auf den Spuren von Ute & Dirk Prüter

Brockenrunde

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Viele Steine, müde Beine, Aussicht keine. Die Worte, die Heinrich Heine zum Brocken im Harz in den Mund gelegt werden, sind es nicht, die mich reizen, die höchste Erhebung im Norden der Republik zu erklimmen. Eher motivieren mich die Erlebnisberichte anderer Radler. Etwas anderes, als Flüssen zu folgen. Und deutlich schneller von Köln aus zu erreichen als andere Gipfel. Ute kann ich mit diesem Thema nicht begeistern. Sie verzichtet lieber auf Anstiege. Als sie sich zusammen mit einer Freundin den Römer/Lippe-Radweg vornimmt, ist es für mich soweit. Da sie mir zudem etwas vom Hermannsdenkmal sowie den nahe gelegenen Externsteinen vorschwärmt, ist mir auch klar, welchen Weg ich Richtung ehemaliger innerdeutscher Grenze einschlage. Auch der Zeitpunkt steht fest. Utes Urlaub ist entsprechend beantragt. Am Sonntag des Himmelfahrtswochenendes soll es losgehen, die Freundin ist zuvor noch auf dem „Inselfest“ vor der Haustür eingespannt. An dem Geburtstag meiner Frau, eine Woche später, 2018 Pfingstsonntag, wollen die beiden wieder zurück sein. Noch einen Tag die Beine hochlegen oder ausstrecken, bevor es Tags drauf wieder an die Arbeit geht.
Eine Woche ist mir jedoch für eine Fahrt vom Rheinland in den Harz zu knapp. Mit einigen Schlenkern kalkuliere ich das doppelte an Zeit. Ins Wanken gerät meine Vorstellung nach dem Besuch der Spezi, der Spezialradmesse in Germersheim. Ute quält seitdem eine saftige Bronchitis, die ihr die Stimme verschlägt, mich ein Reizhusten. Eine Idee war es, zur Sternfahrt nach Düsseldorf die Taschen zu packen und direkt nach der Fahrraddemo von der Landeshauptstadt aus durchzustarten. Mit der nicht schwinden wollenden Erkältung in den Knochen aber hadere ich. Lässt sich ja auch verschleppen, so ein Leid. Das Wetter der letzten Tage sowie die Vorhersage für die nächsten vertreibt allerdings zumindest für den Sonntag Zweifel. Im Rudel in die für wahre Kölner verbotene Stadt, das sollte keine zu große Belastung für den Körper werden. So ist es auch. Zusammen mit etwa 80 Gleichgesinnten setzt sich bei strahlend blauem Himmel vom Hauptbahnhof aus ein Tross in Bewegung, der in deutlich minimierter Anzahl erst 12 Stunden später zurück kehrt. Dazwischen liegt ein vergnügliches Miteinander. Mit den Radlern aus der Heimatstadt, mit Jens, einem ehemaligen Arbeitskollegen, und mit Uli. Letzteren kenne ich bis dahin namentlich eigentlich gar nicht, doch irgendwie kommt er mir bekannt vor. Unsere Wege kreuzen sich kurz nach dem offiziellen Start der Protestveranstaltung. Wie ich ist auch er auf drei Rädern unterwegs und so kommen wir ins Gespräch. Nach wenigen Worten stellen wir fest, dass wir uns erst eine Woche zuvor begegneten. Er ist derjenige, der in Germersheim vor uns am Fahrkartenautomat stand und mit dem zusammen ich im Kölner Hauptbahnhof unsere Räder die Treppen vom Gleis hinunter trug. Wir unterhalten uns über die Spezi, die Erlebnisse während unserer Bahnfahrt und das Radeln im Liegen. Mit einem Male fällt die Frage, ob ich auch auf dem Triker Treffen dabei bin.
„Triker Treffen?“
„Ja, vom Velomobilforum. Bist du dort nicht angemeldet?“
Ich denke nach.
„Doch, ich glaube schon. Bin dort nur nicht sonderlich aktiv.“
„Wir treffen uns einmal im Jahr. Häufig genug kommen um die 80 Leute. Diesmal findet die Veranstaltung bei Schloß Holte-Stukenbrock am Rande des Senne Naturschutzgebietes statt.“
Die Orte wecken Erinnerungen an meine Paderborner Land Route. Liegt ja quasi auf dem Weg in den Harz. Ein Wink des Schicksals?
Mit der Wettervorhersage für die nächsten Tage vor Augen, es soll schön bleiben, ist die Entscheidung faktisch gefallen. Es wird zum Brocken gehen. Auch wenn ich am Dienstag starte, sollte ich bis zu Utes Geburtstag zurück sein. Am Montag nehme ich mir meine bereits aus dem Internet gezogenen Routen nochmals vor. Etwa 1.000 Kilometer in zwölf, dreizehn Tagen? Machbar. Dürfte gerne ein Tag mehr sein, sollte aber hin hauen. Hin der Kilometer reichere aber flachere Weg, zurück der kürzere, aber hügeligere. Es dauert noch ein wenig, die Strecke in Teile zu stückeln, die für das Navi verdaulich sind, die Ergebnisse von Naviki und dem Routenplaner NRW zu verheiraten die Passagen einzuflechten, auf die die elektronischen Helfer nicht kamen, doch am Ende des Tages ist die Elektronik mit Daten versorgt und die Taschen sind gepackt.

Am Dienstag bei abermals eitel Sonnenschein geht es los. Für zehn ist der Aufbruch geplant, die Räder rollen eine gute halbe Stunde später. Egal. Nur keine Hektik. Es reicht, eine etwas traurig drein schauende Gattin zurück zu lassen und mit einer kleinen Baustelle am Rad zu starten. Ute ist eine zweite Woche krank geschrieben, ihre Stimme versagt weiterhin und ob die Ärztin ihr von der bevorstehenden Radtour abrät ist noch fraglich. Das Rad? Nachdem fast ein Jahr stillgelegt, ergriff ich die Woche zuvor die Initiative und ersetzte die Hinterradbremse. Eine Felgenbremse. V-Brake. Irgendwie öffnete sie nicht mehr richtig, woraufhin ich die den Bremszug aushängte und die Beläge entfernte. Auch wenn funktional fragwürdig, laut Hersteller soll sie ausschließlich als Parkbremse genutzt werden, für den Notfall, wenn die Vorderradbremsen mal ausfallen, vielleicht nicht das Verkehrteste, auf sie zurück greifen zu können. Außerdem runzelte der Händler die Stirn, als er erfuhr, dass die Hydraulik quasi ständig unter Druck steht, wenn ich mein Fahrzeug parke. Problematisch war es jedoch, die frisch erworbene Felgenbremse unter Zeitdruck zu montieren. Es wurde langsam dunkel, das Essen stand auf dem Tisch und irgend eine Kleinigkeit hatte ich übersehen. Die Bremsbacken öffneten nach dem Lösen des Hebels noch immer nicht, die Beläge lagen noch immer an der Felge an. Da das Hinterrad jedoch nach Auseinanderdrücken der Arme ohne irgendwo anzuecken frei lief, beließ ich es in diesem Zustand. Möglicherweise ein Fehler, wie sich zeigen sollte.
Einstweilen aber ein Start wie im Bilderbuch. Auf dem Radweg den Rhein entlang ist es ruhig, in Anbetracht des Wetters die Stimmung entspannt, den Fahrtwind auf der Haut zu spüren herrlich. Lebensfreude pur. Herz, was willst du mehr? Auch der Leverkusener Chempark kann das Vergnügen kaum schmälern. Binnen einer guten Viertelstunde ist das triste Industriegelände umfahren, ich komme wieder ab von der Straße und kurbele weiter im Grünen.
Nach zwei Stunden Fahrt eine erste kurze Pause. Am Hitdorfer See gönne ich mir eine Limo. Auf der Terrasse des Strandcafes sitzen ein paar Leute, ein paar weitere liegen auf der Wiese, jemand springt ins Wasser. Der Mann hinter dem Tresen bestätigt meine Befürchtung: „ja, am Wochenende, bei solch einem Wetter, da ist hier die Hölle los.“
An diesem Dienstag Mittag aber, zwei Tage vor Himmelfahrt, könnte ich glatt schwach werden. Eine Siesta einlegen, mich in die Fluten stürzen? An einer Badehose sollte es nicht mangeln. Die liegt griffbereit oben auf in der Tasche rechts hinter meinem Rücken. Nach erst 35 zurück gelegten Kilometern ist es mir jedoch noch zu früh. Noch nicht einmal die Hälfte dessen, was ich mir für den Tag vorstellte, ist geschafft. Zudem ist es das leichtere Drittel, das hinter mir liegt.
Anderthalb Stunden später ist nahezu Düsseldorfer Stadtgebiet erreicht. Langenfeld und Hilden liegen hinter mir, weitere 15 Kilometer Feld- und Waldwege vor mir, ebenso ein Waldbad. Auch hier ist es noch ruhig. Der Fahrradparkplatz steht noch leer, um die Becken herum scheint man eher zu renovieren statt zu faulenzen. Ich nutze den Schatten unter einem Baum, um mir ein Brötchen einzuverleiben und ein paar Minuten zu dösen. Bislang war noch alles einfach. Rückenwind, flaches Land, kaum Straßen.
Die ersten Kilometer nach dem neuerlichen Aufbruch ändert sich wenig. Es geht weiter durch ein Waldgebiet, noch immer keine Steigungen. Vor dem Hildener Kreuz, dort, wo die Autobahnen 3 und 46 aufeinander stoßen, dann erste Irritationen. Ich fahre an dem Abzweig auf den Weg vorbei, der die A46 über- oder unterqueren soll. Statt dessen entdecke ich Schilder des adfc Wuppertal/Solingen. Schienenersatzverkehr per Rad. Warum nicht? Immerhin stimmt die Richtung.
Als ich auf der anderen Seite der Autobahn bin, sehe ich mich allein gelassen. Ich entdecke keine weiteren Hinweise mehr. Der Versuch, zurück auf die Route des Navis zu gelangen, ist leider auch nicht so einfach. Der nächste Wegpunkt liegt in gut drei Kilometer Entfernung, dazwischen jedoch verlaufen eine Bahnlinie, wegloses Gelände sowie Höhenzüge. Bei dem Weg entlang der Haaner Straße stelle ich zudem fest, dass Hochdahl seinen Namen nicht ganz ohne Grund trägt. Ich darf erste Steigungen bewältigen. In Millrath schließlich Wegweiser Richtung Wuppertal, kurz darauf die Beschilderung eines Neanderland Steigs. Auch dessen Angaben sind leider nicht immer ganz zweifelsfrei. Irgendwo ende ich in tiefen Treckerspuren. Zurück auf der Straße dann die Erleuchtung, wo der Weg her führen könnte. Entsprechend mache ich erneut kehrt und folge einer Schotterpiste, die entlang von Bahngleisen verläuft.
Wie groß der Umweg oder die Abkürzung letztendlich ist, als ich vor Wuppertal Vohwinkel wieder auf die Route stoße, die sich mit der auf dem Navi deckt, bringe ich vorsichtshalber nicht in Erfahrung. Wertloses Wissen. Statt dessen bin ich genug damit beschäftigt in Vohwinkel den Weg zu finden, der links von der Straße abzweigt. Nach zwei Anläufen, die mich nicht weiter bringen, komme ich auf die Idee, es mit einem Schlenker nach rechts zu versuchen. Problem gelöst. Was aus der Karte nicht hervorging: die Wege kreuzen sich nicht auf der gleichen Ebene. Ich kam durch eine Unterführung, oben drüber geht es weiter. Eine Schleife über den Parkplatz eines Supermarktes führt mich dorthin, wo ich hin will.
Nachdem die Hürde genommen ist, wird es einfach. Ich lande auf der Nordbahntrasse. Der Abschnitt zwischen Oberbarmen und Hattingen ist mir bereits bekannt, die gut 20 Kilometer zwischen Vohwinkel und Barmen fahre ich jedoch erstmals und bin begeistert. Sanft bewältige ich die hundert Meter Anstieg, durchfahre einen Tunnel nach dem anderen und gleite nach den voran gegangenen Hügeln nahezu mühelos über den Asphalt. Dabei bin ich nicht allein. Der Radweg wird gut angenommen von Freizeitsportlern wie von Alltagsradlern, er ist breit genug, dass sich Pedalisten, Spaziergänger und Inline-Skater nicht behindern und dem Anschein nach hervorragend geeignet, um in der Stadt halbwegs bequem aus eigener Kraft von A nach B zu gelangen. Irgendwo finden sich Verkaufsstände am Wegesrand, einige Cafés und Restaurants laden ein, Durst zu löschen oder sich zu stärken, dazwischen fällt der Blick immer mal wieder in das Tal, auf die Wupper sowie die Schwebebahn.
Nach einem kurzen Stopp in einem Supermarkt ist meine nächste Anlaufstelle der Bahnhof Schee. Vor gut einem Jahr durften Ute und ich uns dort der Gastfreundschaft von Anke und Marc erfreuen, als sie uns anboten, in ihrem Gästezimmer zu übernachten. Als ich zum frühen Abend bei ihnen anklingle, treffe ich nur Anke und ihre Nachbarn an. Marc ist arbeiten. Die Einladung auf ein Radler nehme ich gerne an. Wir quatschen ein wenig und ich erfahre, dass die Ideen der beiden Gestalt angenommen haben. Karfreitag waren bürokratische Hürden überwunden, der Imbiss für Vorbeikommende wurde eröffnet und erfreut sich des Zuspruchs.
Knappe zehn Kilometer weiter halte ich ein weiteres Mal. Es ist sieben Uhr durch, ich befinde mich auf einer staubigen Piste, zur Rechten steigt ein Hang auf, zur Linken erstreckt sich grün ein Tal, dahinter weitere Hügel. In der Gegend will ich mein Zelt aufschlagen. Einstweilen jedoch ist es mir noch zu früh dazu. Es sind noch zu viele Jogger, Radler und Leute mit ihren Hunden unterwegs. Ich nutze die Zeit, mir am Wegesrand mein Abendessen zuzubereiten und einzuverleiben. Während die Tütennudeln im Topf auf dem Spirituskocher vor sich hin köcheln, erhalte ich Gesellschaft. Zunächst radelt der frisch gebackene Pensionär nur freundlich grüßend an mir vorbei, Minuten später steht er vor mir. Das sei ja interessant, wie ich da reise. Er selber habe schon Touren mit Freunden hinter sich, man habe immer in Pensionen und kleineren Gasthöfen übernachtet, aber so mit mobiler Behausung und Küche, einigermaßen frei und unabhängig, das habe ja auch seinen Charme. Augenblicke später habe ich um mich herum eine kleine Traube. Ein paar Jogger haben sich hinzu gesellt. Auch sie hören zu, bringen sich ein. Alles ganz entspannt. Niemanden stört es, dass da jemand eine Bank für sich einnimmt, sein Abendessen weg löffelt oder mit dem Gedanken spielt, sein Zelt für eine Nacht irgendwo in der Nähe aufzuschlagen.
Einen geeigneten Flecken zum Schlafen zu finden erweist sich hingegen als komplizierter. Wo der Boden eben ist, bin ich unmittelbar am Wegesrand, wo sich laut Karte eine Quelle befindet oder ich ein wenig versteckter wäre, ist es steil. Letztendlich frage ich bei einbrechender Dämmerung auf einem Bauernhof nach, ob man ein geeignetes Plätzchen für mich habe.
„Klar, stell dich auf die Obstwiese.“
Mein fragender Blick ist dem Anschein nach nicht zu verkennen.
„Komm mit.“
Wir gehen ein paar Schritte, dann folgt mein Blick einem ausgestreckten Arm.
„Da zwischen den Apfel- und Pflaumenbäumen kannst du dich breit machen.“
„Wunderbar. Kann ich mir auch noch irgendwo Wasser zapfen? Ich habe eine Campingdusche dabei.“
„Sicher.“
Ich folge dem Landwirt in Richtung einer Scheune.
„Ich muss nur schauen, ob der Anschluss aufgedreht ist. Ansonsten bedienst du dich an dem Schlauch, der dort über der Wanne hängt.“
Es wird der Schlauch, auf dem Druck ist.
„Als Radler hat man doch auch bestimmt Durst. Kann ich dir ein Bier anbieten?“
„Da sage ich nicht Nein.“
Augenblicke später bin ich versorgt. Welch ein Luxus.
Nachdem das Zelt steht, der Körper vom Schweiß des Tages befreit ist und es langsam dunkel wird, rufe ich bei meinen Eltern an.
„Ich bin mal wieder mit dem Rad unterwegs und komme morgen bei euch am See vorbei. Seid ihr am Wasser?“
Während mein Vater so gut wie jeden Morgen auf der Ruhr seine Runde mit dem Kajak drehen wird, kann meine Mutter sich nicht erwärmen, schon vor Mittag mitzukommen.
„Gut, dann sehen nur wir beide uns morgen gegen elf am Bootshaus. Solltest du noch unterwegs sein, warte ich. Ich sehe ja, ob dein Auto auf dem Parkplatz steht.“
In der Nacht habe ich einen Geistesblitz. Auf dem Weg nach Unna muss ich ja gar nicht an der Ruhr entlang. Ich kann ja auch der Emscher folgen, um abseits des Straßenverkehrs zu Rüdiger und Birgit zu gelangen, bei denen ich für die nächste Nacht angemeldet bin.

Nachdem mich am Morgen der Wecker an mein geplantes Tagesprogramm erinnert und das Frühstück verdrückt ist, bimmele ich erneut bei meinen Eltern durch.
„Wenn es euch recht ist, komme ich bei euch Zuhause vorbei. Mir ist da noch etwas eingefallen.“
Den beiden ist es recht. Zeitlich ändert sich nichts. Ob ich die paar-und-zwanzig Kilometer an der Ruhr entlang fahre oder über den Rheinischen Esel macht keinen großen Unterschied.
Um neun trete ich erneut in die Pedalen. Das Wetter? Es ist nichts davon zu erkennen, das es zum Spätnachmittag oder Abend hin regnen oder gewittern könnte. Der Himmel sieht aus wie am Vortag, die Sonne lacht. Nach ein paar Kilometern schwach befahrener Landstraße knickt die Route ab und es wird noch ruhiger. Hier noch ein paar Gehöfte, dort noch ein paar Häuser, dann folgt eine weitere Kurve, ein ehemaliges Zechengelände, ein alter Bahnhof. Dort, wo einst Gesteinsbrocken mit Kohle in Loren an das Tageslicht befördert wurden, steht dieser Tage die Halle eines modernen Betriebes. Nebenan, wo Züge rangierten, kann man es sich schmecken lassen. Und da, wo vormals Gleise lagen, können sich heute Radler vergnügen. In weiten, ebenen Bögen zieht sich die Elbschebahntrasse durch ein Tal und abschnittweise ist nichts davon zu ahnen, dass ich mich in einer der bevölkerungsreichsten Regionen des Landes bewege. Um mich herum ist es grün, still, keine Spuren von Zivilisation zu entdecken. Nur dieses Band aus glatten Asphalt, über das ich rolle, begleitet vom Zwitschern der Vögel. Ein Traum. Leider nur viel zu kurz.
Unweit der Ruhr endet das Vergnügen. Über eine Brücke überquere ich den Fluss, dann bin ich in Witten. Es folgt ein Weg, der mir halbwegs vertraut ist. Zunächst geht es mitten durch die Stadt, in der geschäftiges Treiben herrscht. Die Vorbereitungen für ein Straßenfest laufen auf Hochtouren. Karussells werden aufgebaut, Biertischgarnituren zurecht gerückt, Getränkebuden mit Strom und Wasser versorgt. Das Himmelfahrtswochenende wirft seine Schatten voraus. Vatertag will zelebriert werden, auch Muttertag ist nicht fern. Bleibt für die feierlaunigen Teilnehmer zu hoffen, dass die Ehrentage nicht ins Wasser fallen. Auch mir wäre es recht.
Nachdem das Zentrum Wittens durchquert ist, wird es für mich wieder ruhiger. Vor mir liegt die nächste einstige Bahntrasse. Der Rheinische Esel. Ein stillgelegter Schienenweg zwischen Bochum-Langendreer und Dortmund-Löttringhausen. Letzterer Vorort grenzt genau an den, in dem meine Eltern leben. Optimal. Die Strecke ist zwar nicht ganz so aus der Welt wie das Elbschetal, doch ich will mich nicht beklagen. Ich radle im Schatten über die Fahrbahn ragender Bäume, rolle über befestigten Untergrund und habe nur eine Ampel, an der ich kurz warten muss. Anschließend gelange ich dort vorbei, wo ich zu Schulzeiten die eine oder andere Stunde verbrachte: am Froschloch. Das Freibad von damals nennt sich heute Naturbad. Da der Eintritt bei den Bademeistern am Beckenrand zu entrichten ist, gehe ich an den Kassenhäuschen vorbei und werfe einen Blick um die Ecke. Einiges sieht anders aus, anderes vertraut. Die Liegewiese, die Schwimmbecken, die dahinter befindliche Villa mit ihren beiden Giebeln und dem langgezogenen Dach dazwischen mit der Uhr in der Mitte – ich fühle mich um 40 Jahre zurück versetzt. Die Reise in die Vergangenheit erhalte ich mir mit dem Weg, den ich früher häufig genug einschlug. Nicht den Hügel die Löttringhauser Straße hinauf, sondern durch die Hoesch Siedlung. Vorbei an den Reihenhäuschen, in denen die besser verdienenden Stahlwerker wohnten, sowie an den „Hochhäusern“, in denen die residierten, die sich nicht nur die Hände schmutzig machten: die Malocher. Im Vorbeifahren schießt es mir so durch den Kopf, wie dicht beieinander man früher lebte. Häufig genug trennte nur eine Straßenseite unterschiedliche Einkommensklassen. Man lebte nahezu Tür an Tür, hatte den gleichen Weg zur Arbeit, sah sich auch noch nach Feierabend. Die Lebensverhältnisse lagen deutlich weniger weit auseinander als heute. Neben dem Philosophieren tauchen vor meinem geistigen Auge Namen und Gesichter auf. Es sind angenehme Erinnerungen, auf die ich zurück blicke. Eine unbeschwerte Zeit.
Mehr oder weniger auf die Minute pünktlich komme ich bei meinen Eltern an. Ärgere ich mich zunächst über den Lastwagen, der mir den Weg in den Garten versperrt, so relativiert sich einiges als ich sehe, dass ich mein Rad ohnehin nicht vor dem Balkon abstellen kann. Der Garten existiert gerade nicht. Bagger haben das Grün hinter dem Haus in eine Baustelle verwandelt. Holzzaun und Wäscheleinen sind abgerissen, Blumenkübel entfernt, der Boden zerfurcht. Die Siedlungsgesellschaft renoviert, gestaltet neu. Wahrscheinlich soll das Rasenmähen schneller gehen. Zeit ist Geld.
Vor dem Haus treffe ich meinen Vater. Er ist gerade vom Hengsteysee zurück gekommen und schlägt die Kofferraumklappe seines Wagens zu. Entsprechend überrascht ist meine Mutter, als wir zusammen in die Wohnung kommen. Wir setzen uns zusammen, jeder hat etwas zu berichten, dann werde ich zum Essen eingeladen. Ich lasse es mir gefallen.
Anderthalb Stunden später breche ich wieder auf. Die Frage, wie herum es weiter gehen soll, ist innerlich beantwortet. Ich hätte eine Münze werfen können. Zahl oder Adler. Bolmke oder Rombergspark. Meine Wahl fiel auf den Weg nicht durch das Waldstück. Ich war mir unsicher, ob ich ohne abzusteigen mit dem Liegedreirad die ersten Meter Höhenunterschied bewältigt bekäme. Unterm Strich aber ist der eine Weg nahezu so gut wie der andere. Kurz vor dem Phoenix See in Hörde gehen sie ohnehin ineinander über. Mit Erinnerungen sind gleichfalls beide behaftet. Der unmittelbarere in das Emschertal damit, dort häufig genug in das Stadion gepilgert zu sein, der den ich einschlage mit Eindrücken der Berufsausbildung: die Hochöfen, der Kühlturm, die Fabrikhallen. Was einst dazu da war, Stahl zu schmelzen und zu Blechen zu verarbeiten, ist heute Industriedenkmal beziehungsweise wird von der Natur zurück erobert – aus manch einem Dach sprießt es grün.
Auch dort, wo es nur wenige Jahrzehnte zuvor laut, grau und staubig war, ist es nun idyllisch, sauber und ruhig. Auf dem Phoenix See kreuzen Segler, drum herum wird flaniert, spaziert, Sport getrieben. Bereits zum dritten Mal kurbele ich über die Radwege und folge dem renaturierten Wasserlauf, der einst ein übel riechender Abwasserkanal war. In Aplerbeck bleibe ich kurz stehen. Ein Eis zum Nachtisch? Das Café in der Kurve gegenüber der Endhaltestelle der Bahn, dort, wo früher die Busse hielten, gibt es jedoch nicht mehr. Also ohne kalte Leckerei weiter, immer weiter der Emscherquelle entgegen.
Ab Holzwickede orientiere ich mich an der Beschilderung Richtung Unna. Zunächst liegt die Schöne Flöte auf dem Weg, das nächste Freibad. Mit Ute zusammen war ich wenige Male dort, diesmal fahre ich daran vorbei, folge den Hinweisschildern gen Billmerich. Ist zwar weder die kürzeste noch flachste Route, führt mich aber zurück auf den Weg, den ich auch von der Ruhr aus gekommen wäre und somit auf zielführende Pfade. Außerdem habe ich Zeit und kann noch ein wenig für den Brocken trainieren.

