auf den Spuren von Ute & Dirk Prüter

Eifel Höhen Route

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Ostern 2015 – die dunkle Jahreszeit ist seit einer Woche Vergangenheit und es stellt sich die Frage, was tun, am ersten langen Wochenende des Jahres.
Formentera?
An sich gerne, doch ohne Urlaub stehen die Kosten für die An-/Abreise nicht im richtigen Verhältnis zur Zeit auf der Insel.
Also eine Radtour – wäre ja auch nicht das erste Mal. Nach den letzten drei Jahre zuvor quasi fast schon so etwas wie Tradition, doch die Begeisterung im Kreise potentieller Mitstreiter hält sich in Grenzen. Außerdem gilt es zu klären, wohin beziehungsweise woher soll es gehen?
Die Paderborner Land Route liegt noch vom Vorjahr so gut wie in der elektronischen Schublade, der Sauerland Radring hört sich auch nicht schlecht an, ist mit gut 120 Kilometern aber eher etwas für ein normales Wochenende, außerdem gibt es auf der Nordschleife laut Internetseite eine Baustelle bis mindestens Juni, und andere populäre Ziele wie der Bodensee oder das Altmühltal erscheinen weiterhin zu weit entfernt für einen einfachen und schnellen Start in die Pedalen. Als dann auch noch Utes Rad ungewollt den Besitzer wechselt und die Wettervorhersage eher nasskaltes Schmuddelwetter prognostiziert steht fest, ich werde mich alleine auf den Weg machen. Karfreitag wird noch im Kreise der Familie im Sauerland dafür gesorgt, dass ein paar Forellen nicht umsonst gestorben sind, Samstag Vormittag sollte es dann los gehen.
Ziehe ich zunächst eine Tour in Betracht, die ebenso vor der Haustür startet wie endet und mich zwischenzeitlich an den Rand der Eifel führt, so disponiere ich um, als ich im Zuge der Vorbereitung auf der elektronischen Karte in der Zielregion einen nicht endend wollenden Radweg entdecke – die Eifel-Höhen-Route. 230 Kilometer lang, knapp 4000 Höhenmeter, gelegen zwischen 662 Meter hohen Gipfeln und 204 Meter tiefen Tälern, bis an die belgische Grenze reichend. Ein abwechslungsreicher wie sportlich anspruchsvoller Rundkurs mit atemberaubenden Panoramablicken, so die Tourenseite im Netz. Klingt gar nicht so schlecht, denke ich mir, und dass es eine Alternativstrecke gibt, die zwar 40 Kilometer kürzer ist, dafür aber Pfade über bislang unbekanntes Terrain enthält, macht die Sache für mich nicht unattraktiver, decken sich Teile der Strecke mit Abschnitten, die ich entlang der Rur sowie der Erft-Ahr-Rhein-Tour bereits unter den Rädern hatte. Ein GPS-Track steht zum Herunterladen zur Verfügung, und so sind die Vorbereitungen schnell getroffen.
Die Ausrüstung liegt mehr oder weniger griffbereit zur Hand. Zelt, Schlafsack, Isomatte, Kocher, ein paar warme Anziehsachen, und – eine Neuanschaffung – ein Wasserbeutel mit Duschaufsatz. Es lebe das autarke Leben im Freien! Zunächst geht es mit der S-Bahn zum Kölner Hauptbahnhof, dann heißt es umsteigen – in den Eifel Express, Richtung Trier. Was sich nach Hochgeschwindigkeit anhört ist jedoch ein Bummelzug, der an jeder Milchkanne hält. Nein, gar so schlimm ist es nicht, und dass ich für 14 Euro mit einem Ticket des regionalen Verkehrsverbundes nicht mehr als eine Regionalbahn erwarten kann, war von vornherein klar, zumal ich mir einbilde, auf der Linie bereits bis an die Endhaltestelle gefahren zu sein, um von dort aus der Mosel zu folgen. Wie auch immer - mit mir steigt an diesem Ostersamstag Vormittag ein anderer Radler ein, wir stoßen auf zwei weitere, und ein paar Haltestellen später steigt noch ein Pärchen mit Drahteseln hinzu. Da sonst nicht viele Reisenden unterwegs sind, gibt es mit dem zur Verfügung stehenden Platz keine Probleme – trotz diverser Packtaschen, die an den Velos lasten. Im Verlauf der Fahrt erfahre ich etwas über Touren durch Irland und Griechenland, revanchiere mich meinerseits mit Anekdoten aus dem noch jungen Reiseradlerleben, und schnell ist die Stunde Fahrtzeit verbracht. Dass ich die Strecke hätte verkürzen können, indem ich in Mechernich, Kall, Urft oder Nettersheim ausgestiegen wäre? Geschenkt, die gut 20 Minuten mehr bis Blankenheim-Wald bringen mich nicht um und machen mir das Leben einfacher, wie ich zwei Tage später feststellen soll.
