auf den Spuren von Ute & Dirk Prüter

Rurufer Radweg & mehr

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Um voreiligen Missverständnissen vorzubeugen, nein, im Rurufer Radweg fehlt weder ein Buchstabe noch handelt es sich um eine Wiederholung der Tour, die Ute und ich zwei Jahre zuvor unternahmen und den Fluss entlang führte, der zwar genau so ausgesprochen wird, sich aber halt in der Schreibweise unterscheidet. Die unbe-h-te Rur unterscheidet sich von der be-h-ten unter anderem dadurch, dass sie nicht im Sauerland entspringt, nicht dem Ruhrgebiet zu seinem Namen verhilft und ebenso wenig in den Rhein mündet. Statt dessen hat sie ihre Quelle in Belgien, im Hohen Venn, schlängelt sich durch Teile der Eifel, wechselt in Holland den Namen und wird dort zur Roer, um, welch Überraschung, setzt man mal voraus, dass „mond“ im Niederländischen etwas mit münden zu tun hat, in Roermond in der Maas zu enden. Vertraut man offiziellen Quellen, so ist das Flüsschen 180 Kilometer lang und wird von einem Radweg begleitet, den es in einer kürzeren und einer längeren Variante gibt, je nachdem, welche Strecke man um die Rurtalsperre wählt.
Wer anhand dieser Angaben einen Blick auf die Karte wirft wird feststellen, dass die Route für einen Rundkurs ungeeignet erscheint, es sei denn, man radelt die Rur einmal auf und einmal ab, oder halt anders herum. Mit Köln als Start- und Zielpunkt stelle ich mir aber vor, dass man nahezu eine Acht fahren könnte, beziehungsweise so etwas wie eine doppelte Acht, und mit Hilfe des NRW Routenplaners konstruiere ich mir dazu folgende Runde: Köln – Düren – Aachen – Eupen – Rurufer Radweg – Mönchengladbach – Grevenbroich – Erft Radweg – Brühl – Köln. Einzig kleiner Haken dabei: für ein verlängertes Wochenende bei einem Tagesdurchschnitt von 80 Kilometern sind die circa 500 Kilometer etwas viel. Doch auch für dieses Problem habe ich einen Lösungsansatz parat. Warum nicht den Ausflug zweiteilen? Von Köln nach Aachen gelangt man recht einfach mit einem Regionalexpress der Bahn, wo sich eine Tour unterbrechen beziehungsweise fortsetzen lässt.
So starten Ute und ich einen Samstag Mittag zuhause in Richtung der Stadt im Dreiländereck Deutschland, Belgien, Holland. Der Weg den Rhein entlang bis zur Rodenkirchener Brücke ist nichts Neues, ebenso wenig wie die Überquerung des Stroms und die Fahrt durch den Grüngürtel eine Premiere darstellt. Anders hingegen ab dem Decksteiner Weiher. Der Routenplaner führt uns am Müngersdorfer Stadion vorbei, das, wie die meisten anderen Fußball Arenen, in denen Profis kicken, seit Jahren den Namen eines Sponsors trägt, und von dessen Rängen aus uns Fan Gesänge entgegen schallen. Es ist Spieltag, und das Stadion scheint bereits Stunden vor dem Anpfiff gut gefüllt. Großartig überraschend ist nicht, dass der Weg an der Tribüne vorbei führt, schließlich deckt sich der Streckenabschnitt mit dem der Fußball Route Nordrhein-Westfalens.
Als nächstes passieren wir Frechen, wo wir an der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 7 vorbei kommen, dessen anderes Ende nur unweit unserer Haustür gelegen ist. Ute und ich werfen uns einen Blick zu, nachdem wir uns kurz zuvor in einem Supermarkt mit Proviant eingedeckt haben: umkehren? Leichter kann der Rückweg nicht werden. Nein, auch wenn das Wetter nicht gerade das einladendste ist, der Himmel ist bedeckt und grau, aber für Anfang April kann man sich Schlimmeres vorstellen – es geht also weiter!
Ein kurzes Stück später finden wir in einem Waldgebiet hinter Habbelrath einen kleinen Parkplatz. Die Möglichkeit, einen Wagen hier stehen lassen zu können und eine Runde zu Fuß zu drehen spricht uns weniger an als die Bank, die zur Pause einlädt. An abgehenden Wegen stehen ein paar Infotafeln, die wir studieren. Neben Hinweisen zu Flora und Fauna erfahren wir, dass wir uns auf geschichtsträchtigem Boden befinden. Der Papsthügel, von dem aus 2005 das Oberhaupt der katholischen Kirche predigte, was wiederum Tausende Gläubige anlockte, liegt in unmittelbarer Nähe. Entsprechend disponieren wir um, verlassen die ausgearbeitete Route und folgen Wegweisern, um letztendlich dort zu landen, wohin uns das Navi auf anderen Pfaden geführt hätte: an die erwähnte Erhebung, von der aus der irdische Vertreter Gottes sprach, setzt man mal die „richtige“ religiöse Sichtweise voraus.
Als wir dort eintreffen stoßen wir allerdings nicht auf klerikale Repräsentanten, sondern auf zwei Mountainbiker. Im Gespräch mit diesen stellen wir fest, dass sie dort her kommen, wo es uns hin zieht, nämlich aus Aachen, und das ihr Ziel sich nahezu mit unserem Startpunkt deckt – es sind mehr oder weniger Nachbarn, sieht man mal von den knapp zehn Kilometern ab, die unsere Wohnorte voneinander trennen.
Wir quatschen noch ein wenig über die jeweils bevor stehende Strecke und über bisherige Touren, dann radelt jeder in seiner Richtung weiter. Für uns heißt dies Kerpen, beziehungsweise bezogen auf die Tagesetappe Düren. Die Strecke ist so, wie man es sich in dieser dünn aber gleichmäßig besiedelten Region vorstellen kann: mehr oder weniger große Ortschaften mit Kirche, Kneipe und ein paar Häusern oder Gehöften, hier und da auch eine Bäckerei, Metzgerei oder ein Frisör, an belebteren Straßen auch die obligatorischen Konsumtempel, je nach Einzugsgebiet bestehend aus der Filiale eines Lebensmittel Discounters beziehungsweise angereichert um Getränkemarkt, Baumarkt, Möbelgeschäft oder gar Hamburger Braterei; letzteres in der Regel bereits von weitem dadurch erkennbar, dass eine Spur aus Papiertüten, Pappbechern und anderem Verpackungsmüll mit dem Schriftzug des Fast Food Versorgers den Weg säumt. Zwischen den Dörfern und Orten, die selten so weit auseinander liegen, dass man nicht von einem zum anderen schauen könnte, Felder, entlang der Wege auch ein paar Bäume, und dort, wo der Wind über das Land fegt, Krafträder mit ihren riesigen Propellern. Als Radler ist man in der Gegend gar nicht so verkehrt aufgehoben. An so ziemlich jeder Kreuzung finden sich Wegweiser, und häufig genug muss man sich den Asphalt nur mit Treckern und Gleichgesinnten teilen.