Birgit ist bereits Zuhause, als ich gegen vier bei den Freunden eintreffe. Sie bügelt. Rüdiger steckt mit dem Auto noch irgendwo hinter Münster. Es gelingt mir, meine Gastgeberin nicht übermäßig von ihrer Hausarbeit abzuhalten. Auch für mich gibt es Kleinigkeiten zu erledigen. Wäsche waschen sowie das Navi mit neuen Routen versorgen und aufgezeichnete Wegstrecken sichern. Als ich fertig bin, steht Rüdiger fast in der Tür.
„Hast du noch Lust auf eine Runde durch den Bornekamp? Dann kannst du auch gleich ein Auge auf meine neue Errungenschaft werfen.“
Es ist mir recht. Die zurück gelegten 50 Kilometer haben die Beine noch nicht lang werden lassen. Vor der Garage wird zunächst einmal die jüngste Anschaffung begutachtet. Am Wochenende vor der Spezi hatten wir uns zuletzt in Köln gesehen und waren bei schönem Wetter über die Felder geradelt sowie tags drauf in die Stadt. Rüdiger war begeistert vom dahin Pedalieren auf drei Rädern. Die Sache hatte ihm keine Ruhe gelassen. Über ein Second-Hand Portal im Internet fand er schließlich günstig ein gebrauchtes Trike. Sogar mit Motor und für verhältnismäßig kleines Geld. Anders als ich hat er jedoch die zwei Räder nicht vor sich, sondern unter seinem Hintern. Unterwegs tauschen wir zwischendurch mal die Fahrzeuge und ich lerne ein anderes Fahrgefühl kennen. Auch nicht schlecht, mit der elektrischen Unterstützung den Hügel hinauf deutlich bequemer, doch ein Umstieg auf Dauer käme für mich nicht in Frage – sein Fahrzeug hat mir zu wenig Möglichkeiten, Gepäck unterzubringen, außerdem reicht es mir schon, alle paar Tage nach einer Steckdose für kleinere Akkus Ausschau halten zu müssen.
Während der Freund auf seinem Gefährt hinter mir her fährt, fällt ihm jedoch auch an meinem Drahtesel etwas auf. „Weist du, dass du hinten eine gehörige Acht im Rad hast?“
Ich wusste es nicht, bislang. Bei einer kurzen Inspektion vor der Fahrt war mir keine aufgefallen.
Zurück an der Garage widme ich mich der Sache. Speichenpaar für Speichenpaar drücke ich die Metallstreben zusammen, ob irgendwo eine Auffälligkeit festzustellen ist. Es ist. Ein Paar kann ich zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen drücken. Beide Speichen sind gebrochen. Direkt am Gewinde, unter dem Speichennippel. Nicht gerade begeistert baue ich das Hinterrad aus. Zum Glück habe ich noch genau zwei Ersatzspeichen für den Notfall in meinem Fundus. Die drei anderen helfen an dieser Stelle nicht weiter. Sie passen nur in den Vorderrädern, wo andere Naben verbaut sind.
Das Ersetzen beziehungsweise Aufsetzen der Speichennippel in der Hohlkammerfelge ist Fummelskram, doch Rüdiger als geübter Motorrad Schrauber hat die richtige Idee. Mit einer Hülse aus Isolierband gelingt es uns nur einmal, einen Speichennippel im Innern der Felge zu versenken – heraus bekommen wir ihn außerdem. Kostete mich eine vergleichbare Aktion auf Island allein im Regen fast drei Stunden, so macht sich die doppelte Anzahl an Händen im Trocknen bemerkbar: wir sind nur knapp eine Stunde beschäftigt, bis das Rad wieder leidlich zentriert und vollständig gespannt läuft. Dass damit noch nicht alle Probleme beseitigt sind? Ich ahne es glücklicherweise nicht!
Der Rest des Abends wird mit deutlich angenehmeren Tätigkeiten verbracht. Wobei das natürlich Ansichtssache ist. Tiere mussten sterben. Sie sollen ihr Leben jedoch nicht umsonst gelassen haben. Ein Grill wird angeschmissen, Fleisch aufgelegt, Mägen gefüllt. Gegen elf schließlich genieße ich noch eine Dusche mit warmen Wasser, dann krieche ich unter die Decke auf dem Sofa und Tag zwei der Brocken-Tour findet sein Ende.

Konnten wir am Vorabend noch bis zuletzt auf der Terrasse sitzen, so startet der dritte Tag in vier Wänden. Gegenüber den voran gegangenen Tagen hat es sich wie prognostiziert abgekühlt. Der Himmel ist verhangen und grau, von der Sonne nichts zu sehen, ein paar Grad kühler ist es auch. Nicht zwingend das Vatertagswetter, das zu ausgelassenen Sauftouren einlädt. Ich sehe es leidenschaftslos. Hätte gerne sonniger bleiben dürfen, ist aber nicht zu ändern. Wahrscheinlich gut so. Wäre es anders, hätten die Menschen einen Grund mehr, sich die Schädel einzuschlagen. Der Vorteil für mich: ich brauche weniger Schlangenlinien fahrenden Bollerwagen auszuweichen und muss auf nicht so viele Glasscherben auf den Wegen achten.
Nach einem gemeinsamen Frühstück mit Rüdiger und Birgit, zwei Brötchen im Bauch und einem im Gepäck, breche ich um Viertel vor zehn auf. Es ist, wie man es sich bei dem Wetter für einen Feiertag vorstellen darf. Ruhig. Nicht unangenehm für das, was ich vorhabe. Zum frühen Abend hin will ich auf dem Campingplatz bei Schloss Holte-Stukenbrock eintreffen, dort, wo sich die Triker versammelt haben. Gute hundert Kilometer liegen vor mir.
Mit leichtem Wind im Rücken fällt das Kurbeln leicht, das Streckenprofil kommt mir ebenfalls entgegen. Es sind keine größeren Steigungen zu erwarten. Der Verlauf der Route stellt ebenso wenig ein Problem dar. Im Wesentlichen der Beschilderung für Radfahrer folgen: Werl, Soest, Lippstadt, Delbrück, Hövelhof, Emsquelle, Furlbach. Zudem weist das Navi weiterhin den Zuhause erdachten Weg.
Dass ich zwischenzeitlich durch Paradiese strample und in der Kreisstadt mit dem Dehnungs-E nass werde? Ist halt so. Beides ändert mein Leben nicht. Der Ortsteil von Soest ist schnell durchfahren, für den Schauer zum Mittag hin greife ich zur Jacke. Auch darüber hinaus bestätigen sich die Einschätzungen. Die Hügel sind sanft, Ausflügler nur wenige unterwegs, die Gegend ländlich. Alles nicht sonderlich spektakulär. Immer wieder erinnern mich Wegweiser daran, wo Ute und ihre Freundin in nur wenigen Tagen in entgegen gesetzter Richtung unterwegs sein sollten. Auf dem letzten Drittel der Tagesetappe werden zudem Erinnerungen an die Paderborner Land Route geweckt. Manch ein Anblick kommt mir gar bekannt vor.
Zu kurz kommen hingegen ausgedehntere Pausen. Für ein Foto halte ich aufgrund ungünstiger Lichtverhältnisse höchst selten, als ich in Soest vor einer Bäckerei stehen bleibe, grollt es bereits bedrohlich hinter mir, und auch die Paddler auf der Lippe fesseln mich nicht lange. Lediglich eine Heidelbeerschnitte in einem Hofcafé an der Lippstädter Seenplatte nach gut 70 Kilometern lässt mich für eine halbe Stunde den Sitzplatz wechseln – ich erhebe mich vom Bespann meines Liegerades, lasse mich auf einem harten Klappstuhl nieder und gönne mir neben dem Stück Kuchen ein alkoholfreies Radler.
Nach acht Stunden Treterei sind 114 Kilometer bewältigt und ich erreiche den Campingplatz der Triker. Uli, der mich quasi her lotste, kommt mit meinem Eintreffen zur Zufahrt geschlendert und nimmt mich in Empfang. Bevor wir uns großartig austauschen, muss ich zunächst einmal meine Stimmbänder ölen. Meine Kehle ist trocken. Eine Flasche Malzbier am Tresen der Rezeption wirkt Wunder und ein vergnüglicher Abend nimmt seinen Lauf. Ich lerne einige der sich gleichartig Bewegenden kennen, wir unterhalten uns nett, es herrscht eine angenehme Atmosphäre. Ein wenig bedaure ich, lediglich für eine Nacht zu bleiben und „nur“ auf der Durchreise zu sein. Während ich anreiste, drehte man eine Runde zu einem nahe liegenden Kloster, weitere Ausfahrten zum Steinhorster Becken sowie über den angrenzenden Truppenübungsplatz stehen an, kollidieren jedoch mit meinem engen zeitlichen Rahmen für den Harz.

Während sich die gut 50 Teilnehmer am nächsten Morgen sammeln, rüste ich zum Aufbruch. Ich verabschiede mich hier und da, drehe eine Runde über die Zeltwiese, bewundere den Fahrrad-Wohnwagenanhänger eines Angereisten, entdecke mit Gerd ein bekanntes Gesicht aus der weiteren Nachbarschaft, wir wechseln noch drei Worte, dann breche ich auf. Ich will den Hermann machen.
Erneut ist es Viertel vor zehn. Die ersten Kilometer führen mich durch den Teutoburger Wald. Zehn Kilometer lang moderates Gewinnen an Höhe unter Blätterdach. Darüber ist es nicht mehr ganz so grau wie noch am Vortag. Strahlend blau sah jedoch auch anders aus.
Nachdem Augustdorf durchfahren, Pivitsheide tangiert und Hiddesen erreicht sind, ist der einfachere Teil bewältigt. Drei Kilometer und etwas über zweihundert Meter Anstieg liegen vor mir. Rein rechnerisch knapp sieben Prozent Steigung. Werde ich sie mit meiner bislang zusammen gestrampelten Kondition ohne absteigen und schieben zu müssen bewältigen?
Bevor ich mich der Beantwortung der Frage stelle, mache ich halt an einer Bäckerei. Ein wenig Stärkung kann nicht schaden. Ich entscheide, dass mich ein Käsebrötchen davor bewahren könnte, den Sitz vorzeitig zu verlassen. Dazu ein Mohnteilchen. Als Belohnung, wenn der Teutonenführer bezwungen ist. Wie auch immer.
Anschließend wird es ernst. Hinter dem Café biege ich rechts ab. Die Sackgasse für motorisierte Verkehrsteilnehmer ist bereits steiler. Einige Seniorenheime säumen den Straßenrand. Geheimste Ängste werden geweckt. Eine Furcht, es nicht mit römischen Legionen aufnehmen zu können, ist mir fremd dank der Überlieferungen unbeugsamer Gallier. Auch Cheruskerfürst Arminius, dessen Gedenkstätte ich mich nähere, mag seinen Anteil haben. Anders hingegen sieht es mit moderneren Gehhilfen aus. In meinen Alpträumen sitzen mir, zu Rade, Leute im Nacken, die meine Eltern sein könnten – abgestützt auf den Griffen ihrer Rollatoren, immer näher kommend, während ich die Füße auf den Pedalen kreisen lasse wie ein Wahnsinniger. Glücklicherweise sind mir die Bewohner der angrenzenden Residenzen wohl gesonnen und nicht daran interessiert, sich mit mir ein Kräftemessen liefern zu wollen. Entsprechend kann ich unbekümmert meinem Mantra für derartige Herausforderungen folgen: kleinen Gang rein, Klappe halten, treten.
Nach einer Dreiviertelstunde hat der Spuk ein Ende. Ich rolle an den Schranken des Parkplatzes vorbei, an dem nicht aus eigener Kraft angereiste Mobilisten ihren Obolus zum Abstellen ihrer Fahrzeuge leisten. Hermann steht die Ecke herum. Die letzten Meter sind zu laufen, wenn man sie nicht Radeln kann. Zumindest fällt mir keine gegenteilige Beschilderung auf. Als ich vor dem Teutonenführer stehe, reckt er auf seinem steinernen Sockel seine Rechte mit dem Schwert gen Himmel. Innerlich tue ich es ihm gleich, gestikuliere die Säge. Tschakka. Geschafft. Nichts hält mich auf. Dass es doch bald etwas geben soll? Ich ahne es weiterhin nicht.
Nach kurzer Verschnaufpause zieht es mich weiter. Eintritt zu zahlen, um oben auf dem Denkmal wandeln zu können, kommt mir nicht in den Sinn. Ich habe mein Erfolgserlebnis und begnüge mich mit der Aussichtsplattform unterhalb, lasse den Blick über Wald und Hügel schweifen, und trete den Rückzug an. Sogar meine Belohnung lasse ich mir für später. Das Käsebrötchen hält noch an.
Die ersten Meter sind einfach. Richtung Heiligenkirchen geht es stetig bergab. Als ich ein Straßenschild passiere, sage ich mir einmal mehr: alles richtig gemacht. Das Achtung Schild macht auf gefährliches Gefälle aufmerksam. Angeblich 20 Prozent. Das Dreifache dessen, was ich an Steigung hatte.
In einer Linkskurve in den Ort hinein knickt mein Weg rechts ab. Eine Holperpiste. Durch den Wald. Es geht wieder knappe hundert Meter aufwärts. Auf weniger als einem Kilometer Länge. Zehn Prozent. Erneut wähne ich die Rollator Schieber hinter mir. Einmal wird es grenzwertig. Auf dem nicht gar so festen Boden findet das Hinterrad keinen Halt, dreht durch. Es bleibt jedoch bei der Schrecksekunde. Augenblicke später spüre ich wieder Traktion.
Nachdem ich erneut Asphalt unter den Rädern habe, das andere Extrem. Berlebeck. Ein weiterer Ortsteil von Detmold, steil an einem Hang gelegen. Für mich geht es talwärts. Diesmal steht kein Schild am Straßenrand. Wohler fühle ich mich damit jedoch nicht. Mein Weg führt eine schmale Straße hinab, rechts und links Einfamilienhäuser, am Ende die quer verlaufende Verbindungsstraße zum Rest der Welt. Laut Navi habe ich 60 Meter Höhenunterschied auf 300 Meter. Die Verteilung ist nur nicht ganz gleichmäßig, die kurze Strecke zudem unübersichtlich. Aus jeder Ausfahrt könnte ein Wagen kommen, aus der Querstraße auf halber Höhe ebenso. Was auf der Kreisstraße los ist, darüber gibt es keine Zweifel. Dort herrscht Verkehr. Sichtbar wie unüberhörbar. Mit angezogenen Bremsen und weichen Knien lasse ich mich rollen. Meine Höchstgeschwindigkeit während der mulmigen Minute: 18 Stundenkilometer. Würde ich dem Rad freien Lauf lassen, ich erreichte mühelos ein Mehrfaches.
Hinter der Kreuzung steigt die Straße direkt wieder an. Ärgerlich. Noch nicht einmal Schwung lässt sich nutzen. Dennoch ist mir das aufwärts Kurbeln angenehmer.
Nach einem lang gezogenen Weg zwischen den Feldern, dem nächsten Dorf sowie weiteren Metern durch den Wald ist das zweite Ziel des Tages erreicht: die Externsteine. Zur Felsformation zählen eine gute Hand voll einzelner Gesteinsnadeln sowie ein paar versteckter stehende und deutlich weniger spektakulär erscheinende Kawenzmänner. Die frei stehenden und knapp 50 Meter in den Himmel ragenden Brocken machen jedoch in der Tat was her. Dennoch verzichte ich erneut darauf, Eintritt zu bezahlen, um diesmal von bizarren, verwitterten Zeugen der Erdgeschichte herunterschauen zu können oder zwischen diesen in der Höhe hin und her zu stiefeln. Statt dessen widme ich mich meiner Mohnschnitte, lasse den Anblick von unten auf mich wirken und erfreue mich der Sonne, die gelegentlich durchkommt und blaue Löcher in die Wolkendecke reißt.

Nach einer halben Stunde juckt es mir in den Beinen. Genug gesehen. Ich will weiter. Kurz hinter dem Parkplatz eine kleine Enttäuschung. Mit meinem Gefährt komme ich nicht über den nächsten Waldweg. Ein umgestürzter Baum versperrt mir den Weg. Also anders herum. Die kleine Siedlung entlang der Verbindungsstraße umfahren, die in umgekehrter Richtung zurück zum Hermannsdenkmal führt. Keine große Sache.
Anschließend geht es wie geplant durch Horn-Bad Meinberg. Der Charme des lippischen Staatsbades erschließt sich mir nicht. Ein Ort wie viele. Rathaus, Marktplatz, ein paar Kirchen, Bäckereien, Apotheken, Supermarkt, etwas außerhalb des Kerns eine Tankstelle, ein Bahnhof, Gewerbegebiete. Noch weiter raus ein Swingerclub – idyllisch gelegen an der nächsten Landstraße. Na super. Genau das, was mir als Reiseradler die ganze Zeit über fehlte.
Über verkehrsarme Nebenstrecken erreiche ich Detmold. An sich würde ich gerne mit dem Rad durch die Fußgängerzone und zum Marktplatz, doch dazu müsste ich absteigen und schieben. Eine Einheimische warnt mich. Schnell würde bei Missachtung des Verkehrsschildes eine Verwarnung in Höhe von 30 Euro fällig. Sie schließt ihr Rad vor der Zufahrt in den geschützten Bereich ab und schreitet ohne ihren Drahtesel weiter. Zuvor verrät sie mir außerdem noch, wo ich einen Fahrradladen finden könne. Neue Ersatzspeichen könnten nicht schaden und die linke Bärentatze ist zum Klickpedal mutiert. Nicht, dass ich plötzlich mit einem Fahrradschuh auf dem Pedal einrasten könnte, es ist nur so, dass seit einiger Zeit Belastungen jenes eigentümliche Geräusch verursachen. Es ist mir noch von meinem Rad im Ohr, mit dem ich zum Nordkap fuhr. Nach knapp 12.000 Kilometern tönte es ähnlich, kurze Zeit später drehte sich das Pedal gar nicht mehr. Da die Laufleistung des Liegedreirades mittlerweile eine ähnliche ist, möchte ich einem gleichartigen Ausfall vorbeugen.
In der Krumme Straße finde ich den empfohlenen Fachhändler. Bezüglich der Speichen habe ich Pech. 20 Zoll Räder habe man nicht im Programm, bei meiner Nabe bräuchte ich zudem spezielle Speichen. Welche mit einer ansonsten unüblichen Bogenlänge. Auch mit den Pedalen ist es nicht so ganz einfach. Die, die ausreichen, hat man nicht im Programm. Lediglich ungleich teurere. Die haben zwar eine rutschfestere Trittfläche und hochwertigere Industrielager, kosten aber das Vierfache. Da es Freitag ist und ich keine Lust habe, mich von Fahrradgeschäft zu Fahrradgeschäft durchzufragen, beiße ich in den sauren Apfel, investiere 60 Euro und fange vor dem Laden an zu schrauben. Alte Pedale ab, neue dran, ähnliches Spiel mit den Haken für die Fußspitzen sowie den Riemenhalterungen für die Ferse. Die Hilfsmittel, dass ich mit den Füßen nicht abrutsche, sollen nicht auf der Strecke bleiben.

