auf den Spuren von Ute & Dirk Prüter

Emscher Weg

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Eine Reise in die Vergangenheit? Eine Tour durch die alte Heimat? Warum nicht? In Anbetracht eines langen Wochenendes wird es zwar etwas mehr als nur das, aber das sollte auch nicht stören – doch vielleicht besser der Reihe nach.
Das erste Juni Wochenende 2015 ist mal wieder ein langes. Fronleichnam ist in Nordrhein-Westfalen nach wie vor ein Feiertag, fällt mit dem sechzigsten Tag nach Ostersonntag regelmäßig und selbst in Schaltjahren auf einen Donnerstag, so dass sich mit dem Freitag als Brückentag schon etwas ins Auge fassen lässt. Nach den voran gegangenen Ausflügen ist mir nicht nach einer Anreise mit der Bahn oder dem Auto zumute. Keine Lust auf Stau, kein Verlangen, dass Leben in vollen Zügen zu genießen, einfach nur Radeln, Radeln, Radeln, womit sich die Frage stellt: wohin, von der Haustür aus?
Den Samstag zuvor schloss ich mich einer geführten Tour durch das Bergische an. Clemens vom ADFC Köln hatte eine Runde für Mountainbiker ausgearbeitet, bei der es rund um Lindlar ging. Mit meinem robusteren Reiserad traf ich zwar nicht zu hundert Prozent die Anforderungen hinsichtlich des Materials, aber es war okay. Auch wenn die Fahrer der gefederteren Vehikel auf manch einer Abfahrt mehr Spaß gehabt haben mögen als ich, ich hatte nicht den Eindruck, dass ich sie über Gebühr aufhielt. Zeit, an jeder Biegung mal auf den Auslöser der Kamera zu drücken, blieb keine. Das schmälerte das Vergnügen zwar nicht deutlich, der sich einstellende Geschwindigkeitsrausch kompensierte die fehlenden Möglichkeiten, Eindrücke festzuhalten, weckte jedoch den Wunsch, zumindest Teile der Strecke noch einmal unter die Räder zu nehmen.
Der an das hügelige Gelände sich anschließende Abschnitt fiel mir schon häufiger beim Durchblättern eines Heftes ins Auge, das diverse Touren in Deutschland zum Inhalt hat. Mein Interesse diesmal gilt dabei dem Emscher Weg. Dem Artikel beziehungsweise der Internetseite der Emschergenossenschaft entnehme ich, das man dabei ist, den einstigen Abwasserkanal zu renaturieren. Bis das Vorhaben vollständig umgesetzt ist, soll es 2020 sein, aber es gäbe bereits Teilstücke, auf denen zu sehen sei, was man sich darunter vorstelle. Entlang der etwa 100 Kilometer zwischen Holzwickede und Dinslaken soll der Strukturwandel der Region auf Betriebswegen erlebbar sein, zudem wird mit familienfreundlichen, flachen Pisten geworben. Auch die Schlussetappe, der Heimweg, ist schnell geplant. Nicht den Rhein entlang, sondern östlich davon, durch viel Grün soll es gehen.
Den Mittwoch vor dem Feiertag fällt der Startschuss. Bis die Räder rollen, ist es 15:30 Uhr. Eine halbe Stunde später als geplant. Die ersten Kilometer sind wohl bekannt. Sie führen über Feldwege, durch ruhige Wohngebiete und Radwege zum Gut Leidenhausen – häufig genug Teil meiner Runde um den Köln-Bonner Flughafen. Anstelle in der Wahner Heide den gewohnten Weg fortzusetzen biege ich jedoch nach anderthalb Kilometern durch das Naturschutzgebiete rechts ab und durchquere mit dem Königsforst ein weiteres. Gute drei Kilometer später über nahezu geradlinig verlaufende Asphaltpiste gen Norden ein weiterer Richtungswechsel, diesmal ostwärts. Auch dieser Abschnitt ist mir nicht gänzlich unbekannt, aber schon deutlich seltener Teil meiner Feierabendrunden. Mit Gepäck am Rad bin ich die Strecke zumindest bislang noch nicht gefahren – und das bekomme ich auf dem immer hügeligeren Waldboden deutlich zu spüren. Aus dem Sattel zwingen mich die Anstiege noch nicht, doch es fehlt nicht viel. Leider entschädigt die anschließende Talfahrt nur mäßig. Die Straße vorbei an Ein- und Zweifamilienhäusern hat einige enge, nicht einsehbare Kurven, und entsprechend kommt die Bremse zum Einsatz – ganz entgegen dem Motto „wer später bremst, ist länger schnell“. In Untereschbach auf der Landstraße entlang der Sülz hält mich eine Baustelle auf. Lange rote Ampelphasen und zäher Verkehr stehen hier dem Fahrspaß im Wege. Kurz hinter Immekeppel sollte es auf einer ehemaligen Bahntrasse ruhiger weitergehen. Doch statt Radlerhighway mit moderaten Steigungen und weiten Kurven verbringe ich die Zeit damit, die Strecke der einstigen Sülzbachtalbahn zu finden. Statt befestigtem Untergrund auf den ersten Kilometern nur wild sprießendes Gestrüpp. Ein die Straße überquerendes Viadukt entpuppt sich als unvollständige Ruine, und ich frage mich mehr als einmal, was ich mir da ausgesucht habe, beziehungsweise wer solche Daten bei Openstreetmap eingestellt hat. So schlage ich einen Irrweg nach dem anderen ein und bin froh, mir für den ersten Tag mit gut 45 Kilometern nicht all zu viel vorgenommen zu haben.