Sicher lassen wir uns vom Navi nach Düren leiten, dann lenkt uns der Appetit weiter. Nach einem Tag ohne warme Mahlzeit ist uns daran gelegen, diesen Zustand zu ändern, bevor wir uns der Suche nach einem Schlafplatz widmen. Entsprechend der Karte sollte sich irgendwo ein ruhiger Flecken finden lassen, ohne auf eine Entgelt pflichtige Unterkunft zurück greifen zu müssen; auch wenn kein Campingkocher im Gepäck ist, das Zelt ist in einer der Taschen auf dem Rad verstaut. Hinsichtlich der Futterstelle fällt unsere Wahl auf ein italienisches Restaurant. Obwohl in dem bereits gut gefüllten Lokal noch einige Tische frei sind, wir werden auf die Terrasse komplementiert – drinnen sei alles reserviert. Und tatsächlich, während wir die letzten Sonnenstrahlen des Tages einfangen, bis es im Schatten ungemütlich frisch wird, füllt sich der Laden.
Leider bleibt der nur eingeschränkt angenehme Platz nicht der einzige Wermutstropfen. Während ich mich mit meiner Pizza bestens versorgt sehe, sorgt mutmaßlich die Sahnesoße von Utes Nudelgericht für ungewünscht treibende Kräfte. So leidet nicht nur die Nachtruhe. Trotz des ansonsten nahezu idealen Plätzchens für unser Zelt hinter ein paar Büschen am Rande weitläufiger Wiesen in der Nähe der Rur, die wir ein erstes Mal überqueren, auch am nächsten Morgen quält mehr als nur ein flaues Gefühl in der Magengrube und sorgt dafür, dass Ute den vorzeitigen Rückweg mit der Bahn antritt. Da ich ihr nur wenig helfen kann, geleite ich sie noch zum Bahnhof, ziehe ihr an einem der Automaten die nötigen Fahrscheine und überlasse sie ihrem Schicksal.
Für mich geht es in entgegen gesetzter Richtung auf dem Drahtesel weiter. Hielten sich die Steigungen bis Düren noch in Grenzen, so machen sich westwärts gewandt die Ausläufer der Eifel bemerkbar. Sowohl Hügel als auch Wälder nehmen zu, ansonsten ändert sich nicht viel. Alle paar Kilometer ein Dorf, dazwischen ruhiges Terrain ohne großartigen Verkehr.
In Stolberg schwenke ich ein Stück von der Route ab, als ein Ort nahezu auf dem Weg liegt, an dem ich drei Monate meines Lebens verbrachte, von den meisten Wochenenden mal abgesehen. Das Gelände ist weiterhin umzäunt, und an einem bewachten Eingang sorgen Schranken und Wachen dafür, dass nur rein und raus gelangt, wer dazu befugt ist – die Donnerberg Kaserne. An dem Sonntag Mittag halten sich die Aktivitäten in Grenzen, und ich belasse es bei einem Blick durch den Zaun auf die Unterkunftsgebäude und Werkstätten. Vor meinem geistigen Auge erscheinen Leidensgenossen, Unterrichtseinheiten, in denen angelerntes Personal ausgebildeten Elektronikern etwas vom Ohmschen Gesetz erzählte, und Stunden des Exzerzierens, in denen „Vorgesetzte“ in nicht gerade freundlichem Umgangston beibrachten, wie man sich als Soldat in Uniform zu bewegen und Rang höheren einen guten Tag zu wünschen hat oder wie mit der Flinte umzugehen ist. Konnte ich zu dieser Zeit mit Klappspaten, Spiritus Brenner und Feldbesteck nichts anfangen, so hat sich im Laufe der letzten Jahre das Interesse verändert, wobei ich die Freiheit genieße, selbst zu entscheiden, was ich wann und wie zu tun habe, ohne dass sich jemand mit dekorierteren Schulterklappen aufbaut und mich am besten lautstark herum kommandiert.
Bei der weiteren Fahrt durch Stolberg stelle ich fest, dass mir der Ort eher unbekannt geblieben ist, oder Erinnerungen den Begleitumständen zum Opfer fielen. Die Burg, viel Fachwerk, ein Bach durch die Altstadt, alles schön anzusehen, die Geschäftsmeile und der Weg heraus aus dem Ort hingegen weniger attraktiv; eine Fußgängerzone sowie die üblichen Filialen von Schuhgeschäften, Textil-, Lebensmittel- und Drogerieketten und was neben Mobilfunkanbietern sonst noch so zu den Grundversorgern zählt, die allerorts anzutreffen sind.
Nach ein paar Kilometern über Straßen und durch Gewerbegebiete wird es Richtung Aachen noch einmal grün, dann folgen Vororte auf dem Weg ins Zentrum. Die Fußgängerzonen und Plätze rund um Rathaus und Dom sind recht belebt, der zwischenzeitliche graue Himmel reißt einige Male auf und verhilft zu kontrastreicherem Fotohintergrund, dann stehe ich vor dem Bahnhof und der erste Teil meiner Rurrunde beziehungsweise der Anreise an den Fluss ist beendet.