Ohne zyklisches Klicken kurbele ich anschließend weiter nach Lemgo. Den überwiegenden Teil der Strecke verbringe ich auf einem Radweg neben einer Bundesstraße. Nicht sonderlich reizvoll, aber zielführend. Mit freundlichen Grüßen, ihr Radroutenplaner NRW. Ist halt der Preis, den man zahlt, wenn man die Streckenwahl Algorithmen überlässt.
Nachdem die Brücke über die Bega überquert ist, schlage ich mich auf eigene Faust weiter durch. Der nahe gelegene Campingplatz ist mein Ziel. Ich erreiche ihn ohne Probleme. Folge einfach nur dem Gewässer entgegen seiner Fließrichtung, bis die Wohnwagen zu sehen sind, dann stehe ich auch schon an der Rezeption. Fünf Uhr – eine gute Zeit. Gelegenheit, in Ruhe das Zelt aufzubauen, zu duschen, Wäsche zu waschen, Daten zwischen Navi und Rechner hin und her zu kopieren, Nudelgericht zuzubereiten sowie mit meinen Mitmenschen zu kommunizieren. Diesmal nicht Aug in Aug, sondern über das Mobilfunknetz. So bringe ich in Erfahrung, dass es Ute wieder besser geht. Immerhin so gut, dass ihr ihre Ärztin nicht von der geplanten Radtour in zwei Tagen abrät. Sie freut sich. Ich mich für sie ebenso. Außerdem ist Udo an der Reihe. Udo ist eine Bekanntschaft aus Kindheitstagen. Unsere Eltern sind miteinander befreundet. Irgendwann einmal meldete er sich, als es ihn nach Köln verschlug. Wir verabredeten uns, quatschten nett mit einander, und wiederholten das Ganze ein paar Jahre später. Verschlage es mich nach Minden, solle ich mich melden. Am nächsten Tag, einem Samstag, bin ich in Minden. Mittags sollte ich eintreffen. Ich sende Udo eine entsprechende Kurzmitteilung, erhalte aber die Rückmeldung, dass er den Tag zurück zu gemeinsamen Wurzeln sei. Nach Dortmund. Ein runder Geburtstag eines Schwagers. Nun denn, ist dann halt so. Bleibt mir nur, Udo viel Spaß zu wünschen.

Am nächsten Morgen starte ich trotzdem gen Minden. Liegt zwar nicht auf dem direkten Weg in den Harz, doch geplant ist geplant. Außerdem: ich war noch nie in Minden. Zwar fuhr ich schon zigmal an Nordrhein Westfalens nordöstlichem Zipfel vorbei, für einen Halt reichte es bislang aber nie. Diesmal soll es anders sein.
Zunächst jedoch ist Lemgo an der Reihe. Kenne ich bislang ebenfalls nur dem Namen nach. Der Weg nach Minden gibt mir die Gelegenheit, daran etwas zu ändern. Meine Route verläuft durch den Ort. Anders als in Detmold entdecke ich kein Verbot, dass ein Befahren der Fußgängerzone nicht gestattet. Dafür gibt es eine Baustelle. Sie reduziert die Breite, vermag aber nicht zu verhindern, dass ich mir meinen Weg vorbei an altem Fachwerk und neuen Schaufenstern bahne. Morgens um halb zehn noch kein hoffnungsloses Unterfangen. Was ich zu sehen bekomme ist nett, aber auch nicht umwerfend.
Ebenso nicht aus dem Sitz reißen kann mich, was folgt. War es rund um Detmold bereits hügelig, so ändert sich nichts daran auf dem Weg nach Vlotho, nur das ich so langsam den Überblick verliere. Lipper Bergland, Teutoburger Wald, Eggegebirge, Weserbergland – Fakt ist, das Rauf und Runter nimmt nicht ab.
Ebenso unverkennbar ist: in Vlotho stehe ich vor der Weser. Stand ich bereits schon einmal, bei einer Radtour, da aber etliche Kilometer weiter Flussabwärts. In Bremen. Auf dem Weg zum Nordkap. Richtung Island überquerte ich sie ebenso. Und zuvor in dem Jahr lag sie gleichfalls am Wegesrand, auf der Sielroute. Diesmal lerne ich den Abschnitt zwischen der Kleinstadt im Kreis Herford und der Kreuzung mit dem Mittellandkanal kennen, versäume es jedoch, die letzten zwei Kilometer bis zum Aufeinandertreffen zwischen Fluss und künstlicher Wasserstraße unter die Räder zu nehmen. Habe ich bei der Planung irgendwie verschlafen und im Angesicht der Wegweiser Richtung Zentrum ergeht es mir vor Ort nicht anders. Mag aber auch daran liegen, dass mich im Weserdurchbruch zwischen Weserbergland und Wiehengebierge ein anderer Anblick fesselt: das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Osthang des Wittekindsbergs bei Porta Westfalica, des Tors nach Westfalen. Ebenfalls schon einige Male von der A2 aus gesehen, jedoch immer nur im Vorbeirauschen.
Zunächst steht für mich jedoch das Stadtzentrum Mindens auf dem Plan. Ein Hauch von Mittelalter. Dom, Rathaus und Markt versprühen für mich einen Hauch von Geschichte. Gerne hätte ich hier zusammen mit Udo einen Schluck getrunken und vielleicht ein wenig mehr von der Stadt erfahren, doch es hatte ja nicht sollen sein. Statt dessen reift eine andere Idee. Zwei Stunden hätte ich bestimmt mit Udo zusammen gesessen, warum nicht die Zeit bei Wilhelm verbringen? Dass der Mittellandkanal auch noch einen Abstecher wert sein könnte, die Brücke über die Weser? Es kommt mir nicht in den Sinn.
Zurück entlang des Flusses, diesmal jedoch am westlichen Ufer, verliere ich den deutschen Regenten nicht aus den Augen. Ich radle mehr oder minder auf ihn zu. Als ich auf einer Bank am Wegesrand ein über eine Karte gebeugtes Pärchen entdecke, bleibe ich stehen. Die beiden sind ebenfalls mit Rädern unterwegs.
„Wisst ihr, wie es zu dem Denkmal hoch geht?“
„Nein, wir schauen auch gerade. Irgendwie führen Serpentinen dort hoch, doch wie man dahin kommt, geht bei dem Maßstab nicht so richtig hervor.“
„Nun denn, dann schaue ich mal weiter. Bis später. Wir sehen uns bestimmt dort oben.“
Einen Abzweig später biege ich ab. Laut meiner elektronischen Karte sollte ich auf dem richtigen Weg sein. Vorsichtshalber aber frage ich einen Herrn. Er lädt gerade Sachen aus dem Haus in ein Auto.
„Ich möchte hoch zum Denkmal. Bin ich da richtig?“
„Ja schon. Aber mit all dem Gepäck? Ich fahre selber auch Rad. Der Weg dort hoch ist ziemlich steil.“
„Sollte schon gehen. Notfalls steige ich ab und schiebe. Gestern zum Hermann hoch klappte es auch.“
Die Bedenken des Mannes schwinden. „Okay, dann will ich nichts gesagt haben.“
Wir wechseln noch ein paar Worte, ich schnappe etwas auf von Alpenpässen und Rennrad, dann wünschen wir uns einen schönen Tag.
Wenig später schnaufe ich. Drei Kilometer, zweihundert Meter Höhenunterschied. Gab es so etwas nicht erst kürzlich? Egal. Mein Wille geschehe. Nach einer halben Stunde ist es geschafft. Ich stehe zu Füßen eines überlebensgroßen Wilhelms. Der Ausblick ist erhaben. Gen Nordosten Minden, eine Tiefebene, gen Südosten, meine Richtung, Höhenzüge, darüber blauer Himmel mit vereinzelten Wolken, in der Ferne Dunst.
Nach einer Viertelstunde wieder dieses Kribbeln in den Beinen. Als das Radlerpärchen, das ich an der Weser ansprach, auf der Bildfläche erscheint, trete ich den Rückzug an. Ein kurzes Hallo, die beiden sind wie ich zuvor noch ziemlich außer Atem, dann lasse ich das Rad weitestgehend rollen. Diesmal dauert es gerade mal fünf Minuten, bis die Serpentinen hinter mir liegen. Was die Fahrtrichtung ausmachen kann. Und wie unheimlich so eine schnelle Abfahrt die Durchschnittsgeschwindigkeit beeinflusst. Verdoppelt sie mehr oder minder.
Der nächste Anstieg lässt jedoch nicht lange auf sich warten. Auf dem Wilhelm gegenüber liegenden Hang des Wesergebirges warten erneut knapp hundert Meter auf dem Weg, diesmal Richtung Rinteln. Anschließend fällt die Strecke zwar flach wieder ab, östlich von Vlotho gelange ich auch wieder zurück an die Weser, doch bläst mir fortan der Wind nicht länger in den Rücken, sondern ins Gesicht. Macht das Vorankommen auch nicht einfacher, hat aber ja ebenso auch niemand behauptet, dass es das sein sollte. Entsprechend langsamer komme ich voran. Dennoch, als ich die Stadt in Niedersachsen erreiche, sind die letzten Partien der laufenden Bundesligasaison gerade erst angepfiffen und es ist mir noch zu früh, das Zelt aufzuschlagen. Hinzu kommt, dass es keine 30 Kilometer mehr bis Hameln sind, wo weitere Campingplätze warten.
Bei unveränderten Windverhältnissen zieht sich die Strecke in die Stadt des Rattenfängers. Die Weser bleibt zwar ein ständiger Begleiter, doch der Weg flussaufwärts kostet Kraft. Nach einem Drittel der Strecke ist für die Balltreter die Pause gerade beendet, da gönne ich mir eine. In Grossenwieden lockt am Wegesrand ein Biergarten und die Preise sind verträglich mit den Ansprüchen einer Low-Budget Tour. Für eine Flasche Malzbier verlangt der Wirt einen Euro. Beherzt greife ich direkt zu einer zweiten Flasche.
Während ich im Radio verfolge, dass sich für den Aufsteiger Stuttgart eine Sensation anbahnt, der VfB führt beim neuen wie alten Meister Bayern München, droht die favorisierte Borussia den direkten Einzug in die Champions League gegen den direkten Konkurrenten Hoffenheim vor dessen Publikum zu verspielen. Mein Malzbier hingegen verdampft nahezu. Die erste Flasche geht runter wie nichts, von der zweiten schmecke ich bereits ein wenig. An sich spräche auch nichts gegen eine dritte, doch ein Liter Flüssigkeit auf einmal schwappt auch gerne eine Weile im Bauch. Ein Gefühl, auf das ich nicht erpicht bin.
Die letzten knapp zwanzig Kilometer kosten mich weitere anderthalb Stunden. Gemäß des Ratschlags des Bierbudenbetreibers verzichte ich darauf, mit der kleinen Fähre auf die andere Seite der Weser überzusetzen, und bleibe dem rechten Ufer treu. Dort sei es ruhiger, auch wenn es für mich zunächst einen anderen Anschein erweckt. Das rechte Ufer hat jedoch einen weiteren Vorteil. Als ich Hameln erreiche, sehe ich gegenüber liegend einen der beiden Campingplätze, die ich ins Auge fasste. In erster Reihe am Wasser steht ein Wohnmobil neben dem anderen. Ein Anblick, den ich mir gerne aus näherer Distanz erspare. Die zweite Zeltwiese liegt etwa zwei Kilometer entfernt am anderen Ende der Stadt, liegt auf einer Insel und gehört dem dortigen Kanu-Club. An sich ohnehin meine erste Wahl, fühlte ich mich bei den Paddlern in Donauwörth so gut aufgehoben im Zuge meiner Alpenüberquerung.
Als ich bei den Wassersportlern einfalle, platze ich in einen Sektempfang. Welch eine Begrüßung. Hatte ich auch noch nicht. Von einem der Anwesenden erfahre ich, dass ich mich an einen Marco zu halten hätte. Er kümmere sich um die Campinggäste. Augenblicke später kümmert sich ein Klaus um mich. Er knüpft mir die sieben Euro für die Nacht ab, zeigt mir, wo ich mich breit machen kann, wo sich Duschen und Toiletten befinden und was darüber hinaus noch wichtig zu wissen ist.
„Gehörst du zu denen, die sich hier einmal im Jahr treffen?“
„Ich komme gerade von einem Liegeradlertreff. Aber der war in Schloss Holte-Stukenbrock und findet alljährlich woanders statt.“
„Dann muss das noch eine andere Gruppe sein. Wir haben hier einmal im Jahr die Wiese voll mit Leuten die so Vehikel fahren wie du.“
„Nee, da kann ich nicht mitreden. Mein Vater war nur schon einige Male hier. Mit dem Kajak.“
„Ah, zum Weser-Marathon.“
„Nein, zur Rintelner Eisfahrt. Auch ein Klaus. Aus Dortmund.“
Der mir gegenüber stehende Klaus nickt. „Ja, auch eine schöne Sache.“
Was ich zu dem Zeitpunkt nicht weiß? Der Start zur Rintelner Eisfahrt findet gar nicht dort statt, wo ich mich befinde, sondern auf einem Gelände der Bundeswehr, in Höhe des anderen Campingplatzes an der Weser. Klaus aber stört es nicht. Er wünscht mir einen angenehmen Aufenthalt und lässt mich allein.
Beim Gang zur Dusche werde ich von dem Herrn angesprochen, der mich an Marco verwies.
„Alles geklärt?“
„Ja, Danke, ein Klaus hat sich meiner angenommen.“
„Der ist auch okay. Wenn du willst, kannst du dir auch gerne ein Glas Sekt, Bier oder Saft nehmen. Du musst mir nur gratulieren. Ich habe Rosenhochzeit.“
Ohne dabei das angebotene Getränk ergattern zu wollen, gratuliere ich.
„Rosenhochzeit – was ist das? Wie lange muss man es dafür amtlich miteinander ausgehalten haben?“
„Zehn Jahre.“
„Respekt.“
Dass Ute und ich nach 25 Jahren nicht so einen Bohei veranstalteten, behalte ich für mich. Dürfte aber nicht ganz unmaßgeblich auch an mir gelegen haben. Wir waren einfach nur mit dem erstbesten Pärchen, das wir kannten und gerade zugegen war, auf Formentera essen gewesen. War auch ganz nett, tut aber nichts zur Sache. Geschichte. Ich freue mich jedenfalls über die nette Geste, ohne davon Gebrauch zu machen. Einstweilen sehe ich zu, unter die Dusche zu kommen, später kommt es mir zu blöd vor, wegen einem Glas mich nochmals unter die Feiernden zu mischen.
Zu kurz kommt ein Feierabendbier trotzdem nicht. Zunächst kommt Frank an meinem Zelt vorbei, während ich mein Essen vorbereite. Wir wechseln ein paar unverfängliche Worte. Frank ist zusammen mit seiner Frau im Wohnmobil unterwegs und wie ich schätzten die beiden den unkonventionelleren Stellplatz gegenüber dem kommerziellen. Mit der Entschuldigung, dass sein Teller jeden Augenblick auf dem Tisch stehen müsste, verabschieden wir uns einstweilen. Als meine Nudeln verdrückt sind und ich mit meinem Abwasch an Franks Camper vorbei komme, lädt er mich ein.
„Setz dich. Das ist meine Frau. Andrea. Andrea, das ist Dirk. Der Radler. Mit dem Zelt dort drüben. Magst du ein Bier?“
Ich mag. Als ich mich setze, ist es neun, als ich mich wieder erhebe, kurz nach elf. Inzwischen ist es frisch geworden, jedoch alles andere als langweilig. Wir quatschten, quatschten und quatschten. Über das Reisen, die Form des Reisens, über Franks Jahre auf der Walz, über die Liebe, das Leben und die Lust. Es wird philosophiert, die Welt gerettet und ist schön. Wir schwingen auf einer Wellenlänge, die Zeit verfliegt. Abende, wie sie niemals enden sollten.
Am nächsten Morgen, es ist Muttertag, setzen wir unsere Unterhaltung noch eine Weile fort. Der Glaube an Gott und Religionen sind an der Reihe. Eine zweite Tasse Kaffee schütte ich ebenfalls noch in mich hinein. Die erste war gerade gespült. Irgendwann drängt es mich, mich von Andrea und Frank zu verabschieden. Die nächste Tagesetappe ruft, das Zelt steht noch und meine Mutter soll auch noch einen Anruf erhalten.
Gegen halb elf schicke ich mich an, einen Blick in die Gassen von Hameln zu werfen, eine gute halbe Stunde später befreie ich mich aus den Klauen der Gebrüder Grimm. Dazwischen liegt ein Bummel durch die Altstadt – Marktkirche, Glockenspiel am Hochzeitshaus, altertümliche Häuserfronten, Fachwerk, andere Touristen sowie, wo man geht und steht, der sagenumwobene Flötenspieler.
Richtung Hannover lasse ich die Rattenfängerstadt hinter mir. Das Wetter? Es ist mir weiterhin im wahrsten Sinne des Wortes wohl gesonnen. Zwar ist es leicht diesig, laut Vorhersage könnte ich mit Wärmegewittern rechnen, die Ursache der 27 Grad am Thermometer vor dem Rathaus ist jedoch zweifelsfrei erkennbar.
Nachdem der nächste Hügel erklommen ist, bleibt das Höhenprofil der Strecke zackig. Hätte ich Niedersachsen gar nicht so zugetraut. Erwartungskonform hingegen das Landschaftsbild: ländlich. Weite Felder, viele Bäume, kleine Dörfer. Mal über Asphalt, mal über Schotterpisten rolle ich vorbei an leuchtendem Raps, an sprießendem Korn, zwischendurch Schatten spendende Wälder. Es ist, wie ich es mag. Ruhig. In Bad Münder und Springe ist nicht viel los, im Saupark nehmen Rehe vor mir Reißaus, als ein Schloss Marienburg vor mir auftaucht überlege ich, in weitere 50 Höhenmeter sowie eine handvoll Kehren zu investieren, lasse es dann aber doch bleiben. Der Anblick über eine sanft dahin fließende Leine, der ein paar Paddler entsteigen, reicht mir.
Lebhafter zu geht es in Hildesheim. Auch hier ist das Radeln in der Fußgängerzone verboten, ich bilde mir jedoch ein, im kleinsten Gang und gemächlich vor mich hin tretend niemanden zu gefährden. Trotzdem sieht sich manch einer genötigt, mein Zuwiderhandeln mit entsprechenden Worten zu kommentieren. Es lebe das Land, in dem alles seine Ordnung hat.
Zwischen den Ständen eines Weinfestes vorbei am historischen Marktplatz passiere ich Wedekindhaus, Bäcker- und Knochenhaueramtshaus, ohne dass es zu Handgreiflichkeiten kommt, und je weiter ich der Innerste stromaufwärts folge, desto weniger Leuten brauche ich auszuweichen. Bei Holle, dort, wo die A7 das Flüsschen kreuzt, lasse ich eine weitere Etappe enden. Knapp 90 Kilometer waren es von Hameln aus, etwa genau so viele bleiben mir bis zum Ziel meiner Tour – passt. Zudem bin ich auf dem Campingplatz erneut in guter Gesellschaft. Die nahe gelegene Autobahn ist zwar nicht zu überhören, doch meine Nachbarschaft nicht uninteressant. Zur einen Seite habe ich einen Radler, der den Sommer in Deutschland auf der Straße verbringen will, zur anderen Seite einen weiteren, der davon träumt, im nächsten Jahr die Panamericana abzufahren. Bestreitet ersterer seinen Lebensunterhalt aus Spenden, die er als Straßenmaler erhält, lerne ich mit letzterem einen digitalen Nomaden kennen. Er ist im Wohnmobil unterwegs und verdient sich sein Geld mit der Entwicklung von Software. Programmierung von Internetseiten. Sieh an.
Der Künstler ist auf der Zeltwiese kein Unbekannter. Er kommt schon seit Jahren, wird erneut für einige Zeit täglich Pinsel, Leinwand und Farben nach Hildesheim hin und her kutschieren und nach einigen Tagen seine Beschäftigung in der nächsten Stadt fortsetzen. Der Platzwart kommt irgendwann vorbei und lädt ihn zum Essen ein. Nachdem meine Nudeln gekocht und verspeist sind folge ich ihm ins Bistro. Bei einem Radler debattieren wir noch eine Weile über die Flüchtlingspolitik, sind uns einig, dass wir im Westen nicht ganz unbeteiligt sind daran, dass Menschen aus Afrika scharenweise ihrem Kontinent den Rücken zukehren, haben aber mit einem Berliner am Nachbartisch jemanden, der die Sache ganz anders sieht. Erneut vergeht eine Stunde wie im Flug, diesmal jedoch gelingt es mir darauf zu achten, dass auch die Nachtruhe nicht zu kurz kommt beziehungsweise diese mit einem zeitigeren Aufbruch am nächsten Morgen nicht kollidiert. Zudem gibt es eine weitere Sache, die mich interessiert. Ich greife zum Telefon und erkundige mich danach, wie Utes Start in die Römer/Lippe-Route verlief. Was ich zu hören bekomme, lässt mich schmunzeln. Die Bahnfahrt nach Bad Lippspringe entwickelte sich zum Abenteuer. Der geplante Zug fiel aus. Dafür wurde sie auf dem Bahnsteig in Paderborn an mich erinnert. Sie traf dort auf ein bekanntes Gesicht: ein Radler mit einem Liegedreirad. Als sie den Mann ansprach kam heraus, dass man sich bereits über den Weg gelaufen war. In Germersheim. Auf der Spezi. Beziehungsweise dort am Fahrkartenautomat, bevor der Zug einfuhr. Sowie in Köln. Beim Heruntertragen der Räder im Hauptbahnhof. Und überhaupt, dass Ute doch meine Frau sei. Der Triker habe mich erst kürzlich noch gesehen. Auf einem Campingplatz bei Schloß Holte-Stukenbrock. Beim Liegeradlertreff.