Als ich gegen 19:00 Uhr an einem Campingplatz vorbei komme beschließe ich, dass es reicht, genug geradelt und umher geirrt. An sich hatte ich vorgehabt, zwei Kilometer weiter wild zu campieren, doch erliege ich dem Charme einer warmen Dusche. Ob ich an der Sülz direkt und einfach hätte Wasser zapfen können, oder ob Brennnesseln, Disteln oder ein steiler Abhang den Zugang zum Wasser verwehrt hätten? Ich weiß es nicht, keine Ahnung. Ebenso die Frage, wie es um eine ebene Fläche für das Zelt bestellt gewesen wäre. All die Fragen brauche ich mir nicht zu stellen, muss lediglich zehn Euro auf den Tisch blättern, bekomme aber sogar 50 Cent retour. Und eine Duschmarke. Eine Münze, die fünf Minuten lang warmes Wasser fließen lassen sollte, oder sind es gar sechs, oder sieben? Egal, es reicht, um nicht verklebt und streng riechend in den Schlafsack kriechen zu müssen. Und die Klamotten auf der Haut bekommen auch ihre Ladung Wasser ab, im Spülbecken, im Waschsack, auch wenn sie über Nacht nicht trocknen. Denn kaum ist die Sonne hinter dem Hügel versunken, wird es frisch. Und klamm.
Trotz T-Shirt, Merino Langarm Oberteil, Fleece Pulli und Regenjacke dauert es nicht lange, und ich beginne zu frösteln. Die aufgewärmte Dose Eintopf hilft noch über die erste halbe Stunde hinweg, dann mache ich es wie meine Nachbarn, das Pärchen aus Holland, verkrieche mich in meinen Unterschlupf, nachdem der Rechner wieder zu geklappt ist, und lese noch ein wenig im Schlafsack, bevor ich die Kapuze zu ziehe. Gefühlte fünf bis zehn Grad, einfach zu kalt, für Anfang Juni.
Ute wird angenehmere Temperaturen haben. Sie verbringt derweil zusammen mit einer Freundin ein paar Tage auf Formentera. Bei mir klappte es nicht, dieses Jahr. San Ferran Fiesta ohne mich – ein Projekt auf der Arbeit hatte den Vorrang bekommen. Blödes Gefühl, für unabkömmlich gehalten zu werden. Kenne ich eigentlich so gar nicht. Habe immer die armen Menschen bedauert, die sich selbst für so wichtig hielten, dass bereits drei Wochen Urlaub eine halbe Unendlichkeit sind, während der alle Räder in der Firma still stehen und unerledigte Arbeiten sich auf dem Schreibtisch türmen. Wie auch immer – gäbe es die Baustelle beim Hauptsponsor nicht, wäre ich vermutlich auch nicht im Süden, sondern statt dessen, wie ursprünglich beabsichtigt, auf einer anderen Insel. Ein paar tausend Kilometer weiter nördlich, mitten im Atlantik, einen Steinwurf von Grönland entfernt. Na gut, muss man schon weit werfen können. Weiter als weit. Zwei- bis dreihundert Kilometer weit, aber was soll's. Sind schön schräge Gedanken, auf die man so kommen kann, wenn man alleine vor sich hin sinniert, wenn man keinen Fernseher hat, keine unruhigen Nachbarn, keine Autobahn, Zuglinie oder Einflugschneise in Hörweite, die einen ablenken.
Irgendwann aber wird’s warm im Schlafsack, ich verlasse die Endlosschleifen im Kopf und gleite friedlich über in das Reich der Träume. Als ich am nächsten Morgen wach werde, ist nicht nur die Sonne wieder da, sondern auch der Ehrgeiz, die Hügel des Bergischen sowie die des Sauerlandes in Angriff zu nehmen.
Zu nicht ungewohnter Stunde, um 09:00 Uhr, beginnt der aktive Teil des Tages. Das Zelt befindet sich leidlich vom Tau befreit in der Tasche hinter meinem Sitz, das übrige Geraffel ebenso, und es gilt einen Hügel nach dem nächsten zu nehmen. Mal 100 Meter rauf, mal 200 Meter, häufiger kleinere Höhenunterschiede, die aber aufgrund ihrer Steigungen ab und an nicht weniger anstrengend sind. Belohnt werde ich mit beeindruckenden Fernsichten, idyllischen Panoramen oder folge mit den Augen Greifvögeln auf ihren majestätischen Kreisen über die Felder auf ihrer Suche nach Nahrung. Meine Verpflegung gestaltet sich einfacher. Zum Frühstück an einem verlassenen Modellflugplatz brauche ich nur eine der Taschen am Vorderrad zu öffnen, Müsli in eine der Kochschüsseln geben, Sojamilch drauf – und löffeln, während das Wasser für den Instant-Cappuccino in dem anderen Topf auf dem Kocher langsam in Wallung gerät.
Über Halver zieht sich mein Weg an die Volme, an der ich gegen Mittag meinen Campingstuhl aufstelle und ein wenig vor mich hin döse, ein Eichhörnchen auf dem Weg durch sein Revier beobachte, bevor ich in der nächsten Bäckerei mit einem Erdbeerteilchen den Kalorienverbrauch kompensiere. Oder ist es das Auftanken für den abschließenden Hügel des Tages?
Auf fünf Kilometern gilt es anschließend, von 160 Meter über Meeresspiegel auf 380 Meter zu gelangen. Die anschließende Talfahrt wieder hinunter auf 120 Meter fahren sich deutlich weniger Schweiß treibend. Nach Überquerung der A45, der Sauerlandlinie, gelange ich über holprige Waldwege zum Schloss Hohenlimburg. Kurzes Anhalten, einmal die Linse des Fotoapparates drauf halten, dann geht es in engen Serpentinen hinunter in den Ort. Kaum in der Fußgängerzone angekommen spricht mich eine ältere Dame an. Früher, so bekomme ich zu hören, sei sie ja auch mit ihrem Mann zusammen überall unterwegs gewesen. 30.000 Kilometer hätten sie in 20 Jahren zurück gelegt, ich bekomme einige Namen von Alpenpässen aufgezählt ebenso wie Erinnerungen wach werden an eine Tour die Donau entlang von Wien nach Bratislava und zurück, eine Runde um den Bodensee, die Mecklenburger Seenplatte und dergleichen mehr. Meine restlichen Kilometer des Tages hören sich dagegen an wie ein Kindergeburtstag. Zehn Kilometer die Lenne runter bis zur Mündung in die Ruhr. Macht mir aber nichts aus, ich genieße es. Und nicht nur ich allein. Es ist Feiertag, schönes Wetter, Ausflugsstimmung. Man flaniert auf den Wegen, picknickt auf den Wiesen am Fluss, angelt – oder fährt Rad.
