auf den Spuren von Ute & Dirk Prüter

Wintertour Köln - Formentera

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31.1.2018 – Argelès-Sur-Mer (Frankreich, nordöstliches Ende der Pyrenäen)
Ein wenig orientierungslos schaue ich mich um. Es ist halb zwölf, als ich vor die Tür trete. Berge, Meer, Sonne – nichts von dem, was mir helfen würde, den natürlichen Kompass zu kalibrieren, ist zu sehen. Statt dessen habe ich einen dicht bewölkten, grauen Himmel über mir, eine ausgestorbene Straße vor mir und die Hoteltür im Rücken. Ich laufe ein paar Schritte nach rechts, dann stelle ich mit dem Blick auf das Navi fest: falsche Richtung. Vorbei an verwaisten Campingplätzen, verriegelten Fressbuden und durch menschenleere Straßen folge ich dem Weg gen Ortszentrum. In einer Fußgängerzone geht es belebter zu. Bauarbeiter nutzen den Winter für Renovierungen, am Rande von Absperrgittern sind Marktstände aufgebaut, ein paar Läden haben geöffnet. Nach weiteren zwei Kilometern bin ich dort, wo die rote Linie auf dem elektronischen Wegweiser endet. Ein Gewerbegebiet am Rande von Argelès-Sur-Mer. KFZ-Händler, Autowaschstraßen, Malerbedarf, Bioladen, Optiker, Einrichtungshäuser und andere Anbieter buhlen um die Gunst derer, mit denen auch außerhalb der Saison Geschäfte zu machen sind. Dazwischen die Werkstatt, vor der das steht, was sich an sich seit mindestens zwei Stunden unter meinem Hintern auf der Straße befinden sollte. Mein Trike. Mein Liegedreirad. Mit ausgebautem Hinterrad. Kein schöner Anblick.

Tage zuvor in Köln. 2018 ist gerade ein paar Tage alt, da checke ich Pläne, wer mich nach Formentera fliegen könnte. Es gibt Dinge zu erledigen, in Balearien. Dabei kommt mir die Idee: warum nicht radeln? Wäre ja nicht das erste Mal. Bevor ich Fluggesellschaften mit hochkarätigen Preise helfe, Schnäppchenangebote zu subventionieren, die ich nie in Anspruch nehmen kann, mir sonst wo auf dem Flughafen eine Nacht um die Ohren schlage, bezahlbare Direktflüge gibt es keine, und mich darüber ärgere, das manch eine Offerte nur Handgepäck zulässt – da gibt es doch Alternativen. Ob sie zwingend preiswerter sind sei dahingestellt, doch das Erlebnis dürfte zweifelsfrei reichhaltiger sein. Zudem verspricht die Reise aus eigener Kraft das, was ich die letzten Monate einem geregelten Einkommen zugunsten opferte. Freiheit. Der Naviki Routenplaner liefert ein in weiten Teilen brauchbares Ergebnis: keine 1.800 Kilometer, einige Streckenabschnitte sogar bislang unbekannt. Zunächst durch die Eifel bis in das Dreiländereck Deutschland/Luxemburg/Frankreich, einige Kilometer die Mosel hinauf, entlang von Kanälen an die Saône, dieser runter bis zur Rhône, letztere auf dem Weg zum Mittelmeer folgen, rechts abbiegen, immer schön an der Küste lang, Pyrenäen überqueren, Costa Brava, Barcelona, Fähre nach Ibiza und schon ist auch Formentera nur noch eine halbe oder ganze Stunde entfernt, je nachdem, welches Bötchen für die Schlussetappe als nächstes ablegt. Auf dem Blatt Papier beziehungsweise auf dem Rechner alles ganz einfach.
Die Wahl des fahrbaren Untersatzes ist nicht viel komplizierter: das Liegedreirad sollte es sein. Das, welches sich bereits auf der letzten Anreise bewährte. Über Island, bevor mit dem Camino-del-Cid die Querung Spaniens von Nord nach Süd, von Bilbao bis Valencia anstand. Was gute fünfeinhalbtausend Kilometer einschließlich etlicher auf üblen Holperpisten überstand, sollte mit knappen zweitausend nicht an seine Grenzen kommen. Dennoch, ein über den Packsack mit dem Zelt gezurrter Reservereifen erscheint mir nicht unangebracht. Für den Fall der Fälle. Auf der Insel im hohen Norden hatte ich zwei davon dabei, von einem musste ich Gebrauch machen. Darüber hinaus so etwas wie das Standardersatzteilrepertoire: Ersatzschlauch, Ersatzspeichen, Flickzeug, Panzertape, Kabelbinder sowie ein paar Rohrschellen. Man kann ja nie wissen. Die Kosten für Platz und Gewicht sind im Verhältnis zum Nutzen vernachlässigbar. Doch irgendwo ist ohnehin Schluss mit Sicherheit. Das Restrisiko deckt ein Schutzbrief des Fahrradclubs (ADFC) ab …
Übernachtungstechnisch soll die Tour für mich ein Novum werden. Ich plane mich soweit wie möglich bei Warmshowers Mitgliedern einzuquartieren. Einige Male schon schrieben mich andere Radler über die Internetplattform an, ob sie bei mir übernachten könnten, dreimal hatte ich Gäste im Haus, dreimal verbrachten Ute und ich mit diesen gesellige Abende, beköstigten die bis dahin Fremden, ließen ihnen zukommen, wozu der Name der Gemeinschaft steht und stellten ihnen ein Dach über dem Kopf zur Verfügung. Warum das Ganze nicht auch mal anders herum ausprobieren? Nicht die Welt nachhause holen, sondern schauen, was diese zu bieten hat. Der letzte Warmduscher, Mike, er kam aus dem Speckgürtel Barcelonas, war an der Idee nicht ganz unbeteiligt. Er fuhr mit dem Bus zum Bodensee und wollte von dort im Oktober den Rhein hinunter bis zur Nordsee. Und die Aussicht auf den Luxus, nach vollbrachtem Tagewerk wohl temperiertes Wasser über den Körper ergehen zu lassen und nicht die Nacht zusammen gekauert und mit zu gezogener Schlafsackkapuze im Zelt verbringen zu müssen, sie reizt. Noch bevor ich starte sind die ersten Kontakte hergestellt, doch ich will es nicht übertreiben. Mehr als eine Woche im voraus jemanden anzuschreiben macht nach meinem Dafürhalten keinen Sinn. Ergibt sich irgendwo eine Verschiebung im Ablauf, will ich nicht einen halben Tag damit verbringen, umzuorganisieren.

Als ich am Donnerstag den 11'ten Januar 2018 starte, ist das Wetter für einen Wintertag gemäßigt. Für die nächsten Tage sind keine ärgeren Regenschauer angekündigt, der Hochwasserpegel des Rheins ist wieder sinkend und eine Frostperiode nicht absehbar. Von Ute auf dem für sie neuen nahezu baugleichen Gefährt begleitet erreiche ich nach wenigen Kilometern die Stadtgrenze Kölns, danach geht es für mich allein weiter. Allein? Die meiste Zeit ja, kurzfristig habe ich jedoch Gesellschaft. Sogar auf Augenhöhe. Kurz vor Bonn treffe ich einen weiteren Trike-Piloten. Ihn treibt es auf den Venusberg. Sein fahrbarer Untersatz unterscheidet sich im Wesentlichen nur in der Farbe von meinem und wie ich, so mag auch er ihn nicht tauschen. Nach unterschiedlichen Routen durch die Stadt kreuzen sich unsere Wege ein weiteres Mal, dann kurbele ich tatsächlich ohne jemanden neben mir weiter durch die Prärie. Die dunkle Jahreszeit ist bei Radlern nicht die gefragteste. Bei einer kurzen Pause an der Swist spricht mich ein Wanderer Pärchen an. Ob ich Holländer sei. Und nach Italien wolle. Häufig hätten sie an der Brücke bereits entsprechende Radler getroffen. Ich muss die beiden enttäuschen. Herkunft und Fahrtziel sind bei mir andere.