Die Stunde, die ich am Abend zuvor gegenüber dem vorletzten eher in den Schlafsack kroch, macht sich bezahlt. Ich komme bereits um halb zehn los – trotz morgendlichem Schwätzchen mit den Nachbarn. Dem superlativen Nebenfluss der Leine weiter folgend gelange ich in das nördliche Harzvorland. Salzgitter und Goslar bleiben nicht fern, ebenso entdecke ich auf Wegweisern ausgeschildert Wolfenbüttel und Braunschweig. Auf die Landschaft hat der Fortschritt keinen Einfluss. Es bleibt hügelig. Erneut verzeichnet das Navi 500 Meter Anstieg.
Anders hingegen das Wetter. Der Tag startet trüber. Zumindest die erste Viertelstunde. Sie ist es, die mich dazu verleitet, mich nicht einzucremen. Ein Fehler, doch ich bemerke ihn erst, als es zu spät ist. Während die schützende, milchig, klebrige Pampe in den Tiefen der Taschen ihr nutzloses Dasein fristet, verbrenne ich mir die Ellenbogen. Auch die Haut im Gesicht soll sich zum Abend hin leicht spannen. Einstweilen aber genieße ich einen frühsommerlichen vierzehnten Mai. Ein Montag, an dem Geschäfte geöffnet haben sollten, jedoch kaum welche auf meinem Weg liegen. Als ich zum späten Mittag hin vor einem Supermarkt halte, ist die ehemalige innerdeutsche Grenze sang- und klanglos überschritten. Keine Hinweistafel, die auf das jüngste Kapitel hiesiger Geschichte aufmerksam macht, keine Anzeichen, dass Niedersachsen sich darauf freut, mich wiederzusehen oder Sachsen-Anhalt mich begrüßt. Lediglich eine neue Straße mit glatter Asphaltdecke, eine etwa zwei Meter breite und zehn Meter hohe Stahlplatte am Wegesrand sowie ein kleines Straßenschild mit Wappen und den Schriftzügen „Herzlich willkommen“ sowie „Landkreis Harz“.
Unverkennbar hingegen, dass sich mein Ziel schon von altem Westboden aus abzeichnet. In Dunst gehüllt gibt es einen Gipfel, der andere überragt. Auf ihm ist zunächst eine empor ragende Antenne auszumachen, später kommt ein nebenstehendes Gebäude mit einer Halbkugel auf dem Dach hinzu. Das muss er sein. Der Brocken.
Bevor der Hexentanz den Berg hinauf beginnt, liegen Ilsenburg und Werningerode auf dem Weg. Könnte ich in ersterem Örtchen umsteigen auf die Pferdekutsche, erkundige ich mich in der Touristeninformation des staatlich anerkannten Erholungsortes nach Campingplätzen. Die Attraktion der Tour will ich mir für den nächsten Tag lassen. Am Schalter nennt man mir zwei Möglichkeiten. Die eine liegt quasi auf dem Weg, kurz vor Schierke, 20 Kilometer sowie 300 Höhenmeter weit entfernt, die zweite am Ortsausgang, Richtung Elbingerode. Kleiner Umweg, doch deutlich schneller und einfacher zu erreichen. Um fünf für mich keine große Frage. Ich rolle noch ein wenig widerrechtlich durch die nächste Fußgängerzone, schaue, wo ich kurz nach dem Fall der Mauer schon einmal für den damaligen Arbeitgeber residierte, bilde mir ein, man habe gehörig etwas dafür getan, Besucher anzuziehen, und gönne mir einen ruhigen Abend. Dass die Sonne relativ schnell für mich auf der Zeltwiese verschwunden ist und es im Schatten eines der umliegenden Gipfel ebenso zügig frisch wird? Eine Wohltat für die leicht verbrannte Haut.

Ohne dass ich mich am Dienstag Morgen verquatsche, breche ich auf zum nicht nur sprichwörtlichen Höhepunkt der Tour. Von dem schwäbischen Pärchen, mit dem ich am Vorabend ins Gespräch kam, ist noch nichts zu sehen. In dem Wohnwagen, der auf die Ladefläche eines Lastwagens montiert ist, der nur vier Jahre jünger ist als, sind noch keine Lebenszeichen erkennbar. Auch das deutlich jüngere Paar, deren Räder neben Auto und Zelt stehen, hat es dem Anschein nach nicht eilig. Man übte sich im Yoga, während ich mein Müsli löffelte, ließ es aber auch im Anschluss ruhig und bedächtig angehen. Mir ist es recht. Die ersten paar hundert Meter auf der Landstraße habe ich noch so gut wie allein für mich, im Kaltes Tal lasse ich absolut ungestört nicht nur meine Gedanken kreisen. Am Erbstollen des Zillierbachs bleibe ich für ein Foto stehen. Halbe Stunde unterwegs, dreieinhalb Kilometer zurück gelegt, erste hundert Meter an Höhe gewonnen. Nun ja. 26 Kilometer sowie 800 Höhenmeter liegen noch vor mir. Mit etwa gleicher Geschwindigkeit geht es über holperigen Waldboden weiter. Nächster Halt – die Staumauer der Zillierbachtalsperre. Wieder hundert Höhenmeter geschafft, 1,7 Kilometer weiter, eine weitere Viertelstunde ist vergangen. Zumindest die Geschwindigkeit ist gehalten. Beeindruckender als das Zahlenwerk ist jedoch die Aussicht. Still ruht der See. Der künstliche.
Als Stimmen nahen, kurbele ich weiter. Hört sich an wie Klassenausflug. Weiter über geschotterten Waldboden geht es Richtung Drei-Annen. Nach einem Schreibfehler sieht mein nächstes Etappenziel nicht aus. Auf welchen Wegweiser ich auch schaue, das A bleibt großgeschrieben, nirgends steht ein T davor.
Nach einer weiteren halben Stunde ist das Ortseingangsschild erreicht. Ich bin wieder zurück auf meiner ursprünglich geplanten Route, dritte hundert Meter Höhe sind bezwungen, es liegt ein nur noch doppelt so großer Höhenunterschied vor mir sowie 20 Kilometer Strecke. Noch immer musste ich nicht absteigen. Nein – nicht ganz richtig. Einmal schon. Nicht aber, weil der Weg zu steil war, sondern wegen einer Unterbrechung. Mit einem Male stand ich mitten im Wald vor einem Baustellenzaun. Drum herum führte ein Trampelpfad, über einen Bach lagen vier schmale Bretter. Dachlatten. Bestenfalls doppelte Stärke. Nichts, worüber man 125 Kilo fahren möchte. Die Spurbreite passte außerdem nicht. Schiebend jedoch kein unüberwindbares Hindernis, doch der Schnitt war versaut. Ein Foto durfte natürlich auch nicht fehlen.
Parallel zur Brockenbahn, die sich offiziell Harzquerbahn schmipft, geht es weiter. Hören tue ich das Stahlross zwar einige Male, für einen Druck auf den Auslöser bin ich jedoch stets zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich räche mich mit einem Bild meines Fahrzeugs auf den Schienen. Auch der Untertitel des Bildes steht fest: bitte nicht nachahmen – beziehungsweise wenn dann nur, wenn es demjenigen ergeht wie mir. Die Bahn ist mir gerade vor der Nase weggefahren.
Nach zwei Kilometern auf der Straße kehre ich zurück auf den Zuhause ersonnenen Weg, zurück in den Wald. Die zwischenzeitliche kurze Fahrt abwärts musste einfach ausgekostet werden. 23 Stundenkilometer Durchschnittsgeschwindigkeit. Auf der Holperpiste zwischen den Bäumen hätte ich mich das a) nicht getraut, und b) nicht erreicht. Weitere knapp drei Kilometer später noch einmal eine kurze Abfahrt. Ich muss mich erneut korrigieren. Ich traue es mich auch, das Rad über unebenen Boden laufen zu lassen. Kurzfristig meint das Navi, ich sei erneut mit über zwanzig Sachen unterwegs. Ob mein Rad es mir übel nimmt? Zunächst erkenne ich keine Anzeichen.
Nach 15 an diesem Tag gefahrenen Kilometern signalisiert mir ein Straßenschild, dass das Elend ein Ende habe. Das Elend? Wieder nicht ganz richtig. Elend. Das Dorf. Schierke sei noch drei Kilometer entfernt. Der letzte Ort. Zumindest für mich, den Brocken hinauf. Als auch dieser erreicht ist, liegen gute 16 Kilometer hinter mir. Stimmt die Aussage des Herrn in der Touristeninformation nicht ganz, mit den 20 Kilometern. Ist aber auch egal. Alles ist gut. Mittlerweile sind über 600 Meter Höhe bezwungen. 500 bleiben mir noch. Verteilt auf etwa 12 Kilometer. Schon wieder diese Zahlen. Muss man sich wohl dran aufbauen, wenn man aus eigener Kraft reist.
Spätestens ab der Feuerstein Arena gibt es nur noch eine Richtung. Aufwärts. Dennoch. Auch im Schneckentempo macht die Strecke Spaß. Die Ruhe. Balsam für die Seele eines Städters. Verkehr? Gibt's nicht mehr. Auch wenn die Straße geteert ist, befahrbar ist sie nur für Anlieger. Und davon gibt es wenige. Ein Wärter an einem Schrankenhäuschen passt auf, wer weiter in den Nationalpark vordringen will. Liegedreiradlern ist das Passieren gestattet. Mountainbikern ebenfalls. Gemeinsam mit einem Pärchen fahre ich an einem Schild vorbei. 700 Meter Höhe. In 100 Meter Abständen wird der interessierte Reisende über seinen Fortschritt informiert. Lediglich das 1000 Meter Schild muss sich jemand als Trophäe eingesteckt haben. Oder es wird von Ästen, Zweigen und Blattwerk verdeckt.
Langsam wird auch offensichtlich, was dem Brocken seinen Namen verleiht. Überall liegen Gesteinsklumpen herum. Man hätte den Berg auch Hinkelsteingrab nennen können, doch wäre möglicherweise ein Rechtsstreit um den Namen vorprogrammiert. Blocksberg schnappe ich statt dessen immer wieder auf. Der geläufigere Name geht für meinen Geschmack jedoch schon in Ordnung, passt besser. Aus manch einem Fels sprießen gar Bäume.
In einer Kehre auf 800 Meter Höhe treffe ich auf eine Planwagenbesatzung. Man vertritt sich gerade die Beine, während die Kaltblüter durchschnauben. Mich veranlasst ein Bach, den Bewegungsablauf zu unterbrechen. Nachdem auch ich dreimal tief durchatme, wende ich mich mit einem entsprechenden Fingerzeig an die Lenkerin: „Ist das Wasser trinkbar?“
„Wenn du eine Kleinigkeit beachtest, ja.“
Fragend schaue ich die Frau in Gummistiefeln an.
„Nimm immer nur einen kleinen Schluck und behalte ihn einen Augenblick im Mund, bevor du ihn runter schluckst. Ansonsten kannst du flitzen. Das Wasser ist recht kalt.“
Ich krame den Filter aus der Tasche, schnappe mir eine Flasche und kraxele über die Felsen. An einer sprudelnden Stelle lasse ich den Behälter voll laufen, klettere zurück, fülle das Nass um in den Plastikbeutel und presse es durch die Mikrofaser Membran. Laut Herstellerangaben sollte es damit frei von Bakterien und Einzellern sein. Einige Augenpaare verfolgen, was ich tue. Wie empfohlen probiere ich anschließend einen Schluck. Die Dame vom Kutschbock zwinkert mir zu. Während sich das Fuhrwerk in Bewegung setzt, breitet sich in mir Enttäuschung aus. Das Wasser schmeckt nach Nichts. Tot. Quellwasser aus der Eifel oder das aus Flüssen in Island oder Norwegen habe ich besser in Erinnerung. Doch was soll's. Eine Flasche ist zunächst einmal wieder gefüllt und die Kehle nicht mehr gar so trocken.
Vor dem 900 Meter Schild fahre ich an der Ausflugsgesellschaft vorbei. Die Pferde stehen erneut, die Mitfahrer vertreten sich wieder die Beine, man winkt mir zu. Ich lächle, nicke zurück und strampele weiter. Als nächstes hockt auf einem der Brocken eine vierköpfige Familie. Dem Anschein nach Wanderer. Während ich abermals grüße, spricht mich das weibliche Oberhaupt an.
„Darf ich ein Foto von dir machen?“
Ich bin amüsiert. Wahrscheinlich sieht man nicht all zu viele Leute auf drei Rädern mit bepackten Taschen hier hoch hecheln.
„Wenn es euch hilft, nur zu.“
Habe ich zumindest einen Grund, für einen Augenblick stehen zu bleiben.
Die Gruppe, die mir im Anschluss entgegen kommt, ist größer. Der nächste Klassenausflug. Eine Horde Jugendlicher. Auch sie zollen mir Respekt. Man grüßt, zeigt mir den nach oben gerichteten Daumen, ich schnappe Worte auf wie „cool“, „Hammer“ oder „will ich auch“. Innerlich wachse ich über mich hinaus.
Die letzten Meter lassen mich gefühlt wieder auf meine laut Ausweis eins-zweiundsiebzig zurück schrumpfen. Auf dem Stück wird es immer voller. Diverse Trampelpfade müssen hier enden. Kann ich einige der Wanderer zunächst überholen, laufen diese an mir vorbei, während ich stehen bleibe. Dazu auffordern braucht mich niemand mehr. Selbst die Kutschen fahren das Stück leer. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt auf fünf Stundenkilometer. Ich muss zwischendurch einfach mal durchatmen. Aber immerhin – ich schaffe die 1141 Meter ohne zu schieben. Ebenso wenig überholt mich ein Rollator.
Um Viertel vor zwei mitteleuropäischer Sommerzeit am fünfzehnten Mai 2018 ist es geschafft. Ich stehe auf dem Brocken vor dem Brocken. Der Platz für das Beweisfoto ist heißer umkämpft als das Stahlgerüst der Weltkugel am Nordkap. Anschließend stellt sich die Frage: was nun?
Zunächst genieße ich die Aussicht. Zwar pfeift ein frisches Lüftchen, die Fernsicht ist arg eingeschränkt, doch hinab zu blicken, wo ich her kam, wo es als nächstes hin gehen soll oder wie es dazwischen aussieht – es hat was. Alle paar Grad ist im Rund um den Brockenstein eine Metalltafel im Boden eingelassen. Jede trägt die Entfernung zu einem prominenteren Punkt in der entsprechenden Richtung. Wie viele Tafeln es insgesamt sind? Ich zähle sie nicht. Möglicherweise 36. Es sind einige. 135 Kilometer soll der Teutoburger Wald zurück liegen, in 163 Kilometern sich der Kahler Asten befinden, Berlin wird mit 205 Kilometer Entfernung ausgewiesen, Madrid liegt noch etwas weiter entfernt. An weiteren möglichen Zielen sollte es also nicht mangeln.
Mit dem Besuch des Brockenhauses halte ich es wie mit dem Hermannsdenkmal oder den Externsteinen. Ich habe etwas erreicht, was für Geld nicht zu bekommen ist, da zahle ich keinen Eintritt für zweifelhafte Attraktionen. Wenn ich wissen will, was es zum Brocken hinsichtlich Natur, Geschichte und Technik zu sagen gibt, dann kann ich das Zuhause in Erfahrung und brauche dafür keine fünf Euro zu zahlen. Dass die Staatssicherheit zu DDR Zeiten von hier aus Abhöranlagen betrieb und Land und Leute bespitzelte? Schön blöd. Gäbe es den Arbeiter und Bauern Staat heute noch, hätten sie es sich einfacher machen können. Was die Leute nicht selbst über Facebook und Konsorten über sich preisgeben, greift man über smarte Technologien ab. Jedes Mobilfunkgerät hat ein Mikrofon, die meisten eine Kamera, und mit diversen elektronischen Spielzeugen im Haushalt verhält es sich nicht anders. Warum sollen nur Technologiekonzerne und die NSA wissen, was in westlichen Wohnungen geschieht und gesprochen wird?
Für den Fall, dass mir jemand vorwirft, ich habe den Brocken besucht aber keinen Beitrag zu dessen Erhalt geleistet, gönne ich mir eine Bratwurst und eine Limo. Sieben Euro die gut investiert sind, geben sie mir die Kraft, auch den Rückweg zu überstehen. Zumindest in Teilen.
Nachdem die Leckereien irgendwo im Windschatten genossen sind, mache ich mich auf den Rückweg. 400 Kilometer in fünf Tagen und dem Rest des Dienstags? Sollte zu schaffen sein. Auch wenn ich den Weg durch das Sauerland beschwerlicher einschätze als die Strecke durch den Teutonenforst und die Flussbergländereien. Bezüglich der Kondition nach meinem Dafürhalten die sinnvollere Reihenfolge. Dass ich mir zu viele Gedanken mache? Ich weiß es immer noch nicht.

Die ersten paar hundert Meter unterscheiden sich nicht von den letzten, sind jedoch bedeutend schneller und müheloser zurück gelegt. Eine Sache von fünf Minuten. Man will ja nicht den anderen die Hacken abfahren oder diese für sich springen lassen. Dass ich auf den folgenden Kilometern keine Schallmauer durchbreche, dafür sorgt der Fahrbahnuntergrund. Hinunter auf 950 Meter Höhe geht es über Schotter. Knappe zehn Minuten benötige ich für die zweieinhalb Kilometer. Würde es so weiter gehen, legte ich ein gutes Dutzend weiterer Kilometer in den verbleibenden 50 Minuten der Stunde zurück. Es geht jedoch einstweilen weniger zügig voran. Nicht, dass der Weg nicht weiter rasch an Höhe verliert, es ist nur, dass die Schotterpiste im Vergleich nahezu eine Rennstrecke darstellte. Der nächste Kilometer ist nur noch halb so schnell bewältigt. Schuld dürften die einstigen Hohheitsverhältnisse gewesen sein. Die, die in Sachsen-Anhalt eine Zeit lang das Sagen hatten, fanden es geschickt, entlang der Landesgrenze Panzerplatten zu legen. Und die Trennungslinie verlief durch den Wald. Den Abhang herab. Die Größe einer solchen Betonplatte? Wahrscheinlich zwei Meter mal ein Meter. Die Kanten enden nicht weiter als eine Hand breit rechts und links meiner Vorderreifen, außerdem liegen die Platten alles andere als bündig aneinander. Auf niedersächsischem Territorium schließlich wieder zweieinhalb Kilometer Waldweg. Ein Wohltat. Zwischenzeitlich verliere ich alle Skrupel und bremse erst bei Geschwindigkeiten, die ich sonst Mühe habe, auf ebener Strecke zu erreichen. Anschließend die gleiche Distanz noch einmal auf Asphalt. Geschwindigkeitstechnisch ein Traum. Zumindest für fünf Minuten. Naturfreunden dürfte derweil ein Schauer des Schreckens über den Rücken laufen. Rechts und links der Straße jede Menge totes Gehölz, abgestorbene Bäume. Waldsterben. Graues Nadelholz. Vergessen umzuknicken. Oder besteht noch Hoffnung auf Wiederbelebung?
Was dann folgt, ist für mich einer der schönste Abschnitte der Tour: zehn Kilometer entlang der Oder. Der Oder, die in die Rhume mündet, welche wiederum in die Leine fließt. Ich komme mir vor wie in Skandinavien. Dass ich nicht zu treten brauche ist das eine, die Idylle etwas anderes. Was auf der einen Straßenseite mit einem See beginnt, mit sandigen Flecken am Ufer und umgeben von Bäumen, setzt sich zur anderen Seite und entlang eines Waldweges als schmales Flüsschen fort. Eine halbe Stunde lang rolle und holpere ich dahin. Über mir ziehen Wolken, neben mir plätschert das Wasser. Weit und breit keine Straße, keine Häuser, keine Menschenseele. Sankt Andreasberg und Braunlage sind die nächsten Ortschaften. Beide auf der anderen Seite der Höhenzüge, zwischen denen sich das Tal erstreckt. Erst dort, wo eine Landstraße auf eine Bundesstraße trifft, bei Oderhaus, ein paar Hütten. Aus Holz. Einige davon in RAL 3009 gestrichen – Schwedenrot.
Die nächsten zehn Minuten gleite ich über Asphalt. Es rumpelt weniger, doch die paar Autos, die mich überholen, sind mir noch zu viele. Am Vorabend überlegte ich bei einem Blick auf die Karte noch, ob ich entlang der Odertalsperre auf der B27 bleiben solle oder wie vom Routenplaner vorgeschlagen den etwas weiteren Waldweg einschlage. Als ich an besagtem Abzweig stehe gibt es keinerlei Zweifel mehr. Ich verlasse die Bundesstraße, holpere weiter über Schotter und Wurzeln.
An der Staumauer kurz vor Bad Lauterberg treffe ich zwei Jugendliche. Die beiden sind mit motorisierten Rädern unterwegs. Sie stellen mir die üblichen Fragen. Woher, wohin, wie lange unterwegs, ist das bequem, so ein Liegedreirad. Meine Antworten erstaunen sie. Als sie hören, was mich gerade begeisterte, reagieren sie irritiert.
„Ja, der Harz ist wunderschön. Aber die Berge fährst du ohne elektrische Unterstützung?“
Eine Viertelstunde später, als ich vor einem Eiscafé im Ort zwei Bällchen in einer Waffel weg schlabbere, sehe ich die beiden noch einmal. Sie radeln an mir vorbei, winken mir zu und nicken anerkennend.
Die restlichen 30 Kilometer des Tages sind vergleichsweise unspektakulär. Ich darf wieder meinen Beitrag leisten, voran zu kommen. Minimales Gefälle sowie leichter Rückenwind machen es aber einfach. In einer eindreiviertel Stunden ist die Strecke bewältigt und ich stehe dort, wo ich es erhoffte. Auf dem Campingplatz in Seeburg, einem Kaff mit über tausendjähriger Geschichte in der Nähe Göttingens. Was mich freut ist, dass es ruhig ist. Dass es am Abend kurz gewittert, es immer wieder schauert und ich es nicht schaffe, mich im Mobilfunknetz zu registrieren, begeistert mich nicht gerade, ist allerdings verschmerzbar. Ich hätte lediglich nach zwei Tagen gerne erfahren, wie es Ute und ihrer Freundin zwischenzeitlich erging. Sie sollten mittlerweile ebenfalls vor dem Hermannsdenkmal sowie den Externsteinen gestanden und eine erste Tagesetappe entlang der Lippe zurück gelegt haben. Zudem hätte ich natürlich gerne von meinem Erfolgserlebnis berichtet, meinem Weg den Brocken rauf und wieder runter, sowie von den skandinavischen Impressionen, doch wer auch immer hinter Aldi Talk steckt, er hat Probleme und lässt es nicht zu. Und am Anziehen meiner frisch gewaschenen Wäsche soll ich noch am nächsten Morgen meinen Spaß haben, wenn klamme Textilien sich auf trockene Haut legen.