Mit 70 Kilometern auf dem Tageskilometerzähler beende ich die zweite Etappe am Hengsteysee, wo ich mit meinen Eltern am Bootshaus verabredet bin. Dort, wo Gevatters Kajak nahezu täglich aus der Bootsbox an den Steg und zurück gekarrt wird und mein alter Herr zwischenzeitlich über die Distanz von zehn Kilometern das Wasser umrührt, mit dem Paddel. Gut zwei Stunden hocken wir auf der ansonsten leeren Wiese, berichten uns von unseren jüngsten Erlebnissen. Meine Eltern von ihrem Kurzurlaub auf Formentera, von wo sie erst wenige Tage zuvor zurück gekehrt sind, ich von den Eindrücken der letzten 24 Stunden, dann begutachten die beiden noch den Aufbau meines Zeltes im Garten der Platzwartin und ich bin wieder allein. Zunächst nutze ich die Annehmlichkeiten, die sich mir bieten beziehungsweise die mein Vater für mich arrangiert hat. Eine warme Dusche im Waschraum des Bootshauses. Die Sanitäreinrichtungen stehen denen eines Campingplatzes in Nichts nach, außer, dass es vielleicht sauberer und gepflegter ist als auf manch einem der kennen gelernten Stätten für das vagabundierende Volk.
Frisch gewaschen und eingekleidet begebe ich mich anschließend auf Futtersuche. Meine Hoffnung, in der Frittenbude eines Bikertreffs auf der anderen Straßenseite an einem Parkplatz satt zu werden, erfüllt sich leider nicht ganz. Die Fritteuse ist bereits ausgeschaltet, der angebotene Kartoffelsalat ausverkauft, und so begnüge ich mich mit einer Bratwurst zwischen einer umgeklappten Scheibe Toast – ist dann wohl der Preis wenn man zu faul ist, selbst den Kochlöffel zu schwingen. Angenehmer verhält es sich da schon mit den zwei Flaschen Radler, die aber auch viel zu schnell geleert sind und den Durst nicht vollständig stillen; aus Kostengründen ziehe ich jedoch das im Gepäck auf mich wartende aromatisierte Wasser weiteren Investitionen vor. Ansonsten ist der Abend deutlich angenehmer als der voran gegangene, zumindest was die Temperaturen betrifft. Mit nur knapp unter 20 Grad liegen diese deutlich über denen des Vortags, und so hocke ich noch eine Weile vor dem Zelt und tippe Erinnerungen in die Tastatur des Rechners, bis es zu dunkel wird und ich auch den zweiten Reisetag für beendet erkläre.
Das die nahe gelegene A1 ebenso wenig zu überhören ist wie die Züge, die auch Nachts noch bestimmungsgemäß zum Gütertransport über die ebenfalls nicht weit entfernten Bahngleise poltern trägt zwar nicht zur ungestörten Nachtruhe bei, doch verglichen mit manch einem Campingplatz gegen Entgelt erhalte ich in dieser Nacht zumindest die Geräuschkulisse gratis.
Freitag, der Brückentag, hält einige Überraschungen parat, von denen nicht alle angenehm sind. Dass mein Vater noch mal um die Ecke schaut, bevor ich auf dem Rad und er auf dem Wasser entschwindet, zählt zu den positiven, war aber aufgrund vager Verabredung nicht gar so unvorhersehbar. Auch der Plausch mit der Herrenriege, die des Morgens in Gelsenkirchen beziehungsweise Bochum gestartet sind, sich zusammen mit mir einige Kilometer den Radweg die Ruhr aufwärts teilen und bis Sonntag am Möhnesee verweilen wollen, bereitet mir keine Probleme. Das Stück hoch zum Emscherquellhof, die Tatsache, dass ich von der Quelle nichts sehe, da der Zugang dorthin gesperrt ist – alles im grünen Bereich. Apropos grün: sehr anerkennenswert auch zu sehen, was die Emschergenossenschaft sich auf den ersten Kilometern unter „Renaturierung“ vorstellt. Dort, wo einst Betonplatten einer graubraunen, stinkenden Brühe den Verlauf aufoktroyierten, bahnt sich nun der in diesem Abschnitt noch junge Bach seinen Weg durch eine wieder intakt erscheinende Landschaft. Einzig, dass ein Zaun die Wiesen, Sträucher, Bäumchen, das Schilfgras sowie den Wasserlauf vom fest geschotterten Fahrbahnbelag abgrenzt, stört ein wenig das Idyll. Es ist aber auf jeden Fall ein Erlebnis zu sehen, was hier geschaffen wurde. Neben dem Wahrnehmen der Veränderungen werden beim Durchradeln der Vororte im Dortmunder Südosten aber auch Erinnerungen an Kindheit und Jugend wach; ganz konkret, als ich in Aplerbeck am Haus Rodenberg auf eine größere Gruppe Radler stoße. Ich spreche eine Dame in gelber Warnweste mit ADFC Aufdruck an, woher beziehungsweise wohin die Fahrt geht und erfahre, das man mit französischen Austauschschülern unterwegs ist, um ihnen ein Bild der Stadt zu vermitteln. Wie es so geht, ein Wort ergibt das andere und die Überraschung ist perfekt als ich höre, dass meine Gesprächspartnerin Lehrerin an der Schule ist, an der ich meine Mittlere Reife erlangte. Zwar können wir nicht über gemeinsame Zeiten schwelgen, stellen aber fest, das es eine Reihe damaliger Lehrkräfte gibt, die uns gleichermaßen bekannt sind. Unsere Räder rumpeln während der Unterhaltung über ehemaliges Werksgelände, über das ich nach der Realschule im Blaumann lief. Dort, wo vor Jahren riesige Hallen standen, in denen Stahl gewonnen und gewalzt wurde, wo Schlote Staub und Ruß gen Himmel stießen, ist heute ein Naherholungsgebiet entstanden, von dem die Bevölkerung bereits kräftig Gebrauch macht – der Phoenix See, mit Yachthafen, Uferpromenaden und zahlreichen Gastronomiebetrieben.