Mit Bad Münstereifel ist schließlich nach 65 Kilometern mein erstes Tagesziel erreicht. Jürgen Schmidt residiert die Woche über dort. Der geistige Vater von Andreas Mücke, einem erdachten ortsansässigen Privatdetektiv, dessen Fälle nachlesbar sind, ist zwar weder Warmshowers Mitglied noch für mich ein Unbekannter, doch das schmälert das Entgegenkommen nicht. Das Reiseziel ist das verbindende Element. Einst lud er mich zu einer Lesung ein, über meine „Nordroute“ nach Formentera zu berichten, handelte sein Roman „Chiliherzen“ zu Teilen am gleichen Ort, während Meike Krautscheid mit Bass musikalisch untermalte. Nach angeregter Unterhaltung endet der Abend nach dem Besuch eines Brauhauses im Ort bei einem Absacker in der Küche, der die Mittelmeerinsel bereits geschmacklich näher bringt: Jürgen öffnet eine Flasche Hierbas, den ibizenkischen Kräuterlikör, der üblicherweise auf Formentera nach dem Essen gereicht wird.
Über Nettersheim, Blankenheim nach Gerolstein setzt sich mein Weg durch die Eifel am nächsten Tag fort. Entlang von Urft, Ahr und Kyll halten sich die Anstiege in Grenzen. Als Henryk, mein erster Warmshowers Gastgeber, mich jedoch im Ort aufliest und mir mit seinem Mountainbike den Weg zu seinem Haus weist, zeigt er mir schnell meine konditionellen Grenzen auf. Während er kleinere, steilere Hügel scheinbar mühelos meistert, muss ich zwischendurch anhalten und Luft holen. Dennoch, die anschließende warme Dusche ist aller Anstrengungen wert, dazu werde ich mit einem leckeren Abendessen in der Gesellschaft eines befreundeten Pärchens entlohnt, das interessiert ist zu erfahren, was den Reiz des Reiseradelns ausmacht. Es wird ein Abend, wie noch zahlreiche folgen. Wir plaudern über unsere Radtouren, die Ausrüstung, die Planung, das Leben auf der Straße, aber auch Gott und die Welt kommen nicht zu kurz. Nicht alle Warmshowers sind so weit herum gekommen wie Henryk, ihn verschlug es bis Neuseeland, manch anderer begnügt sich mit Touren im Heimatland, wieder andere zogen wie ich den Radius etwas weiter und erkundeten per Drahtesel Teile des hiesigen Kontinents. Letztendlich ist zwischen dem Weltreisenden sowie dem Wochenendausflügler alles vertreten. Die Nächte verbringe ich häufig genug in Gästezimmern, brauche weder eigene Matratze, Schlafsack noch Handtuch auszupacken, doch auch wenn es mal anders ist, es schmälert das Vergnügen nicht. In der Regel genieße ich am Morgen noch mit meinen Gastgebern ein Frühstück, manch einer probiert aus wie es ist, auf einem Liegedreirad zu sitzen oder zu fahren, dann folgen gegen neun Verabschiedung und es geht zurück auf die Piste.
Dass Zelt, Schlafsack und der Rest der Campingausstattung dennoch nicht umsonst am Rad lasten zeigt die dritte Nacht. Von den beiden angeschriebenen Warmshowers entlang der Mosel in Luxemburg erhalte ich keine Rückmeldung. Auf die Frage in einer Tankstelle, ob man mir mit einer kostengünstigen Alternative weiterhelfen könne, bekomme ich nur zu hören: „in Luxemburg ist nichts kostengünstig.“ Entsprechend steht an einem Samstagabend auf deutscher Seite ein kleines Zelt am Wegesrand.
Ähnlich gestaltet es sich mit den ausgesuchten Pfaden. Nicht alle funktionieren beziehungsweise sind passierbar. Zwingen mich zwischen Gerolstein und Bitburg ab Kyllburg einige Hügel aus dem Sitz, 15 Prozent Steigung über mehrere Meter hinweg übersteigen meine Leistungsfähigkeit, so werde ich in Frankreich mit einem anderen Problem konfrontiert: Hochwasser. Zunächst beginnt es an der Mosel damit, dass der Weg entlang des Flusses noch im Matsch versinkt. Einige Meter komme ich noch kurbelnd voran, dann fällt selbst das Schieben schwer. Schnell bilden sich klebrige Klumpen unter den Schutzblechen und ich bin länger damit beschäftigt, diese zu beseitigen, als dass ich weiter komme. Es bedarf keiner größeren Überredungskünste, da fahre ich auf der Straße, schaue, dass ich grob der Richtung treu bleibe und kann das Atomkraftwerk Cattenom aus der Nähe bewundern – ein zweifelhaftes Vergnügen, zumindest aber strahlt auch die Sonne. Im weiteren Verlauf wird es nicht viel besser. Immer wieder haben Streckenabschnitte noch „Land unter“, immer wieder suche ich nach Ausweichstrecken, immer wieder muss ich umkehren, weil der Weg unvermittelt in den Fluten endet.

Einige Kilometer vor Épinal verlasse ich nach vier Tagen die Mosel. Entlang des Vogesen-Kanals ist der Wasserstand nivelliert. Ich kann der geplanten Route uneingeschränkt folgen und abschnittweise sogar meinen Weg problemlos zurückverfolgen, denn – es schneit. Zumindest in den Vormittagsstunden. Viel liegen bleibt von der weißen Pracht nicht, dazu ist es zu warm. Die Temperaturen liegen bei etwa drei Grad. Was den Schnee tauen lässt, beschert mir dennoch steif gefrorene Finger. Schon seit einigen Tagen nerven mich quietschende Bremsen, während einer Pause gehe ich der Sache nach und stelle fest: die Bremsbeläge sind herunter gefahren. An Ort und Stelle versuche ich, das Problem zu lösen. Immerhin füllen neben den anderen Utensilien ebenfalls zwei Paar Ersatzbeläge den Notfallbeutel. Mit klammen Extremitäten werden die Wartungsarbeiten jedoch zum zeitaufwändigen Geduldspiel. Eine geschlagene Stunde vergeht schließlich, bevor die Schrauben wieder festgezogen sind und die Bremsen wieder lautlos ihren Dienst verrichten.

Tags drauf dann geht es an der Saône weiter. Es ist wie an der Mosel. Auch dieser Fluss führt mehr Wasser als üblich. Hinzukommt, dass gleich reihenweise Felder überschwemmt sind. So darf ich vor Gray einen 10 Kilometer Schlenker einschlagen, weil zwei Zuflüsse eine Auenlandschaft in ein geflutetes Delta verwandeln. Dass mich kurz zuvor ein Schleusenwärter auf einen Tee oder Kaffee einlädt? Nette Geste am Rande, doch am Ende überwiegt ein Anflug von Frust.
Mit meinem Eintreffen in Chalon-Sur-Saône kommt eine weitere Komponente hinzu. Es regnet den ganzen Tag über. Erst nur leicht, später intensiver. Ich bin nass bis auf die Knochen. Solange ich in Bewegung bin, ist es erträglich, bleibe ich stehen, zittere ich schnell am ganzen Körper. Da ich ohne Pause und zügig durchradle, komme ich bereits frühzeitig in der Stadt an. Meine Anfrage bei dem Warmshower, ob ich früher als vereinbart eintreffen kann, landet auf einem Anrufbeantworter. Rettend erscheint es mir, die Wartezeit in einem McDonalds in der Nachbarschaft zu verbringen, doch die klimatisierten Räumlichkeiten des Restaurants schaffen keine wahre Abhilfe. Der Kaffee tut zwar gut, doch ich schlottere vor mich hin und schnell bildet sich unter meinem Sitz eine kleine Pfütze. Auch das Gebläse des Handtrockners auf der Toilette eignet sich nicht dazu, das Wohlbefinden dauerhaft zu steigern. Den Eindruck, dass Radeln Spaß macht, kann ich in diesem Moment nur schwer vermitteln. In meiner Verzweiflung mache ich mich kurze Zeit später aufs Geratewohl auf zu meinem Gastgeber und habe Glück. Es ist jemand Zuhause, das Feuer im Kamin wirkt Wunder und ich schätze die warme Dusche mehr denn je zuvor. Dass die Dame des Hauses Präsidentin eines Fahrradclubs ist und sich engagiert für die Belange der Mitglieder einsetzt, verschafft zudem ungewohnten Gesprächsstoff.
Am folgenden Sonntag setzt der Regen zwar erst später ein, doch mit Unterkühlungen hält es sich in Grenzen. Dank eines kleinen Umwegs sowie eines Missverständnisses treffe ich weder zu früh ein noch muss ich einem Hochwasser ausweichen. Anstatt weiter der Saône zu folgen weiche ich auf einen parallelen Radweg aus. V51 statt V50, Voie verte statt Voie bleue, Greenway statt entlang des Flusses. Eine ehemalige Bahnstrecke verläuft einige Kilometer versetzt zur ursprünglich geplanten Route. Sie wird meinen Vorstellungen bezüglich einer derartigen Trassierung gerecht. Sanfte Anstiege, weite Kurven, viel geradeaus. Erst auf den letzten Kilometern muss ich ein wenig kraxeln, da ein Tunnel gesperrt ist. Dann beginnt ein kleines Verwirrspiel. Nachdem Mâcon erreicht ist, kündige ich mich per Telefon an und hake nochmals bezüglich der Hausnummer nach. 31. Okay. Der Nachsatz macht die Sache kompliziert. Es gibt zwei ähnlich klingende Straßen: Rue de Lyon und Route de Lyon. Ich interpretiere, dass ich in der falschen stehe. Als ich mich nach kleiner Irrfahrt aus der anderen Straße melde, erneut die Rückmeldung: man stehe auf dem Balkon, könne mich aber nicht sehen. Rue de Lyon. Also wieder zurück. Anschließend klärt sich die Angelegenheit. Im ersten Anlauf stand ich nicht unmittelbar vor dem Haus, sondern etwas versteckt, verdeckt durch einem parkenden Lieferwagen. Okay, aneinander vorbei geredet. Kann passieren, Schwamm drüber.