Zunächst einmal aber schießen mir wüste Verwünschungen durch den Kopf, als ich vom Bahnsteig aus auf die Piste kommen will. Es ist nicht der Schneeregen, der mich stört, es ist das was ich sehe als ich in die Richtung blicke, in die ein Wegweiser mit dem Schriftzug „Rad- und Wanderwege“ zeigt. Es geht abwärts. In eine Unterführung. Ein paar Meter weiter geht es nach Unterquerung der Gleise in umgekehrter Weise wieder nach oben. Beide Male über Treppen, ohne jegliche Vorkehrungen, die es dem Radler erleichtern, den Höhenunterschied mit seinem Gefährt zu bewältigen – mit den gefüllten Taschen am Rad alles andere als ein Vergnügen. Nach erfolgter Bezwingung der ersten Höhenmeter folgt der Weg entlang einer Landstraße nach Blankenheim, dem Ort, dem die Ahr entspringt. Ich durchfahre ein mittelalterliches Stadttor, rappel über das wahrscheinlich nicht minder betagte Kopfsteinpflaster, dann stehe ich an der Quelle. Aus dem Keller eines Fachwerkhauses sprudelt das Wasser in einen Kanal, das nach 85 Kilometern durch Wiesen und Täler den Rhein speist. Für mich geht es aber zunächst in anderer Richtung Hügel aufwärts weiter, an den Rand des Ortes, bis in einem Gewerbegebiet die nächsten Komplikationen auf mich warten. Eine Baustelle. Mangels Umleitungsempfehlung für Pedalisten nehme ich die Konfrontation an und weiche dem Gegenverkehr in der Einbahnstraße mal auf dem Zweck entfremdeten Gehweg, mal auf dem Schotter der Baustelle aus, dann wird es ruhiger. Es folgen intakte Wirtschaftswege, auf denen ich entlang von Feldern sowie durch kleinere Dörfer einen Vorgeschmack bekomme auf das, was mich auf dem Rest der Strecke erwartet. Eine mehr oder minder stetige Berg- und Talfahrt. Ebene Strecken? Mangelware – aber wie verspricht es ja auch so schön treffend die Internetseite der Route: sportlich anspruchsvoll. Und irgendwo müssen sie ja auch herkommen, die Höhenmeter. Die atemberaubenden Panoramablicke kann ich bei Schnee- und Grieselschauern noch nicht nachempfinden. Die Fernsicht beschränkt sich auf wenige Kilometer, dann verschwimmen die Konturen zwischen Hügel und Wolken im Grau ineinander.
Nach zwei Stunden stehe ich am Ufer des Freilinger Sees. Der Campingplatz, auf dem Ute und ich vor vier Jahren übernachteten, liegt zwar nur ein paar hundert Meter weit entfernt, jedoch ebenso im Dunst. Aus der Ferne sind zwar Wohnwagen zu erkennen, doch außer zwei Männern, die bei laufendem Motor in einem VW Bulli auf einem Parkplatz hinter der Windschutzscheibe hocken und die Luft verpesten, erscheint die Gegend ausgestorben. Ich nutze die Gunst der Stunde, mir in einem Unterstand ein Brötchen trocken einzuverleiben. Wie bereits befürchtet stelle ich fest, es ist kein Wetter, das zu ausgedehnteren Pausen einlädt, aber immerhin lässt der Niederschlag langsam nach – und nicht nur, weil ich ein Dach über dem Kopf habe.