Am nächsten Morgen habe ich meinen Spaß. Am Rad hängen noch Tropfen, das Zelt ist nass, in den Fasern von T-Shirt, Unterhose und Socken sitzt die Feuchtigkeit. Laut Wettervorhersage liegt die Niederschlagswahrscheinlichkeit bei knapp fünfzig Prozent, als ich meine Sachen zusammen packe ist der Himmel grau. Also anziehen, die tropfnasse Kleidung. Klamotten aus dem Wäschebeutel tragen sich auch nicht anders, wenn es anfängt zu regnen. Gibt es keine Schauer, trocknen die Stücke am Körper. Es sei denn, es geht wieder Hügel hinauf.
Als um Viertel vor zehn alles verstaut ist, klart es auf. Eine erste Etappe auf dem Navi soll mich 30 Kilometer südlich an Göttingen vorbei über die Leine hinweg führen. An einem Wegweiser in Klein Lengden überlege ich es mir anders. Göttingen – 7 km. Eine weitere Stadt, die ich bislang nicht kenne. Ich weiche von meiner Route ab.
Entlang der Landstraße darf ich mich zwar eines Radweges erfreuen, weiterempfehlen kann ich die Strecke jedoch nicht. Zuviel Verkehr. Die zweite Hälfte fahre ich zudem durch schmucklose Vororte. Nachdem ich dreimal eine Bordsteinabsenkung runter und wieder rauf rumpele sowie jedes Mal dabei Autos die Vorfahrt geben darf, habe ich genug. Ich bleibe auf der Straße. Argumentativ habe ich leichtes Spiel. Häufig genug sprengen Baumwurzeln den Asphalt, zudem gibt es Radwege die enden, ohne begonnen zu haben. Schmal und zugeparkt sind sie gelegentlich außerdem. Die Stadt im südlichen Niedersachsen hebt sich diesbezüglich schon einmal nicht ab von anderen im Lande.
An einer Ampel öffnet ein Autofahrer das Fenster der Beifahrertür. Der Mann hinter dem Lenkrad ist aufgebracht. Er hat wertvolle Sekunden seiner Lebenszeit opfern müssen, weil ich vor ihm unterwegs war. Dass sich der Verkehr auch vor mir staut? Tut nichts zur Sache.
„Wenn sie weiter fahren, halte ich sie an und erstatte Anzeige.“
Schade, irgendwie fehlt mir die Gelassenheit an diesem Mittwoch Morgen. Wäre ich dem Herrn tags zuvor begegnet, als ich Klein-Skaninavien durchfuhr, ich hätte ihn wahrscheinlich nur angelächelt.
„Weil ich nicht auf diesem hübsch dekorierten Streifen fahre? Schauen sie mal, guter Mann, so sieht ein Verkehrszeichen aus, das einen benutzungspflichtigen Radweg kennzeichnet.“ Ich deute auf den Lollipop mit blauem Hintergrund und weißem Drahtesel auf der anderen Seite der Kreuzung. Dass der für mich hinfällig ist, da ich ohnehin rechts abbiege? Nebensache. Ein wenig ärgere ich mich über mich selbst, direkt in den mir entgegen gebrachten aggressiven Tonfall zu verfallen und mich zu rechtfertigen. Ich hätte es sowieso bei dem Bogen um Göttingen belassen sollen. So sehenswert ist das, was ich von der Stadt zu sehen bekomme, ohnehin nicht. In der Fußgängerzone wird kräftig gebuddelt, ewig habe ich einen Bus im Nacken und alles erscheint mir wie der Mann zuvor an der Ampel – bieder.
Mit fünf Kilometern mehr als geplant stoße ich in Volkerode zurück auf die rote Linie auf dem Navi. Kirche, Wache der freiwilligen Feuerwehr, zig Häuser, ein paar Höfe – ein Dorf wie zahlreiche andere. Vorbei am Grillplatz der Gemeinde geht es den nächsten Hügel hinauf. Schnell sind dem Anstiegszähler hundert weitere Höhenmeter hinzu gefügt, und so setzt es sich fort, wobei „schnell“ relativ ist. Doch auch weiterhin zerrt mich keine Kuppe aus dem Sitz, selbst auf halsbrecherischen Waldwegen, wie der nach Jühnde, steige ich nicht ab. Vielleicht ein Fehler. Ich werde es jedoch nicht heraus bekommen, denn einstweilen gibt es nichts, was mir auffällt.
Nach zwanzig weiteren Kilometern, diversen Höhenmetern sowie rasanter Abfahrten gelange ich an einen Ort, auf den ich mich freute. Vielfach schon schwärmte man mir davon vor, nun erreiche ich ihn ohne Umwege. Hannoversch Münden. Nicht nur Niedersachsen, Hessen und Thüringen stoßen hier nahezu aufeinander, sondern auch Fulda und Werra, die fortan gemeinsam als Weser davon fließen. Der historische Ortskern dort, wo die beiden Flüsse sich vereinen, ist in der Tat sehenswert. Den altertümlichen Gemäuern ist kaum anzusehen, dass über sie Truppen herfielen, sie manches Mal besetzt wurden oder dem einen wie anderen Hochwasser trotzten. Mag aber natürlich auch an den Restaurierungen liegen, die sie erfuhren. Man sieht Rathaus, Stadtmauer, Türmen und den vielen Fachwerkhäusern jedenfalls an, dass es reichlich über sie zu erzählen gibt und ich stoße auch auf einige Besuchergruppen, die lauschen, was ein Fremdenführer zum Besten gibt.
In der Fußgängerzone, selbstverständlich abermals für Radfahrer gesperrt, fällt mir jedoch ebenso etwas ganz anderes auf. Auf dem Gepäckträger eines anderen Rades ist der Packsack eines Zeltes festgezurrt, der meinem gleicht. An der Lowrider Halterung an der Gabel baumeln Wanderschuhe. Ich spreche den jungen Mann auf seine Behausung an.
„Nein. Ist kein Soulo, sondern ein Allak. Eine Nummer größer. Ich bin aber ganz zufrieden damit. Nicht zu schwer, noch einigermaßen klein, aber robust. Es hat schon eine Menge mitgemacht. Normalerweise verstaue ich es in der Packtasche, doch heute Morgen musste ich es nass abbauen.“
Wir wechseln noch drei Worte, dann zieht es meinen Gegenüber in die nächste Bäckerei und mich weiter über das Kopfsteinpflaster, auch wenn unsere Richtung die gleiche ist. Die Fulda hinauf.
Die nächsten Kilometer radelt es sich entspannt den Fluss entlang. Rechts und links ragen die Hänge empor, auch dahinter sind Höhenzüge auszumachen, doch entlang des Wassers bleibt es eben.
In einer Schleife bleibe ich stehen und hadere. Weiter der Fulda folgen, Kassel kennen lernen und improvisieren oder den Fluss verlassen, durch Simmershausen, knappe hundert Meter dem nächsten Bergrücken entgegen und an der Stadt vorbei? An sich bin ich gut in der Zeit. Es ist gerade Viertel nach vier, bis zum Zeltplatz am Flughafen sind es nur noch 15 Kilometer und in der Gegend bin ich nicht alle Tage. Es wäre fast Frevel, auf den Abstecher zu verzichten.
Während ich vorsorglich einen Energieriegel verdrücke, für welchen Weg auch immer, erhalte ich Gesellschaft. Der Radler mit den Wanderstiefeln an der Lowriderhalterung, von dem ich mich erst kurz zuvor verabschiedete. Ich berichte ihm von meinem Dilemma, er mir von seinem.
„Als ich studierte, hatte ich Zeit zum Reisen, aber kein Geld. Nun habe ich einen Job und es ist anders herum. Über das Wochenende will ich zusammen mit einem Freund auf ein Konzert. Der Kumpel wohnt in Kassel. Insofern bin ich froh, dass ich es gleich geschafft habe. Gestern bin ich in Thüringen gestartet. Die 150 Kilometer waren mir doch etwas viel.“
Der junge Mann ist mir sympathisch und so ist die Entscheidung schnell gefällt. Wir radeln die zehn Kilometer den Fluss entlang zusammen weiter. In der Stadt angekommen sprechen ich den Erstbesten an, der mir über den Weg läuft. Eine Die.
„Was sollte man denn unbedingt von Kassel gesehen haben?“
„Die Wilhelmshöhe.“ Die Frau zeigt einen Hügel hinauf.
Sieht für mich aus wie das Tor nach Westfalen.
„Hm. Es darf gerne weniger hoch hinaus gehen. Wie gelange ich denn mit dem Rad ins Zentrum?“
Okay, ich hätte es ahnen können. Vom Alter her kommt sie geschätzt meinem Begleiter nahe, irgendwo zwischen 25 und 30, jedoch sieht die junge Frau nicht so aus, als sei sie häufig per Drahtesel unterwegs.
„Oh, da muss ich passen. Ich wohne hier erst seit zwei Jahren.“
„Kann ich helfen?“ Ein anderer Mann gesellt sich zu uns.
„Ja, wir suchen einen Weg in die City.“
„Ganz einfach. Fahrt zurück an den Fluss, dann rechts, dann ...“ Dann wird es verwirrend. Unterführung, Finanzamt, direkt drauf zu – es sind nur Wortfetzen, die hängen bleiben. Und die grobe Richtung.
Wahrscheinlich biegen wir eine Möglichkeit zu früh ab, doch mein Mitstreiter meint, die Ecke komme ihm bekannt vor. Die kleine Parkanlage, die wir links liegen lassen, da sei er schon mal durchgefahren. Augenblicke später kommt uns ein Rettungswagen entgegen. Mit Blaulicht und Sirene. Ich will zurück. Gemeinsam biegen wir ab auf eine Straße mit Kopfsteinpflaster. Viel besser als das Martinshorn ist das Gerappel auch nicht. An der nächsten Querstraße trennen wir uns.
„Hier fand 2006 der NSU Mord statt. Ich muss hier links, du fährst besser rechts weiter.“
Ich halte mich rechts, finde allerdings keinen Wegweiser, auf dem etwas von Zentrum steht. Entsprechend folge ich der Straße weiter. Immerhin lese ich etwas von Innenstadtring.
Je weiter ich die Holländische Straße entlang radle, desto mehr habe ich das Gefühl, in der falschen Richtung unterwegs zu sein. Worauf noch immer nichts hindeutet? Kassel soll mir länger erhalten bleiben, als mir lieb ist.
Als bei entsprechendem Maßstab meine ursprüngliche Route wieder auf der Karte auftaucht, biege ich von der Hauptverkehrsader ab. Mittlerweile ist sie als B7 ausgeschildert. Von Innenstadt oder Zentrum ist nirgends etwas zu lesen. Was ich hingegen wahrnehme, ohne dass es besonderer Konzentration bedürfte: es ist laut, es ist hektisch, es ist hässlich. Der Straßenzug zählt mit Sicherheit nicht zu den bevorzugten Wohngegenden. Eher zu den Stadtteilen, um die man einen Bogen macht. Bogen ist das richtige Stichwort. Ich entschließe mich zu einem Richtungswechsel. Will nur noch wieder zurück auf meine Route. In Vellmar ist es fast geschafft. Die rote Linie liegt unmittelbar vor mir. Ich entnehme der elektronischen Anzeige lediglich nicht, dass die nächste Querstraße nicht auf der gleichen Ebene verläuft wie die, auf der ich mich befinde. Die Straße, auf die ich will, verläuft unter der, auf der ich bin. Und die führt auf die B7. Als ich das Missverständnis bemerke, ist es zu spät. Würde ich wenden, wäre ich ein Geisterfahrer. Die B7 hat sich mittlerweile zu einer Schnellstraße entwickelt. Noch immer ist sie zweispurig, führt fortan durch das Grüne, darf aber mit hundert gefahren werden. Wenn man denn kann. Ich kann nicht und komme mir ziemlich fehl am Platze vor. Zum Glück gibt es einen Seitenstreifen. Fehlt an sich nur noch jemand wie der Typ aus Göttingen.
„Wenn sie hier weiter fahren, zeige ich sie an!“
Wahrscheinlich würde ich im Zeichen vorbei donnernder Autos, Busse und Lastwagen jetzt sogar auf einen Bürgersteig ausweichen, gäbe es denn einen. Es gab jedoch auch kein Schild, der Fußgängern oder Radfahrern die Benutzung ausdrücklich untersagte, doch ist mir im Moment nach allem anderen Zumute, als mir über Verkehrszeichen den Kopf zu zerbrechen.
Als ein Gegenstand auf der linken Spur liegt, wird mir richtig mulmig. Autofahrer weichen aus, ziehen nach rechts rüber, manch einer, der dort ist, geht in die Eisen. Und ich eiere über die Ausweichspur. Im guten Schritttempo. Fünfzig Meter bergauf geht es nämlich außerdem.
Eine gefühlte Ewigkeit später eine Ausfahrt. Hundert Meter Bake für hundert Meter Bake nähere ich mich dem rettenden Ufer. Zwischendurch ruft mir ein Autofahrer aus dem geöffneten Beifahrerfenster etwas zu. Bei dem Krach verstehe ich kein Wort. Wahrscheinlich überhöre ich etwas wie lebensmüde.
Nach einer Viertelstunde hat der Spuk ein Ende. Nur zweieinhalb Kilometer zog er sich. Kam mir alles deutlich länger vor. Mit pochendem Herzen überquere ich eine kreuzende Landstraße, dann decken sich tatsächlich wieder geplante Route und gefahrene. Wie lange der Adrenalinspiegel braucht, um sich zu senken? Keine Ahnung. Ich habe den Eindruck, es dauert bis zum nächsten folgenreicheren Ereignis.
Zunächst sind es noch sechs Kilometer bis zum angepeilten Campingplatz. Das erste Stück führt entlang der zuvor überquerten Landstraße, unter Schatten spendenden Bäumen her und endet vor dem Schloss Wilhelmsthal. Für einen entspannteren Blick auf das Rokoko Bauwerk fehlen mir weiterhin die Nerven. Statt dessen bin ich froh, eine Allee nicht zu verfehlen.
An dem Schild zum Waldschwimmbad hin komme ich erneut ins Grübeln. Es weist ebenso auf einen Wohnmobilstellplatz hin. Bis zum Campingplatz sind es jedoch auch nur noch drei Kilometer. Der Blick auf die Uhr verrät mir: weiterfahren. Viertel nach sechs. Noch zu früh für Behelfslösungen.
Minuten später liegen die Tower unter mir. Noch einen Abhang herunter, dann sollte es geschafft sein. Als ich vom Feld- und Waldweg zurück auf die Straße gelange, sind auch die Wohnwagen nicht mehr zu übersehen. Der Platz wirkt ein wenig steril, es ist auch keine Menschenseele zu entdecken, aber was soll ich mir darüber den Kopf zerbrechen. Etwas seltsam ist aber schon, dass keine Rezeption oder Anmeldung ausgewiesen ist. Stattdessen führen irgendwo ein paar Stufen empor zu etwas, was wie Sanitäreinrichtungen wirkt. Ein paar Trennwände, Waschbecken, ein Dach drüber, nebenan ein Gebäude mit einer gefliesten Terrasse. Ein Campingplatz an einem Flughafen – schon etwas abgehoben …
Ich laufe herum, finde aber niemanden. An sich würde ich mich am liebsten unter eine Dusche stellen, dann erst einmal hinlegen, runter kommen. Statt dessen aber werfe ich einen Blick um die Ecke. Zwei Leute. Immerhin etwas. Eine junge Frau sitzt einem älteren Herrn gegenüber, erzählt etwas von „weiß nicht“, „habe Angst“, „wie ist das denn bei anderen“. Der Typ trägt einen Cowboy Hut, spricht mit sonorer Stimme, mimt den Coolen. Ein Paar sind die beiden nicht. Von ihm schnappe ich Worte auf wie „alles nicht so schlimm“, „musst du wissen“ und „die, die es probierten, haben es nicht bereut“. So langsam wird mir alles klar. Die, die hier campieren, sind Skydiver. Fallschirmspringer.
Der Groschen fällt bei mir dem Anschein nach nicht ganz lautlos. Sie dreht sich um, er schaut zu mir auf.
„Wie kann ich dir helfen?“
„Hi. Ich bin mit dem Rad unterwegs und würde gerne für eine Nacht mein Zelt bei euch aufschlagen.“
Meinen Satz mit einer Frage abzuschließen halte ich nicht für ratsam. Ich schaue ihn an.
„Nee, tut mir leid. Das ist hier kein Campingplatz.“
„Hab ich mir schon fast gedacht, nachdem ich das aus der Nähe gesehen habe. Aber kann ich nicht für eine Nacht bleiben? Ich habe mittlerweile hundert Kilometer hinter mir, bin ziemlich fertig und brauche an sich nur noch einen fünf Quadratmeter großen Flecken. Eine Dusche wäre außerdem noch ganz nett.“
„Nee, wie gesagt, tut mir leid. Kann ich dir beim besten Willen nicht anbieten. Da bekomme ich Ärger mit meinem Boss.“
„Habt ihr denn wenigstens einen Tipp für mich, wo ich etwas finden könnte?“
„Da oben auf dem Hügel schlafen schon mal welche. Von da aus hast du eine super Rundumsicht.“
Entweder hat der Kerl keine Ahnung was es bedeutet, dorthin zu radeln, wovon er spricht, oder er will mich auf den Arm nehmen. Die Kuppe, auf die er zeigt, liegt Luftlinie etwa zehn Kilometer entfernt, 300 Meter höher als der Flugplatz und Autobahn sowie Bahnlinie verlaufen entlang ihres Hangs. Dass ich von dem Ausblick sowieso nichts habe, wenn ich schlafe, behalte ich ebenso für mich. Statt dessen murmele ich ein Danke, wünsche den beiden noch einen schönen Tag und wende mich ab.
Während ich zu meinem Gefährt zurück schreite, denke ich nach. Doch zurück zum Waldschwimmbad beziehungsweise dem Wohnmobilstellplatz?
Zunächst überquere ich die Straße erneut, steuere allerdings den Bauernhof an, an dem ich zuvor vorbei rollte. An einem verschlossenen Tor befindet sich ein Klingelknopf. Dass dessen Betätigung irgendwo eine Glocke läuten lässt, vernehme ich nicht. Eine Reaktion ist jedenfalls nicht festzustellen. Ich warte einen Moment, dann drücke ich erneut. Am Ergebnis ändert sich nichts.
Ich schaue den Weg hinauf, den ich gekommen war. Ein paar mir entgegen kommende Radler schoben ihre Räder hoch, die weniger voll bepackt waren. Motivieren, es ihnen auf der Schotterpiste gleich zu tun, kann mich der Anblick nicht. Also weiter vorwärts, Richtung Warburg. Bis zum Rothenburg Westfalens sind es nochmal gute zwanzig Kilometer. Hügelige Kilometer. Irgendwo auf dem Weg dorthin sollte sich aber ja wohl hoffentlich etwas ausfindig machen lassen.
Bereits nach zweieinhalb Kilometern biege ich in einen Feldweg ein. Laut Karte befindet sich hinter einer Baumgruppe ein kleines Gewässer. In der Realität verbirgt sich dahinter ein Angelteich. Ein Schild in der Zufahrt verbietet das unbefugte Betreten des Geländes, davor steht ein Wagen mit Bochumer Kennzeichen. Ich spreche den Mann hinter dem Lenkrad an.
„Guten Abend. Gehören sie zu dem Angelsportverein?“
„Nein, ich mache hier nur gelegentlich mal Pause.“
Augenblicke später setzt der Wagen zurück und fährt davon.
Ich schaue mich weiter um. Um den Angelteich wächst Wiese, das Gras ist gemäht, am Rand steht ein Vereinsheim. Zu sehen ist niemand. An der Tür hängen ein paar Zettel, auf einem stehen Rufnummern für den Notfall, keine lässt sich jedoch mit einem Verantwortlichen in Verbindung bringen, den ich fragen könnte, ob es denn recht sei, wenn ich für eine Nacht mein Zelt und so weiter. Neben der Holzhütte ein weiterer Verschlag. Toiletten. Die Türen sind sogar unverschlossen. Na ja, macht Sinn. Ein Schild weiter vorne wies eindringlich darauf hin, nicht in die Büsche zu pinkeln. Weiterhelfen tun mir diese Erkenntnisse jedoch auch nicht. Ich mag nicht ohne Erlaubnis bleiben.
Kaum habe ich den Feldweg wieder hinter mir und pedaliere auf Asphalt einen weiteren Hügel empor, vernehme ich ein ungewohntes Geräusch. Irgend etwas schleift. Vom Sitz aus zu sehen ist nichts. Ich fahre weiter, will nicht mitten auf dem Anstieg stehen bleiben. Von der Kuppe aus sähe man mich aus beiden Fahrtrichtungen. Das Schleifen bleibt. Oben angekommen steige ich ab und schaue unter das Rad. Weiterhin alles unauffällig. Ich löse die Bremse, schiebe das Rad leicht hin und her, bis ich die Stelle ausfindig machen kann, an der das Geräusch entsteht. An einer Stelle stößt die Felge des Hinterrades gegen den Belag der Felgenbremse. Erneut eine Acht? Ein Speichenbruch?
Ich drücke die Metallstreben im Bereich der betreffenden Stelle zusammen, sie geben jedoch nicht nach. Frei drehen lässt sich das Rad jedoch ebenso wenig.
Als ich genauer hinschaue und mit dem Finger über die Felge streiche, läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken. Ich könnte heulen. Die Felge hat eine Beule beziehungsweise in der Verschleißrille einen leichten Riss. Genau an der gleichen Stelle wie vor den Pyrenäen. Ein paar Zentimeter entfernt von der Bohrung, durch die das Ventil ragt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis erneut Mantel und Schlauch aufgescheuert sind. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, es ist Viertel nach sieben. Helfen kann mir heute keiner mehr. Ich setze mich wieder und lasse mich vorsichtig den Abhang hinunter rollen.
Nach zwei Kilometern biege ich rechts ab. Das nächste Gehöft. Eine junge Frau läuft mir über den Weg. Ich schildere ihr die Situation und frage, ob sie für eine Nacht eine Wiese für mich hätte.
„Moment, ich frage nach.“
Augenblicke später lerne ich Marc kennen. Marc hat auf dem Hof das Sagen und Marc sagt: kein Problem. Die zuvor Angesprochene solle mir eine Wiese zeigen, darüber hinaus kann ich gerne vorbei kommen zum Duschen, wenn es geschäftliches zu erledigen gäbe oder ich sonst wie Hilfe benötigte.
Dass während des Zelt Aufschlagens ein paar Tropfen fallen? Ich nehme es gefällig zur Kenntnis. Es gibt Dinge, die beschäftigen mich mehr. Was ist die Ursache für die erneute Reifenpanne, welche Optionen habe ich? Ich wollte zu Utes Geburtstag und ihrer Rückkehr am Sonntag zurück sein. Gegenüber meiner Planung liege ich gut in der Zeit, habe noch etwa 250 Kilometer vor mir, doch all zu lange dürfte eine Reparatur nicht dauern.
Nachdem das Zelt steht, rufe ich die Pannenhilfe des Radclubs an. Das Ohr am anderen Ende der Leitung hört sich zwar geduldig meine Geschichte an, ist aber nicht sonderlich motiviert, bereits tätig zu werden.
„Heute Abend kann ich nichts mehr für sie tun. Ich kann höchstens den Vorfall als solchen erfassen, um den Rest wird sich die Frühschicht kümmern.“
Ein Interesse, einen Vertragspartner des Radherstellers über das Internet ausfindig zu machen, besteht nicht.
„Wir haben unsere Werkstätten, mit denen wir zusammen arbeiten. Wenn sie spezielle Wünsche haben, dann müssten sie sich selbst darum kümmern. Das ist nicht durch die Versicherung abgedeckt.“
Nachdem alles Wissenswerte über mich, mein Rad sowie meinen Standort übermittelt ist, ist diesbezüglich alles getan, was getan werden kann. Der Rest ist ein wenig missmutig Routine. Dankbar greife ich zurück auf das Angebot, mich zu duschen, informiere Ute, koche mein Süppchen, dann versuche ich zu schlafen.