Wieder einen Tag später ist die Situation ganz anders. Mein Ziel: Lyon. Wie viele Warmshowers Mitglieder dort registriert sind? Schwer zu sagen. Je nachdem, wie weit man den Radius zieht, 400. Die wenigen, die ich anschreibe, reagieren jedoch leider nicht. Da für mich Wildzelten in einer Stadt dieser Größe ausscheidet, buche ich mir ein Hotelzimmer. Ein Hostel mit Schlafsaal mag ich mir nicht antun und so wird das preiswerteste Quartier, das ich auf die Schnelle über ein Buchungsportal finde, eines in Bahnhofsnähe. Zweites Arrondissement, zwischen Rhône und Saône, die Bahnstation Perrache direkt nebenan. 55 € die Nacht. Erneut kann ich meine Route dem Pegelstand der Saône anpassen. Bereits kurz nach dem Verlassen von Mâcon muss ich umdisponieren. Der Einfachheit halber entscheide ich mich für eine stärker befahrene Straße parallel zur Autobahn. D306. Zwischen Autos und LKWs ist es nicht unbedingt ein Vergnügen zu radeln, doch der Zweck heiligt die Mittel. Gute zehn Kilometer vor der Stadt finde ich Hinweise auf einen Radweg dorthin. Nach dem zweiten Schild verliert sich leider die Wegführung. Mit einem Hauch von Erinnerung an die erste Tour nach Barcelona und einem Auge auf die Karte fällt die Orientierung jedoch nicht schwer. Einfach nur den Mont-D'Or umrunden, dann sollte die Stadt vor mir liegen. Entsprechend geht es einen Hügel hinauf, auf der anderen Seite wieder hinunter, und dann beginnt das Chaos. Ich befinde mich nur wenige hundert Meter vom nächsten Wegpunkt der ursprünglichen Route entfernt, da verlaufen plötzlich Straßen kreuz und quer, überschneiden sich auf verschiedenen Ebenen – ein Horror. Mit viel Glück, Geduld und Spucke schaffe ich es dennoch an das Ufer der Saône, dann wird es einfach. Es gibt einen Radweg, dieser deckt sich mit meiner Route auf dem Navi und alles wendet sich zum Guten. Enttäuscht werde ich lediglich im Hotel: es gibt keinen Stellplatz für mein Rad. Ich habe die Wahl, es in einem Parkhaus für 16 Euro die Nacht über abzustellen oder es vor der Tür auf dem Bürgersteig stehen zu lassen. In Anbetracht des geringen Publikumsverkehrs in der ruhigen Seitenstraße erscheint mir letzteres sicherer.
Ein wenig bange schaue ich am nächsten Morgen vor die Tür, bin Augenblicke später aber erleichtert. Erneut alles bestens. Das Rad macht einen unangetasteten Eindruck. Es dauert ein wenig bis die Taschen wieder gepackt, Zelt sowie Reserverad festgezurrt sind und die Räder wieder rollen. Lyon ist mit Sicherheit eine sehenswerte Stadt, doch mit dem beladenen Vehikel sehe ich zu, so schnell wie möglich weiter zu kommen. Das Verlassen fällt geringfügig leichter als die Ankunft, doch erneut gilt es im Speckgürtel Verkehrsknotenpunkte unbeschadet zu passieren und auf richtigen Pfaden zu bleiben. Nach einer ersten Kehrtwende vor den Fluten der Rhône gönne ich mir schließlich in Vienne eine kleine Pause. Die Stadt ist mir von der ersten Tour noch ein Begriff und so begnüge ich mich mit einer reduzierten Runde durch das historische Zentrum und verdrücke einen Salat in der Sonne am Ende der Flaniermeile. Interessant wird es, als ich im schwindenden Tageslicht einige Kilometer flussabwärts die Ausläufer des Zentralmassivs hinauf strample um meine nächsten Gastgeber aufzusuchen. Die tief stehende Sonne lässt einige Gipfel in den östlich gelegenen Alpen golden glänzen, die Kulisse Richtung der Hügel im Westen ist nicht minder sehenswert und auch der Rückweg am nächsten Morgen entschädigt für die Bewältigung der 200 Höhenmeter mit einigen knackigen Anstiegen.

Die nächste Tagesetappe nach Valence ähnelt der vorangegangener Tage: immer wieder muss ich dem Hochwasser ausweichen. Trotzdem, bei strahlend blauem Himmel sind einige Radler unterwegs und es macht Spaß, einfach nur zu sein und Kilometer zu fressen. Der mir auf der Brust stehende Scirocco lässt mich zwar nicht dahin fliegen, kann mich aber auch nicht daran hindern, dem Plan hinterher zu hinken.
Nachdem die Hauptstadt des Départements Drôme hinter mir liegt und ich quasi in Frankreichs Süden angelangt bin, schlägt das Wetter um. Der Mistral im Rücken begünstigt zwar mein Vorankommen, da kein Quartier auf mich wartet, kann ich radeln bis ich keine Lust mehr habe, doch von der Sonne, die an den voran gegangenen beiden Tage nicht nur die Stimmung aufhellte, ist nichts mehr zu sehen. Statt dessen auf einer Hochwasserausweichstrecke ein anderer Lichtblick. Mir kommt ein Reiseradler entgegen. Bereits von weitem winkt er, ich winke zurück, und wenig später stehen wir uns gegenüber. Die erste Feststellung: der Reiseradler ist eine Reiseradlerin. Die zweite: die Frau dürfte etwa in meinem Alter sein. Die dritte: nach nur wenigen Sätzen stellen wir fest, wir haben die gleiche Muttersprache. Was dann folgt, verschlägt mir fast die Sprache. Dabei beginnt alles ganz harmlos.
„Ich bin der Dirk.“
„Und ich bin die Dorothee.“
Ich stutze.
„Die Dorothee, die seit über 10 Jahren durch die Welt radelt und gerade zurück aus Afrika kommt?“
„Genau die.“
Was folgt ist eine nette Plauderei am Straßenrand. Vorbei flitzende Autos und Lastwagen stören ein wenig, auch dürfte es gerne wärmer sein oder ein Café nebenan existieren, doch wann hat man schon mal die Gelegenheit, einer solchen Person allein gegenüber zu stehen. Die Zeit verfliegt, am Ende ist schnell eine gute Viertelstunde verquatscht. Wir berichten uns von unseren nächsten Vorhaben, drücken jeder noch einmal auf den Auslöser seiner Kamera, bei mir ist es das Smartphone, das zuvor zickte, im rechten Moment aber wieder funktioniert, dann zieht jeder in der Richtung von dannen, aus der der andere kam.
Ob mich die Begegnung beflügelt? Irgendwie schon, wenngleich das Kilometerfressen auf der Straße und das Kopfkino zweierlei Dinge sind. Ersteres dürfte durch den Rückenwind begünstigt sein. Ursprünglich waren nur gute 60 Kilometer angedacht, bis Montelimar, doch ohne Warmshowers Anlaufstelle werden es mühelos 95. Eine Entwicklung, die sich am nächsten Tag rächt. Da habe ich nämlich ein Einladung, es bleiben nur noch 70 Kilometer bis Avignon, aber auch die sind aufgrund anhaltenden Mistrals bereits nach gut vier Stunden „abgeritten“. Unglücklicherweise kommt hinzu, dass ich an diesem Freitag Opfer einer seltenen Besonderheit werde: es regnet. Ergiebig. Wieder versuche ich meine Gastgeber telefonisch zu erreichen. Es gelingt mir auch, doch muss ich diesmal erfahren, dass man bis Nachmittags um fünf unterwegs sei. Dumm gelaufen, derartiges um zwei zu hören zu bekommen, ziemlich aufgeweicht. Hatte ich für den Anruf die Überdachung vor einem Schaufenster gewählt, so bleibt mein Blick nach dem Telefonat auf der gegenüber liegenden Straßenseite hängen. Bei dem Herrenausstatter, dessen Flügeltüren weit geöffnet sind. Ich schlendere hinüber und stelle fest das es so ist, wie ich vermutete. Über dem Eingang blasen warme Lüfter. Ich bleibe einen Augenblick in dem Luftstrom stehen, dann frage ich einen der Verkäufer, ob ich länger verweilen könne. Der junge Mann hat Erbarmen. Wenig später kommt sogar ein Kollege auf mich zu und fragt, ob er den Lüfter wärmer stellen solle. Ich habe nichts dagegen. Dabei erfahre ich von der Rarität, die mir zuteil kommt. Ein Wetter wie das aktuelle, das gäbe es an maximal vier Tagen im Jahr. Normalerweise sei es genau anders herum. Bläst der Wind von Nord nach Süd, sei es üblicherweise schön, in Gegenrichtung sei es trüber. Wie ich später noch erfahren soll, hat das Wetterphänomen sogar einen Namen: Black Mistral. Der Nordwind, der dunkle Wolken vor sich her schiebt. Nach gut einer Stunde im Luftstrom ist mein Oberteil wieder halbwegs trocken. Mich artig bedankend versuche ich erfolglos, mich mit einem kleinen Schein erkenntlich zu zeigen – eine Geste, die energisch zurückgewiesen wird. Anschließend siedle ich in die nächste Filiale mit dem großen, gelben M um, wo ich mir wegen meiner noch immer nicht trockenen Hose und Schuhe keinen Kopf zerbreche. Um kurz vor fünf erhalte ich schließlich den Anruf, dass ich anrücken kann, zu meinem vorerst letzten Warmshowers Gastgeber.
Einer weiteren herzlichen Aufnahme folgt am nächsten Morgen der Aufbruch gen Meer. Noch immer ist es bewölkt, nur vereinzelt fallen noch ein paar Tropfen. Den Weg in das direkte Mündungsdelta der Rhône erspare ich mir diesmal. Damit mache ich zwar einen Bogen um die Gegend, die mich bereits zweimal faszinierte, denke jedoch in Anbetracht der voran gegangenen Regenfälle und des Hochwassers, damit die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Statt über aufgeweichte Matschwege rolle ich durch ländliches Gebiet über Asphaltpisten, die ich so gut wie für mich allein habe. Trotzdem bleiben mir Umwege nicht erspart. Wie sich zeigt, nutzt man die „Winterpause“ zur abschnittweisen Renovierung von Rad- und Wanderwegen entlang des Canal-du-Rhône-à-Sète. Entdecke ich entlang der befahrbaren Passagen dieser Wasserstraße immer wieder Ecken, an denen ich ungesehen mein Zelt aufschlagen könnte, so werden sie zur Mangelware, nachdem ich zum Sonnenuntergang das Örtchen Aigues-Mortes hinter mir lasse und mich der Küste nähere. Unmittelbar vor dem Fischerdorf Le-Grau-du-Roi finde ich dann eine Kompromisslösung. Nur unweit der Straße und von dieser aus direkt sichtbar gibt es eine hölzerne Plattform an den Rand eines Étangs, eines der stehenden Gewässer zwischen Meer und Hinterland. Dem Reiz, in der Nachbarschaft von Krebsen fischenden Flamingos zu übernachten, kann ich nicht widerstehen. In der mittlerweile bereits fortgeschrittenen Dämmerung schlage ich meine Behausung auf, parke mein Vehikel dahinter, so dass es von der Straße aus nicht zu sehen ist und hoffe, unbehelligt zu bleiben. Zwar vernehme ich im Verlauf des Abends noch Stimmen aus der Nähe, bekomme jedoch keinen Besuch.