Nach halber Umrundung des Sees, in Hörde, nehme ich Abschied von meiner Begleitung und der ihr anvertrauten Schülergruppe. Auf die wartet das nächste Eiscafé, auf mich der Weg entlang von Westfalenpark und Bolmketal. Bevor es aber so weit ist, verfahre ich mich erst einmal gehörig – trotz Navi, Beschilderung sowie verblichenen Ortskenntnissen. Nichts desto trotz, der Umweg verschafft mir einen Ausblick auf das, was von den stillgelegten Hochöfen übrig geblieben ist, bevor ich von einer Halde aus den Weg, den ich an sich nehmen will, sehen kann. Dummerweise hindert mich lediglich eine steilere und recht dichte Böschung daran, den zu erreichen. Was als rote Linie auf der elektronischen Karte zum Greifen nah ist, ist in der Realität doch ein wenig weiter entfernt, und so drehe ich eine Ehrenrunde, bevor sich entlang des Westfalenparks die Wege wieder decken.
Der auf der anderen Seite der Umzäunung gelegene Fernsehturm reckt sich in den weiterhin strahlend blauen Himmel, in der Bolmke, einem kleinen Waldstückchen nur wenige Kilometer weiter, ist es im Schatten der Bäume angenehm kühl, Jugendliche, die zum Stadion Freibad pilgern, erinnern mich an die unzähligen Male, die ich es ihnen gleich tat, und die Südtribüne von Dortmunds Fußball Tempel nebenan lässt Bilder vor dem geistigen Auge wach werden, dass mir auch dieser Ort nicht ganz unbekannt ist.
Nach dem Überqueren der nächsten Kreuzung dann ein Erlebnis, das mir zwar ebenfalls nicht neu ist, auf dessen Wiederholung ich aber gerne verzichtet hätte – ein Platten im Hinterreifen. Erst eine Woche zuvor hatte ich den letzten geflickt, und als ich das Loch finde stelle ich fest, dass die neue undichte Stelle nur einen Daumen weit von dem noch jungen Flicken entfernt liegt. Zumindest bleibt diesmal der Übeltäter nicht unentdeckt. Im Mantel steckt noch ein Stück des Dorns, der auch im Schlauch seine Spur hinterließ, und ich ärgere mich, mich beim Kauf des Rades nicht durchgesetzt zu haben, direkt in die „unkaputtbaren“ Reifen investiert zu haben, die mich auf anderen Rädern vor derlei Pannen bewahrten. So suche ich mir ein schattiges Plätzchen, nehme alle Taschen ab, stelle das Rad auf Lenker und Sattel und übe mich ein weiteres Mal darin, den fahrbaren Untersatz in einen eben solchen Zustand zurück zu versetzen. Nach einer knappen dreiviertel Stunde geht es mit Dreck verschmierten Fingern, verschwitztem T-Shirt und stillen Flüchen gegenüber dem Reifenhersteller weiter.
Kurze Zeit später weiche ich einmal mehr von der geplanten Route ab, folge den Hinweisschildern, rolle über den fest gewalzten Schotter entlang der Emscher, stelle fest, dass die Renaturierung sich auf das erste Viertel des Flusses bislang zu beschränken scheint, und komme hinter dem Hafen in Huckarde nochmals vom rechten Weg ab – und es soll nicht dabei bleiben. Diesmal ist es die Kokerei Hansa, an der ich vorbei komme und die mir ohne Verfahren verborgen geblieben wäre. Vom Gestank einstiger Tage, von Fahrten als Dreikäsehoch im VW-Käfer zu meinen Großeltern übel in Erinnerung, ist nichts mehr zu riechen, und in den vormaligen Werkshallen wird heute Kunst und Kultur geboten beziehungsweise Denkmalpflege betrieben.
Zurück auf dem Emscherweg fällt mir auf, dass trotz aller Bemühungen etwas fehlt: Rastplätze und Einkaufsmöglichkeiten. Erst am Ortsende von Mengede, also noch auf Dortmunder Stadtgebiet, stoße ich auf eine dieser Anlaufstellen, die ebenso wie Schachtanlagen und Hüttenbetriebe eng mit der Region verbunden und nicht wegzudenken sind – eine Selterbude, andernorts vielleicht besser bekannt als Trinkhalle, Kiosk oder einfach nur Büdchen. Was mich anzieht ist der Schriftzug „belegte Brötchen: 1,20 €“. Ausgetrocknet und hungrig will ich am Tresen bestellen, doch anstatt dass jemand die Scheibe auf zieht, öffnet man mir die Tür. Was mich überrascht: die Bude ist voll klimatisiert, Regale und Kühlschränke reichlich gefüllt. Das einzige, was es nicht mehr gibt, sind die belegten Brötchen. Ersatzweise greife ich mir ein Puddingteilchen und eine Mohnschnecke, dazu eine gut gekühlte Flasche Malzbier. Als ich es mir draußen im Schatten an einem der Tische mit Aschenbecher schmecken lasse, verwundert mich ein weiteres Detail. Ein Schild verbietet das Trinken alkoholhaltiger Getränke. Weit gekommen, der Regulierungswahn, aber es soll mich nicht stören. Bei Temperaturen jenseits der 30 Grad und dem Vorhaben, noch einige Kilometer weiter zu kommen, ist mir ohnehin nicht nach einem Bier oder härterem zumute. Die Flasche Malzbier ist hingegen ruck-zuck leer, und gerne verkauft man mir auch eine zweite. Die Mohnschnecke hingegen bleibt mir im Halse stecken. Ich kaue und kaue und habe das Gefühl, es wird gar nicht weniger – das Puddingteilchen rutschte da bedeutend besser.