Ein paar Kilometer weiter gelange ich erneut an die Ahr, die mir nun noch Wasser reicher entgegen sprudelt, radle dem noch jungen Fluss einige hundert Meter entgegen, dann geht es ab Ahrhütte entlang des zuströmenden Fuhrbachs und über Felder weiter. Wenig später gabelt sich der Weg. Die Schilder der Route weisen in beide Richtungen, getreu dem Motto, alle Wege führen nach Rom. Entgegen dem Vorschlag des Navis, mich links zu halten und auf aufgeweichtem Pfad über Schotter dem nächsten Bach zu folgen, entscheide ich mich für die Alternative über den Asphalt. Die Anzahl Autos, denen ich begegne, kann ich an den Fingern einer Hand abzählen. Auf halber Strecke vor Ripsdorf, dem Ort, in dem die beiden Wege wieder aufeinander treffen, eine kleine Sehenswürdigkeit am Wegesrand. Ein Steinbruch. Einer Hinweistafel entnehme ich, dass die Felsen, vor denen ich stehe, sich vor Urzeiten in Höhe des Äquators befunden haben sollen, interpretiert man Versteinerungen von Korallen richtig. Dass ich mich in einer Gegend mit bewegter Geschichte befinde, darüber belehren mich auch Schilder an anderer Stelle. Dort geht es hingegen um Entdeckungen aus jüngerer Vergangenheit. Aus der Zeit, als es die Römer gen Norden trieb. Ein Netz von Wegen und Kanälen sollen sie hinterlassen haben, unter anderem zur Versorgung Kölns mit frischen Eifel-Quellwasser. Neben den Zeitzeugen beeindruckt die Landschaft, insbesondere dann, wenn ich mich auf einem der Höhenzüge befinde, die Wolkendecke aufreißt, der blaue Himmel sowie einige Sonnenstrahlen zum Vorschein kommen und den Hügeln Farbe verleihen. Dass es weiterhin frisch bleibt sorgt in Verbindung mit den nassgeschwitzten Klamotten auf dem Leibe, die Anstiege bleiben nicht ganz spurlos, dafür, dass die Pausen kurz bleiben, und so erreiche ich noch vor 18:00 Uhr das ins Auge gefasste Tagesziel. Gut, direkt neben dem Unterstand am Prether Bach schlage ich das Zelt dann doch nicht auf, als ich auf der anderen Uferseite noch einen Flecken sichte, auf den ein paar Sonnenstrahlen fallen, aber so ganz weit entfernt liegt mein Zeltplatz nicht von dem, den ich bereits Zuhause auserkoren hatte. Obwohl das Dach über dem Kopf schnell aufgebaut ist, ist die Sonne hinter dem Hügel für den Tag verschwunden, als ich mich dem Duschen widme.
Den Wasserbeutel zu füllen gestaltet sich unproblematisch. Eine Stelle zu finden, an dem ich den Sack aufhängen kann, ist schon kniffliger – knapp 10 Kilo verlangen einen doch etwas stärkeren Ast, ist es doch mein Bestreben, mich quasi wie gewohnt mit beiden Händen frei unter dem Wasser bewegen zu können. Was anschließend folgt, ist wohl am treffendsten mit dem Wort „vitalisierend“ zu beschreiben. Die gezapfte Flüssigkeit ist keinesfalls wärmer als die Luft, die wiederum sich im unteren einstelligen Bereich über dem Gefrierpunkt bewegen dürfte. Das Empfinden ist ein ähnliches, wie das Eintauchen in das Eisbad nach einem Saunagang – nur, dass der Körper nicht so erhitzt ist. Aber was soll´s, ich hab´s ja nicht anders gewollt, und zehn Minuten später, als ich frisch gewaschen in trocknen, sauberen und wärmenden Klamotten stecke, tut es auch schon gar nicht mehr weh. Es ist eher ein angenehmes bis nahezu euphorisches Gefühl, das mich beschleicht: wildes Campen, ohne auf eine Dusche verzichten zu müssen; Freiheit und Luxus schließen einander nicht aus. Welch eine Erfahrung!