Trotz geänderter Rahmenbedingungen unterscheidet sich zunächst der nächste Morgen nicht von voran gegangenen. Müsli zum Frühstück, eine Tasse Cappuccino, Luftmatratze und Kopfkissen zusammen rollen, Schlafsack in den Packsack stopfen, Zelt abbauen, Hab und Gut verstauen – dann wird es anders. Anstatt weiter zu radeln schiebe ich das Rad von der Wiese vor den Hof, anschließend heißt es warten.
Um Viertel vor zehn rufe ich erneut bei der Pannenhilfe an.
„Wir haben schon versucht, sie zu erreichen. Sie hatten das Handy aber wohl nicht eingeschaltet. Wir hätten es aber weiter probiert. In Kassel konnten wir eine Werkstatt ausfindig machen, die ihnen weiterhilft. Die brauchen allerdings einen Tag, eine Felge zu beschaffen, wie sie sie benötigen.“
Blödsinn. Das Gerät war die ganze Zeit empfangsbereit. Und einen Hinweis auf einen verpassten Anruf gibt es nicht.
„Ist das eine Vertragswerkstatt des Herstellers?“
„Nein, ein ganz normaler Fahrradladen.“
„Dann würde ich es bevorzugen, die Reise abzubrechen. Das Risiko, mit einer ungeeigneten Felge erneut liegen zu bleiben, ist mir zu groß.“
„Da muss ich erst mal klären, ob das möglich ist. Welchen Vertrag haben sie denn?“
„Die Information müssten sie doch vorliegen haben. Ich kann ihnen sagen, dass ich über den Radclub bei ihnen versichert bin sowie für zwanzig Euro Jahresbeitrag die Erweiterung habe, dass man mir auch im europäischen Ausland weiter hilft. Ob da auch zusätzliche Leistungen für das Inland enthalten sind, kann ich ihnen aktuell nicht sagen.“
„Moment bitte, ich prüfe das.“
Während die Dame am anderen Ende prüft, höre ich Musik.
„Ja, sie haben recht. Die Entscheidung liegt bei ihnen. Einen Abschleppwagen würden wir so oder so raus schicken. Ob der sie zum Bahnhof bringt oder zur Werkstatt, müssen sie entscheiden.“
„Wie sieht es denn mit einem Leihwagen aus. Als ich das letzte Mal in Frankreich liegen geblieben bin, boten sie mir das als Option an.“
„Das machen wir nur in Ausnahmefällen.“
„Die Situation ist an sich die gleiche.“
„Da muss ich meinen Teamleiter fragen. Ich rufe sie zurück.“
Als mein Telefon nach einer Dreiviertelstunde noch immer keinen Ton von sich gegeben hat, bin ich es, der wählt. Diesmal spreche ich mit einem Kollegen der vorherigen Sachbearbeiterin.
„Nein, einen Leihwagen können wir ihnen nicht anbieten. Sie hätten das Anrecht auf eine Übernachtung, für die wir uns mit bis zu hundert Euro beteiligen, oder auf eine Rückfahrt mit der Bahn zweiter Klasse.“
„Mit dem Liegedreirad ist es aber nicht so einfach mit der Bahn.“
„Tut mir leid, dafür haben wir keine Ausnahmen.“
„Gut, dann schicken sie mir bitte den Abschleppwagen, der mich zum Bahnhof fährt. Wie sieht das mit den Bahntickets aus? Muss ich in Vorkasse gehen oder stellen sie mir welche?“
„Da müssten sie in Vorkasse gehen und uns die Belege anschließend zusenden. Als Pdf per E-Mail ist ausreichend.“
Wir klären noch ein paar Formalien, dann warte ich erneut. Zwischendurch verlässt Marc den Hof mit dem Auto.
„Ich kann dich auch mitnehmen.“
„Vielen Dank, aber Hilfe sollte unterwegs sein.“
Als Marc nach einer Stunde zurück kommt, hat sich an meiner Situation nichts geändert. Ich warte weiterhin.
„Magst du eine Tasse Kaffee, oder ein Brötchen?“
„Kaffee nein, aber ein Brötchen – gerne.“
„Komm rein.“
„Kann ich mich irgendwie nützlich machen?“
„Ist schon okay. Setz dich.“
Während wir uns den Brötchen widmen, unterhalten wir uns. So erfahre ich, dass der Hof kein Pferdehof im eigentlichen Sinne ist, sondern Marc Kinder und Jugendliche aus zerrütteten Verhältnissen bei sich hat und die Pflege der Tiere in nicht unerheblichem Maße dazu dient, den Heranwachsenden das Gefühl zu vermitteln, etwas Sinnvolles zu tun. Darüber hinaus stelle ich fest, dass auf dem Lande in anderen Dimensionen gedacht wird. Marc hat einen riesengroßen Klumpen Mett eingekauft und schmiert sich das Hackfleisch daumendick auf das Brötchen – und seine Finger sind nicht zierlich.
Nachdem eine Semmel einverleibt ist, begebe ich mich wieder vor die Tür. Ich will keinesfalls, dass ein Abschleppwagenfahrer unverrichteter Dinge kehrt macht. Als auch um halb eins noch kein Abschlepper vorgefahren ist, greife ich erneut zum Hörer.
„Wir haben ihnen um zwölf eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, dass in einer halben Stunde jemand da sein sollte. Der Fahrer müsste also jeden Augenblick bei ihnen auftauchen.“
Abermals prüfe ich, ob mein Telefon irgendwelche Mitteilungen für mich hat. Fehlanzeige. Auch der Anrufbeantworter hat nichts aufgezeichnet.
Um Viertel nach eins greife ich abermals zum Smartphone. Zum Einen will ich wissen, ob der Fahrer des Abschleppwagens die Suche nach mir aufgegeben hat, zum Anderen interessiert es mich zu erfahren, unter welcher Nummer man bislang versuchte, mich zu erreichen.
Geduldig höre ich mir wiederholt die Ansage an, dass der nächste freie Mitarbeiter für mich reserviert sei, da biegt plötzlich das ersehnte Fahrzeug um die Ecke. Wie auch zwei voran gegangene Male hat es eine Ladefläche, auf die ein Kleinbus passen würde.
„Das war ja gar nicht so einfach, sie zu finden. Google hat mich in den Ort gelotst. Erst als ich dort nachfragte sagte man mir, wo das hier sei. Und telefonisch erreichen konnte ich sie auch nicht.“
„Unter welcher Nummer haben sie denn versucht?“
Der Fahrer nennt mir die Ziffernfolge, die man ihm mit auf den Weg gab. Bereits an der dritten Stelle ist alles klar. Wählt man eine 7 anstatt einer 5, führt das nicht zum gewünschten Erfolg und erklärt, warum auch Rückrufe der Pannenhelfer sonst wo landeten, nur nicht bei mir.
Nach kurzem Hantieren steht das Trike fest verzurrt hinter der Fahrerkabine. Bevor wir starten, greife ich erneut zum Smartphone. Diesmal um zu fotografieren. Bei den voran gegangenen beiden Anlässen war der Schnappschuss im Eifer des Gefechts untergegangen, nun ist er fällig. Zwar hätte ich liebend gerne auf den erneuten wie auch auf die vorherigen Anblicke verzichtet, doch wenn schon ein derartig skurriles Bild zur Reise zählt, soll es auch nicht in Vergessenheit geraten.
Um zwei hat das Rad wieder Asphalt unter den Reifen. Mein Chauffeur hat sein Fahrtziel erreicht. Wir stehen vor dem Hauptbahnhof in Kassel. Ich verabschiede mich von dem Mann, der sich ebenso nach den näheren Umständen seines Einsatzes erkundigte wie er mir Anekdoten seines Berufslebens mit auf den Weg gab. Beneiden tue ich ihn nicht, auch wenn er als Kraftfahrer bereits eine Menge von Europa gesehen hat.
Der erneute Aufenthalt in Kassel währt nicht all zu lange. Am Automaten suche ich mir eine Bahnverbindung, ziehe die dazu erforderlichen Fahrkarten, dann kann ich auch schon rüber zum Gleis. Der Zug startet in Kassel und steht bereits zum Einsteigen bereit. Die Fahrt selbst ist im Vergleich zu den Erlebnissen von Germersheim unspektakulär. Voll wird es nur einmal kurz zwischen Gießen und Siegen, doch auch hier habe ich das Glück, einen Platz zu finden, bevor die Massen nachrücken. Selbst die knappen Umsteigezeiten erweisen sich als unproblematisch. Der Anschlusszug fährt jeweils vom gleichen Bahnsteig gegenüber und startet jeweils dort, wo ich wechseln muss.
Um Viertel vor sieben bin ich Zuhause, zwei Stunden später sitze ich in der Badewanne. Angenehm, doch die frische Luft um die Nase, das Vogelgezwitscher draußen, die langen Beine vom Strampeln sowie die Aussicht, das Vergnügen nach dem Aufwachen fortsetzen zu können, es fehlt mir.
Tags drauf nehme ich Kontakt mit dem Hersteller auf und werde beim Händler vorstellig. Dessen Diagnose: dumm gelaufen, jedoch nicht ganz frei von Selbstverschulden. Eine Acht im Hinterrad hätte die Felge an den Belägen der Parkbremse aufgeschliffen. Hätte ich die Unwucht eher beseitigt, wäre mir das nicht passiert. Dass die Parkbremse selbst nicht richtig montiert ist? Amüsiert zwar innerlich mit Sicherheit den Fachmann, trägt aber nicht viel zur Sache bei. Dass der Riss in der Felge erneut da ist, wo er bei dem zuvor zu Bruch gegangenen Metallreif auch war? Tja, was soll man dazu sagen. Fest steht: die Felge ist ein Verschleißteil. Wie die Speichen letztendlich auch. Ob Ursache und Wirkung jedoch zweifelsfrei geklärt sind, da bin ich als Laie nicht vollständig überzeugt. Entgegen kommt mir hingegen, dass ich keine 24 Stunden später ein umgespeichtes Laufrad mit fabrikneuer Felge zurück in Empfang nehmen kann.

Nach etwa 200 Kilometern Laufleistung ohne neue Probleme bietet sich zwei Wochen später die Möglichkeit, meine Brockenrunde aus eigener Kraft zu beenden. Ute hat das Wochenende über etwas vor, die Wetterprognose ist selbst nach einigen sommerlichen Tagen mit über 30 Grad weiterhin vielversprechend und mich juckt es, auch noch die Hügel des Sauerlandes zu meistern. Als ich Thomas kontaktiere, eine Internetbekanntschaft aus Meinerzhagen, dass ich in einigen Tagen in „seinem Revier“ unterwegs bin und ob er Lust hat, irgendwo bei ihm in der Nähe eine Tasse Kaffee zu trinken, bekomme ich zu hören, dass ich mir da ja etwas vorgenommen hätte. Die Route, die ich fahren will, sei etwas für Kinder der Berge. Als Ortskundiger empfiehlt er mir für den Weg von Attendorn an die Agger, nicht über die Aggertalsperre zu fahren, sondern mich ein paar Kilometer südlicher zu halten. Ich solle um den Biggesee nach Olpe und von dort den Bahntrassenradweg nehmen, der mich über Drolshagen und Bergneustadt nach Dieringhausen führt. Einstweilen jedoch halte ich an meiner Route. Kind der Berge, das spornt an.
Obwohl der Freitag zuvor noch grau und verregnet war, der erste Samstag im Juni sieht bereits anders aus. Um zehn Uhr starte ich Richtung Kölner Hauptbahnhof. Mein Ziel mit der Bahn: Kassel. Zwar könnte ich ebenso entgegen gesetzt nach Hessen fahren, wie ich zuletzt gekommen war, doch sind mir die Umsteigezeiten in Siegen und Gießen zu knapp. Vier Minuten, das kann gut gehen, muss aber nicht. Außerdem erscheint mir der Gleiswechsel in Gegenrichtung problematischer. Die Alternative über Hamm klingt verheißungsvoller. Elf Minuten Zeit, um von Gleis 4 auf Gleis 8 zu gelangen. Dumm nur, dass der Zug bereits zehn Minuten Verspätung hat, als er in Köln einfährt. In Schwerte muss schließlich noch ein ICE vorgelassen werden. Als der Anschlusszug nach Kassel sich in Bewegung setzen sollte, sitze ich noch in Bönen, eine Haltestelle vor Hamm. Auf dem Umsteigebahnhof selbst dann das Problem, von Gleis 4 runter zu kommen. Der Aufzug ist kleiner als andernorts. Mit eingeschobenem Tretausleger, ein wenig verkanten, Geduld und Spucke gelingt es jedoch. Hürden, die sich rauf auf Gleis 8 nicht stellen. Dort ist der Fahrstuhl komplett außer Betrieb. Um erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, ist der Zugang mit einem Bretterverschlag sowie einem Vorhängeschloss verriegelt und verrammelt. Entsprechend ziehe ich das Rad Stufe für Stufe die Treppe hoch, die eine Hand mich abstützend am Treppengeländer, die andere am Gepäckträger. Unterstützung erhalte ich, als die Hälfte der Stufen hinter mir liegt. Ein junger Mann packt an den Vorderrädern mit an, holt sich schmierige Finger, erleichtert mir aber die Plackerei. Dass vom Zug Richtung Kassel schon lange nichts mehr zu sehen ist, als Ross und Reiter auf der Plattform stehen, letzterer Schweiß gebadet, daran kann auch das beherzte Zugreifen nichts ändern.
Ein Blick auf den Fahrplan schließlich zeigt: knapp zwei Stunden warten. Die Zeit im Ort totzuschlagen scheidet für mich aus. Ich möchte das Rad nicht noch einmal die Treppe runter und wieder rauf wuchten. Die abermalige Abfahrt findet nämlich vom gleichen Bahnsteig aus statt. Halbwegs in der Sonne mache ich es mir gemütlich, widme mich der Wegzehrung, verfolge ein wenig das Geschehen um mich herum und schaue dem Unkraut zwischen den Pflastersteinen beim Wachsen zu.
Fünf Minuten, bevor es dann um kurz nach drei weiter geht, an sich könnte ich bereits in Kassel radeln, die Ankündigung des erwarteten Zuges über die Lautsprecher. Ein Zusatz lässt mich schaudern.
„In Kürze fährt ein der Regionalexpress 11 nach Kassel-Wilhelmshöhe – abweichend vom Fahrplan auf Gleis 6.“
Ich schaue mich um. Finde ich irgendwo die versteckte Kamera?
Auf dem Weg zur Treppe läuft mir ein Bediensteter des Transportunternehmens über den Weg.
„Habe ich das gerade richtig verstanden, mit der Gleisänderung?“
Der Mann nickt. Ich fasse es noch immer nicht.
Die Treppen herunter zu kommen ist einfacher als rauf, doch auch die Gegenrichtung bleibt mir nicht erspart. Immerhin funktioniert hier der Aufzug. Unglücklich jedoch: er scheint kleiner zu sein als der, den ich zuvor benutzte. Zumindest bekomme ich die Tür nicht dazu, zu schließen. Obwohl das Rad leicht verkantet in der Kabine steht und der Tretausleger eingefahren ist. Entnervt und mit reichlich Achselnässe halte ich mich nicht lange mit der Widrigkeit auf, zerre mein Vehikel, beladen wie es ist, erneut halb die Stufen hinauf. Abermals kann ein Mitreisender das Elend nicht mit ansehen und hilft mir auf den letzten Metern. Immerhin etwas. Schön zu sehen, dass Nächstenliebe nicht nur gepredigt, sondern auch praktiziert wird. Einstweilen jedoch geht meine Freude darüber ein wenig unter. Kaum ist das Rad abgesetzt, rollt der Zug heran und ich muss schauen, wo sich ein Abteil befindet, in dem Räder transportiert werden dürfen. Immerhin brauche ich nicht all zu weit laufen. Dennoch – sie macht mich fertig, die Bahn. Ich hätte mir ein paar Tage mehr Zeit nehmen sollen und wäre besser nach Kassel geradelt. Gibt bestimmt noch mehr Strecken als nur die, die ich mir für den Weg in Gegenrichtung suchte. Wäre stressfreier gewesen, sofern nicht wieder ein Verschleißteil seinen Dienst versagt.
Kurz vor fünf verlasse ich den Zug. Dass der unbeschwerlichere Teil der Reise hinter mir liegt? Ansichtssache. Ich mag jedoch nicht länger darüber nachdenken sondern konzentriere mich lieber auf mein nächstes Etappenziel. Es ist bereits zu sehen. Drei Kilometer Luftlinie entfernt, 330 Meter höher. Das Herkulesdenkmal auf der Wilhelmshöhe. DIE Sehenswürdigkeit der Stadt.
Bevor ich die gut sieben Kilometer aufwärts strample, stärke ich mich in einer Bäckerei. Eine Mohnschnitte für zwei Euro, so groß, dass sie mir am Stück zu viel ist. Mit einer Hälfte in den Taschen und der anderen im Bauch gibt es im Anschluss keinen Grund mehr, die Kurbelei hinaus zu zögern.
Anstatt über die Wilhelmshöher Allee mit dem Ziel vor Augen, folge ich der für Pedalisten ersonnenen Beschilderung, bis die Straße einen Knick macht und von Parkplätze gesäumt ist. Nach dreieinhalb Kilometern dann erst einmal durchatmen. Die Hälfte ist geschafft, die ersten hundert Höhenmeter bewältigt, das Schloss erreicht.
Ich stehe gerade auf den Stufen vor dem Eingang und halte den Ausblick auf die Stadt fest, da werde ich angesprochen.
„Ich habe sie gesehen, wie sie mit dem Teil hochgefahren sind. Ist das anstrengend?“
So ganz verstehe ich die Frage nicht. An sich müsste man es mir ansehen. Möglicherweise ist es gar zu riechen. Weder Shirt noch Stirn sind trocken. Hat bestimmt nichts damit zu tun, dass ich in die Wechseljahre gekommen sein könnte. Dennoch, ich beantworte Fragen und erfahre, dass der Mann, der mir gegenüber steht, im Katamaransegeln auf Platz hundert-paar-und-neunzig irgendeiner Weltrangliste steht und mit dem Roadster von Rheine aus auf einer Spazierfahrt ist.
„Der Vorgänger meines Fahrzeugs war ein Z3. Hat zwar auch Spaß gemacht, offen damit umher zu düsen, doch ich bereue den Tausch nicht.“
Minuten später komme ich am Schlosshotel vorbei. Vor der Tür parkt eine Armada ganz anderer Vehikel. Sportwagen. Fahrende Unterlegkeile. Alles, was in der Szene Rang und Namen hat sowie ich schon einmal aufgeschnappt habe, ist vertreten und wird aufmerksam von anderen beäugt. Es sieht aus, als habe man kollektiv in Monaco Reißaus genommen, nur dass sich die Kennzeichen auf deutsche beschränken, soweit mein flüchtiger Blick mich nicht täuscht. Ich überlege erst, ob ich meinen Boliden für ein Foto neben einen der motorisierten stellen soll, lasse es dann aber doch bleiben. Ist ja albern, nur um zu zeigen, dass ich mich mit meinem Gefährt in etwa auf Augenhöhe bewege.
Auf Wegen, die für die PS Strotzer gesperrt sind, geht es weiter dem Wahrzeichen Kassels entgegen. Eine Aussichtsplattform nach der anderen lasse ich hinter mir. Der Shuttlebus scheint den Betrieb für den Samstagnachmittag bereits eingestellt zu haben. Zumindest entdecke ich von ihm keine Spur. Statt dessen ist es eine Gruppe Rettungssanitäter mit Gepäck auf dem Rücken, die mir auffällt. Ob ihre Mission darin besteht, Liegedreiradpiloten mit Kreislaufversagen oder Bierleichen einer Hochzeitsgesellschaft einzusammeln, erschließt sich mir nicht. Beides wäre denkbar, doch es gibt auch noch einige weitere, die auf dem Hang unterwegs sind. Abgesehen von den beiden Mountainbikern, die mir entgegen kommen, begegne ich wiederholt einigen Spaziergängern. Stapfen letztere mehr oder minder ambitioniert die Wiese hinauf, kurbele ich die weniger steilen, dafür aber sich um so mehr windenden Serpentinen hoch.
Um Viertel vor sieben ist es geschafft. Höher geht es nicht, hält man sich an die Baustellenabsperrung zu Füßen des griechischen Halbgottes beziehungsweise dessen Sockels. Laut einem Schild sorgt man sich bereits seit mehr als zehn Jahren darum, dem Verfall des Bauwerks entgegen zu wirken – auf dass die Kupferstatue noch viele Jahre Besucher in ihren Bann zieht. Wie es zwei Stunden zuvor ausgesehen hätte? Wahrscheinlich rummeliger. Mittlerweile aber rücken zum Abend mehr Leute ab als nach und auch ich verliere durch den Habichtswald langsam wieder an Höhe.
Leider währt die Fahrt durch das Naturschutzgebiet gerade mal zehn Minuten. Schade. Auf den vier Kilometern begegne ich nur einem halben Dutzend Leute, es ist ruhig und der Forst macht seinem Namen alle Ehre. Mehr als einmal segelt ein Greifvogel zwischen den Bäumen.
Der nachfolgende Streckenabschnitt ist nur unwesentlich länger, kostet mich aber bereits fünf Minuten mehr und büßt deutlich an Attraktivität ein – er ist Autobahnzubringer und Bundesstraße und es ist vorbei mit der Stille.
Der Ortsausgang von Dörnberg führt mich zurück auf weniger stark befahrenes Terrain. Über eine Landstraße folge ich dem Warmebach. Umgeben von Feldern, Wiesen und Weiden radelt es sich ohne übermäßigen Kraftaufwand zwischen den Hügeln her.
In Zierenberg stellt sich um halb acht schließlich die Frage: weiterfahren oder abbiegen Richtung Campingplatz?
Ich entscheide mich für letzteres. Die Zeltwiese des Warburger Kanu Clubs ist für mich keine Option mehr. Zwar hätte man mich nach telefonischer Auskunft am Vortag auch als Radler dort campieren lassen, doch was habe ich davon, erst gegen neun oder noch später einzutreffen? Die zwei Stunden Zwangspause in Hamm fehlen mir. Immerhin trennen mich noch etwa dreißig Kilometer von der Stadt an der Diemel.
Eine weitere Alternative wäre der Reiterhof, auf dem ich nach meiner Panne übernachtete. Er liegt lediglich gute zehn Kilometer entfernt. Ich will mich dort zwar auf jeden Fall nochmals blicken lassen und bedanken, doch ist es mir peinlich, direkt mit der nächsten Bitte ins Haus zu fallen. Ist die nur einen Kilometer abseits der Route gelegene Übernachtungsmöglichkeit gar nicht mal grundverkehrt.
Etwas außerhalb des staatlich anerkannten Erholungsortes liegt der Campingplatz unmittelbar an der Warme sowie an einem Tümpel. Ein wenig seltsam verhält es sich mit dem Preis für eine Übernachtung. Auf meine Frage bekomme ich zunächst sieben Euro genannt, als ich zusage kommen zwei weitere hinzu sowie letztendlich pauschal ein weiterer für den Müll, den ich hinterlassen werde – die leere Tüte eines Fertignudelgerichts, eine weitere des Cappuccino Pulvers sowie die Verpackung von 0,2 Liter Kakao. Aber gut. Anderswo zahlte ich bereits mehr als zehn Euro, das Duschen ist inklusive und für zwei weitere Euro Aufpreis erhalte ich am Tresen sogar noch ein Radler hinzu. Dass auf dem Fernseher das Einlaufen der deutschen Kicker flimmert und diverse Augenpaare gespannt verfolgen, was in wenigen Tagen zum Alltag zählen wird? Geschenkt. Noch bevor das Leder rollt ist das Glas geleert und wer in einigen Wochen Weltmeister wird, ist mir noch gleichgültiger.
Während ein paar Tropfen vom Himmel fallen, errichte ich meine Behausung und lasse es mir gut gehen. Die Zeltwiese habe ich für mich allein, nicht weit entfernt plätschert der Bach und die Vögel zwitschern. Meine kleine Welt ist in Ordnung. Ich blicke zurück auf knapp 24 Kilometer, 500 Höhenmeter sowie den Herkules, der mich in den Schwitzkasten nahm. Wo mein Zelt in 24 Stunden stehen wird? Ich weiß es noch nicht. Bis hinter Meschede werde ich es nicht schaffen, der Campingplatz bei Brilon ist mir eine Nummer zu groß, vielleicht ist ja der Diemelsee noch einen ungeplanten Abstecher wert …