Gute drei Wochen später setze ich an genau dieser Stelle meine Tour fort. Erneut bin ich allein unterwegs. Diesmal liegt die Fahrt mit der Bahn bereits hinter anstatt vor mir, und Ute, zwischenzeitlich von ihrer Darmverstimmung erholt, nutzt zusammen mit einer Freundin das verlängerte Wochenende um den ersten Mai zu einem Ausflug nach Paris. Zunächst erhalte ich jedoch prominente Gesellschaft. Nicht, dass sich diese für mich interessiert, nein, es geht lediglich um meine Stimme. Da nicht ganz eindeutig, es geht weniger um mich persönlich, um mein Organ, als viel mehr um eine von möglichst vielen, mein Votum. Es ist Wahlkampf im Lande, und eigens aus dem Grunde ist die Kanzlerin vor Ort. Alles strömt zu dem Platz am Dom, auf dem eine Bühne aufgebaut ist, von der aus Frau Merkel Plattitüden schwingt. Aachen, Drei-Länder-Eck, vereinigtes Europa, Stadt mit Geschichte, wäre auch in der Freizeit mal einen Besuch wert, aber die hat man ja als Politiker nicht, doch das ist ja selbst gewähltes Schicksal – zumindest Letzteres eine Aussage, die ich ihr abkaufe. Auf der anderen Seite einmal mehr Anlass für mich, mich über meine Freiheiten zu freuen. Mich zwingt keiner, am nächsten Tag sonst wo zu stehen. Wenn es mir beliebt, kann ich bleiben, aber ich habe anderes vor, und das treibt mich voran. Wenn man so will, auch selbst gewähltes Schicksal. Als ich so darüber sinniere staune ich selbst, was mich doch mit der Kanzlerin verbindet, und einem persönlichen Gespräch, um über derlei Dinge zu philosophieren, wäre ich gar nicht mal abgeneigt, aber die Chancen dazu stehen eher schlecht und an sich gibt es nichts außer ein paar Ansichten, die ich mit Frau Merkel tauschen wollte.
Nach ein paar Minuten Zuhören und Knipsen habe ich genug. Zu viele Menschen, zu viele Worte, mit denen nichts gesagt wird, zu viel, was ich noch vor habe. Mein Ziel ist es, irgendwo in die Nähe der Rurquelle zu gelangen und entgegen voran gegangener Ausflüge dabei mit möglichst wenig Geld auszukommen. Eine Low-Budget-Tour sozusagen, aber das ist natürlich relativ. Um es greifbarer zu machen: es ist mein Bestreben, mit täglich nicht mehr als zehn Euro auszukommen, was ein Minimum an Luxus nicht ausschließt. Dosenfutter, womit bei mir Eintopf in Konservenbüchsen gemeint ist, Müsli, Hafermilch, ein paar Energieriegel sowie für jeden Tag Instant Pulver für eine Tasse Cappuccino befinden sich bereits in der rechten vorderen Lenkertasche, in der diesmal ebenso der Kocher sowie eine Flasche Brennspiritus den Platz ausfüllen. Auf erdigem Waldboden lasse ich das Aachener Stadtgebiet und die Politiker hinter mir, rüttle mein Proviant durch und bringe meinen Puls in Wallung, als es über zweieinhalb Kilometer 150 Meter einen Hügel hinauf geht. Wie es mit solchen Erhebungen meist so ist, auf der anderen Seite geht es wieder ein Stück abwärts, und als ich das nächste Dorf passiere drängt sich mir die Frage auf: bin ich bereits in Belgien gelandet, oder habe ich noch deutschen Boden unter den Rädern?
Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Die Kennzeichen der Autos bieten keine ausreichende Orientierungshilfe, sie zeigen mir nur an: ich muss mich im Grenzgebiet befinden – D's und B's auf blauem Untergrund unter einem Kreis kleiner Sternchen links neben den Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen sind bunt gemischt. Anders sieht es jedoch mit den Fahrbahnmarkierungen aus - sie sind anders, ungewohnt. Für Gewissheit sorgt schließlich eine vor einer Kirche wehende Fahne. Die Anordnung von Schwarz-Rot-Gold beziehungsweise Gelb sagt mir, ich bin im Nachbarland, und um eine Erfahrung reicher. Dass die Grenzen innerhalb Europas mehr und mehr schwinden erlebe ich nicht zum ersten mal, dass ich aber eine grüne Grenze absolut ohne Hinweise auf wechselndes Hoheitsgebiet überschreite, ist mir neu.
Auf den folgenden Kilometern überwiegend auf Asphalt habe ich den Weg so gut wie für mich alleine, auch wenn immer irgendwo ein Haus steht. Anstiege und Gefälle sind überschaubar, und nach gut 20 Kilometern Fahrt erreiche ich Eupen. In der Hoffnung, dort entlang des Weges auf einen Supermarkt oder Laden zu stoßen, radle ich Richtung Innenstadt. Oder Ortskern, ist vielleicht zutreffender. Für das Abendbrot ist mir nach Herzhaftem, einem Vollkornbrötchen mit Käse oder notfalls auch eines mit fleischigem Belag. Doch ich werde enttäuscht. Eine Bäckerei, an der ich vorbei komme, schließt gerade, und ein Blick auf die Uhr bestätigt die Angaben an der Tür: 18:30 Uhr, auf die Minute pünktlich. Im Ort, den ich mir größer vorgestellt hatte, bereitet man sich auf den Tanz in den Mai vor. Soundcheck auf der Bühne, im Festzelt fließt bereits das Bier, und es gibt auch eine Fressbude. Dort ist man jedoch noch mit den Vorbereitungen beschäftigt. Weder schmoren Würstchen über der Glut, noch existiert welche. Nicht einmal die Holzkohle befindet sich auf dem Grill, und auch die auf der Preistafel angebotenen Frikadellen sind nicht in greifbarer Nähe. Nur ein Beutel mit Brötchen liegt parat. Ob ich denn eines davon bekommen könne? Einem skeptischen Blick folgt das Okay, macht einen Euro. Ich reiche den Fünfziger Schein über den Tresen, womit sich das nächste Problem offenbart. Es fehlt noch das Wechselgeld. Nach ein paar Handgriffen erhalte ich meine um den genannten Betrag dezimierte Reisekasse zurück. An sich schade, ich hätte mich auch dazu überreden lassen, das fade Brötchen kostenlos zu akzeptieren und den Euro bei nächster Gelegenheit sinnlos zu verprassen, ist der Gegenwert meines Erachtens ohnehin eher nicht gegeben. Aber egal, ich habe Hunger und will mich nicht endlos mit der Futtersuche aufhalten. Auch darüber hinaus vermag mich Eupen nicht so richtig zu begeistern. Dass es aus dem Ort hinaus noch einmal gut 100 Meter hoch geht, geschenkt, ist halt so und war schon dem Höhenprofil der Route Zuhause zu entnehmen, doch ansonsten hatte ich mir das Städtchen beschaulicher vorgestellt – altes Gemäuer, Fachwerk, ein paar verwinkelte Gassen, ein paar Straßencafés. Sollte es das geben, so muss ich mich damit abfinden, den falsche Weg durch die Stadt geplant zu haben, wenn nicht, auch egal – ich kann es ohnehin nicht ändern, und das Leben ist ja bekanntermaßen kein Ponyhof.
