auf den Spuren von Ute & Dirk Prüter

Sauerlandradring

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Wohlstandsverwahrlosung - der Begriff wabert noch irgendwie im Hinterkopf. Hörte ich während einer Reportage im Autoradio, als ich mit dem zusammen geklappten Liegedreirad im Kofferraum des Golfs entlang der Biggetalsperre Richtung Finnentrop unterwegs war. Die Journalistin zitierte mit diesem Wort Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker, angesprochen auf die Ausschreitungen diesjähriger Abiturienten. Ein angemessenes Maß an Feierlichkeiten in Anbetracht des bevorstehenden Endes der Schulzeit war von den Absolventen gesprengt worden. Statt eines fröhlichen Miteinanders gingen rivalisierende Schülergruppen mit Baseballschlägern aufeinander los. Ergebnis: zwei 18-Jährige erlitten schwere Kopfverletzungen und liegen im Krankenhaus.
Ich hingegen bin unversehrt. Liege ohne eingeschlagenen Schädel in meinem Zelt, um 23:00 Uhr, gut 100 Kilometer östlich vom Ort der Geschehnisse des letzten Tages entfernt. Ziehe mir gerade das langärmelige Merino Shirt über den Kopf weil mir zu warm ist, im Schlafsack. Die lange Unterwäsche bleibt an. Fehlt es mir ebenso an geistiger beziehungsweise sozialer Orientierung? Eine Nacht bei 2° Celsius unter nahezu freiem Himmel zu verbringen?
Meines Erachtens nicht. Zumindest aber kommt durch meine Aktivitäten niemand zu Schaden. Mein Handeln lässt meine Mitmenschen unberührt, sogar die Natur muss nicht leiden, außer vielleicht, dass ich ein paar Grashalme umknicke. Obwohl - die werden sich wieder aufrichten. Eine größere Belastung dürfte schon die mit der An- und Abreise einhergehende Schadstoffbelastung der Luft darstellen. Zumindest auf der Strecke, die ich nicht aus eigener Kraft bewältigte. Bevor ich in Finnentrop um 12:00 Uhr auf einem Park + Ride Parkplatz den fahrbaren Untersatz tauschte und mit den Füssen kurbelnd dem Sauerlandradring folgte. Sauerlandradring - 84 km Fahrvergnügen für Familien und Tourenradler. Mitten durchs Herz der Region verbindet er Finnentrop, Eslohe, Schmallenberg und Lennestadt auf entspannte Art und Weise. So kann man es auf der Internetseite der Route nachlesen. Anstiege, die sich in Grenzen halten und für Fahrspaß sorgen, auf dem Rundkurs einer ehemaligen Bahntrasse, der sich auf einer Nordschleife um 40 Kilometer ausdehnen lässt. Folgt man dieser, so kommt man am Ostufer des Hennesees entlang, gelangt nach Meschede und teilt sich ein Stück weit mit dem Ruhrtal Radweg den Untergrund.
Aber ganz so weit bin ich noch nicht. Es liegt erst die Hälfte der Strecke hinter mir, als ich über Wohlstandsverwahrlosung sinniere. 62 Kilometer, bei denen ich mich zunächst sorgte, dass ich sie viel zu schnell hinter mir lassen würde. Wie man vielleicht die gesamte Tour an etwas längeren Tagen an einem Stück unter die Räder nehmen könnte. Die Sorge erwies sich als unbegründet. Von der Vorstellung eines Tagesausflugs nehme ich zur Halbzeit Abstand.