Ähnlich trüb wie der Samstag endete, beginnt der Sonntag. Die einzig kleinen Unterschiede: die Luft ist trocken, die Wäsche nicht. Trotz gespannter Leine unter dem Dach einer Hütte. Während eine Frau eine Runde nach der anderen um den Teich schreitet, die ausgemusterte Straßenbahn neben meinem Zelt unbeeindruckt weiter vor sich hin rostet und hinter den Bäumen in manch einem Wohnwagen das Leben erwacht, packe ich meine Sachen. Um neun Uhr sind nur noch umgeknickte Grashalme stille Zeugen meines Nachtquartiers. Eine halbe Stunde später treffe ich weiter entlang der Warme auf die Stelle, an der ich bereits vor gut zwei Wochen hätte vorbei kommen wollen: die Kreuzung in Obermeiser, an der ich vorhatte, rechts Richtung Niedermeiser abzubiegen. Anstatt so aber einfach geradeaus weiterzufahren, biege ich rechts ab. Gen Westuffeln. Dorthin, wo ich hergekommen wäre. Auch aus der Gegenrichtung kommend ist die Stelle nicht zu verfehlen, die ich bereits kenne – Marcs Reiterhof.
Als ich mein Gefährt abermals vor dem Haus abstelle, werde ich von zwei Jungen in Empfang genommen. Das eine Gesicht kommt mir bekannt vor.
„Guten Morgen. Ich bin der Radler, der hier vor einigen Tagen mit einer Panne vorfuhr. Ist Marc da? Ich wollte mich bei ihm nochmals bedanken.“
„Der schläft noch.“
„Na gut. Dann grüßt ihn bitte schön von mir und gebt ihm das.“
Ich drücke den beiden ein kleines Dankeschön in die Hände und krame eine Visitenkarte hervor, die ich dazu packe. Anschließend kurbele ich die drei Kilometer zurück nach Obermeiser und biege dort rechts ab.
Anstelle in Niedermeiser wie ursprünglich beabsichtigt links abzubiegen und mich über den nächsten Hügel Warburg zu nähern, folge ich weiter der Warme. Eine handvoll Kilometer mehr, doch gute hundert Höhenmeter weniger. Und die Strecke durch das Diemeltal sah bereits von der Bahn aus reizvoll aus. Bevor ich jedoch in Liebenau auf den dortigen Flussradweg treffe, bleibe ich in Zwergen stehen. An einem hiesigen Reitstall stehen zahlreiche Kinder an, um auf entsprechend großen Ponys eine Runde zu drehen. Brav und artig stehen sie dort in Reih und Glied, den Reiterhelm unter dem Arm, darauf wartend, gleich an der Reihe zu sein. Morgens um zehn. Ich finde den Ortsnamen irgendwie treffend.
Ohne es den Kleinen gleichzutun setze ich nach dem Betätigen des Auslösers meine Reise auf meinem Drahtesel fort. Mit dem Helm nebst übergezogenem Regenschutz hinter dem Sitz. Schließlich ist es ja weiterhin trocken. Und flach. Und unterwegs ist ebenso weiterhin kaum jemand.
Kurz nach elf ist Warburg erreicht. Mit meiner Zeitabschätzung am Vorabend lag ich also nicht ganz daneben. Dass die Stadt laut Wikipedia als Rothenburg Westfalens gilt, halte ich für gewagt und weit hergeholt. So schön die Fachwerkhäuser in der Altstadt sein mögen, Stadtmauer und -türme können für meinen Geschmack nicht mit dem Charme des Ortes an der Tauber mithalten. Vielleicht enttäuscht mich aber auch das, was ich nach dem Erklimmen des Hügels zu sehen bekomme. Der Neustadt haftet nach meinem Dafürhalten nicht viel Geschichte an, auch wenn sie mittlerweile auf eine beinahe 800 jährige Historie zurückblicken darf. Von den Stadtmauern, die von der Diemel aus imposant empor ragen, ist von oben nicht viel zu sehen.
Im Zickzack Kurs geht es anschließend entlang der Diemel beziehungsweise zwischen Nordrhein-Westfalen und Hessen weiter. Wie es sich gehört, wenn man einem Fluss aufwärts folgt, gewinne ich an Höhe. Nach einer Baustelle sowie einem Stück Kuchen in Marsberg wird es Zeit, die bis dahin aufgeschobene Entscheidung zu treffen: weiter entlang der Diemel oder über den Hügel und durch den Wald hinüber nach Brilon?
Aus dem Bauch heraus gewinnt Diemel. Dass ich mich damit vor Höhenmetern und steileren Anstiegen drücke? Mitnichten. Es geht immer weiter bergauf, wird jedoch landschaftlich ebenso reizvoller. Hügeliger. Was zudem nicht zu übersehen ist? Die Anzahl der Räder mit elektrischer Unterstützung, die mich überholen oder mir entgegen kommen, nimmt zu. An einer besonders schönen Stelle am Fluss bleibe ich stehen. Holzbank, gemähte Wiese, rauschendes Nass, kein Durchgangsverkehr – herrlich. Schuhe aus und rein die Fluten? Mittlerweile ist die Sonne durchgekommen und eine Abkühlung täte nicht schlecht. Die Brennnesseln am Ufer halten mich jedoch ab. Es dauert nicht lange, da bekomme ich Gesellschaft. Drei E-Biker, die mich kurz zuvor überholten. Irgendwo müssen sie einen Schlenker mehr als ich eingelegt haben. Sie halten ebenfalls. Der Akku des Anführers ist leer. Eine der beiden Hintermänninnen ist beängstigt.
„Der für den Motor?“
Die Antwort wird verschafft Erleichterung.
„Nein, nur der vom Handy. Ich muss es an der Steckdose am Lenker anschließen. Wenn der Akku für das Rad platt wäre, hätten wir ein Problem. Wir haben 89 Meter nach Padberg vor uns – auf eins Komma sechzehn Kilometern.“
Prost Mahlzeit – ich hatte es befürchtet. Die beiden Kirchtürme oben auf dem Hügel waren mir auch bereits aufgefallen, jedoch hoffte ich, es gäbe einen Weg drum herum. Als ich dem Trio folge, platzt mein Wunsch wie eine Seifenblase. Es gibt nur einen Weg, und der führt aufwärts. Mit durchschnittlich acht Prozent Steigung. Einige Abschnitte sind flacher, andere kompensieren sie.
Zwanzig Minuten benötige ich, dann ist der Scheitelpunkt erreicht. Wie oft ich zwischendurch stehen blieb, um tief durchzuatmen? Wieder führte ich keine Strichliste, auf dem Navi nachzuschauen ist mir zu blöd. Ja, ich blieb stehen, nein, ich stieg nicht ab, um zu schieben. Ändert aber alles nichts und ist ja auch nur eine von mehreren Spitzen, an diesem Tag jedoch die höchste. Von den drei Elektroradlern ist keine Spur mehr zu sehen. Statt dessen schnappe ich im Vorbeifahren auf, wie sich ein älterer Herr seinen beiden auf einer Bank sitzenden Kumpanen zuwendet: „ja, dieser verdammte Berg.“
Ein Schmunzeln kann ich mir nicht verkneifen. Haben die drei ihre Heimat in jüngeren Tagen ebenfalls verflucht, wenn es für sie zurück Nachhause ging? Und überhaupt – was mag sie und ihre Vorfahren bewogen haben, sich an dem Hang niederzulassen? Sicher, vor Hochwasser wird man in Padberg keine Angst gehabt haben, aber alles zum Leben erforderliche hoch zu schleppen, nur um es vor unerwünschten Zugriffen zu bewahren? Ein hoher Preis. Stöbert man zudem ein wenig in der Historie des Ortes, zudem einer, der häufig genug noch nicht einmal langte.

Ohne geplündert, gemeuchelt oder niedergebrannt zu werden beziehungsweise mit wem auch immer in Fehde zu verfallen, geht es für mich auf der anderes Seite des Dorfes ebenso steil hinab, wie es zuvor hinauf ging. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit verdoppelt sich einmal mehr, Landschaft fliegt an mir vorbei. Drei Minuten lang. Mit Bremsen.
Zwei Stunden später bewegt sich kaum noch etwas. Das Rad steht, das Zelt ebenso, ich bin geduscht und liege, alle Viere von mir gestreckt, döse. Weitere acht Kilometer sind zurück gelegt, abermals gute hundert Höhenmeter bewältigt, wieder waren welche mit mehr als fünf Prozent Steigung dabei und meine Beine wollen nicht mehr. Hinter mir liegen Helminghausen sowie die Staumauer des Diemelsees. Direkt der erste Campingplatz in Heringhausen sollte es sein. Auch wenn er mir keinen Seeblick bietet. Mit geschlossenen Augen jedoch etwas, worauf ich verzichten kann. Dafür stimmt der Preis. Sieben Euro. Ohne Wenn und Aber, ohne, dass der Betrag mit jedem gesprochenen Satz klettert. Sogar einschließlich Benutzung der Dusche. Meinen Müll darf ich ebenso hinterlassen. Einzig kleiner Haken: im Ort gibt es weder eine Tankstelle noch einen Kiosk, an dem ich mir eine Flasche Limo holen könnte. An Wasser mangelt es nicht, doch am Abend darf es auch gerne etwas Geschmackvolleres sein.
Nach einer halben Stunde Tiefenentspannung ziehe ich nochmals zu Fuß los. Der nächste Campingplatz hat einen Biergarten. Damit das Radler nicht so verloren auf dem Tisch steht, bestelle ich mir eine Currywurst mit Pommes dazu. Die auf der Karte gepriesene Überraschung besteht darin, dass die klein geschnittene Wurst in einem Einmachglas gereicht wird. Sehr originell, schmeckt allerdings auch nicht anders als von Porzellan, Plastik oder Pappe.
Während ich einen Tisch für mich allein habe, schnappe ich Gespräche von voller besetzten Nachbartischen auf. Das Fußballspiel des Vorabends ist eines der Themen. Die deutschen Recken unterlagen den Österreichern mit zwei zu eins. Dennoch, man ist sich einig: „wir“ werden Weltmeister. Keine Frage. Dass zunächst einmal eine Vorrunde zu überstehen ist, ein Achtel-, Viertel- sowie Halbfinalgegner neben dem Vizeweltmeister zu bezwingen sind und andere auch wissen, dass das Runde ins Eckige muss? Für die Spezialisten gibt es keine Zweifel. Der Jogi und seine Mannen werden es schon richten. Immerhin ist ja auch bereits das neue Leibchen schon gekauft. An Unterstützung soll es schließlich nicht mangeln. Für schlappe 90 Euro. Ich könnte mich weg lachen. 90 Euro. Mein Beitrag beschränkt sich darauf, den Körper in den Farben des Landes zu schmücken, ohne Geld dafür in die Hand zu nehmen. Die Knie waren aus dem ersten Anlauf schon vorgebräunt und nähern sich mit gutem Willen dem Schwarz, Teile der Oberschenkel glühen dank kürzerem Beinkleid als zuvor, der bedeckte Rest glänzt mit ein wenig Fantasie gülden – passt. Zumindest einstweilen.
Die 90 bilden jedoch weitreichenderen Gesprächsstoff. Ein Lotto Jackpot. Angewachsen auf stattliche 90 Millionen. Herrlich. Man sorgt sich darum, wie man im hypothetischen Fall der Fälle mit dem Betrag umgehen würde, um nur nach einem Jahr keine Steuern zahlen zu müssen. Ich könnte schreien. Sollten sie mir 90 Prozent davon abnehmen, um es in Kriegsgeräte, Autobahnen, Diätenerhöhungen zu stecken oder um marode Banken zu retten – selbst mit 99 Prozent Abzügen zum Wohle der Allgemeinheit würde ich mich nicht beklagen. Nur her damit. Wo muss ich meine Kreuzchen machen?

Amüsiert schlendere ich eine Stunde später in der Abendsonne zurück zu meinem Zelt. Nachtisch fassen. Käse-Spätzle mit Röstzwiebeln - wie im Wirtshaus. Aus dem Hause derer, die Wasser in Dürregebieten abzapfen, wegtransportieren und es sich vergolden lassen, ohne dass der lokale Hungerleider etwas davon hat. Legitimiert von Regierungen und Grundbesitzern, die den kurzfristigen Profit mehr schätzen als heimische Interessen. Man sollte sie ja boykottieren, doch wer macht schon immer alles richtig?
Ohne die Probleme der Welt lösen zu können, nehme ich Kontakt mit Thomas auf, meiner Internetbekanntschaft aus Meinerzhagen. Ich teile ihm mit, dass ich Gummersbach, die Stadt nebenan, erst einen Tag später als ursprünglich geplant erreichen werde und ich mich am nächsten Abend nochmals bei ihm melde. Er schreibt mir zurück, dass wir es genau so machen sollen. Und ich solle mir in Brilon Schröders Grillstube nicht entgehen lassen. Eine Currywurst dort sei einen Besuch wert.
Anschließend nehme ich mir nochmals die Karte vor. Diesmal keine Speisekarte, sondern die Landkarte, die elektronische. Will ich über Stormbruch, Bontkirchen und Hoppecke nach Brilon oder fahre ich anders? Ein Blick auf das Höhenprofil beantwortet mir die Frage. Ich will anders. Nachdem die Alternativroute auf das Navi übertragen ist, schließe ich die Augen erneut. Es dauert nicht lange, und ich bekomme von dem, was um kurz nach zehn um mich herum geschieht, nichts mehr mit. Was so ein paar Kilometer nebst Höhenmetern mit einem anstellen. Das Leben kann so einfach sein.

Am Montag Morgen geht es zu gewohnter Stunde aus den Federn. Wobei – all zu sehr brauche ich mich nicht zu befreien. Auch wenn der Nebel um sieben noch zwischen den Hängen wabert, meine Wäsche auf der Leine benetzt und wahrscheinlich über dem See liegt – den Schlafsack brauchte ich mir nachts nur lose über zu legen. Nach einer kleinen Aufwärmrunde um die Talsperre sind jedoch die Schwaden verzogen, das Shirt im Fahrtwind auf der Haut getrocknet und die Sonne lacht. Wohin ich auch blicke, ich rolle durch ein Sauerland wie in der Reklame. Hügel, Wälder, blauer Himmel, ein paar weiße Wolken, ein See, in dem sich alles spiegelt. Ein Traum.
Die Realität holt mich ein zwischen Helminghausen und Messinghausen. Zwei mal 150 Höhenmeter zum Aufwachen. Die steileren, mit mehr als fünf Prozent. Schweiß fließt, doch es lohnt sich. Ein Reh springt vor mir über den Weg, das Federvieh kommuniziert lautstark, die Luft ist klar. Autos sind auf den kleinen Verbindungsstraßen so gut wie keine unterwegs. Lediglich in den Ortsdurchfahrten halte ich den einen oder anderen Lastwagen ein wenig auf, gelange jedoch schnell wieder auf Wege, die ich für mich alleine habe. Der Entschluss, meine Brockenrunde durch diese Mittelgebirgsregion laufen zu lassen, war goldrichtig, der Neustart nach der Panne bei Kassel aller Mühen wert.