Als nächstes liegt die Wesertalsperre auf dem Weg. Große Staumauer, am anderen Ende ein Ausflugslokal, und ein nur spärlich gefülltes Trinkwasser Reservoire. Da es auf 20:00 Uhr zugeht, halte ich nach einem Platz zum Übernachten Ausschau. Nach ein paar Biegungen werde ich fündig. Am Ende eines Waldwegs ist gerade genug Platz für das Zelt, ein Bach plätschert nur wenige Meter dahinter, und ich bilde mir ein, von der Straße nicht auf Anhieb gesehen zu werden. Entsprechend errichte ich meine betuchte Behausung und es stört mich nicht, dass das Zelt ein wenig auf den lehmigen Weg ragt – wird schon kein Förster kommen, der mir über die Füße fährt, ist ja Tanz in den Mai. Statt dessen freue ich mich über die ruhige Lage meines Quartiers für die Nacht: eine Schranke ein Stück zuvor sollte verhindern, dass mich Autos belästigen, es gibt weder Bahngleise noch eine Einflugschneise in der Nähe, und es mangelt noch nicht einmal an fließend Wasser für eine Katzenwäsche. Im Dunkeln hämmere ich noch ein wenig auf der Tastatur des Mini Rechners Erinnerungen in diesen, dann endet der erste Reisetag, der noch als Arbeitstag begann, weit vor Mitternacht – und sogar, entgegen der Prognose, ohne Regen.

Trotz der Idylle verbringe ich die Nacht ein wenig unruhig. Als es draußen hell ist, werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr. 11:00 Uhr! Kann doch nicht sein. Sofort bin ich hellwach, erschrecke förmlich, und erwecke das Smartphone zum Leben. Puh, alles nur ein böser Traum, der Zeitanzeiger muss stehen geblieben sein, die Anzeige des Taschentelefons erscheint mir verlässlicher - 06:15 Uhr. Ich ziehe mir die Kapuze des Schlafsacks über die Ohren und probiere es nochmal mit Schlafen. Zu gewohnter Zeit, es lebe der innere Wecker, krieche ich wieder hervor. Knapp zwei Stunden sind vergangen. Noch immer kein Krach draußen, nur das unermüdliche Plätschern des Baches und das Zwitschern der Vögel. Herrlich. Es folgen die üblichen ersten Handgriffe des Tages. Zähne putzen, eine Hand voll Wasser durch das Gesicht – erneut schätze ich den Bach, der sich nur wenige Meter hinter dem Zelt über felsigen Boden Richtung Talsperre ergießt, dann Taschen packen, Zelt abbauen, und schließlich ist es 09:25 Uhr, als das Navi die ersten Bewegungen des Rades feststellt.
Weiter geht die Fahrt in Richtung Hohes Venn. Nicht umsonst gehört das Adjektiv zum Namen der Gegend; das Umland, in dem ich mich befinde, ist tiefer gelegen, was wiederum zur Folge hat, dass eine morgendliche Dusche oder frische Klamotten absoluter Blödsinn gewesen wären. Es dauert keine Viertelstunde, da stehe ich im eigenen Saft, was auch an den Textilien nicht spurlos bleibt. Dennoch, die Gegend ist super. Ich radle durch einen Wald, das Teil eines Naturschutzgebietes ist. Keine Zivilisationsgeräusche, von gelegentlichen Flugzeugen mal abgesehen, nur die Vögel, die sich zu tirilieren, dazu ein blauer Himmel, und dort, wo die Bäume nicht ganz so dicht stehen, Sonnenstrahlen, die ihren Weg durch das Blattwerk gefunden haben. Befände ich mich nicht auf asphaltiertem oder geschottertem Untergrund, man könnte meinen, es wäre eine unberührte Natur. Weit und breit keine Häuser, keine Autos, nur ein paar Wanderer und Mountain Biker, die wie ich durch die Gegend strolchen. Irgendwann dann lichteres Terrain, eine Picknick Ecke, Hinweisschilder und eine rote Fahne, die anzeigt, dass gewisse Wege gesperrt sind. Dazu der Blick auf das Hochmoor. Ich bin beeindruckt.
Nach gut 15 Kilometern ist mein erstes Etappenziel erreicht. Das Quellgebiet der Rur. Wo genau der Bach aus dem Boden sprudelt, ich habe es im Vorfeld nicht heraus bekommen und vor Ort gelingt es mir noch weniger, da ich mich an die Hinweise halte, die Heide- und Moorlandschaft nicht zu betreten. Obwohl es laut Statistik hier häufiger regnet als anderswo, es ist trocken, auch wenn der Himmel Wolken verhangen ist und es mir ein wenig frischer vorkommt als an meinem Zeltplatz, der 300 Meter tiefer lag.
Vor dieser großartigen Kulisse bereite ich mir mein Frühstück. Der Kocher wird für eine Tasse Kaffee angeworfen, beziehungsweise der Einfachhalt halber wird eine der Tüten Instant Cappuccino entleert, dazu ein Becher Müsli mit Hafermilch, fast wie jeden Morgen, nur, dass mir gegen 11:00 Uhr so langsam der Magen hängt. Während das Wasser kocht, rufe ich meinen Vater an. Ob er auf dem gleichnamigen Fluss mit H unterwegs ist, zur allmorgendlichen Paddeltour. Nein, schon absolviert, aber wo wir schon telefonieren, gleich noch die jüngsten Neuigkeiten. Er berichtet von einem Bombenfund in der Nachbarschaft und der damit verbundenen kurzzeitigen Evakuierung in eine Turnhalle, ich von der Begegnung mit der Regierungschefin. Dann lasse ich mir Müsli und Kaffee schmecken.
Gegen 12:00 Uhr starte ich den eigentlichen Rurtal Radweg. Zunächst ist von dem Fluss beziehungsweise Bach nicht viel zu sehen, und es geht vorzugsweise abwärts. Muss ja auch mal sein, Wasser treibt es ohne Druck in der Regel nicht nach oben. Hah, und schon bin ich wieder beim Philosophieren! Herrlich, die Einsamkeit, Ruhe, das ungestört Sein. Neigt nicht so ziemlich alles dazu, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen? Zumindest ich will mich da nicht ausschließen, vor mich hin sinnierend, ohne großartiges Dazutun den Hügel hinab rollend. Um mich herum nehme ich nahezu unbewusst weitläufige Waldgebiete wahr, dann werden nicht nur meine Gedanken wieder in eine andere Richtung gelenkt.