Der folgende Tag ist ein Sonntag. Das Wetter ist wie aus dem Bilderbuch. Als ich um neun Uhr starte ist auf den Straßen noch nicht viel los. Ein erster Blick auf das Meer versetzt mich in Urlaubsstimmung. La-Grande-Motte, der nächste Ferienort, erst in den 70'ern aus dem Boden gestampfte, ist ausgestorben. Ich sehe zu, dass ich die Fremdenverkehrssünde zügig hinter mir lasse. Anschließend folge ich einem schmalen Landstreifen. Zur Linken habe ich den Strand, zur Rechten den nächsten Étang, im Hintergrund erhebt sich Montpellier. Irgendwo auf halber Strecke mache ich Rast und frühstücke. Müsli mit Kakao und Meerblick. Herrlich. Ein Aspekt mehr, den ich am Liegedreirad schätze. Ich kann blicken, wohin ich will, keiner lümmelt sich gemütlicher in der Sonne. Und ich muss noch nicht einmal extra etwas dafür schleppen. Ich greife zum Telefon und lasse Ute an der Stimmung teilhaben. Berichte ihr von den morgendlichen Strandwanderern, den Aqua-Joggern, die sich in Neoprenanzügen bis zur Brust im Wasser voran kämpfen und von den wärmenden Strahlen, die ich verspüre. Was ich von meiner Frau zu hören bekomme, dürfte zu gerne wahr sein: ja, sie hätte nichts dagegen, neben mir zu sitzen.

Auf dem Weg nach Sète wähle ich im dritten Anlauf direkt die Strecke um die Étangs herum und folge dem Vorschlag des Routenplaners. Ein Stück länger, als den Kanal entlang, dafür aber der unkritischere Weg. 2011 war die kürzere Piste wüst, jedoch befahrbar, wenngleich laut Verkehrszeichen gesperrt. 2015 war ich nach einigen hundert Metern über aufgeweichten Boden umgekehrt, diesmal also direkt außen herum. Ist mir recht so. Die Vorstellung, auf drei Rädern zu versumpfen – mir reichen die Erlebnisse entlang der Mosel. Vor der Stadt dann erneut Schlenker auf üble Holperpisten. Ich improvisiere und wähle die Straße, verfahre mich einmal, weil ich einem Radweg folge, der nach einer Kurve im Nichts endet, dann stehe ich in einer Autoschlange, die sich durch den Ort quält. Das schöne Wetter treibt die Leute auf die Straße. Immerhin überschreitet das Thermometer die 15° Marke. Entsprechend voll ist es zum Nachmittag auf der Strandpromenade. Zwischen Spaziergängern, anderen Radlern sowie zeitgemäßer elektrischer Fortbewegungshilfen bahne ich mir im Zick-Zack-Kurs meinen Weg. Als ich aus dem Gedränge heraus bin lege ich erneut eine kurze Pause am Strand ein, dann soll der Endspurt für den Tag folgen. Hinter Agde, am Canal-du-Midi, sollte ich neben einem wahrscheinlich geschlossenen Campingplatz ein ruhiges Plätzchen finden. Auf gut ausgebauten Wegen komme ich gut voran. Kurz vor der Stadt dann eine folgenschwere Fehlentscheidung: einem Radwegweiser folgen oder der Route treu bleiben? In Anbetracht gemachter Erfahrungen entschließe ich mich zu letzterem. Bis zu der Brücke über den Kanal geht es auf Asphalt problemlos voran, dann knickt der Weg ab, wird erdig und folgt dem Wasser. War ich bis dahin noch gut in der Zeit, so ändert sich dies rasant. Für fünf Kilometer benötige ich anderthalb Stunden. Kann ich anfangs noch fahren, so schiebe ich kurze Zeit später die meiste Strecke, befreie die Räder immer wieder von dicken Matschklumpen, die diese festsetzen, jongliere es zeitweise gekippt auf zwei Rädern voran und verzweifele letzten Endes nahezu vor einer steilen Schräge zurück auf die Straße. Aufgeben tue ich schließlich, als mich das Navi nach dem Ort erneut auf eine ähnliche Piste leitet. An einem kleinen Kanalhafen schlage ich schließlich das Zelt auf, packe den Rechner aus und halte nach einer fahrbareren Alternative für den nächsten Tag Ausschau.
Frischen Mutes und mit neuer Kraft starte ich 15 Stunden später Richtung Béziers. Der Weg ist vielleicht ein wenig länger, dafür jedoch fahrbar. Zudem bilde ich mir ein, an den diversen Freizeitparks schon einmal zusammen mit Ute vorbei gefahren zu sein. Die Stadt selbst bleibt eine weitere, die ich am Wegesrand liegen lasse. 2015 erst hatte ich eine Besichtigungsrunde eingelegt, dafür bekomme ich diesmal etwas bislang nicht Gesehenes zu Gesicht: die Schleusentreppe Fonséranes, mit Hilfe der bereits seit dem 17'ten Jahrhundert auf 300 Meter Distanz Schiffe nach dem Passieren einer Kanalbrücke einen Höhenunterschied von 21 Metern überwunden, indem sie sich durch acht nacheinander angelegte Schleusenkammern hieven ließen. Auch eine zwischenzeitlich in Betrieb genommene Ablöse ist nicht minder interessant. In einem außergewöhnlichen Hebewerk sollten die Kähne in einer Rinne geführt und mittels Traktoren hinauf geschoben beziehungsweise hinab gebremst werden – ein Unterfangen, das sich jedoch nicht durchsetzen konnte. Hinzu kam, dass die Frachtschifffahrt in jüngster Vergangenheit auf dem Kanal eingestellt wurde.
Ebenso nicht überzeugend ist für mich der weitere Weg entlang des Canal-du-Midi. Nach asphaltiertem Untergrund bis Béziers wird es westwärts wieder erdig und ich weiche auf mal kleinere, mal befahrenere Straßen aus, womit ich zum Nachmittag hin Narbonne erreiche. Auch hier genehmige ich mir einen Imbiss in der Sonne, dann sehe ich zu, entlang des Canal-de-la-Robine noch einige Kilometer zu machen. Mit ein wenig Glück rechne ich mir aus, am Freitag Barcelona erreichen zu können und so eine Fähre gen Balearien zu erwischen, bevor am Samstag keine geht und ich Sonntags mit höheren Preisen zu rechnen hätte. Zwar ist auch die Piste entlang dieses Kanals nicht gerade hochgeschwindigkeitstauglich für mich, doch ich komme einigermaßen voran und entdecke nach gut 10 Kilometern den perfekten Zeltplatz für mich. Keine Straße in Sicht, Kanal vor mir, Étang im Rücken, Aussicht auf weiße Gipfel der Pyrenäen. Um kurz vor fünf bleibt sogar noch Zeit, das Zelt von der Sonne trocknen zu lassen, eine Stunde später wird es dunkel und ich genieße die bislang ruhigste Nacht draußen während dieser Tour.
Auch wenn es am nächsten Morgen wieder empfindlich frisch ist, der Platz hat nichts von seinem Charme verloren. Die Aussicht bleibt majestätisch und während ich die Taschen packe, kommt noch ein weiteres Bonbon hinzu. Ich erhalte Besuch. Ein weiterer Reiseradler kommt vorbei, bleibt stehen und wir kommen ins Gespräch. Auch er ist Deutscher, auch für ihn geht es Richtung Barcelona, auch er hat Spaß an dem, was er tut. Christian könnte vom Alter her mein Sohn sein. Gestartet war er in Mailand, anders als für mich soll für ihn hingegen die Fahrt nicht in der Katalanenmetropole enden, er will noch weiter bis Tarifa und von dort nach Marokko, wo Ende Februar ein Eintreffen in Marrakesch geplant ist. Ohne es zu diesem Zeitpunkt bereits zu ahnen, dass mein Tag ganz anders enden soll als gedacht, lehne ich sein Angebot ab, gemeinsam ein Stück zu radeln. Ich brauche wenigstens noch eine halbe Stunde, bis ich startbereit bin, und Christian will noch mehr Kilometer machen als ich es vorhabe. Seine Vorstellung ist es, Cerbere zu erreichen, der letzte Ort auf französischer Seite in den Pyrenäen vor der Grenze, ich wäre bereits froh, 10 Kilometer zuvor in Banyuls-Sur-Mer anzukommen. Zum einen will ich Christian nicht aufhalten, zum anderen ist es mir nicht unangenehm, nach dem Plausch allein und ohne dass jemand auf mich wartet meine Sachen zu packen. Entsprechend verabschieden wir uns kurze Zeit später.
Der anschließende Weg ist mir weitestgehend nicht unbekannt: bis Port-la-Nouvelle über holperige aber ruhige Piste, vorbei an ein paar Fabriken, dann folgen Obstplantagen und Weinfelder, Leucate umfahre ich diesmal, anschließend geht es einen weiteren schmalen Küstenstreifen entlang und vorbei an den Meeresfrüchte Restaurants bis Port-Leucate, weiter bis Canet-En-Roussillon, zwischendurch über einen gut ausgebauten Eurovelo 8 Fernradwanderweg, der nur leider nicht durchgängig existiert, bis mit Argelès-Sur-Mer der Ort erreicht ist, an dem die Strände enden und von wo aus es in die Berge geht.