In Brilon dann zum späten Vormittag eine kleine Pause. Zeit für ein Zweitfrühstück beziehungsweise Zuckerhaltiges zum Nachtanken. Schröders Grillstube entdecke ich nicht, statt dessen jedoch eine Bäckerei. Da mir für den Augenblick ein Käsebrötchen lieber ist als ein Manta-Teller (auch bekannt unter PCM beziehungsweise Pommes, Currywurst, Mayo), halte ich nicht weiter Ausschau nach der angepriesenen Frittenbude sondern richte mein Augenmerk auf etwas anderes. Um mit Thomas am Abend erneut in Verbindung treten zu können, muss ich Gesprächsguthaben auf dem Taschentelefon nachladen. Per SMS teilte mir der Dienstleistungsanbieter bereits mit, dass der Kontostand den Betrag von einem Euro unterschritten habe. Marktplatz, Rathaus und Stadttor der zeitweiligen Hansestadt geraten in Anbetracht der wirklich wichtigen Dinge im zivilisierten Dasein nahezu zur Nebensache.
Kaum liegen die altehrwürdigen Gebäude hinter mir, entdecke ich am Wegesrand ein Schild, das den Weg zum Discounter weist, der neben Limo und Süßem auch Ziffernfolgen zum Aufladen von Gesprächsguthaben im Sortiment führt. Ich folge dem Hinweis. Minuten später liegen eine Flasche sowie Süßigkeiten auf dem Band und ich greife zu den Gutscheinkarten, um eine davon hinzu zu legen, da beginnt die Dame hinter der Kasse wild und aufgeregt zu gestikulieren.
„Das geht nicht.“
Mein irritierter Blick löst eine leichte Panikattacke aus.
„Das funktioniert nicht. Legen sie das bitte wieder zurück.“
Ich weiß überhaupt nicht, was die Frau von mir will. Sie sieht es mir irgendwie an.
„It doesn't work. Please put it back.“
Auch nicht schlecht. Klar, könnte ja sein, dass ich kein Deutsch verstehe. Als ich den Gutschein zurück lege, entspannt sich der Gesichtsausdruck der Kassiererin.
Nachdem mein greifbarer Einkauf über den Scanner geschoben ist, hake ich nach: „was ist denn mit den Gutscheinen? Ich will mein Handy nachladen.“
„Es gibt zur Zeit Probleme mit dem Einlösen. Irgendetwas funktioniert da nicht. Bitte gedulden sie sich ein paar Tage.“

Nahezu abgeschnitten von Familie, Freundes- und Bekanntenkreis setze ich meine Fahrt fort. Für den Zweifelsfall brauche ich mich jedoch nicht zu sorgen. Hilfe sollte einfach zu arrangieren sein. Weite Teile der Strecke nach Meschede verlaufen entlang der B7, die hier zwar einspurig, dennoch aber stark frequentiert ist. Von Idylle und Beschaulichkeit muss ich mich jedoch verabschieden.
Kurz hinter Antfeld, spätestens aber in Bestwig, wird der Fahrradstreifen zum Ruhrtalradweg. Bekanntes Terrain, wenngleich mittlerweile sechs Jahre her. Die Tannenbaum-Plantagen kommen mir jedoch so vor, als sei ich erst kürzlich hier vorbei gefahren. Ebenso, dass es zwischenzeitlich mal den Hang hoch geht bis an den Waldrand. Gleichfalls vertraut ist die Vielzahl der Radler, die mit Taschen an den Drahteseln den Wegweisern folgen. Wie ich auch sind die meisten von ihnen flussabwärts unterwegs, was zur Folge hat, dass man ohne groß Kenntnis voneinander zu nehmen nahezu achtlos aneinander vorbei fährt. Selbst ein kurzes Nicken zum Gruße wird nur seltenst erwidert. Eine löbliche Ausnahme bildet ein Herren Quartett, das mich einen Hügel hinauf überholt.
„Sollen wir schieben helfen?“
E-Biker. Lachend winke ich ab, an der nächsten Bank hole ich die vier wieder ein. Sie machen Trinkpause. Ich stoppe ebenfalls und es entwickelt sich der nicht unübliche Smalltalk. Woher, wohin, wo sonst noch gewesen, ein bisschen herum blödeln und so weiter. Überrascht bin ich als ich höre, dass man nach Winterberg hinauf eine ehemalige Bahntrasse gefahren sei. Interessant. Hatte ich irgendwie ganz anders in Erinnerung, von Bad Berleburg aus. Nun aber überlegt man, wie weit man die Ruhr entlang radelt. Einer der Herren kommt aus Münster, andere aus Cloppenburg, und man will schließlich nicht zu früh Zuhause eintreffen. Schließlich erwarten die Ehefrauen erst am Samstag ihre Gatten zurück.

Meine nächsten ausgedehnteren Stopp gönne ich mir eine Viertelstunde später in Meschede. Ein Brötchen mit Leberkäse ist fällig, immerhin ist mittlerweile Mittag, sowie zum Nachtisch ein Eis. Auch die Sonne fordert ihren Tribut. Anschließend ist wieder Landstraße angesagt. Weiter der Ruhr folgend. Anstatt entlang der B7 nun auf dem Radweg, der neben der L 743 verläuft. Der Unterschied ist jedoch bestenfalls marginal.
Nach gut fünf Kilometern werde ich vom Autolärm erlöst. Kurz vor Wennemen knickt die Nordschleife des Sauerlandradrings ab. Zwar auch bereits seit zwei Jahren nichts Unbekanntes mehr für mich, doch deutlich ruhiger. Unmittelbar nach dem Überqueren der Gleise dann die Fortsetzung auf einstigen Schienenwegen. Die nächste Landstraße ist mindestens hundert Meter entfernt, Querungen gibt es so gut wie keine. Die Beschaffenheit des Bodens lässt mühelose Geschwindigkeiten um die zwanzig Stundenkilometer zu. Entsprechend radle ich gegen halb vier vorbei an einem Campingplatz, einem Sägewerk sowie an zahlreichen Infotafeln. Auf letzteren könnte ich mehr erfahren über das Leben in der Region und die vorherige Nutzung des Streckenabschnitts, doch ich begnüge mich damit, die Landschaft und mein Sein zu genießen.
Hinter Eslohe dann die Attraktion des Radwegs: der Fledermaustunnel. Im März 2016 stand ich dort vor verschlossenen Toren beziehungsweise folgte der Höhenmeter reicheren Umleitung, um die kleinen Flugsäuger nicht in ihrem Winterschlaf zu stören. Bei knapp 30 Grad sind die Stahltore diesmal geöffnet und ich tauche für knapp 700 Meter ein in eine andere Welt. Sie ist dunkel, feucht und kalt. Zu sehen gibt es in der Röhre so gut wie nichts – den Asphalt, das Gestein, in regelmäßigen Abständen die schummerige Beleuchtung unter der Decke. Zurück im Tageslicht dann der schwül-warme Hammer. Gemildert wird der Temperatursprung jedoch schnell durch den Fahrtwind. Die nächsten zehn Kilometer fällt die Strecke um hundert Meter sanft ab. Einen Grund zum Stehenbleiben gibt es eigentlich nur an den Stellen, an denen ausrangiertes Equipment am Wegesrand steht, was des Eisenbahners Herz höher schlagen lässt: alte Signalanlagen, Waggons, eine Lok.
Wenige Kilometer vor Finnentrop geht es schließlich wieder zurück auf die Straße. Prompt dauert es nicht lange und ich orientiere mich falsch. Als ich meinen Irrtum bemerke, rolle ich bereits den nächsten Hügel hinab. Umkehren? Besser nicht. Oder hätte ich doch? Erst im Ort stelle ich fest, dass es nicht gar so einfach ist, auf die andere Seite der Lenne zu gelangen, überlege es mir vor dem Bahnhof dreimal anders und wähle letztendlich den einfachsten Weg, der aber ebenso wahrscheinlich der ungeschickteste ist: ich fahre in den Kreisverkehr, überquere den Fluss und halte mich Richtung Attendorn/Olpe.
Interessant wird es, als in der stärker befahrenen Landstraße eine Baustelle eingerichtet ist. Eine Ampel lässt die Fahrzeuge immer nur in einer Richtung einspurig passieren. Es kommt, wie es kommen muss. Vor mir springt die Signalanlage um von grün auf rot. Nach dem Wechsel zurück ist das Chaos perfekt. In der Baustelle kann mich niemand überholen, da die Fahrspur zu eng ist. Nach der Baustelle sieht es nicht viel besser aus. Hier stehen ausreichend viele Fahrzeuge entgegen kommend an. Stau in beiden Richtungen. Außer unmittelbar vor mir.
Nach einigen hundert Metern muss ich meine Pole Position aufgeben. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite beginnt eine Radspur, die in beiden Richtungen zu nutzen ist. Ich bilde mir ein, förmlich ein Aufatmen hinter mir an den Lenkrädern zu vernehmen. Doch auch ich muss gestehen, dass es mir ganz recht ist, die Anführerrolle aufzugeben. Der Tross im Nacken trägt nicht unbedingt zum Wohlbefinden bei, außerdem gelange ich zurück auf geplanten Pfade.
Wenig später wird es nochmals ruhiger. Der Radweg knickt von der Straße ab und schlängelt sich entlang der Bigge. Nach hundert Kilometern und über 800 Höhenmetern beginne ich, nach einem Plätzchen für das Zelt Ausschau zu halten. Die Krux ist nur: so schön der Wald zur Linken ist, so steil liegt er am Hang. Und an das Wasser gelangt man auch nirgends.
Eine Hügelkuppe ist gerade überwunden, da kommt mir eine Frau mit dem Rad entgegen. Schiebend. Eine der wenigen, die keinen Motor unter dem Hintern hat. Wir kommen ins Gespräch und es dauert nicht lange, da klage ich ihr mein Leid.
„Kein Problem. Fahr einfach diesen Weg weiter bis Attendorn, lass die Tankstelle rechts liegen und fahre am Baumarkt vorbei. Die Straße führt dich direkt zum Campingplatz Waldenburg. Es sind maximal noch vier, fünf Kilometer. In einer halben Stunde sitzt du auf der Terrasse und vor dir dampft eine Tasse Kaffee.“
Wahrscheinlich ist es genau die Anlage, die ich mir in der Karte für den Notfall auserkoren hatte, nur dass meine Planung vorsah, durch den Wald über Serpentinen hoch dorthin zu gelangen. Vorsichtshalber hake ich nach.
„Habe ich da noch einen Anstieg vor mir?“
„Ja, stimmt, ein steiler Hügel bleibt dir zum Schluss nicht erspart. Vielleicht dauert es doch ein paar Minuten länger.“
Mit ihrer Abschätzung liegt die Dame nicht daneben, nur haben nach meiner Ankunft sowohl die Rezeption als auch ein Restaurant bereits geschlossen. Mit beidem kann ich jedoch gut leben. Ein Hausmeister hilft mir bezüglich der Anmeldeformalitäten und vermerkt außerdem, dass ich mir ein Radler aus dem Kühlschrank nehme. Nach einem Kaffee ist mir ohnehin nicht zumute. Die Flasche ist nach einem Mal ansetzen hingegen direkt leer. Anstiege machen die Kehle trocken. Bereitet auch das Leergut kein Kopfzerbrechen sondern wandert direkt in die dafür bereit stehende Kiste.

Obwohl der Campingplatz kein kleiner ist, habe ich ihn gefühlt für mich allein. Die Wohnwagen scheinen Dauercampern zu gehören und leer zu stehen, im Waschraum bin ich der einzige, ich habe lediglich am nächsten Morgen den Eindruck, ein Hund hätte sein Bein an meinem Zelt gehoben. Sauerei. Als mir beim Aufbruch ein Hundehalter über den Weg läuft, dessen Vierbeiner frei umher streunt, spreche ich ihn darauf an.
„Nein, kann mein Hund nicht gewesen sein. Der macht so etwas nicht.“
Genau die Antwort, die ich erwartet hatte …
Ähnlich verhält es sich mit der, die ich von der Rezeptionistin erhalte.
„Gegenüber am Straßenrand steht etwas von einer Aussichtsplattform, von der aus man über die Talsperre schauen kann. Ist das weit entfernt?“
„800 Meter. Aber es geht ziemlich steil einen Waldweg hinauf.“
Ein Radwegweiser verkündet Ähnliches. Elf Prozent Steigung. Ich verzichte auf den Ausblick. Wurmt mich zwar ein wenig, doch argumentativ mache ich es mir leicht: es ist noch diesig. Ebenso leicht mache ich es mir mit der Route. Zogen Thomas und ich am Vorabend zunächst in Erwägung, dass wir uns in Olpe am Schwimmbad treffen, sofern er sein Rad wieder in Gang bekommt, so klingelte eine dreiviertel Stunde später erneut das Telefon. Die Absage. Wird nichts. Er benötige bei Wartungsarbeiten an der Bremse professionelle Unterstützung. Müssen wir ein Treffen auf ein andermal verschieben. Spätestens bei einem Rudelradeln sollten wir uns jedoch begegnen. Die Sternfahrt in Köln in zwei Wochen, zur Critical Mass am letzten Freitag im Monat – irgendwie so was. In der Zwischenzeit hatte ich jedoch dem Navi den Weg um den Biggesee sowie die Bahntrasse zur Agger beigebracht.
Kind der Berge hin oder her, mit der neuen Route auf dem elektronischen Wegweiser will ich die Strecke auch kennen lernen. Zudem rede ich mir ein, dass die Höhenmeter zwischen Diemelsee und Brilon auch ausreichen könnten, um den nicht exklusiven Titel für mich zu beanspruchen. Ganz so einfach bekomme ich es jedoch nicht gemacht. Der erste Kilometer ist gerade geradelt, da steht in voller Wegesbreite vor mir ein Absperrgitter. Am anderen Ende des Biggedamms erahne ich ein zweites. Dazwischen ist keine Menschenseele zu sehen. Obwohl hinter mir ebensowenig, mache ich ausnahmsweise vor der Barriere kehrt. Ein zudem an einen Baum gespannte Trassierband spricht eine klare Sprache. Man möchte keine Passanten. Eine Aufforderung, die mir noch zwei weitere Male begegnen soll. Einstweilen tröste ich mich damit, dass der Weg Richtung Olpe ohnehin anders herum ausgewiesen ist und folge der Beschilderung im Uhrzeigersinn um die Talsperre.
An dem, was der Ruhrverband als Betreiber des Trinkwasserreservoirs Spaziergängern und Radlern zur Nutzung überlässt, gibt es aus meinem Blickwinkel einstweilen nichts auszusetzen. Der Weg entlang des Ufers ist geteert, breit und für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Wie es an Wochenenden oder Feiertagen aussieht, vermag ich mir nicht auszumalen, an dem Dienstagmorgen, an dem ich unterwegs bin, geht es jedoch ruhig zu. Ein paar Spaziergänger sind unterwegs, ein paar Radfahrer, die meiste Zeit über ist jedoch niemand zu sehen. Dass der Weg auch mal ein Stück den Hügel hoch führt? In meinen Augen nichts Verwerfliches. Auf der anderen Seite geht es wieder bergab. Vorbei an der Gilberginsel folge ich einigen Verästelungen, komme durch Sondern, dann erreiche ich nach knapp zwanzig Kilometern um kurz vor elf Olpe. Dass die Durchschnittsgeschwindigkeit unter zehn Stundenkilometern liegt stört mich nicht. Unterwegs plaudere ich eine Weile mit einem Rentnerpärchen sowie einer Dame. Schwinge ich mit ersterem irgendwo auf einer Wellenlänge, so versucht zweitere, mich als Kunden zu gewinnen. Es beginnt unverfänglich und nicht ungewohnt.
„Sieht anstrengend aus, mit solch einem Teil die Berge hoch zu kommen.“
Schweißperlen stehen mir auf der Stirn, auch das T-Shirt wird nicht ganz frei von Spuren des Hügels sein. Augenblicke später sind die paar Meter Höhenunterschied überwunden, die uns trennten. Die ersten Sätze sind normales Geplänkel.
„Interessieren sie sich für Wellness?“
„Mit dem Rad zu reisen ist für mich Wellness.“
Erste skeptische Blicke.
„Ich könnte ihnen etwas gegen Muskelkater empfehlen.“
„Nicht nötig, habe ich bereits. Wenn es morgens in den Beinen zieht, mache ich damit weiter, womit ich abends aufgehört habe. Spätestens nach einer halben Stunde ist das Thema gegessen. Ist ja auch keine Krankheit.“
„Na ja, sollten sie Interesse an Magnetschmuck haben, ich gebe ihnen mal mein Kärtchen. Der Schmuck hilft, die roten Blutkörper zu entklumpen. Sieht gut aus und sie tun etwas für ihre Gesundheit.“
Höflich wie ich bin, revanchiere ich mich mit meinen Kontaktdaten auf Karton, auch wenn ich so gut wie nichts zu verkaufen habe, dann wünschen wir einander noch einen schönen Tag.

Waren die 18 Kilometer vor Olpe bereits ein Beitrag, meinen Körper keinen unnötigen Risiken auszuliefern, so sind es die folgenden ebenso. Der Tipp meiner Internetbekanntschaft, dem Bergischen Panorama-Radweg beziehungsweise dem Alleenradweg Aggertalbahn zu folgen, ist Gold wert. Weitestgehend ohne Gefahr zu laufen, unter all zu schnelle Räder zu kommen, radelt es sich unbeschwert durch die Landschaft. Fahrbahnbegrenzungen sorgen dafür, den rechten Weg nicht zu verlassen, Asphalt, dass es sich leicht strampeln lässt, und einen blauen Himmel sowie eine strahlende Sonne gibt es noch dazu. Zum Einstieg in die Piste sind noch ein paar enge Kurven zu nehmen, danach sind die Radien weiter. Die Anstiege sind von Anfang an nahezu so, wie man sie auf derartigen Trassen erwarten darf – von wenigen Ausnahmen abgesehen sehr moderat. Lediglich an den wenigen Stellen, an denen der einstiege Schienenweg anders genutzt oder noch nicht umfunktioniert wurde, gibt es steilere Rampen, engere Kurven oder kreuzende Straßen, ansonsten gibt es nichts, was den Fahrspaß bremst. Auf den zehn Kilometern bis Wegeringhausen geht es so noch einmal hundert Meter den Hügel hinauf, mit der Einfahrt in den dortigen Tunnel folgen zehn Kilometer mit zwei Prozent Gefälle. Überholte mich kurz vor der Röhre noch ein Rennradler, so lasse ich ihn auf den 700 Metern durch den Berg hinter mir, doch er bleibt mir im Nacken. An einer kleinen Kreuzung stellt er sich neben mich und strahlt mich an.
„Das ist ja super. Ich bin die Strecke hier schon so oft auf der Straße gefahren, wohne auch in der Nähe, aber auf die Idee, es mal auf der Bahntrasse zu versuchen, hast du mich erst gebracht.“
Ich muss dem Mann gestehen, dass die Idee ebenfalls nicht ganz auf meinem Mist gewachsen ist, bin aber nicht weniger begeistert. Nachdem weitere Nebensächlichkeiten wie das Woher und Wohin geklärt sind und ich erfahre, dass mein Verfolger ebenfalls lange Zeit in Köln lebte, bekomme ich zu hören: „ich fahre mal noch eine Weile hinter dir her. Bevor ich abbiege, sage ich dir Bescheid. Bis Engelskirchen mitzukommen ist mir aber zu weit. Ich werde mich vorher Richtung Bielstein ausklinken.“
In weiterhin für mich rasantem Tempo geht es weiter im Duett. Ich vorneweg, der Mann mit dem Sportgerät unter dem Hintern einige Meter hinterher. Über weite Strecken hinweg gelingt es mir, eine Drei in der Zehnerstelle der Geschwindigkeitsanzeige zu halten, doch in Dieringhausen endet der Spaß. Die zum Radweg umgebaute Bahntrasse endet, entlang der Agger geht es an der Straße weiter. An einer roten Ampel wechsele ich nochmals ein paar Worte mit dem Rennradler, auf halber Strecke nach Engelskirchen verabschiedet er sich dann von mir.
Die folgenden Kilometer sind eher trostlos, doch ich wusste so einigermaßen, worauf ich mich einlasse. In Gegenrichtung war ich die Strecke schließlich bereits einmal gefahren. Entlang des Flusses auf der B 484. Mit ruhigem und entspanntem dahin Radeln ist es vorbei. Ständig donnern Autos und Lastwagen an mir vorbei, alle paar Kilometer darf ich die Straßenseite wechseln, halte ich mich an die verpflichtende Beschilderung, zwischendurch Ampeln.
In Engelskirchen mache ich kurz Halt an einem Supermarkt. Zur Abwechselung erstehe ich mir einen Salat. Am „Loopacabana“, einem Freizeitpark am Aggerstau in Loope, ein paar Kilometer weiter, ist der Punkt erreicht, an dem ich mich über den Einkauf hermache. Die Straße im Rücken, hinter einem kleinen Damm, den Fluss vor der Nase, mit den Wohnwagen am gegenüber liegenden Ufer, Schatten spendendes Blätterwerk über mir – an sich ist der Platz perfekt. Das einzige was nervt ist das Rauschen des Verkehrs. Der Lärmschutzwall schluckt leider nicht alles. Doch egal. Ich lasse mir den Appetit nicht nehmen und genieße die Aussicht, lasse die Augen auf dem Wasser ruhen. Nach dem Essen bette ich mich um auf eine Sitzbank. Siesta. Eine halbe Stunde. Weil es so schön ist. Damit es nicht ausufert, mit gestelltem Wecker.
Hatte ich zunächst vorgehabt, hier die Tagesetappe ausklingen zu lassen, so entscheide ich mich nach dem geplatzten Treffen mit der Internetbekanntschaft anders. Nach 65 Kilometern ist es mir um drei noch zu früh, den nahe gelegenen Campingplatz aufzusuchen, auf dem ich vier Jahre zuvor meine Behausung erstmals aufschlug. Seinerzeit brach ich zu etwa gleicher Zeit auf und landete nach gut zwei Stunden hier, heute also die Wiederholung, nur anders herum. 45 Kilometer liegen noch vor mir. Entsprechend rufe ich Ute an und warne sie vor.
Die Strecke vorbei an Overath, Wahlscheid und Donrath unterscheidet sich nicht großartig von den vorangegangenen Kilometern. Bundesstraße. Vielleicht hätte ich doch im Vorfeld der Tour einen Blick auf die Karte werfen und mich für eine parallel verlaufende Route entscheiden sollen. Wären mir zumindest vielleicht auf ein paar Kilometern das Getöse, immer wieder Autos auf dem Radweg sowie Fahrbahnwechsel erspart geblieben.
Kurz vor Lohmar habe ich genug. Ein Radwegweiser lotst nach Köln fahrende anders als mein Navi. Ich folge der Beschilderung. Der Erfolg ist bahnbrechend. Anstatt des Lärms auf der Schnellstraße habe ich nun den der Autobahn zur Linken. Toller Tausch.
Ab der nächsten Aggerbrücke weiß ich es besser. Ich biege ab in ein Waldgebiet. Es ist Teil der Wahner Heide. Vertrautes Gelände. Häufig genug Ziel einer Feierabendrunde. Gelegentlich donnert nun ein Flugzeug im Landeanflug über mich hinweg. Es folgen nochmals fünfzig Meter auf Asphalt einen Hügel hinauf sowie ebenso viele auf einer Holperpiste hinab, ein paar Kilometer über Felder, dann ist der Punkt erreicht, an dem ich vier Tage zuvor startete und der Brocken weitläufig aus eigener Kraft umrundet. Dass ich den Ausspruch bestätigen könnte, der Heinrich Heine unterstellt wird? Viele Steine, müde Beine, Aussicht keine? Nicht ganz. Es gab tolle Aussichten, wenngleich die auf dem höchsten Punkt im Harz natürlich von einer besseren Fernsicht hätte gekrönt sein dürfen, ebenso die vom Hermann und Herkules aus, doch die müden Beine, sie wurden auch häufig genug belohnt. Insgesamt eine Tour, die ich mit nur leichten Korrekturen sowie etwas mehr Glück mit dem Material nur weiterempfehlen kann.