Auch wenn die bisherigen Höhenmeter gerade die Hälfte dreistelliger Werte erreichen so fürchte ich, hat die Worte für das Internet jemand geschrieben, für den die Gegend sein Zuhause ist. Ich komme nicht von hier. Wo ich lebe, dort gibt es kaum Höhenunterschiede. Für mich verteilten sich die Anstiege ungleichmäßig. Gut, es sind nie mehr als 50 Meter Höhendifferenz am Stück, aber es gibt durchaus Passagen, da sinkt das Vorankommen auf strammes Schritttempo, und als ich nach gut fünf Stunden Fahrt quasi mit dem Gongschlag um 18:00 Uhr den Campingplatz am Hennesee erreiche, sind die Beine lang. Erst mal. Und es ist kalt. Erst mal. Auch wenn nach grauem Himmel in Köln die Wolkendecke noch weit vor Olpe aufriss und die Temperaturen Höchstwerte von 15° erreichten, ab dem Moment, als ich um 15:30 Uhr auf einem Rastplatz zusammen mit einem Einheimischen bewunderte, wie Wolken über einen Hügelkamm fielen, wurde es kühler. Empfindlich kühler. Wurden kurz zuvor schon die Schatten länger, so dauerte es nicht lange und es waren keine mehr zu sehen. Stattdessen bekam ich die Feuchtigkeit in der Luft zu spüren - und das Gefühl war kein behagliches. Nasskalt eher. Aber ich hatte es ja nicht anders gewollt. Die Wettervorhersage stimmte. Und mit der Aussicht, dass Island im Sommer auch nicht großartig anderes für mich parat halten würde, war es erträglich. Irgendwie.
Zum Wohlbefinden trug, nachdem die mobile Behausung errichtet war, die Dose "Chili con Carne" bei. Meine warme Mahlzeit des Tages, nach dem Einsatz des Spirituskochers. Schon wohl tuend, doch es sollte noch besser kommen.
An sich hatte ich bereits vorgehabt, die Runde Ende November zu fahren, als Ute mit ihren Freundinnen einen mittlerweile traditionellen Wellnessurlaub verbrachte. Doch nicht nur die Wetterprognose hatte mich abgehalten, auch die Information des Campingplatzbetreibers, dass vor Weihnachten diverse Einrichtungen der Anlage geschlossen waren. Und die hatten nun geöffnet und standen mir ohne Aufpreis zur Verfügung. Ein Schwimmbad sowie - eine Sauna!
Dass freitags ab 20:00 Uhr textilfreies Baden praktiziert wird? Sehr zuvorkommend, bleibt die Badehose trocken!
Dass ich keinen Bademantel im Gepäck habe? Egal, man leiht mir zwei große Handtücher - ebenfalls kostenlos.
Bevor der erste Gang in den Schwitzkasten ansteht, wird erst einmal ein Radler geleert. Sehr angenehm! Dass beim Aufguss ein Wassereis angeboten wird? Äußerst nett und zuvorkommend, aber nein danke. Das Angebot geschnittener Ananasscheiben und Apfelsinen beim zweiten Gang lehne ich nicht ab. Und dass nach den transpirativen Sitzungen jeweils ein weiteres Glas der Einstiegsbeköstigung herhalten muss - auch nicht schlecht. So lässt es sich leben. Und schon friere ich nicht mehr, selbst als nach einer Stunde Radiotatort der mp3-Player verstummt.
Dass ich irgendwann, mitten in der Nacht, doch nochmal darüber nachdenke, zuvor abgelegte Bekleidungsstücke wieder überzuziehen, es dann aber aus Gründen der Bequemlichkeit oder Schlaftrunkenheit sein lasse, zeigt, dass es nicht zu dramatisch gewesen sein kann. Und am nächsten Morgen sind es auch nur die kalten Finger, auf die ich hätte verzichten können. Aber immerhin, das Zelt weist weder Spuren von Raureif noch von Eis auf. Habe ich auch schon anders kennen gelernt.
Mit dem Aufbruch um 10:30 Uhr weicht die Kälte, zumindest die gefühlte, so lange ich in Bewegung bin. Bei weiterhin nasskalter Witterung, zeitweiligem Sprühregen und Temperaturen nicht über 6° nicht unbedingt optimale Reisebedingungen, auf der anderen Seite - es gibt Schlimmeres.