Auf den letzten paar Metern in der Ebene passiert es dann. Als ob das Rad sich den bevorstehenden Anstiegen verweigern wolle. Erst löst sich ein Klümpchen Matsch unter dem Schutzblech des rechten Vorderrades, dann ändert sich das Fahrverhalten. Das Rad zieht leicht nach links. Aufgrund der Tatsache, dass es nicht das erste Mal ist, dass ich derartiges wahrnehme, schaue ich auf die Vorderräder. Beide einwandfrei. Muss also das Hinterrad platt sein. Ich steige ab, schaue nach und meine Befürchtung bestätigt sich. Mist. Also Rad an den Straßenrand, irgendwo in die Sonne, alles Gepäck abnehmen und flicken. Dass nebenan ein Fahrradgeschäft ist, hilft nicht richtig weiter. Der Laden hat geschlossen. Wie die anderen in der Straße auch. Winter halt. Mittlerweile ist es Ende Januar. Nicht nur die Sonne lacht, als ich an diesem Samstagmorgen nach drei Tagen Zwangspause meine Reise fortsetze. Argelès-Sur-Mer lasse ich zügig hinter, dann reduziert sich die Geschwindigkeit. Der erste Anstieg. Auf anderthalb Kilometern geht es hinauf auf 50 Meter Höhe. Drei Prozent Steigung. Aufwärmtraining. Trotz blauen Himmels ist es kurz vor zehn noch frisch. Die gleiche Strecke Hügel abwärts fährt es sich in einem Drittel der Zeit, dann bin ich eine Bucht weiter. Collioure. Ähnlich setzt es sich fort: Port Vendres, Banyuls-Sur-Mer, Cerbère. Jedes mal geht es ein wenig höher empor, doch ich kann mich nicht beschweren. Laut Internet erreicht der mir in den Rücken blasende Wind in Böen bis zu sieben Beaufort, gute 60 Stundenkilometer, was auch schon mal spürbar ist. Es gibt Momente, da kann ich mit einsetzendem Windstoß bergauf drei Gänge höher schalten. Lässt die Anschubhilfe nach, schalte ich zwar ebenso zügig wieder herunter, doch es geht mit Sicherheit kräftezehrender. Für Badegäste der falsche Zeitpunkt, Geschäfte zu machen. Als ich den Schlauch in der Hand habe, bekomme ich einen Schreck. Ich brauche gar nicht nachzuschauen, wo die Luft entweicht, da weiß ich es schon. Die Felge hat in Höhe des Lochs für das Ventil einen Schlag. Und nicht nur das, es gibt eine Stelle in der Flanke, da kann ich hindurch schauen. Ein etwa fünf Zentimeter langer und ein bis zwei Millimeter breiter Riss.

Frustriert greife ich zum Telefon und wähle die Nummer des Pannendienstes. Nach kurzer Verweildauer mit dem wiederkehrenden Hinweis, dass der nächste freie Mitarbeiter für mich reserviert sei, nimmt man sich meiner an. Die Formalien sind schnell geklärt, dann geht es um das konkrete Problem. Was genau ist geschehen, wo befinde ich mich, wie kann man mir helfen? Anschließend beginnt eine Zeit des Wartens. Ich werde einen Rückruf von den Kollegen der Auslandsabteilung erhalten. Gefühlte Ewigkeiten später klingelt das Telefon. Die Auslandsabteilung. Ein Abschleppdienst sei bereits organisiert und eine Werkstatt informiert. Da ich nicht damit rechne, dass ich noch am Abend weiterkomme, hake ich nach, wie es mit einem Hotelzimmer aussieht. Man hat ja so seine Erfahrungen. Kein Problem, auch das werde in die Wege geleitet. Erneutes Warten. Beim Herumlaufen trete ich in Hundescheiße. Ich muss fast drüber lachen. Alles Kacke, irgendwie.
Als es anfängt schattig zu werden trifft ein Abschleppwagen ein. Auf die Ladefläche passt ein Kleintransporter. Aber was soll's. Auch ein Liegedreirad findet Platz. Bevor es los geht, stehen jedoch ganz andere Dinge im Mittelpunkt. Ich verstehe den Fahrer nicht, der Fahrer mich nicht. Per Übersetzer auf dem Smartphone finden wir heraus: wo soll es denn hingehen? Eine Passantin, die gerade vom Geldautomaten nebenan Scheine gezogen hat, wird involviert. Sie gibt sich zwar Mühe, Französisches ins Englische und wieder zurück zu übersetzen, kann aber letztendlich auch nicht dazu beitragen, die Frage zu beantworten. Letztendlich greifen wir unabhängig voneinander zum Telefon, ich rufe erneut den Pannendienst an, an wen sich der Fahrer des Abschleppwagens wendet weiß ich nicht, und wir bekommen übereinstimmend heraus: zu Alberabike soll es gehen, einem Fahrradgeschäft im Ort.
Ein paar Minuten später ist das Fahrtziel erreicht. Das Rad wird abgeladen, die Taschen hinter dem Beifahrersitz hervor gekramt, dann steht das nächste Problem im Raum: eine 20 Zoll Felge, wie ich sie benötige, hat man nicht. Hinzu kommt: die Beschaffung eines entsprechenden Ersatzteils würde wahrscheinlich eine Woche in Anspruch nehmen, der Monteur, der Räder einspeichen könne, sei gerade im Urlaub, und für ein so großes Rad habe man eigentlich keinen Platz im Laden. Ich bin begeistert und beginne mich zu fragen, wozu ich all die Informationen zuvor am Telefon schilderte. Liegedreirad, HP Velotechnik, Scorpion fx, 20 Zoll Felge, Rohloff Nabe. Sogar die Breite der Hohlkammerfelge brachte ich zwischenzeitlich über den Hersteller in Erfahrung: 25 Millimeter. Die Rücksprache mit der Versicherung bringt mich ebenfalls nicht richtig weiter. Ich möge doch versuchen im Geschäft in Erfahrung zu bringen, ob man mir im 25 Kilometer entfernten Perpignon weiterhelfen könne. Als schließlich ein Taxifahrer in der Tür steht, der mich in ein Hotel am anderen Ende des Ortes bringen soll, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll.
Während der kurzen Fahrt frage ich mich dann, ob ich mir nicht ohnehin zu viele Gedanken mache. Mein Chauffeur hängt mit der Nase fast vor der Windschutzscheibe und hat einen recht gewöhnungsbedürftigen Fahrstil. Auf dem Rad fühlte ich mich sicherer. Dennoch erreiche ich meine Unterkunft unbeschadet. Ein Blick auf die Karte zeigt mir: sie liegt nur unweit von der Stelle entfernt, an der ich havarierte. Hilft allerdings auch nicht viel weiter. Das Zimmer? Na ja – passt irgendwie zur Situation. Sieht aus, als habe es die besten Zeiten hinter sich. Sollte ich es selbst bezahlen, mehr als 20 Euro wäre es mir nicht wert. Wahrscheinlich aber kann ich ohnehin froh sein, in dem ausgestorbenen Touristenort eine Bleibe gefunden zu haben und ebenso wahrscheinlich zahlt die Versicherung mehr als das Doppelte.

Am nächsten Morgen brauche ich das Gesprächsguthaben meines Prepaid-Handytarifs auf, am Ende zeichnet sich allerdings ein vager Hoffnungsschimmer ab. Die Versicherung klärt mich nochmals über den Leistungsumfang auf, den sie übernimmt, Kostenübernahme für bis zu fünf Übernachtungen oder Rücktransport noch am gleichen Tage, der Hersteller des Rades gibt sich bemüht, mit dem Fahrradgeschäft eine Lösung zu finden, kurzfristig eine neue Felge zu liefern und im Radgeschäft zeigt man sich kooperativer als es noch am Vortag herausklang. Es dauert noch einen weiteren Tag, dann sind auch letzte Details geklärt. Nicht das Fahrradgeschäft bestellt die benötigte Felge, sondern ich selbst. Alberabike ist lediglich die Versandadresse. Gesendet wird per Express, dass heißt die Felge sollte bis Freitag geliefert werden, spätestens Samstag wäre dann die Nabe mit dem Schaltgetriebe umgespeicht. Freitag schließlich wird alles gut. Die Zustellung erfolgt zum späten Vormittag. Mittags bekomme ich nochmals mitgeteilt, spätestens tags drauf um elf könne ich das Rad abholen, doch dann meldet sich die Versicherung um kurz nach halb sechs. Das Rad sei fertig, ich könne es zurück in Empfang nehmen. Auf meine Frage, wie es um die anstehende Übernachtung bestellt sei, folgt noch eine lächerliche Diskussion, letztlich regelt sich aber auch diesbezüglich alles in meinem Sinne. Kurz nach sechs stehe ich erneut bei Alberabike vor dem Tresen, wo mir die Chefin mit auf den Weg gibt, dass ich mich für den nächsten Tag warm anziehen solle – es werde erneut stürmisch. Ob es mir recht sein wird? Ich werde es sehen. Dreht der Wind nicht, könnte er mir hilfreich sein …