Nach dem kurzen Verpflegungsstopp geht es weiter, wenngleich mir das Treten weiterhin schwer fällt. Ob es eine richtige Mahlzeit ist, die mir fehlt, mir die Höhenmeter des Vortags noch in den Beinen stecken oder die Sonne mir zusetzt – keine Ahnung. Auf Castroper Grund und Boden finde ich zumindest an einem Hochwasserrückhaltebecken ein schattiges Plätzchen, an dem ich alle Viere von mir strecken kann. Ist zwar nicht so richtig bequem und idyllisch gelegen, aber für eine halbe Stunde Zweck erfüllend.
Als ich mich wieder aufraffe, erhalte ich Gesellschaft. Ein rüstiges Rentner Ehepaar aus Dortmund mit Rädern aus der gleichen Manufaktur wie das meine ist gerade auf einer „Feierabendrunde“ unterwegs. Das nahe gelegene Schiffshebewerk Henriechenburg ist das Ziel, und ein älterer Herr mit einem E-Bike erkundigt sich, ob einer von uns Werkzeug griffbereit hat. Er hat irgendwo eine Schraube locker – also, an seinem Motor/Akku getriebenen Vehikel. Dem Mann kann geholfen werden. Dank Multitool aus dem Regal des Lebensmitteldiscounters meiner jüngsten Bekanntschaft, mit der ich über das Für und Wider von Stahl- und Alurahmen ins Philosophieren geraten war. Die beiden haben ihre Räder älterer Generation gebraucht erstanden und bislang keinerlei ernsthafte Pannen zu beklagen gehabt, und so hoffe ich mal, dass auch trotz Materialwechsel hin zum Leichtmetall ich nicht eines Tages bereuen muss, im Zweifelsfall die nicht so einfach zu schweißende Konstruktion unter dem Hintern zu haben.
Nach einer Viertelstunde Fachsimpeln brechen wir gemeinsamen auf und es dauert nicht lange, da ist die nächste Umleitung ausgeschildert. Alles kein Problem, so meine beiden Weggefährten, man fährt die Strecke ja nicht zum ersten Mal. Entsprechend denke ich mir nicht viel dabei, als wir weitere Umleitungshinweise ignorierend rechts abbiegen – weg von der Durchfahrtsstraße, hinein in ein Wohngebiet. Wohngebiet? Nun ja, die meisten derer, die die Justizvollzugsanstalt bevölkern, an der wir vorbei kommen, wird den Ort nicht aus ganz so freien Stücken gewählt haben, aber als wir die Heimat der Knackis ein zweites Mal passieren, aus der Gegenrichtung, steht fest, dass es mit den Ortskenntnissen derer, denen ich mich da angeschlossen habe, nicht so ganz weit her ist. Also zurück, und doch dem beschilderten Umweg folgen.
Ein paar Biegungen weiter trenne ich mich von den Pensionären. Eine Fahrradwerkstatt liegt zur Rechten, und mir ist daran gelegen, dem geflickten Reifen mit ein/zwei Bar mehr noch ein wenig auf die Sprünge zu helfen, als es mir mit der kleinen Doppelhubpumpe für Notfälle möglich war. Außerdem stört mich, dass der Mantel ein wenig unrund in der Felge sitzt und zu guter Letzt könnte mir noch eine Toilette weiterhelfen, anderweitigen Druck abzubauen, ohne das kleine Schüppchen aus der Low-Rider Tasche auspacken zu müssen. Einmal mehr habe ich Glück – in allen Belangen kann mir geholfen werden, und entsprechend geht es eine gute Viertelstunde später deutlich entspannter weiter.
Wieder allein vor mich hin radelnd folge ich den Weisungen des Navis, die bis zur nächsten Umleitung mit der Beschilderung des Emscher Weges überein stimmen. Unter mir habe ich weiterhin die befestigte Piste, die sich parallel des Flusses dahin zieht, über mir den blauen Himmel mit eitel Sonnenschein, der die Quecksilbersäule des Thermometers über der 30° Marke hält, bis die nächste Baustelle mich zurück auf die Straße führt. Gegen 18:00 Uhr gelange ich an einen ruhig gelegenen Flecken. Eine dichtere Baumreihe sowie eine breitere Wiese trennen ein Wohngebiet von dem Feld, das auf der anderen Seite durch die Emscher begrenzt wird. Im Schatten der Bäume gibt es einen Bolz- sowie einen Kinderspielplatz, am Wegesrand ein paar Bänke. Obwohl ich seit der letzten Rast in anderthalb Stunde mal gerade 15 Kilometer weiter gekommen bin fühle ich mich erneut so ausgelaugt, das ich vom Rad steige, in die Horizontale wechsle und für einige Minuten die Augen schließe. Von meinem Ziel, den Oberhausener Kaisergarten zu erreichen, kann ich mich wohl verabschieden. Woran es liegt, dass ich nicht richtig in Fahrt komme, bleibt mir weiterhin verborgen. Erst nachdem ich mich nach dem erneuten Aufbruch nur wenige Kilometer weiter am Rande des Rhein-Herne Kanals an den Tisch eines Strandrestaurants setze, mir einen Salatteller mit gegrillten Rinderfiletstreifen gönne und dabei zwei große Gläser alkoholfreien Radlers leere, bilde ich mir ein zu wissen, was mir zuvor fehlte – etwas Substantielles zwischen den Zähnen.
Die letzten knapp 20 Kilometer des Tages fallen dann bedeutend leichter. Ich bilde mir ein, auch mühelos noch weiter zu gelangen, wäre da nicht irgendwann doch das Bestreben, eine ruhige Ecke für die Nacht zu finden.