Vom Schweiß des Tages befreit lässt das nächste Abenteuer allerdings nicht lange auf sich warten. Der Kocher ist gerade aufgebaut, die Konservendose steht bereits parat, da stelle ich fest, dass ich den Deckel des Brenners nicht aufbekomme. Denkbar schlechte Voraussetzungen für die Aussicht auf eine warme Mahlzeit fern ab der nächsten Pizzeria, Frittenbude oder gehobenerer Küche. Hätte ich eine Wasserpumpenzange oder einen Schraubstock zur Hand, ich würde auch vor dem Einsatz brachialer Gewalt nicht zurück schrecken, stattdessen aber stehen mir nur Geduld und Spucke zur Verfügung, was jedoch dazu führt, dass das Material unversehrt bleibt. Letzten Endes werden meine Anstrengungen von Erfolg gekrönt, muss doch nicht darben und kann den Tag bei wieder einsetzendem Schneegriesel gegen 21:30 Uhr ohne Loch im Bauch ausklingen lassen.
Auf Raureif bedeckter Wiese startet der Ostersonntag zunächst grau, wartet aber im Tagesverlauf immer wieder mit sonnigen Momenten auf. Bevor es weiter geht, darf ich jedoch weitere Erfahrungen hinsichtlich des Lebens in der Wildnis sammeln, als ich feststelle, dass dem noch ausreichend gefüllten Wassersack kein Tropfen für die morgendliche handvoll Wasser durch das Gesicht zu entlocken ist. Haben sich Schwebeteilchen vor dem Verschluss abgesetzt, oder ein Blatt? Schon seltsam – der einzige Unterschied zur Dusche am Vorabend ist, dass anstelle des Aufsatzes mit mehreren kleinen Löchern das Wasser nun durch die einstrahlige Variante mit regulierbarer Durchflussmenge strömen soll.
Nach einigem erfolglosen Hantieren beschließe ich, zunächst einmal meine Ausrüstung so weit es geht einzupacken und ziehe bereits für den Notfall in Betracht, noch einmal frisches Wasser aufzufüllen. Als ich mit dem Lappen jedoch das Zelt trocken wische und wenig später dort, wo zuvor das Kondenswasser den Stoff benetzte, ich eine hauchdünne Eisschicht bemerke, habe ich eine Idee, was das Wasser am Entweichen aus dem Beutel hindert und richtig, ein Griff in den Beutel bestätigt den Verdacht – um das Ventil herum ertaste ich Gefrorenes. Problem erkannt, Gefahr gebannt - mit wenigen Handgriffen führe ich einen Wechsel des Aggregatzustandes herbei, womit dem allmorgendlichen Ritual der Körper- und Zahnpflege nichts mehr im Wege steht.
Die wenigen Kilometer bis Hellenthal sind bestens geeignet, um wieder in Schwung zu kommen. Entlang des Bachs, aus dem ich mein Wasser zapfte, gelange ich auf ebenem Waldweg in das Dorf, von dem aus der erste Anstieg mich an die Oleftalsperre führt. Ein paar Jogger, ein Mountainbiker, sonst ist niemand unterwegs und ich habe den Seeuferweg für mich allein, an dem sich zur Rechten ein bewaldeter Hügel erstreckt, zur Linken ruhig der künstliche See liegt. Irgendwo auf halber Strecke bediene ich mich eines dahin plätschernden Baches und fülle die Trinkflaschen, dann geht es dorthin, wo das Wasser her kommt – die gut 100 Meter den Hügel hinauf. Die ersten zwei Kehren nehme ich noch aus dem Sattel heraus, dann wird es steiler, der Boden rutschiger und ich steige ab. Nachdem der Höhenzug erklommen ist fühle ich mich reif für das Frühstück. An einem Parkplatz für Wanderer an einer Bundesstraße breite ich mich aus. Die belgische Grenze liegt nur wenige hundert Meter entfernt, der rustikale Holztisch bekommt ein paar Sonnenstrahlen ab, wenn nicht gerade dickere Wolken vorüber ziehen, und es dauert nicht lange, da kocht das Wasser für den Kaffee und ich löffele eine Ladung Müsli nach der nächsten in mich hinein.