Nicht nur die Sonne lacht, als ich am ersten Samstagmorgen im Februar nach drei Tagen Zwangspause meine Reise fortsetze. Argelès-Sur-Mer lasse ich zügig hinter mir, dann reduziert sich die Geschwindigkeit. Der erste Anstieg. Auf anderthalb Kilometern geht es hinauf auf 50 Meter Höhe. Drei Prozent Steigung. Aufwärmtraining. Trotz blauen Himmels ist es kurz vor zehn noch frisch. Die gleiche Strecke Hügel abwärts fährt es sich in einem Drittel der Zeit, dann bin ich eine Bucht weiter. Collioure. Ähnlich setzt es sich fort: Port Vendres, Banyuls-Sur-Mer, Cerbère. Jedes mal geht es ein wenig höher empor, doch ich kann mich nicht beschweren. Laut Internet erreicht der mir in den Rücken blasende Wind in Böen bis zu sieben Beaufort, gute 60 Stundenkilometer, was auch schon mal spürbar ist. Es gibt Momente, da kann ich mit einsetzendem Windstoß bergauf drei Gänge höher schalten. Lässt die Anschubhilfe nach, schalte ich zwar ebenso zügig wieder herunter, doch es geht mit Sicherheit kräftezehrender.
Den letzten Ort auf französischer Seite erreiche ich nach 25 Kilometern und innerhalb von nur zwei Stunden Fahrt. Die mich überholenden Rennradfahrer mögen meinen Geschwindigkeitsrausch belächeln, doch ich bin nicht unzufrieden und investiere nach drei Wochen im Land noch einmal ein paar Euro in einem Supermarkt. Mit Blick auf das Meer stärke ich mich für die folgenden Anstiege, dann geht es weiter. Nach weiteren vier Kilometern ist die Grenze überschritten. Au revoir France, buenos días España beziehungsweise, um das Votum der Mehrheit der Region zu respektieren, bon dia Catalunya. Außer, dass die nächsten Hügel steiler werden, dafür aber auch Tunnels einige Höhenmeter ersparen, ändert sich nicht viel. Über Portbou, Colera sowie Llanca windet sich die Küstenstraße weiter, die jetzt N260 anstatt D914 heißt. Ab El-Port-de-la-Selva wird das Radeln entspannter. Der folgende Anstieg ist zwar Höhenmeter reicher, zieht sich jedoch. Zudem nimmt der ohnehin schwache Verkehr weiter ab. Auf der Gi-613 habe ich den Asphalt minutenlang für mich allein. Es ist herrlich. Die Stille, die Pinien am Straßenrand, der Duft des Harzes in der Luft – Radlerherz, was willst du mehr?
Nach 60 Kilometern ist gegen halb vier die höchste Stelle des Tages erreicht. Coll-de-Perafita. 242 Meter über dem Meeresspiegel. Dass das Navi für den Tag bereits gute 1.000 Meter Anstieg gezählt hat? Egal. An dem Kreisverkehr steht für mich fest: ich werde die Pyrenäen nicht hinter mir lassen, ohne einen Abstecher nach Cadaqués eingelegt zu haben. Anstatt mehr oder minder direkt hinunter nach Roses zu rollen, lege ich einen Zwischenstopp im fünf Kilometer entfernten Fischerdorf ein und erklimme den Pass am nächsten Tag von dort aus erneut. Dann nach Adam Riese mit durchschnittlich fünf Prozent Steigung. Mit Ute zusammen hatte ich die Kreuzung links liegen lassen, jetzt und ohne Zeitdruck, eine Freitagsfähre in Barcelona zu verpassen, folge ich nicht zuletzt der Empfehlung eines Mitglieds aus einem Internetforum. Er habe schon viele Radler dorthin geschickt, allen habe es bislang gefallen. Der Tipp kommt allerdings nicht ohne den Hinweis, dass die Strecke herausfordernd sei.
Als ich einschließlich Fotostopps eine knappe Viertelstunde später im Ort bin ist mir klar, dass der hinter mir liegende Streckenabschnitt nicht gemeint gewesen sein kann. Da immer noch gut in der Zeit beschließe ich, die acht Kilometer zum Cap-de-Creus direkt mit unter die Räder zu nehmen. Mit den voran gegangenen Höhenmetern in den Beinen merke ich schnell, dass es dieses Teilstück sein dürfte, dem die mir mit auf den Weg gegebene Bemerkung galt. Die Piste zum östlichsten Zipfel der iberischen Halbinsel ist zwar durchgängig asphaltiert, doch handelt es sich bei ihr um eine kurvenreiche Berg- und Talfahrt. Bereits Ausschau haltend, wo ich mein Zelt aufschlagen könnte, strampele ich mich voran. Leider entdecke ich jedoch nicht, wonach ich suche. Bereits kurz hinter den letzten Häusern des Ortes und dem Abzweig nach Port Lligat wird mir offiziell ein Strich durch die Rechnung gemacht. Die Gegend ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen, in dem unter anderem das Campieren nicht gestattet ist. Hinzu kommt, dass die Mondlandschaft auf ersten Blick keine versteckten, ebenen Flecken bietet, dass Ordnungshüter patrouillieren und dass auf der Straße deutlich mehr los ist als den ganzen Tag über zuvor. Dort, wo Salvador Dalí residierte, sich Größen wie Mick Jagger, Walt Disney und John Wayne sehen ließen sowie gelegentlich Vertreter des spanischen Königshauses anzutreffen sind, zieht es auch zahlreiche weniger prominente Besucher.
Nach eineinviertel Stunden mühsamer Treterei ist es geschafft. Um zwanzig vor fünf stehe ich vor dem hiesigen Leuchtturm. In der Zufahrt reihen sich Auto an Auto, Menschen tippeln umher und der strahlend blaue Himmel ist mittlerweile einer geschlossenen Wolkendecke gewichen. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Ich lasse das Rad stehen und schlendere in Richtung des zweigeschossigen Hauses, das ein Pfeil am Wegesrand als Bar beziehungsweise Restaurant ausweist. Vielleicht habe ich ja Glück und man vermietet auch Zimmer. Als ich die Tür öffne, schlägt mir eine lebhafte Stimmung entgegen. Ein Kellner jongliert mit einem Tablett in der Hand an mir vorbei, die Tische sind besetzt, man unterhält sich lautstark. Auch wenn ich kein Skiläufer bin, für mich hat das Lokal Hüttenatmosphäre. Es wirkt gemütlich. Am Tresen ordere ich mir eine Coke – sin hielo, por favor. Ohne Eis. Mir ist bereits kalt genug. Ein wenig Zuckerwasser kann jedoch nicht schaden. Ist ja nicht gesagt, dass es mit einer Übernachtungsmöglichkeit klappt. Außerdem gibt mir die Bestellung die Gelegenheit, direkt nachzuhaken. Der Mensch am Zapfhahn verweist mich an einen der Kellner. Dieser hat für mich eine gute und eine schlechte Nachricht: ja, man vermiete Zimmer, für die Nacht seien jedoch alle ausgebucht. Entsprechend hadere ich nicht lange mit dem Rückweg. Zehn Minuten später sitze ich bereits wieder und trete. Den Rückweg empfinde ich als geringfügig weniger anstrengend. Vielleicht liegt es aber auch an der Cola. Nochmals scanne ich im Vorbeifahren die Landschaft, nochmals ändert sich an meiner Einschätzung nichts. Es gibt ein paar kleinere Trampelpfade von der Straße ab, aber selbst mit einem normalen Rad würde ich wahrscheinlich keinen von ihnen einschlagen. Dreispurig scheiden sie erst recht aus. So zerklüftet wie die Landschaft ist, so ungeeignet halte ich sie für mein Ansinnen.
Als die ersten Häuser wieder vor mir auftauchen, halte ich an einem der ersten an. Schon auf dem Hinweg war mir dort ein Schild aufgefallen. Apartamentos. An einem der Gebäude entdecke ich ein weiteres: Reception. In mir keimt Hoffnung auf. Auf dem Grundstück stehen ein paar Autos, die Tür zur Anmeldung ist nicht verschlossen. Drinnen ist jedoch niemand. Statt dessen eine Notiz an der Wand: ist niemand zugegen, bitte die angegebene Rufnummer wählen. Ich wähle. Einige Male ertönt ein Freizeichen, dann ist die Verbindung beendet. Ich probiere es ein weiteres Mal. Diesmal nicht mit dem eigenen Smartphone sondern mit dem Apparat, der auf dem Tresen vor mir steht. Am Resultat ändert sich nichts. Auch ein paar Schritte durch die Anlage bringen mich nicht weiter. Statt dessen stelle ich fest: die Zeit läuft mir davon. Es ist bereits kurz vor sechs. Macht die Sache nicht einfacher. Auch der Blick in das favorisierte Buchungsportal im Internet liefert nicht das gewünschte Ergebnis. Zwei Herbergen, in Port Lligat, anderthalb Kilometer entfernt, jedoch die eine für 82 sowie die andere für nicht unter 100 Euro die Nacht. In Cadaqués selbst gibt es weitere Quartiere – vom doppelten Preis an aufwärts.
Wenig hilfreich sind ebenso zwei Gespräche am Straßenrand. Ob die Angesprochenen mir eine preiswerte Herberge empfehlen könnten? Oder ob sie ein Plätzchen für mein Zelt in ihrem Garten hätten? Auf beide Fragen erhalte ich nicht die erhofften Antworten. Der eine hat keinen Garten, der andere kommt von weiter weg. Einig sind sie sich darin, dass es im Ort keine günstigen Unterkünfte gäbe. Im Winter schon gar nicht. Die meisten Hotels hätten ohnehin geschlossen. Dennoch versuche ich mein Glück.
Auf dem Weg Richtung Strandpromenade komme ich an einem Hostal vorbei. Es brennt Licht, im Schankraum steht jemand hinter den Zapfhähnen, im Nebenraum ist ein Tisch besetzt. Die Leute sitzen in Jacken davor. Könnte von der Preisklasse her etwas für mich sein. Was eine Übernachtung kostet erfahre ich hingegen nicht. Die Situation ist die gleiche wie am Leuchtturm: alle Zimmer belegt.
Der nächste Schuppen macht bereits einen exklusiveren Eindruck. Ich probiere es dennoch. Es ist bereits kurz nach sechs, es wird langsam dunkel, und nach weiteren 242 Höhenmetern ist mir nach mittlerweile 1418 ebenso wenig zumute wie es mich reizt, aus den 80 Kilometern knappe 100 zu machen, um in Roses nach Alternativen Ausschau zu halten. Ich will mich einfach nur hinlegen, die Beine ausstrecken und möglichst zuvor noch warm duschen. Im „La Residencia“ habe ich Glück. Halbwegs. Es sei gerade ein Apartment für drei Personen storniert worden. Man könne es mir für 75 Euro anbieten. Nicht ganz der Preis, den ich mir vorstellte, mein Gesichtsausdruck macht daraus wohl keinen Hehl, doch Augenblicke später sind auch 70 Euro zu verkraften – sowohl für den Rezeptionisten wie für mich, der wohlwollend zur Kenntnis nimmt, dass immerhin ein Frühstück im Preis enthalten ist. Ebenso ziehe die Unterbringung meines Rades in einer nahe gelegenen Garage keinen Aufschlag nach sich. Dass ich die Wahl habe, welches der zwei Zimmer beziehungsweise der drei Betten ich für mich nutze? Geschenkt. Ein Luxusproblem. Es lässt mich weder besser noch schlechter ruhen.
Das Frühstück am nächsten Morgen hätte hingegen gerne großzügiger ausfallen dürfen. Eine Tasse cafe-con-leche, ein Orangensaft, ein Teller mit Melonenstückchen, einigen Scheiben rohen Schinken, ein Viertel Baguette, zwei kleine Croissants sowie abgepackt Butter und Marmelade – für eine Runde durch den Ort ganz nett, doch mir schwebt anders vor. Aber egal. Ich lasse mir Zeit, genieße den Blick auf den Strand, dann ruft der Hügel, den es am Vortag so mühelos hinab ging. In Gegenrichtung erweist er sich, wie erwartet, als zeitintensiver.
In gutem Schritttempo rackere ich mich ab, 40 Minuten später ist er bewältigt. Die ersten 250 Höhenmeter sind geschafft. Viel mehr sollen es an diesem etwas trüben Sonntag nicht werden. Auf den nächsten paar Kilometern kommen noch einmal weitere 30 Meter aufwärts hinzu, doch fallen sie bereits deutlich weniger schwer. Mit moderater Steigung folgt die Straße dem Höhenzug, dann folgt die Talfahrt.
Schon nach wenigen hundert Metern jedoch werde ich gestoppt. Ein Polizeimotorrad versperrt den Weg, der Fahrer lotst jeglichen Verkehr auf eine Haltebucht am Straßenrand. Auch ich darf mich einreihen. Ein Radrennen. Der Uniformierte bittet mich um eine Viertelstunde Geduld. Kaum stehe ich zwischen den Autos, kommt eine junge Familie auf mich zu. Ob ich derjenige sei, der gestern mit diesem Vehikel am Cap-de-Creus war. Nachdem ich bestätige, erhalte ich stehende Ovationen – nun ja, bereits einmal auf den Beinen, kein großes Kunstwerk, dennoch genieße ich den Respekt. Zum Dank überlasse ich dem einjährigen Sprössling den Sitz und praktiziere kostenloses Sprachtraining. Spanisch für Reiseradler. Auch meine Gegenüber sind nicht ganz unbeleckt. Sieben Mal sei man bereits per Drahtesel nach Santiago-de-Compostela gepilgert, weitere Touren seien nicht ausgeschlossen.
Gemeinsam bejubelt werden schließlich die eiligeren Pedalisten. Nicht alle sitzen leicht/locker/lässig im Sattel, das Tempo ist jedoch selbst bei denen beeindruckend, die mit scheinbar letzter Kraft und aus dem Mund hängender Zunge dem nahenden Scheitelpunkt entgegen hecheln. Als auch der letzte vorbei ist, wird aufgesessen und es gibt kein Halten mehr. Gebremst wird lediglich, um nicht in den engen Kehren aus der Bahn zu fliegen. Bei knapp 40 Sachen lege ich mich in jede Kurve, nach einer Viertelstunde stehe ich in Roses – seit langem mal wieder vor einer roten Ampel. Es folgen zwei Kilometer Strandpromenade, die bei weiterhin tief hängen Wolken nicht viele Spaziergänger anzieht. Noch eine Woche zuvor in Sète sah das alles ganz anders aus. Anschließend geht es bis L'Escala ein Stück versetzt zur Küste weiter. In einem kleinen Naturschutzgebiet kommt mir der nächste Tross entgegen. Diesmal keine Rennradfahrer, sondern eine Rinderherde. Viehtrieb. Der Weg anschließend: beschissen.