Die ersten 10 Kilometer habe ich zur Linken den in Grau gehüllten Hennesee. Kaum liegt die Staumauer hinter mir, befinde ich mich in Meschede. Kurzes Frühstück in der Fußgängerzone im Stehen, vor einer Bäckerei, ein belegtes Brötchen, dann heißt es wieder Platz nehmen, zurücklehnen, strampeln und ein Stück weit der Ruhr zu folgen. Vorbei an den bereits bekannten Weihnachtsbaumplantagen, die mich immer noch amüsieren. Welch ein Aufwand für einen Wegwerfartikel!
Ab der Wennemündung geht es das Flüsschen aufwärts entlang weiter, bis die Nordschleife bei Eslohe wieder auf den eigentlichen Rundkurs trifft. Ich bin gerade in schönster Fahrt, da gilt es, die eine asphaltierte Bahntrasse zu verlassen, einem kurzen Stück Straße zu folgen und sich am nächsten einstigen Schienenweg zu orientieren. Ein paar Kilometer vor der Attraktion des Sauerlandrings dann der Hinweis, dass diese zum aktuellen Zeitpunkt zu umfahren ist. Der Fledermaustunnel. Einheimischen ist das Bauwerk eher unter dem Namen "Kückelheimer Tunnel" ein Begriff, wie ich feststelle, aber was soll's. Wenn es hilft, Gäste in die Region zu locken.
Wie auch immer man das Kind nennt - in der dunklen Jahreszeit ist der Weg durch den Fels geschlossen. Die Tierchen sollen im Winter ungestört bleiben. Anstatt schummrigen Lichtes und platschender Wassertropfen von der Decke heißt es für mich, bei kaum anderen Gegebenheiten unter freiem Himmel der Umleitung zu folgen. Der erste Hügel ist schnell erklommen, eine sich anschließende Talfahrt rasant, dann wird es weniger genüsslich. 150 Meter Höhenunterschied, ansteigend, die die Durchschnittsgeschwindigkeit auf mittlere einstellige Werte fallen lassen. Der Rest der Strecke ist dann überwiegend mit Gefälle. Entlang des Fretterbachs zunächst weiter auf der ehemaligen Bahntrasse, später auf der Straße, bis schließlich Lenne aufwärts der Weg vorbei an kleineren Industriebetrieben führt und der Ausgangspunkt in Finnentrop gegen 16:00 Uhr erreicht ist.
Insgesamt betrachtet hätte ich mir eine Streckenführung weiter abseits von Straßen, Häusern und Gewerbegebieten gewünscht. Dass es mich weder zum Häuptling der Mescalero Apachen in Elspe noch in eines der Museen am Wegesrand zog ist meinem mangelnden Interesse an derartigen Sehenswürdigkeiten geschuldet. Ansonsten empfand ich den Rundkurs landschaftlich ansprechend, Rastplätze ausreichend vorhanden sowie in gutem Zustand und die Tafeln mit Hinweisen zu Ort und Geschichte informativ. Dank der Beschilderung sollte das Potential, sich zu verfahren, gering sein, wobei für den Zweifelsfall ein Navi mit Karte und Route nicht schaden kann. Wie viel Zeit man sich für das Vergnügen lässt, betrachte ich als eine individuelle Angelegenheit. Bei mäßiger Kondition und geöffnetem Fledermaustunnel sollte der 84 Kilometer lange Rundkurs ohne Gepäck keine unbezwingbare Herausforderung darstellen. Und soll die Nordschleife in einem Zuge auch noch drangehängt werden, so empfehle ich die Übernachtung auf dem Campingplatz am Hennesee, ohne dies als Wohlstandsverwahrlosung zu empfinden. Bringt man sich dann noch am Vorabend mit dem Film "Letzte Ausfahrt Sauerland" in Stimmung, in dem Heiner Lauterbach einen schrulligen Kauz spielt, der ohne es zu wollen erfährt, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hat, dann kommt sogar die geistige Nahrung nicht zu kurz.