Im Gelsenkirchener Nordsternpark habe ich noch meine Skrupel, mich auszubreiten. Zu viele Besucher schwirren noch umher, und ein verstecktes Fleckchen ist vom Wegesrand aus nicht auszumachen. Der Weg entlang des Kanals bietet ebenso wenig Gelegenheit, halbwegs unsichtbar das Zelt aufzuschlagen, wenngleich ein paar gröhlende Nacktbadende vormachen, wie man sich zumindest schon mal erfrischen könnte. In zwei Schrebergartenanlagen wiederum hole ich mir mit meiner Frage, ob ich denn auf einer der Wiesen campieren könne, eine Abfuhr, in der zweiten hilft man mir aber insofern weiter, dass ich zumindest den Wassersack für eine Dusche gefüllt bekomme. Ein paar Meter weiter, im Emscherpark, entdecke ich dann ein Gebüsch, hinter dem ich mich nicht ganz wie auf dem Präsentierteller fühle. Die Jugendlichen auf der anderen Seite des Weges, die dort mit eifrigen Trinkspielen beschäftigt sind, als ich eintreffe, verziehen sich mit dem ersten Gewittergrollen, das der Wettervorhersage recht zu geben scheint. So richtig wohl in meiner Haut fühle ich mich trotz Dusche nicht. Die Platzwahl erscheint mir nicht ganz geheuer, doch die Bedenken stellen sich als ungerechtfertigt heraus. Irgendwann in der Nacht prasselt tatsächlich Regen auf mein Zelt, aber weder Ordnungshüter noch frühmorgendliche Spaziergänger oder gar weniger friedfertig gestimmte Mitmenschen rücken mir zu Leibe. Um kurz vor 08:00 Uhr am Samstagmorgen sind ein paar umgeknickte Grashalme schließlich die einzigen Spuren, die ich hinterlasse.
Bei zunächst noch stark bedecktem Himmel nähere ich mich Oberhausen. Mit dem Abstecher in einen Bottroper Supermarkt versuche ich Ermüdungserscheinungen wie am Vortag zuvor zu kommen, decke mich vorsorglich mit Bananen ein, dope mich mit einer Flasche Trinkjoghurt und sorge für einen ersten Getränkevorrat. Auch ist die Überraschung verdaut, trotz fehlender 15 Kilometer die anvisierten 100 Kilometer Tags zuvor erreicht zu haben, als gegen 11:30 Uhr die Mündung der Emscher in den Rhein hinter mir liegt, ich am Ufer mein „Zweitfrühstück“ genieße und die blauen Löcher am Himmel größer werden. Eine Fahrt durch den Oberhausener Kaisergarten fiel den aufzuholenden Kilometern zum Opfer, das Gasometer war auch über den Kanal hinweg eindrucksvoll genug, und die letzten Meter Emscher Radweg zwischen Oberhausen und Dinslaken schon fast wieder ländlich, wenngleich eine Renaturierung des Flusses in diesem Abschnitt zumindest für mein Empfinden in weiter Ferne erscheint. Mit zunehmendem Verlauf erhöhte sich zwar die Anzahl der Kläranlagen, doch das Betonbett des Wasserlaufs sowie Farbe und Geruch des Flüssigkeitsgemisches hinterlassen bei mir den Eindruck, dass da noch jede Menge Aufwand zu betreiben ist, um den Fluss in einen Zustand zurück zu versetzen, wie er vor der Industrialisierung bestanden haben dürfte.
Von meinem Rastplatz am Rhein blicke ich Strom abwärts am rechten Ufer auf ein, ja, was mag es sein, sieht aus wie ein Kraftwerk, von dem aus ein Kühlturm sowie einige Schornsteine in den Himmel ragen – wirkt auch nicht gerade besonders umweltverträglich. Andererseits bin ich überrascht von dem, was ich im weiteren Verlauf von Duisburg sehe. Dabei meine ich nicht die Straßenzüge, die fest in der Hand türkischer Mitbürger liegen. Anstatt Dönerbuden und Teestuben liegen hier „ganz normale“ Wohngebiete auf dem Weg, in denen das Pendant zum Eiermann hält, um aus dem Kleinbus heraus die Bewohner mit Fladenbrot und mehr zu versorgen.
Es ist auch nicht das, was ich vom Thyssen Werksgelände sehe, an dem ich vorbei komme, mit dem ich nicht gerechnet hätte. Unter dem Hallendach des Oxygenstahlwerks quillt Dampf hervor, je nach Perspektive fällt der Blick auf glühend heißen, flüssigen Stahl, und in der Luft liegt dieser staubige Geruch, der Bilder von Öfen, Kokillen und Walzstraßen vor dem geistigen Auge wach werden lässt aus der bereits erwähnten Zeit, in der ich als Auszubildender in diversen Betrieben lernte was es heißt, Energieanlagenelektroniker zu sein. Ebenso wie dort ist die Nachbarschaft grau von den Partikeln, die ungefiltert die Fabrikanlagen verlassen, doch Duisburg hat auch eine grüne Seite, und die ist gar nicht mal so klein.
Zunächst ist es der Weg über die HOAG Trasse, eine ehemalige Bahnstrecke, über die Kohle von der Zeche Sterkrade zum Rheinhafen Walsum transportiert wurde. Ebenso wie entlang der „kleinen Emscher“ und der „alten Emscher“, mittlerweile renaturierten Altarmen des Flusses, verläuft ein Radweg auf befestigtem Untergrund. Bäume und Sträucher gaukeln intakte Lebensräume vor, wenngleich im Stadtgebiet dahinter weiterhin eher graue Tristesse herrscht. Anders sieht es hingegen aus, als ich Meiderich verlasse. Entlang der Ruhr erstrecken sich größere Felder und Wiesen, mit dem Kaiserberg durchquere ich ein Waldgebiet, hinter dem sich der Zoo befindet, und spätestens mit dem Stadtwald gewinnt der Grüngürtel an Breite. Rund um die Regattabahn findet der genervte Städter Picknickplätze, kann sich auf dem Wasser austoben oder im Klettergarten einem Hauch von Abenteuer hingeben. Der Radler erfreut sich auf ebener Strecke breiter Wege, die er nicht mit motorisierten Verkehrsteilnehmern teilen muss, lediglich Spaziergänger und Skater verwandeln gegebenenfalls die ansonsten gerade Piste in einen Slalom Parcours.