Nach einem Zweitfrühstück um zwei, Mittagessen mag ich mein Brot aus der Hand mit Camembert vor der Büste eines Olympiafackelträgers nicht nennen, entferne ich mich noch weiter von der Costa Brava. Meine Route führt um den 300 Meter hohen Montgrí herum, auf dessen Kuppe mich bereits zwei Mal im Vorbeifahren eine altehrwürdige Burganlage beeindruckte. Auch diesmal scheue ich jedoch den Weg hinauf. Fünfzehn Prozent Steigung auf den knapp zwei Kilometern, der überwiegende Teil davon laut Karte auf unbefestigten Pfaden, das ist mir zu viel des Guten. Statt dessen folge ich einem häufig genug holperigen Eurovelo 8 beziehungsweise Pirinexus Radwanderweg, auf dessen Internetseite stolz hervorgehoben wird, er sei mit gut 350 Kilometern die längste Route im südlichen Europa. Sie kombiniere physische Herausforderung mit sehenswerten Landschaften. Nun ja – ruhig geht es auf der Piste zu, abgesehen vielleicht von dem Gerappel, das ich verursache.
Bei immer wieder mal leichtem Nieselregen nähere ich mich meinem Tagesziel Palafrugell Kilometer für Kilometer. Richtig nass werde ich nicht. Der Fahrtwind trocknet Jacke und Hose schneller, als dass Feuchtigkeit durchdringt. Kurz vor Pals dann treffe ich wieder eine der Entscheidungen, die Liegedreiradlern nicht zur Nachahmung empfohlen sei. Ohnehin mit dem Fernradwanderweg von der Route auf dem Navi abgewichen folge ich einem Wegweiser, der einen kürzeren Weg verspricht und mich näher auf die geplante Strecke zurück führt. Was zunächst harmlos anfängt, endet jedoch auf einem sandigen Waldweg in Schiebepassagen. Dass es zudem in einiger Entfernung immer wieder mal knallt und kracht? Ich mache mir keine zu großen Gedanken. Mit Warnweste über der Brust, wehendem Fähnchen im Rücken und gleichfarbig neongelben Helmüberzug auf dem Kopf sollte die Gefahr, einem Jäger unbemerkt in die Schusslinie zu laufen, verschwindend gering sein.
Im Zielort nach 80 Kilometern angekommen werfe ich vorsichtshalber noch einmal einen Blick in meinen E-Mail Posteingang. Leider erneut vergeblich. Von den beiden angeschriebenen Warmshowers keine Rückmeldung. Schade. Mit kurz vor fünf wäre es zeitlich eine Punktlandung geworden. Für den Fall der Fälle bin ich jedoch an diesem Sonntag nicht ganz unvorbereitet. Zwischen Palafrugell und Palamós sollte sich entlang einer einstigen Bahntrasse ein Flecken für das Zelt finden.
Ich bin gerade aus dem Ort heraus, da zeichnet sich ab, dass der nächste Schauer ergiebiger sein wird und nicht mehr lange auf sich warten lässt. Verstecktes Plätzchen? Fehlanzeige. Statt dessen in Sichtweite des Radweges ein paar Häuser. Ich verlasse die Piste und radle rüber. Vielleicht kann mir ja jemand weiterhelfen. Hinter einem der Gebäude befindet sich eine Scheune, unter dessen Dach einige Fahrzeuge stehen. Möglicherweise passt ja auch noch irgendwo ein Zelt dazwischen. Oder es bietet sich Platz auf einer kleinen Wiese.
Vor der nächstgelegenen Einfahrt bleibe ich stehen. Als ich im vor mir befindlichen Haus hinter einem Fenster im ersten Stock jemanden sehe, gestikuliere ich. Es dauert einen Augenblick, dann steht ein Herr, geschätzt nur wenig älter als ich, vor mir. In radebrechtem Spanisch schildere ich mein Anliegen. In deutlich besserem Spanisch werde ich gefragt, woher ich denn komme. Augenblicke später sprechen wir Deutsch. Zu dritt. Eddie nämlich bittet mich in das Haus nebenan, in dem er wohnt, und ich dort lerne seine Frau kennen, Josefine. Die beiden stammen aus Holland, leben bereits eine ganze Weile in Mont-ras und laden mich ein, in ihrem Gästehaus zu übernachten. Zudem bekomme ich Kaffee, Tee oder was sonst noch im Hause ist angeboten. Dankend fällt meine Wahl auf ein Bier. Bei dem plaudern wir eine Weile, ich berichte von meinen Reisen, im Gegenzug erfahre ich, was Eddie und Josefine in den derzeit nicht gar so sonnigen Süden verschlug und dass sie sich hier wohl fühlen. Im Anschluss werde ich mit Bettzeug versorgt, den wichtigsten Dingen im Haus vertraut gemacht und erhalte die Heizung angestellt. Kurze Zeit später bin ich mein eigener Herr – in einem Gemach, in dem es an nichts mangelt. Als es nach zehn anfängt stürmisch zu werden und ausgiebig schüttet, ziehe ich die Bettdecke noch ein wenig höher und bin froh, nicht im Zelt zu liegen.