Erneut überquere ich die grüne Grenze, ohne dass anhand irgendwelcher Schilder festzustellen wäre, auf welchem Staatsgebiet man sich befindet, dann stehe ich in Küchelscheidt, was laut Karte zu Deutschland gehört. Weil ich etwas zu voreilig abbiege, fahre ich ein Stück die ehemalige Vennbahn Trasse. Schön eben, glatter Asphalt, aber auch viel Verkehr, zweirädriger, Human powered. Muss wohl so sein – der Himmel ist wieder blau, in der Sonne ist es angenehm warm, da bin ich nicht der einzige Pedalist, der unterwegs ist. Nach dem Wechsel zurück auf den hier parallel verlaufenden Rurtal Radweg wird es wieder hügeliger, und die Abstände zwischen den Ortschaften werden kürzer. In Monschau zwängen sich Menschenmassen durch die engen Gassen, vorbei an Fachwerk und auch schon mal windschiefen Häuserwänden, die Souvenirläden sind trotz Feiertag geöffnet, die Restaurants und Cafés ohnehin, und freie Parkplätze scheinen rar. Unbeeindruckt davon fließt die Rur durch ihr steiniges Flussbett, hier und da von einer Brücke überspannt. In Einrur und Heimbach sieht es kaum anders aus, obwohl es sich langsam zuzieht. Aber auch zwischen den Orten ist einiges los. Motorradfahrer liegen mehr oder weniger auf ihren fahrbaren Untersätzen in den Kurven, Cabriolet Piloten lassen sich bei geöffnetem Verdeck den Wind um die Ohren pfeifen, und der Rest scheint von einem Ausflugslokal zum nächsten zu zockeln. Ich hingegen begnüge mich mit einer Flasche selbst gezapften Gebirgsbach Wassers und ein wenig später mit einem Manta Teller. Das Wasser ist köstlich. Dank Einsatz eines Filters ist es ungetrübt, quasi lupenrein, und hinterlässt auch keine ungewollten Nebenwirkungen. Die Portion PCM, Pommes,Currywurst, Mayo, ist hingegen lediglich Durchschnitt, wird aber der Erwartungshaltung an derlei Gourmet Tempel gerade noch gerecht. Besser ist da schon der Nachtisch, den ich mir einige Kilometer später gönne. Ein Stück Erdbeerkuchen, das mich in dem Café anlacht, in dem ich auf der Suche nach einem Brötchen zum Abendbrot fündig werde. Zufälle gibt's …
Die Rurtalsperre umfahre ich am westlichen Ufer. Der Weg ist knapp neun Kilometer kürzer und soll weniger reich an Anstiegen sein, doch mir fehlt der Vergleich. Unterm Strich will ich mich aber nicht beklagen; man merkt, dass man sich in der Eifel befindet, und dabei handelt es sich nun mal nicht um Flachland. Entschädigt wird die Strampelei, wie es sich gehört, mit imposanten Aussichten über Täler und entsprechende Abfahrten. Erst kurz vor Düren wird es ebener. Dafür setzt Nieselregen ein, als ich am Ortsrand eine Wiese am Fluss finde, die nicht direkt von jedermann eingesehen werden kann. Und eine Bahnlinie ist ebenso nicht fern, aber man kann ja nicht immer so viel Glück haben wir am Vortag. Auch wenn der Regen stärker wird, zum Duschen ist er nicht ergiebig genug, und so bediene ich mich erneut des Flusswassers, obwohl einige Abwasserrohre von Industriebetrieben nicht unbedingt das Vertrauen in die Wasserqualität fördern. Ebenso weiß ich nicht, wie die gewaschenen Kleidungsstücke trocknen sollen, aber man muss sich ja auch nicht zu viele Gedanken machen. Manche Dinge erledigen sich auch von allein, und morgen ist auch noch ein Tag.
Nach der Wäsche ist noch mal der Kocher dran. Da es weiterhin regnet, sitze ich im Zelt, während unter der Apsis eine Dose Linsensuppe vor sich hin köchelt. Trotz aller Antipathien gegen diese Form der Ernährung bin ich nicht unzufrieden mit dem Fertiggericht; es erspart mir das Hantieren mit mehreren Töpfen, verschiedensten Ingredienzien, der Beschäftigung mit unterschiedlichen Garzeiten, das Würzen und Abschmecken, und ich gelange schnellstmöglich ans Ziel – eine (weitere) warme Mahlzeit.

Der Freitag beginnt genau so trübe, wie der Donnerstag endete. Erst im Verlauf des Morgens hört es auf zu regnen, was nichts desto trotz zur Folge hat, dass das Zelt ebenso nass ist wie die frisch gewaschenen Anziehsachen. Dafür ist die Strecke weniger anstrengend. Es ist flach, lediglich der Wind bläst aus der falschen Richtung. Auf der Rur jagt ein Wehr das nächste, entsprechend den Hinweisschildern alles lebensgefährlich, doch auf dem Wasser ist niemand zu sehen, von ein paar Enten, Schwänen und anderem Wasser begeisterten Federvieh mal abgesehen. Vorbei ist es auch mit dem klaren Nass. Der schlammige Boden sorgt für eine entsprechende Trübung und lässt den Appetit vergehen, die Trinkflasche damit zu füllen.
In Jülich verlasse ich die Route kurz, um in einem Supermarkt frischen Durstlöscher zu erstehen, und Proviant für eine Zwischenmahlzeit fehlt ebenso. Auf dem Rückweg fotografiere ich gerade die Reste eines Stadttores, da gerate ich an jemanden, der sich dem Anschein nach bestens mit der Geschichte des Ortes auskennt.
Ob ich denn die Zitadelle bereits gesehen habe.
Nö, lediglich den Supermarkt, und die Metzgerei.
Dann aber kehrt Marsch, noch mal zurück zum Marktplatz, dort links, und eigentlich immer nur den Hinweisschildern folgen.
Da ich sonst nichts zu tun habe, warum nicht?