Entsprechend gestärkt geht es eine gute halbe Stunde später weiter – zurück in den Wald und mehr oder weniger entlang der Staatsgrenze. Auf belgischer Seite liegt der Beschilderung nach ein Truppenübungsplatz, doch an diesem Sonntag Vormittag lässt man die Streitmacht des Landes offensichtlich eher im heimischen Garten nach Ostereiern suchen als sie durch das Gelände zu scheuchen. Mehr hingegen ist auf deutscher Seite nach einigen Biegungen los. Mit Rucksack und in Wanderstiefeln sind zahlreiche Pärchen, Familien wie auch größere Gruppen auf dem Wanderweg unterwegs, der sich mit meinem Radweg deckt.
Irgendwann spreche ich einen allein dahin marschierenden Herrn an, was denn hier los sei. Volkswandern, etwas organisiertes? Nichts dergleichen, klärt mich der Mann auf, nur ein beliebter Rundkurs. Er selbst käme aus Krefeld, habe also auch gut 100 Kilometer Anreise mit dem Auto hinter sich, und wäre es die Tage zuvor sonniger gewesen, würden Heerscharen von Wanderern und Spaziergängern die Wege einnehmen. Busladungsweise würden die Naturliebhaber heran gekarrt werden. An Radfahren sei dann überhaupt nicht zu denken. Grund seien die Wildnarzissen, die die Wiesen des Perlbachtals in gelber Pracht erstrahlen ließen. Entsprechend halte ich nach den Hinweisen Ausschau nach den Blumen, und tatsächlich, vereinzelt entdecke ich sich öffnende Blüten. Ansonsten genieße ich die Weitläufigkeit des Tals, den sich durch die Wiese schlängelnde Perlenbach, rechts und links die sanft aufragenden bewaldeten Hügel, das Ganze bei stellenweise blauem Himmel. Von den Flussperlmuscheln, denen der Bach seinen Namen verdankt, sehe ich nichts, was aber auch nicht überrascht. Die wenigen uralten Exemplare der nahezu ausgestorbenen Spezies, die noch existieren sollen, finden sich Wikipedia nach nur an versteckten Stellen, die vom Rad- beziehungsweise Wanderweg aus mit Sicherheit nicht zu entdecken sind.
Über Kalterherberg gelange ich nach Küchelscheid, wo ich an den Fluss gelange, in den sich Kilometer weiter abwärts kurz vor Monschau der Perlenbach ergießt – die Rur. Der folgende Abschnitt ist mir noch bekannt vom Vorjahr, als ich dem Fluss von seiner Quelle bis zur Mündung in die Maas gefolgt war. Die Zahl zu bewältigender Höhenmeter nimmt in dem Umfang ab, in dem das Genussradeln zunimmt. Entsprechend erliege ich den Reizen und gönne mir in Monschau im regen Treiben am Marktplatz in einer der geöffneten Bäckereien ein Stück Kuchen. Ob es die Fachwerkhäuser sind, die Museen oder die Cafés, die aus der einstigen Tuchmacherstadt einen Touristenanziehungspunkt machen, ist nicht auszumachen. Vielleicht ist es einfach nur ein Effekt wie bei den Lemmingen – einfach den anderen hinterher. Anstelle die Klippen herunter verteilen sich hier die Massen auf die Gastronomiebetriebe und Souvenirläden, zumindest, so weit ich es wahrnehme.