Weiter geht es mit der Sechs-Seen-Platte in den Duisburger Urwald. Am Masurensee ist bei mittlerweile aufgeklartem Himmel nicht nur die nächste kleine Pause, sondern auch ein Eis fällig. Der Verkäufer klagt mir sein Leid mit der nicht gerade mit Geld um sich schmeißenden Kundschaft, die es sich nebenan auf den Wiesen bei selbst mitgebrachten Speisen und Getränken vom Grill beziehungsweise aus der Kühltasche gut gehen lässt, während auf dem Gewässer Segler kreuzen und Kinder am Strand plantschen.
Zwischen Wolfssee, Wildförster- und Haubachsee geht es anschließend weiter, bis der Duisburger Forst zumindest für mich nahtlos in den Düsseldorfer Stadtwald übergeht – die Stadtkämmerer mögen es anders sehen. Wären nicht hin und wieder Bahnlinien und Autobahnen zu über- oder unterqueren, man käme sich vielleicht wirklich vor wie in einem mitteleuropäischen Dschungel. Gut, die Wege sind geebnet, ohne Machete passierbar, Schilder weisen dem Wanderer wie Radfahrenden den Weg zurück in die Zivilisation und auch der angrenzende Flughafen bleibt nicht unbemerkt, aber für diese dicht besiedelte Region immerhin erstaunlich, welch weitläufige Waldgebiete sie beheimatet.
Am Rande von Rath habe ich zwar wieder Asphalt unter den Rädern, Ampeln vor und Autos neben mir, doch im Aaper Wald radle ich auch schnell wieder unter einem Blätterdach. Zwar ist der Anstieg von 40 Metern auf gute 100 knackig, selbst in der OSM-Karte findet sich an betreffender Stelle ein entsprechendes Verkehrsschild, doch nass geschwitzt oben angekommen freue ich mich über das, was sich dort am Wegesrand findet und ebenfalls in der elektronischen Karte vermerkt ist: ein Brunnen. Keine Fata Morgana, keine Halluzination, eine ganz real existierende Trinkwasserquelle. Aus metallenem Rohr läuft Wasser in einen ausgehöhlt am Boden liegenden Baumstamm, ganz so, wie ich es eher mit den Alpen in Verbindung bringe. Ich nehme einige kräftige Schlücke, lasse das kühle Nass über die Unterarme laufen und befördere ein paar handvoll Richtung Gesicht, dann geht es weiter. Vor der Abfahrt hinunter nach Gerresheim packe ich das Handy aus. Im Vorfeld der Tour hatte ich mich mit Jens, einem dort wohnenden ehemaligen Arbeitskollegen verabredet, und war mit ihm so verblieben, dass ich mich melde, sobald ich quasi vor der Haustür stehe. Nun ist es so weit, und ich habe Glück. Jens ist Zuhause, hat Zeit, hat gerade keinen Einsatz während seines Bereitschaftsdienstes, und wir machen einen Treffpunkt im Ort aus. Eine Viertelstunde später stehen wir uns gegenüber. Im Gewusel des Schützenfestes auf dem Marktplatz ist es ein wenig unruhig und so folge ich dem einstigen Mitstreiter, der auch mit dem Rad gekommen ist, zu seiner Hütte im Schrebergarten. Im Schatten eines Baumes erinnern wir uns an gemeinsame Zeiten, berichten einander, was seitdem geschehen ist und rasch vergehen anderthalb Stunden.
Gegen 19:00 Uhr verabschieden wir uns wieder. Bis zum Unterbacher See, an dem ich auf einem Campingplatz übernachten will, sind es knappe 10 Kilometer, und es ist mein Bestreben, vor 20:00 Uhr dort anzukommen – Öffnungszeiten und so, man kann ja nie wissen. An einem Supermarkt halte ich noch kurz an, versorge mich mit dem Nötigsten für die Nacht, dann folgt der Endspurt – zunächst entlang des Flüsschens, dem Düsseldorf seinen Namen zu verdanken hat, durch den Stadtteil Vennhausen, dann durch das Naturschutzgebiet Eller Forst.
Als ich den Campingplatz am Südufer wie beabsichtigt erreiche stelle ich fest, ich darf umdisponieren; die Stellplätze sind Dauercampern vorbehalten. Der Versuch, die Nacht auf der Wiese einer Surfschule zu verbringen, ist ebenso wenig von Erfolg gekrönt wie die Ausschau nach einem „wilden“ Flecken Erde für das Zelt. Die Stehsegler nehmen ihr Gelände unter Verschluss, sobald sie es verlassen, und entlang der Wege um den See finde ich anstatt geeigneter Ecken nur Schilder, die das Campieren ausdrücklich untersagen.
Den Campingplatz am nördlichen Seeufer erreiche ich gegen 20:15 Uhr, und damit eine Viertelstunde nach Toreschluß. Perfekt! Lag ich zumindest mit meiner Einschätzung hinsichtlich der Öffnungszeiten nicht daneben, hilft mir aber auch nicht richtig weiter. Mich einfach so dazwischen zu mogeln in die Schar derer, die sich per elektronischem Schlüssel Zugang zum Ort der Begierde verschaffen, erscheint mir zu dreist. Was mir bleibt ist die Telefonnummer an der Tür der Rezeption. Der Herr am anderen Ende der Leitung, der meinen Anruf entgegen nimmt, bittet um einen Augenblick Geduld. Es solle gleich jemand kommen, der mir Eingang gewährt, und alles andere regeln wir morgen. Ist mir recht, wenngleich die verlangten 15 Euro mehr sind als der Betrag, den mich der Tag bislang gekostet hat.