In der Tat ist das mittelalterliche Bauwerk beeindruckend. Im Innern der Mauern ist zwar nicht mehr viel von dem vorzufinden, was dort mal gestanden haben mag, dafür erfreuen sich Schüler an einer vielleicht etwas ungewöhnlichen Lernumgebung. Das Ausmaß der Festungsanlage macht schon was her. Einmal drum herum, und es stehen knapp zwei weitere Kilometer auf dem Zähler. Anschließend versuche ich noch einen ebenfalls ausgeschilderten Brückenkopf zu finden, doch als die Wegweiser ausbleiben und nichts entsprechendes zu entdecken ist, folge ich der Piste entlang des Flussufers.
An einem See, eine Hinweistafel weist das Gewässer als das Barmener Baggerloch aus, lege ich erneut eine Pause ein. Während ich mein Pausenbrot verzehre und die Ruhe genieße, nahe der Rur, denke ich darüber nach, ob ich es noch bis Roermond schaffe, wie zunächst beabsichtigt, oder ob ich irgendwo vorher das Zelt aufschlage. Ich fasse den Entschluss, ab 18:00 Uhr nach einem Platz für die Nacht Ausschau zu halten, und träume bereits von einem Ort wie dem, an dem ich mich gerade befinde, doch noch ist es zu früh am Tag.
Ein Loch im Vorderrad trägt kurz vor Heinsberg nicht unbedingt dazu bei, dass ich schneller voran komme, und erinnert mich daran, dass ich doch mal so langsam einen neuen Mantel aufziehen sollte. Es ist der vierte Platten in Folge, während der mit 8.000 Kilometer mehr zum Slick herunter gefahrene Konkurrent auf dem Hinterrad seinem Namen als „unkaputtbarer“ Reifen alle Ehre macht. Gutes Aussehen ist halt nicht alles, und mein Interesse, Rad zu fahren ist größer, als ständig Reifenpannen zu beheben. Einfach nur ärgerlich!
Eine Stunde vor meinem gesetzten Zeitpunkt, die Radelei für den Tag ausklingen zu lassen, erreiche ich Effeld, einen Ort, der im wahrsten Sinne des Wortes so gut wie nichts zu bieten hat. Nach zweimaligem Nachfragen auf der Straße stehe ich vor dem hiesigen Supermarkt. Vor dem Laden zwei Damen im Radlerdress vor ihren Rädern. Die üblichen Fragen, wo kommst du beziehungsweise ihr her, wo geht es hin. Der Blick in die leeren Regale hinter dem Schaufenster irritiert mich ein wenig. Die beiden Velonautinnen erwecken hingegen nicht den Eindruck, dass sie dafür verantwortlich wären. Überhaupt, dafür, dass sie aus dem Herzen Hollands kommen und nach Rom wollen, haben sie wenig Gepäck dabei, so gut wie gar nichts. Ist alles auf dem nur ein paar hundert Meter entfernten Campingplatz, werde ich aufgeklärt, dann machen sich die Frauen auf in Richtung ihrer Unterkunft, und ich in das Geschäft. In diesem noch mehr leere Regale, als die, die von außen zu sehen waren. So ähnlich muss es Mittags in Geschäften der ehemaligen DDR ausgesehen haben, kommen Assoziationen in mir auf. Doch egal, ich suche ja nur etwas zu trinken. Nachdem ich nicht so richtig fündig werde, überschaubar genug ist ja an sich alles, wende ich mich an den Verkäufer. Er schreitet mit mir an eine Wand und präsentiert mir sein Sortiment; Apfelschorle, Sprudel, Bier, Limo – dummerweise nur alles mit Kohlensäure, was zum Durchschütteln auf dem Rad eher ungeeignet ist. Zu guter Letzt entscheide ich mich für eine Flasche Pfirsichsaft, lasse die Pfandflasche auch direkt an Ort und Stelle, nachdem der Inhalt in die vorhandene leere Trinkflasche umgefüllt ist, und überquere wenige Minuten später die Grenze zum Nachbarland – abermals, ohne dass ein Schild Willkommen heißt oder für den Besuch dankt.
Auf dem Weg Richtung Rur Mündung stelle ich fest, dass dieser Teil der Niederlande zum wilden Campieren ungeeignet ist. Und nicht nur das, auch die Rur beziehungsweise nun Roer ist kaum noch zu sehen. Statt dessen radle ich auf einem gut ausgebauten Radweg an einer Straße entlang und sehe die Aussage bestätigt, dass in holländischen Fenstern keine Gardinen hängen; hinter den Scheiben allerlei Schmuck, von Kerzenständer, über Porzellanfiguren hin zu Topfblumen, und häufig genug davor Bäume, deren Schnitt mich an Spalierobst erinnert. Auch die letzten Meter in die Stadt hinein haben nur wenig mit Flussidylle zu tun. Wohngegenden, Gewerbegebiete, viel Asphalt, nichts mehr mit Ruhe und Natur. Dann dauert es nicht mehr lange, und ich erreiche gegen 19:30 Uhr ist das Ende des Flusses. Roer ergießt sich in die Maas, das war's.
Nach kurzer Bilddokumentation verlasse ich Roermond wie auch Holland wieder und es wird 20:00 Uhr, bis ich in einem Waldgebiet auf deutschem Boden ein genehmes Plätzchen für das Zelt finde. Am Rande einer großen Lichtung, unmittelbar vor einem kleinen Wiesensee, dort, wo das Wild wohl den Durst stillt, sehe ich mich ausreichend weit vor etwaigen Blicken geschützt. Dass in der Nähe Schüsse fallen, der nächste Hochstand nicht weit ist und ich die Warnweste abgelegt habe, trägt zwar nicht unbedingt zur Beruhigung bei, aber ich bin voller Zuversicht, nicht an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt als Opfer eines Wildunfalls zu enden.
Außer, dass es an diesem Abend Chili con Carne statt Linseneintopf gibt, ich auf eine Dusche verzichten muss und es gerne etwas wärmer sein dürfte, verbringe ich einen ganz normalen Abend, versteht man darunter, dass nicht unbedingt ein Fernseher flimmern oder geselliges Beisammen angesagt sein muss. Statt dessen flattert die klamme Wäsche im Wind auf der Leine zwischen zwei Bäumen, es ist schwach zu entnehmen, dass es in der Nähe eine Straße geben muss, und es klappern die Finger auf der Tastatur des mitgeführten Rechners, während nach 100 geradelten Kilometern der Körper ohnehin keine großen Ansprüche mehr hat, außer vielleicht, ausgestreckt zum Liegen zu kommen.