Nachdem das Städtchen hinter mir liegt, wird es wieder ruhiger und beschaulicher. Ich folge weiter der Rur bis an die Stelle, wo die Urft von Osten aus kommend dazu stößt. Von der Staumauer an biege ich ab auf das nördliche Ufer des Zulaufs und verlasse damit mir bereits bekannte Pfade. Kommen mir bis zur nächsten Staumauer noch hin und wieder Spaziergänger entgegen, bis zum dortigen Lokal verkehrt ein Ausflugsdampfer, wird es jenseits der Wasserbarriere leerer. Der Weg bleibt befestigt und gut befahrbar, und dort, wo keine Hügel und Bäume Schatten werfen, wärmen die Strahlen der Sonne am späten Nachmittag. Unterhalb der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang beschließe ich, das dort ein geeigneter Platz zum Übernachten sei. Bis die ersten Spaziergänger aus Gemünd, dem nächsten Ort, eintreffen, sollte das Lager wieder abgebaut sein, das Schild, welches das Zelten verbietet, steht außer Sichtweite, und ein Bach mit meinem Duschwasser verläuft nicht weit entfernt. Nach guten 70 Kilometern mit knapp 1100 Höhenmetern, gegenüber dem Vortag fünf Kilometer mehr, dafür aber 200 Meter weniger bergauf, lass ich mir noch eine gute Stunde Zeit, schmökere noch ein wenig im Campingstuhl sitzend auf dem Smartphone in einem E-Book, dann breite ich mich aus. Für die Aufhängung der Dusche muss ein Wegweiser herhalten, doch er schlägt sich tapfer – das umher stehende Gestrüpp macht eher einen ungeeigneten Eindruck. Wie bereits tags zuvor hat die Reinigung etwas Belebendes, doch gegen 21:30 Uhr ist die Wirkung verflogen, ich schließe die Augen und genieße eine friedvolle wie geruhsame Nacht. Keine selbst ernannten wie offiziell berufenen Ordnungshüter, die mich in meinen Träumen der voran gegangenen Nacht maßregelten, niemand, der mir im Unterbewusstsein Gepäck und Fahrrad stiehlt und noch nicht einmal Schnellstraßen, Bahnlinien oder Einflugschneisen, die nerven – einfach nur eine herrliche Ruhe.
Ausgeruht verlasse ich am nächsten Morgen um 09:00 Uhr meinen Schlafplatz. In Gemünd lasse ich mir eine halbe Stunde später in einem Café ein Frühstück schmecken – zur Feier des Tages, immerhin ist ja noch Ostern, mal kein Müsli bei lausigen Temperaturen – zumindest noch nicht. Beim erneuten Aufbruch dann noch ein kurzer Plausch mit einem Gleichgesinnten, der mich vor der Tür beim „Aufsatteln“ anspricht; seine Radsaison beginne in vier Wochen, wenn es hoffentlich beginnt, wärmer zu werden. Eine Fahrt nach Emden sei geplant, auf niederländischer Seite.
Mich zieht es weiter gen Osten. Über viel Asphalt und begleitet vom Straßenverkehr gelange ich nach Kall, dann geht es weiter über die Dörfer nach Mechernich. Der Weg nach Keldenich ist dann wieder richtig ländlich und ruhig. Bei arg bedecktem Himmel verzichte ich auf Abstecher zum Freilichtmuseum in Kommern oder zur Kakushöhle, wie ich mir auch tags zuvor die 10 Kilometer zur Burg Reifferscheid sparte. Statt dessen studiere ich die Hinweistafeln zu Römerkanal sowie Agrippastrasse und mache bei einem Zweitfrühstück zur Mittagszeit Bekanntschaft mit zwei Belgiern, die ebenfalls mit dem Rad unterwegs sind.
Entlang der Urft und der Bahnlinie nähere ich mich schließlich wieder meinem Ausgangspunkt Blankenheim Wald, wo ich um kurz nach 15:00 Uhr dem Navi entnehme, dass ich in insgesamt knapp 14 Stunden in Bewegung 192 Kilometer zurück gelegt und dabei 3112 Höhenmeter bewältigt habe.
Eine gute Viertelstunde später trifft die Bahn ein. Noch ohne Probleme finde ich einen Stellplatz für das Rad und einen Sitzplatz für mich zwischen den Koffern und denen, die über das Feiertagswochenende Reißaus genommen haben; bereits zwei Haltestellen weiter muss ein Pärchen mit Rädern kämpfen, um Platz für die Vehikel zu finden, während sie selbst die verbleibende Strecke nach Köln stehend zurück legen. Letztendlich endet mein Ausflug dann gegen 18:00 Uhr Zuhause, wo Ute und meine Eltern gerade nach Kaffee und Kuchen zu einer Runde an der frischen Luft aufgebrochen sind, so dass ich ungestört die gröbsten Spuren der Ostertour 2015 beseitigen kann.