Übermäßiger als der Preis gestaltet sich die Zeitspanne die vergeht, bis sich jemand meiner annimmt, und anders als angekündigt erscheint auch keine Dame, sondern ein Herr, der sich mir als derjenige vorstellt, mit dem ich zuvor gesprochen habe. Die noch vor Ort vermutete Kollegin müsse sich während unseres Telefonats auf den Heimweg gemacht haben, entschuldigt sich der Platzwart, der mich wenig später zur Zeltwiese geleitet, mir die Wahl einer Parzelle überlässt und dabei ins Philosophieren gerät über die Probleme mit der Kundschaft im Speziellen, den Mitmenschen allgemein sowie der Politik im Großen wie im Kleinen. Schnell stellen wir fest, dass wir auf gemeinsamer Wellenlänge schwingen. Nicht das beim Lesen der Eindruck entsteht, ich entdecke bislang verborgene Neigungen in mir, es ist lediglich so, dass ich die meisten der geschilderten Ansichten teilen kann, einige Anekdoten mein Interesse wecken und sich eine lebhafte Unterhaltung entwickelt, die den Platzwart seinen Feierabend und mich das Aufstellen des Zeltes sowie die Zubereitung einer warmen Mahlzeit eine ganze Weile vergessen lässt.
Als dann doch jeder seiner Wege geht, Dusche wie Dosenfutter genossen sind, fehlt mir zu meinem Glück nur noch ein Durstlöscher – am liebsten ein Radler, notfalls auch ein Bier. Da ich gegenüber dem Platzwart auf die Aushändigung eines Schlüssels verzichtete, der mir das Verlassen beziehungsweise den erneuten Zutritt zur Anlage ermöglicht hätte, das Gelände selbst über keine Gastronomie verfügt und meine eigenen Vorräte mangels Möglichkeiten zur Kühlung keine derartigen Leckereien enthalten, schiele ich ein wenig neidisch zu meinen Nachbarn herüber, bei denen Gerstensaft und hochprozentigeres in Strömen fließen. Nach einigen Minuten verliere ich meine Scheu und begebe mich zu ihnen herüber. Ob sie mir ein Bier abtreten können. Bereitwillig begibt man sich an die Kühltasche. Was ich denn bevorzuge. Pils, Kölsch, Alt, ein Mixgetränk? Klingt ja viel versprechend; ich entscheide mich für letzteres und erhalte – ein Radler. Der Obolus wird ebenso dankend angenommen wie der Durstlöscher und ich erfahre, dass einer aus der Runde Geburtstag hat. Herzlichen Glückwunsch aber auch, zum 25'sten! Was geschehen war, dass der Kreis größer wurde, diverse Camper umliegender Wohnwagen und Zelte sich an dem Besäufnis beteiligten, bekomme ich nicht heraus. Beeindruckt hatte mich zuvor jedenfalls der angehende Lehrer, der die Kinder der Nachgerückten in seinen Bann gezogen hatte. Mit sonorer Stimme interessierte er ein halbes Dutzend fünf bis zwölfjähriger für Schach, ersponn die wildesten Geschichten und ist nun, da die Kids in ihre Schlafgemächer verwiesen sind, ebenso mühevoll standhaft wie der Rest der Kumpanen. Als ich bereits im Schlafsack liege bekomme ich noch mit, wie irgend jemand ohne laut zu werden zur Ruhe mahnt, dann nimmt das Stimmengewirr ab und ich bekomme von dem was folgt nichts mehr mit.
Es ist 08:00 Uhr, als mich am Sonntag das Smartphone mit sanften Tönen daran erinnert, dass ich noch ein paar Kilometer vor mir habe. Mit mir erwacht auch die Nachbarschaft, wobei die Geburtstagsgesellschaft einen angeschlagenen Eindruck macht. Dennoch sind sie kurz vor mir weg, als ich gute anderthalb Stunden später das Feld räume.
Das Wetter gibt erneut keinen Grund zu Beanstandungen, ganz im Gegenteil, ich ziehe mein langärmliges Trikot an, um ein weiteres Verbrennen der Arme zu verhindern, und so entscheide ich mich für den „long way home“, umrunde auch noch den Rest des Unterbacher Sees, lerne zusätzlich den Elb- sowie den Menzelsee kennen, und würde ich nicht vorschnell irgendwo rechts abbiegen, vielleicht hätte ich den Umweg auf sieben Kilometer beschränken können – so werden es knapp zehn. Da es aber wie im weiteren Verlauf überwiegend verkehrsberuhigt über Wald- und Feldwege geht, stört mich der Schlenker nicht sonderlich.
Nachdem der Stadtrand von Hilden hinter mir liegt und ich Langenfeld tangiere, bekomme ich ein wenig nicht alltägliches geboten. Wäre das Gelände nicht eingezäunt und stünden die Bäume nicht so dicht, hätte ich vielleicht noch ein wenig länger zugeschaut, so aber bleibt es bei einem kurzen Stopp am Rande der Wasserski Seilbahnanlage, wo ein Wakeboarder nach dem nächsten durch die Kurve gezogen wird.
Am Hitdorfer See wiederum ist eine andere Truppe Wassersportler unterwegs, weniger spektakulär zum zugucken, aber die Jungs und Mädels haben hoffentlich auch ihren Spaß. In schweren Taucherklamotten schlurfen sie zwischen den Badegästen hindurch ans Ufer beziehungsweise zurück zu ihrer Basis am Café.
An der Mündung der Wupper in den Rhein packe ich ein letztes Mal auf dieser Tour meinen Campingstuhl aus. Die zwischenzeitlich an einem Feld erstandenen Erdbeeren werden eine nach der anderen vernascht, bis das Schälchen leer ist. Die verbleibenden Kilometer verbringe ich auf halbwegs bekanntem Terrain, wobei ich mich diesmal für die rechtsrheinische Variante entscheide: vorbei an der Leverkusener Musikkneipe Topos, dem Chemiepark mit seinem japanischen Garten, durch Köln Flittard zurück an den Rhein, dann folgen Stammheim, Mühlheim, Deutz und Poll. Dem Strom entgegen schließt sich schließlich die Runde dort, wo sie vier Tage zuvor begann, womit nicht nur ein langes Wochende endet, sondern ebenso die Fahrt mit ihren zahlreichen Erinnerungen an die Vergangenheit.