aus unerklärlichen Gründen vor, die Grenze über den Fluss nicht zu überqueren.
Den Sauertal Radweg erlebe ich unspektakulär. Ebenso beschaulich wie der zur Rechten liegende Fluss verläuft der Radweg. Zwischen Landstraße und gemächlich dahin fließendem Gewässer geht es nur selten ein paar Meter empor. Es gibt aber auch Abschnitte, da ist von der Straße nichts zu sehen oder zu hören. Das eine Mal geht es ein paar hundert Meter durch einen Tunnel, an anderer Stelle sind es steiler ansteigende Abhänge, an denen sich Rinnsale ihren Weg zwischen Bäumen und Felsen von links hindurch Richtung Sauer suchen. Auf Menschenansammlungen treffe ich lediglich zwei mal am Wegesrand. In Ralingen sind es die Kicker auf einem Rasenplatz, die einige Zuschauer an die frische Luft locken, in Langsur ist hingegen das halbe Dorf auf den Beinen. Auf der Brücke über den Fluss sowie am Ufer erwartet man die Ankunft einer Delegation, die sich ein paar hundert Meter Sauer aufwärts auf einem Floß in Gang setzt. Flankiert von vier Tannenbäumen und zwei Posaunisten befindet sich ein Herr mit wallendem Rauschebart, Stab in der Hand, Bischofsmütze auf dem Haupt, in weißes Gewand gehüllt und mit rotem Umhang um Schultern und Rücken: der Nikolaus. Oder jemand, der in dessen Rolle schlüpft. Dem Schild am Gefährt nach ein Abgesandter des örtlichen Angelclubs, dessen Vereinskamerad gerade damit beschäftigt ist, dem Floß die treibende Kraft einzuhauchen – in Form eines PS starken Außenborders.
Mit Wasserbillig ist nach 22 Kilometern beziehungsweise anderthalb Stunden auch das Ende der Sauer erreicht. Ich drücke an der Brücke vor der Mündung in die Mosel ein paar Mal auf den Auslöser, da werde ich von der Seite angesprochen. Ein Radler aus der Region steht neben mir. Meine Packtaschen lassen ihn anhalten, doch ich besänftige ihn – sieht schlimmer aus, als es ist. Halt nur die Tour über das Wochenende, auf der ich weder auf Zelt noch auf Kocher verzichten mag. So kommen wir ins Gespräch und ich erfahre, dass wir uns bereits vor einem Jahr hätten begegnen können. In Frankreich, im August, an der Loire, zwischen Orléans und Tours. Schon witzig, welche Zufälle das Leben immer wieder parat hält. Wir quatschen eine Weile, lassen uns aus über die Radwege in der Gegend, ich erfahre, dass mein Gegenüber, den ich auf knappe 40 schätze, 50 Kilometer radeln muss, um ein Bier in Trier zu trinken, will er nicht einen kürzeren Weg über die Hügel nehmen, dann verabschieden wir uns voneinander.
Kurze Zeit später folge ich meiner jüngsten Bekanntschaft sowie der Mosel, die allerdings eher wie ein stehendes Gewässer als ein Fluss wirkt. Zunächst bleibe ich am linken Ufer. Auf ebener Strecke erheben sich zur hinter der Straße Weinberge, bevor nach fünf Kilometern der nächste größere Zufluss von der gegenüber liegenden Seite aus weiteres Wasser beisteuert – die Saar. Unmittelbar hinter der Mündung überquere ich die Mosel auf einer Eisenbahnbrücke, werde Zeuge, wie mit maschineller Hilfe Gleise neu eingespurt werden, und treffe den Radler wieder, von dem ich mich nur Minuten zuvor getrennt hatte. Auch er beobachtet fasziniert, wie der Gleisschotter mit Greifarmen durchgerüttelt wird, um die Schiene passgenau zu verlegen. Abermals wechseln wir noch ein paar Worte, dann wünschen wir erneut einander gute Fahrt.
Auf eine andere Begegnung warte ich leider vergebens. Für drei Tage später hatte sich eine Woche zuvor ein Spanier über das Warmshowers Netzwerk angemeldet, der ebenfalls über Trier anreisen wollte. Wie ich jedoch später erfahre, erreicht er die Stadt erst Tags drauf, insofern kann ich lange Ausschau halten.