Auch am Samstag Morgen ist es weiterhin empfindlich frisch – laut Wetter Vorhersage unter 10 Grad, doch ansonsten beginnt der Tag beispielhaft. Die Sonne sorgt nicht nur für seelische Behaglichkeit, nein, sie trägt auch dazu bei, dass das Tau ohne mein Dazutun vom Zelt schwindet und ich die am Vortag noch nass aufgehängten Klamotten trocken in die Packtaschen stopfen kann.
Dem Frühstück mit unveränderter Zusammenstellung folgt der Zeltabbau, und bevor sich jemand über meine Anwesenheit beklagen kann, sind die Spuren meines Aufenthaltes beseitigt und ich sitze schon wieder im Sattel. Auf dem Weg Richtung Brüggen durchquere ich als erstes ein Waldstück, das bei den Ornithologen hoch im Kurs zu stehen scheint. Aber auch für mich hat das Naturschutzgebiet seinen Reiz. Links des Weges verläuft ein breiterer Bach, und wie zufällig verteilt hier und da eine Sumpflandschaft, mal Schilf umsäumt, mal mit vor sich hin modernden Bäumen. Hätte ich das eher gewusst, hätte ich am Vorabend doch nicht auf eine Dusche verzichten müssen – was so ein paar Meter doch ausmachen können ...
Als das nächste Dorf in Sichtweite ist probiere ich aus, ob meine mitgeführte Technik von den aufgestellten Mobilfunkantennen profitieren kann. Vollmundig hatte ich einem Arbeitskollegen eine Stippvisite angekündigt, dabei aber übersehen, dass die letzte Version der ausgearbeiteten Route weiter südlich seines Wohnortes verläuft. Also Entwarnung. Kein Kaffeekränzchen am Samstag Vormittag, keine Störung vertrauter Tagesabläufe. Er bedauert es, seine Frau auch, und ich ebenso, aber in Anbetracht der Windrichtung komme ich erst gar nicht auf die Idee, meinen Entschluss zu revidieren, doch noch mal einen Kilometer reicheren Schlenker einzulegen und die halbe Strecke gegen Naturgewalten anzukämpfen. So geht es weiter über Mönchengladbach Richtung Grevenbroich, dem Ort, in dem Hape Kerkeling zumindest im Film seine politische Karriere startete. Da die Kommunalwahlen in drei Wochen stattfinden, hängt an nahezu jedem Laternenmast ein Wahlkampf Plakat. Auch wenn manch einer der Kandidaten eine weitläufige Ähnlichkeit mit dem Kabarettisten hat, ich entdecke keines mit seinem Namen beziehungsweise dem seiner Kunstfigur Horst Schlämmer. Statt dessen gelange ich an die Erft. Ist nun kein wahrer Zufall, sondern war im Zuge der Vorbereitung eher beabsichtigt, aber als ich Grevenbroich entlang des Flüsschens verlassen will kommt es mir in den Sinn, dass der Ort vielleicht doch noch einer Aufmerksamkeit wert wäre. In Jülich erschlossen sich mir die Sehenswürdigkeiten ja auch erst im zweiten Anlauf.
Aufgrund anderer treibender Kräfte und der Mangel an Wildnis, in die ich mich zurück ziehen könnte, um mich letzterer zu entledigen, steuere ich den nächst gelegenen Biergarten an. Zunächst einmal gibt es dort die unkomplizierte Gelegenheit, nicht nur Dampf abzulassen. Im Anschluss beschließe ich recht spontan, etwaiges Vakuum mit einem halben Liter Radler aufzufüllen sowie dies in der Sonne auf der Terrasse zu genießen. Und letzten Endes spreche ich die Bedienung darauf an, was man denn von Grevenbroich gesehen haben sollte. Lange Zeit nichts, nur stilles Nachdenken.
Aus dem Stadthistoriker in Jülich sprudelte es ungefragt nur so heraus. Auch das Schloss in Mönchengladbach drängte sich förmlich auf, so unmittelbar auf der Strecke. Aber hier, in Grevenbroich?
Ob ich die Kraftwerke von Jüchen aus gesehen hätte?
Lagen auf meinem Weg. Ich hatte sie bereits als abschreckendes Beispiel fotografiert, wie man die schöne Natur zerstören kann. Eine sehenswerte Einkaufspassage oder ein alter Stadtkern?
Fehlanzeige, nichts, was man unbedingt gesehen haben sollte.
Na dann nicht, ist ja kein Muss, und einen Blick in das Internet ist mir die Sache auch nicht wert.
Also weiter, die Erft hinauf. Hinauf? Na ja, etwas übertrieben. Ich radle zwar der Quelle entgegen, aber in diesem Abschnitt gibt es so gut wie kein Gefälle. Zwischenzeitlich gab es zwar einige Erhebungen, aber die waren recht überschaubar, hier am Fluss hingegen – alles flach. Für Abwechselung sorgt bestenfalls ein Paddler Paar auf dem Wasser. In Indianer Manier. Von einer Brücke aus erfahre ich, alles easy going. Dann sind sie in der Strömung auch schon wieder vorbei, und ich kann ihrem Kielwasser nur noch hinterher schauen.
Weniger einfach erwartet es mich in Bedburg. Auf der Karte fiel mir auf, dass es dort ein Schloss geben sollte. Wegweiser dorthin gibt es auch. Zunächst weisen sie in Fahrtrichtung, irgendwann anders herum, anderthalb Kilometer. Seltsam. Ich kehre um, an Zeit mangelt es mir nicht, an diesem Tag. Als ich fast dort ankomme, wo ich hin will, spreche ich eine Frau an. Das Schloss. Ja, gute Frage, aber sie kennt sich hier auch nicht aus, radelt nur ein wenig mit der Tochter planlos umher. Im nächsten Anlauf lande ich in einem frisch angelegten Naturschutzgebiet, ein rekultiviertes ehemaliges Braunkohleabbaugebiet. Schilder weisen vollmundig auf die Aktivitäten des Energielieferanten hin, der bei seinem Raubzug durch das Gelände weniger sensibel vorgegangen sein dürfte, als man es jetzt von den Besuchern verlangt.