Auch die geplante Stadtrundfahrt hat ihre Tücken. Zunächst ist es gar nicht so einfach, Richtung Zentrum zu gelangen; zumindest nicht so, wie ich es mir gedacht hatte. Mein wahrscheinlich sehr naives Vorhaben, nach sieben Kilometern am rechten Moselufer einfach rechts ab zu biegen und mich anschließend ein wenig im Zick-Zack Kurs der Innenstadt zu nähern, kann ich abhaken. Mit einer Ehrenrunde gelingt es mir gerade mal, die stark befahrene B51 zu überqueren, dann weist die Radweg Beschilderung mich entlang eben dieser Bundesstraße weiter Mosel abwärts. Halt nur nicht mehr mit Blick über den Fluss. Und von der St. Matthias Basilika bekomme ich auch nicht mehr viel zu sehen.
Nach ein paar hundert Metern leiten mich die Schilder jedoch auf die von mir geplante Route, ich ignoriere die Pfeile hin zum Bahnhof, überquere Südallee und Kaiserstraße, versäume es, Landesmuseum, kurfürstliches Palais sowie Palastgarten zu bestaunen, sondern komme über Viehmarkt, der seinem Namen in keinster Weise mehr gerecht wird, sowie einiger kleinerer Straßen an der Konstantinbasilika heraus. Auf mich wirkt das Gebäude etwas befremdlich, wird aber dem gerecht, was als Erklärung dazu unter Wikipedia im Netz zu finden ist: eine Halle.
Als nächstes liegen Liebfrauenkirche sowie der Dom auf dem Weg. Die beiden
Bauwerke sehen schon imposanter aus, doch hatte ich im Zuge meiner Vorbereitungen nicht bedacht, dass aufgrund saisonaler Gegebenheiten der davor liegende Platz, der Domfreihof, überlaufen beziehungsweise halb zugestellt ist: wie es sich für die Adventszeit gehört, ist dort Weihnachtsmarkt! Statt freier Sicht auf altehrwürdige Gemäuer also Schieberei und Gedrängel, mit dem Taschen behangenen Rad dazu ein Vergnügen der ganz besonderen Art. An eine Entschädigung in Form einer Bratwurst oder eines Glühweins ist nicht zu denken, will ich nicht mein Gefährt samt Gepäck sich selbst überlassen. Entsprechend reihe ich mich ein in den Strom derer, die es rüber zum Hauptmarkt treibt, wo ein weiteres Hüttendorf vor mittelalterlicher Kulisse Besucher anzieht.
Auf der Fußgängerzone Richtung Porta Nigra wird es schon wieder ein wenig ruhiger, dann folgen die letzten paar Meter bis zum Bahnhof, wo ich um 16:15 Uhr auf den Zug nach Köln nicht lange warten muss. Das Ticket ist am Automaten ausnahmsweise schnell gezogen, kostet zwar fast doppelt so viel wie die Strecke von Köln nach Aachen, aber dafür bekomme ich im gleichen Verhältnis mehr geboten: drei Stunden Fahrt durch die Eifel, mit Halt in jedem namhafteren Ort. Nicht tauschen möchte ich in dem Bummel Express mit meiner Sitznachbarin. Die drei Tage ohne Dusche haben doch irgendwie Spuren hinterlassen, vor allem olfaktorischer Art, doch meine Reisebegleitung erträgt ihr Schicksal ebenso klaglos wie auch ich keinen Anlass sehe, von dem für das nächste Jahr ins Auge gefassten Ausflug Abstand zu nehmen. Die Ausrüstung hat sich einmal mehr bewährt, auch die Bereitschaft, kältere Tage und Nächte an der frischen Luft zu verbringen, hat nicht gelitten, und so endet ein wenig geschafft aber durchaus zufrieden und bereichert um neue Eindrücke eine weitere Tour, von der dem Navi folgende Daten zu entnehmen sind:
- Anstieg: 1937 Meter (ca. 550 + 600 + 800, bezogen auf die einzelnen Tage)
- maximal erreichte Höhe: 558 Meter
- zurück gelegte Strecke: 222 Kilometer (ca. 65 + 85 + 72)
- Zeit in Bewegung: 13:58 Stunden