An einem See finde ich einen hervorragenden Zeltplatz, habe aber Skrupel, meine Behausung quasi genau dort aufzuschlagen, wo ein Verbotsschild unter anderem eben dies untersagt – kein Baden, kein Hunde frei Laufen lassen, kein Zelten. Nach kurzer Pause und Runde durch das wiederbelebte Biotop finde ich dafür den Zugang zum Schloss Bedburg. Ein schönes altes Gemäuer, von einem Wassergraben umgeben, das gerade als Kulisse für eine Hochzeitsgesellschaft herhalten muss. Aber warum nicht, es gibt Schlimmeres.
Dann der erneute Anlauf, ein Plätzchen für die Nacht zu finden. Auf dem Gelände einer ehemaligen Zuckerfabrik werde ich fündig. Auch hier stehen Schilder, die das Areal als Naturschutzgebiet kennzeichnen, doch ich muss mir keine Mühe geben, Verbotsschilder zu übersehen. An einer Plattform, von der aus Vogelkundler ohne zu stören das Geschehen über zwei Teiche überblicken können, lasse ich mich nieder. Von den Holzbohlen, die dazu installiert wurden, fehlt bereits ein beachtlicher Anteil, was mich jedoch nicht sonderlich beeinträchtigt. Da es noch hell ist, warte ich mit dem Zeltaufbau noch ein wenig und packe einstweilen den Kocher aus. Zeit für das Abendessen, und weil es so einfach ist, steht ein weiteres Mal Dosenfutter auf dem Speiseplan. Irgendwann leistet mir ein älterer Herr Gesellschaft. Er sei auf seiner alltäglichen Runde, und das um den Hals gehängte Fernglas verrät sein Interesse – die Vögel. Der Mann berichtet mir von mehr oder weniger seltenen Vertretern dieser Spezies, die er hier schon erspähte, vom früheren Verwendungszweck der Teiche, davon, dass für viel Geld die Beobachtungsplattformen und Unterstände geschaffen wurden, und dass halt irgendwelche Vandalen mit dem nicht viel im Sinn hätten; Vollpfosten trifft Holzplanke, letztere muss nachgeben. So sieht's aus.
Als ich nachhake, ob es wohl jemanden stören würde, wenn ich hier mein Zelt aufstelle, kommen wir auf das Thema Radtouren. Er würde ja auch gerne so etwas machen, mein Gegenüber, doch es fehlt der Mut zur Umsetzung. Ich versuche dem Mann ein wenig die Angst zu nehmen, und als die Dämmerung so langsam herein bricht, verabschieden wir uns. Er, um seinen Spaziergang fortzusetzen, vielleicht um ein paar verrückte Gedanken bereichert, und ich, um zu bleiben, das Zelt aufzubauen, und mich an dem Ausleben eben solcher Vorstellungen zu erfreuen.

Außer gelegentlichem Geschnatter von den Teichen und der Geräuschkulisse einer vorbeilaufenden Straße verbringe ich eine weitere ungestörte Nacht. Der Sonntag begrüßt mich freundlich, und es wird erneut kurz nach 10:00 Uhr, als ich aufbreche. Weiter geht es entlang der Erft, wo sich bei Kerpen, nur unweit des Papsthügels, ein zweites Mal nach Düren Wege der Route kreuzen. Bei blauem Himmel und leichter Bewölkung sind wieder zahlreiche Radler unterwegs, in Bergheim lockt ein Trödelmarkt Scharen in die Fußgängerzone, und in Erftstadt stoße ich an die Stelle, von der aus Ute und ich im Juni 2011 der Erft bis zur Quelle entgegen radelten, um via Ahr und Rhein zurück nach Hause zu gelangen.
Diesmal verlasse ich das Flüsschen eben dort, um in nun entgegen gesetzter Richtung dem Ausgangspunkt der Tour entgegen zu steuern, dass heißt, vorbei an Liblarer See, Ober-, Mittel- und Untersee, halb rum um den Heider Bergsee, auf dem bereits über das Gewässer hinweg zu erkennen ist, was dort stattfindet: die Globeboot, die außerhäusige Messe der Kölner Globetrotter Filiale, auf der auch Ute und ich uns einst in Sachen Zelt und Ausrüstung hatten beraten lassen und uns Tipps von Weltenbummlern zu Drahtesel holten.
Da das knappe Reisebudget noch nicht ganz aufgebraucht ist und sogar noch Reserven für eine Fahrt mit der Fähre über den Rhein vorhanden sind, parke ich unter den skeptischen Blicken von Ordnern mein bepacktes Rad am Informationsstand des Veranstalters, schließlich tragen die Packtaschen dessen Namen, und stürze mich ins Getümmel. Nach einer Bratwurst schlendere ich am Stand des Herstellers meines Navis vorbei, fachsimple mit den Ausstellern ein wenig über die Grenzen der Technik und der Qualität des käuflichen sowie des frei verfügbaren Kartenmaterials. Als nächstes läuft mir der junge Mann über den Weg, der sich beim Outdoor Ausstatter in Köln um die Vorträge kümmert. Ich erkundige mich nach dem Interesse an einem Bericht über die Tour des Vorjahres, der Nordroute von Köln nach Formentera, brauche mich aber nicht zu sorgen, mich mit der Aufarbeitung der Erlebnisse beeilen zu müssen – die kommende Vortragssaison ist bereits verplant. Letzten Endes mache ich noch an dem Stand halt, an dem die Packtaschen angepriesen werden, die auch Ute und mich bislang nicht enttäuschten. Es ist mir ein Bedürfnis den Vertreter des Hauses auf ein Produkt hinzuweisen, das im Sortiment noch fehlt und von dem ich überzeugt bin: einer Campingwaschmaschine. Ich schwärme von dem Patent vor, das ein Konkurrent aus Australien am Markt anbietet, dem Rollbeutel, auf dessen einer Seite eine genoppte Matte eingearbeitet ist, und habe den Eindruck, auf offene Ohren zu stoßen. Ob sich aus der Empfehlung Kapital schlagen lässt? Abwarten …
Der Rest des Weges ist mehr oder weniger bekannt und nicht mehr gar so attraktiv, aber irgendwie muss man ja nach Hause kommen. Von Brühl aus geht es über Meschenich nach Sürth, noch die zwei Kilometer den Rhein runter bis zum Fähranleger, einmal übersetzen, und dann ist er beendet, der Ausflug zur und entlang der Rur, der unbe-h-ten, und der Beweis ist erbracht: eine weniger prall gefüllte Reisekasse muss das Vergnügen nicht schmälern.