Am nächsten Morgen regnet es zwar hin und wieder immer noch, doch als ich gegen neun aufbreche, ist das Ärgste überstanden. Die Einladung zum Kaffee lehne ich dankend ab. Gerne hätte ich meinen ungeplanten Gastgebern noch ein wenig Gesellschaft geleistet, doch für den Abend habe ich die Zusage eines Warmshowers, bei ihm übernachten zu können. Nachdem kein anderer auf der Strecke auf meine Anfrage reagierte, schrieb ich Mike an, den Radler, der zuletzt bei mir zu Gast war und der mich ein wenig mit der Idee inspirierte, die Internetgemeinschaft selbst mal in Anspruch zu nehmen. Der Haken dabei nur: bis zu Mike sind es entlang der Costa Brava etwa hundert Kilometer, von denen es auf etlichen munter rauf und runter geht. Entsprechend sehe ich zu, auf die Straße zu kommen.
Bis Palamós ist es einfach. Außer, dass ich, einmal schön in Fahrt, auf der ehemaligen Bahntrasse verpasse, an einem Abzweig abzubiegen und anschließend einen Kilometer wieder zurück darf, ist die Strecke harmlos. Nach 23 Kilometern dann, ab Sant Feliu de Guíxols, wird es hügelig. Auf 40 Kilometern erkämpfe ich mir den Löwenanteil der knapp 1100 Höhenmeter, die das Navi im Laufe des Tages registriert. Zwar komme ich zu keinem Zeitpunkt über 170 Meter Höhe hinaus, doch die Anstiege sind nicht schlecht. Abermals durchschnittlich fünf Prozent Steigung. Um kurz nach drei ist es geschafft. Blanes ist erreicht, Tossa und Lloret de Mar liegen hinter mir, nur noch überschaubare Anstiege vor mir. Einmal mehr bin ich mit meiner Leistung nicht unzufrieden. Knappe vier Stunden für diesen Abschnitt – ich hatte Schlimmeres befürchtet. Auf der Strecke geblieben ist dafür, die Aussichten auf malerische Buchten zu genießen. Bei dem Schmuddelwetter jedoch hält sich der Schmerz in Grenzen.
Auf den anschließenden Kilometern stelle ich fest, dass die Entscheidung, zusammen mit Ute bei der ersten Anreise ab Calella auf die Bahn umzusatteln, nicht die verkehrteste war. Geht es bis in den Ort hinein noch durch Obst- und Gemüseplantagen, so wird es anschließend trist. Zum Meer hin, zur Linken, ziehen sich die Gleise, zur Rechten kaum sehenswertere Attraktionen: Ortschaften, die sich darin gleichen, dass sie durch die Bahn und die Straße vom Strand getrennt sind und auf „de Mar“ enden. Malgrat, Pineda, Sant Pol, Carnet, Arenys – einstige Fischerdörfer, die heutzutage im Sommer von Badegästen leben. Entsprechend reihen sich Hotel an Hotel, Campingplatz an Campingplatz, dazwischen Wohnsilos sowie das, was man in der Zivilisation zum Leben benötigt – Tankstellen, Autowaschanlagen, Supermärkte und dergleichen mehr. Hinzu kommt, dass die Küstenstraße ab Calella zur N-II wird, zur National Dos, einer gut ausgebauten, häufig genug zweispurigen Schnellstraße, die zu einsetzender Rushhour entsprechend vom motorisierten Verkehr frequentiert wird. Genussradeln sieht anders aus. Gekrönt wird der Tagesabschluss auf der Straße dadurch, dass kurz vor Mataró der Regen an Intensität gewinnt und ich im Ort Richtung Hinterland vor verstopften Kreuzungen zwischen Autos stecken bleibe – ein Vergnügen, an dem ich mich auf den 7 Kilometern bis Argentona eine Stunde lang erfreuen darf.
Das Wiedersehen mit Mike ist dafür um so herzlicher. Während meinem fahrbareren Untersatz eine Nacht auf der Straße nicht erspart bleibt, genieße ich einmal mehr die Gastfreundschaft. Diesmal die eines bereits bekannten Warmshowers. An diesem Abend bin ich es, der seine Familie kennen lernt, der froh ist, unter eine warme Dusche zu kommen und der sich an den gedeckten Tisch setzen darf. Darüber hinaus haben wir uns viel zu erzählen: wie ging es für ihn von Köln aus weiter, im letzten Jahr, was erlebte ich auf dem Weg zu ihm, wo könnte es uns als nächstes hin verschlagen und dergleichen mehr. Dass ich mich um zehn zurück ziehe hat nichts damit zu tun, dass uns der Gesprächsstoff ausgeht, ich will meinem Gastgeber lediglich nicht einer Tour etwas vorgähnen. Ein paar der etwas über hundert Kilometer müssen mir doch zugesetzt haben.

Ausgeruht knüpfen wir am nächsten Morgen dort an, wo wir am Vorabend aufhörten. Beim Frühstück wird geplaudert, anschließend geht es auf der Straße weiter. Nötigte ich Mike bei seinem Besuch in Köln nach einer für ihn kurzen Tagesetappe zu einer gemeinsamen Runde durch die Wahner Heide sowie um den hiesigen Flughafen, so lässt er es sich nicht nehmen, mich auf meinen einstweilen letzten Kilometern gen Barcelona zu begleiten. Mit seiner Ortskenntnis entgehe ich verkehrsreicheren Straßen und schnell gelangen wir auf eine passierbare Piste entlang des Strandes. Überschwemmte Gleisunterführungen bleiben uns erspart, ich bleibe nur einmal im Sand stecken und selbst der noch am Vortag prognostizierte Niederschlag bleibt aus. In der Hauptstadt Kataloniens komme ich darüber hinaus in den Genuss einer ebenso individuellen wie zielgerichteten Stadtführung. Wir hangeln uns entlang der Küste vorbei an Stränden, den mittlerweile zu einem Industriedenkmal verkommenen Schloten eines Kraftwerk, Stätten, die im Zuge der Olympiade 1992 aus dem Boden gestampft wurden und für die man heute einen Verwendungszweck sucht, bis schließlich die Kolumbussäule vor uns aufragt und wir vor dem Gebäude der Fährgesellschaft stehen, in der ich mein Ticket gen Ibiza löse. Im Anschluss bummeln wir noch eine Weile die Rambla hinauf und schieben uns durch enge Gassen des Barrio Gótico, Barcelonas ältestem Stadtviertel. An verschiedenen Plätzen machen wir Halt, Mike unterhält mich kurzweilig mit historischem Wissen sowie persönlichen Anekdoten, bis wir uns um kurz nach eins in ein Lokal setzen und fast zwei weitere Stunden wortreich verstreichen lassen. Als wir wieder vor die Tür treten, trennen sich unsere Wege. Mike macht sich auf den Heimweg, ich irre noch ein wenig planlos durch die Stadt. Überlege, noch einmal der Route zu folgen, auf der ich zusammen mit Ute 2011 diverse Sehenswürdigkeiten abklapperte, oder den Montjuïc hoch zu pilgern, den 173 Meter hohen Hausberg der Stadt, doch wieder allein fehlt mir irgendwie zu allem der rechte Antrieb. Ein wenig reisemüde würde ich am liebsten Schnipp machen und mich nach Formentera beamen. Funktioniert aber nicht. Ich kann die Finger aneinander reiben wie ich will, es gibt nur diesen charakteristischen Laut. Ich bleibe in Barcelona, die Menschen um mich herum werden nicht weniger und der Verkehr auch nicht.
Gedankenverloren drehe ich noch eine Runde über den Plaça de Catalunya, den Platz Kataloniens, auf dem Aktivisten für die politische Anerkennung einer von Spanien unabhängigen Republik entsprechend ihres Referendums und die Aufhebung des Haftbefehls gegen die abgesetzten Regierungsmitglieder demonstrieren. Auch wenn ich der Meinung bin, dass die Befürworter der Unabhängigkeitsbestrebungen kein Unrecht begangen haben, so mag ich mir ein Urteil in diesem Konflikt nicht anmaßen. Unbeschwert durch die Gegend zu Radeln ist einfacher. Müssen wir Menschen uns immer über Macht und Recht den Kopf zerbrechen? Oder gar einander die Schädel einschlagen? Ich will keine Partei ergreifen. Ich will einfach nur ein ruhiges Leben führen. Ohne Streit, ohne Konflikte, in Frieden und Freiheit.

Auf der Suche nach einem Platz, wo ich mich im Warmen aufhalten kann und nicht einen Kaffee nach dem anderen trinken muss, pedaliere ich zurück zum Gebäude der Fährgesellschaft. Dort angekommen melde ich mich bei Ute. Am Vorabend hatte ich ihr nur kurz geschrieben, dass es mir weiterhin gut geht, jetzt nutze ich die Zeit, um ihr von den jüngsten Geschehnissen zu berichten. Es ist schön, ihre Stimme zu hören und das gemeinsame Erlebnis in der Stadt aufleben zu lassen. Anschließend beginnt eine Zeit des Wartens.
Minuten verbringe ich damit zu versuchen, die Angestellten der Reederei umzustimmen und davon zu überzeugen, dass es einfacher sei, selbst auf die Fähre zu fahren. Sie bestehen jedoch darauf, dass ich mich den ohne Fahrzeug Reisenden anschließe, mich um neun zum Bus begebe, der mich samt Rad einsackt und gen Schiff kutschiert. Mein Einwand, dass das Rad wahrscheinlich nicht in den Bus passt und dass ich auch beim letzten Mal letztendlich mich in die Schlange der Autofahrer einreihte, stößt auf taube Ohren. Dass ich dieses letzte Mal von Valencia aus startete, behalte ich für mich.
Um neun Uhr schließlich finde ich mich an der Bushaltestelle ein. Zunächst macht der Fahrer keine Anstalten, die anderen beiden Passagiere und mich einsteigen zu lassen. Er müsse auf die Dame der Fährgesellschaft warten, die unsere Tickets kontrolliere. Also noch ein wenig frieren. Ein Thermometer zeigt acht Grad an, gefühlt ist es kälter. Vielleicht der Wind. Den Verkehr regelnde Bedienstete tragen Mützen und Handschuhe. Winter im Süden. Nach einer kleinen Ewigkeit erscheint die Herbeigesehnte und die Gepäckluken des Busses öffnen sich. Zu meiner Verwunderung passt das Rad. Müssen Islands Busse kleiner gewesen sein.
Wir stehen bereits am nächsten Kreisverkehr, warten, dass einer der Lastwagenfahrer eine Lücke lässt, durch die der Bus sich quetschen könnte, da kommt Hektik auf. Die Dame, die zuvor die Tickets kontrollierte, kommt angerannt. Es fehlten Fahrgäste. Wenig später kommt eine Familie außer Atem hinterher. Man spricht englisch. Im Gebäude erfolgte kein expliziter Aufruf, andere Reisende hatten keine Anstalten gemacht, sich zu erheben, da sei man gleichfalls sitzen geblieben. Dass die anderen Wartenden ein anderes Ziel hatten? War den vier Nachzüglern nicht in den Sinn gekommen. Irgendwie muss dann aber doch noch jemand eine Eingebung gehabt haben.
Was anschließend folgt, ist zumindest für mich eine kleine Odyssee und ich bin froh, im Bus zu sitzen. Wie hätte man mir den Weg beschrieben? Der Bus kurvt einige Kilometer durch das Hafengebiet, überquert dabei eine nicht gerade flach ansteigende Klappbrücke, biegt irgendwo an einem Containerterminal ab und fährt letztendlich auf eine Fähre. Auf der heißt es schließlich Aussteigen und Ausladen. Zwei Herren in Warnwesten und mit kräftigen Armen packen beim Rad mit an, dann macht der Bus kehrt und mir wird ein Platz zugewiesen, an dem ich mein Gefährt lassen soll. Ich ziehe die Parkbremse an, sichere das Vehikel mit einem Spanngurt an einem Handlauf, dann geht es zwei Decks höher in den Salon mit den Liegesitzen für die Passagiere, die sich keine Kabine leisten wollen oder können – all zu viele sind es nicht in dieser Nacht.

Begleitet vom Geflimmer auf einem Bildschirm verbringe ich eine unruhige Nacht. Quer über ein paar Sitze ist es nicht so richtig bequem, doch immerhin angenehmer als nur zurückgelehnt im Sessel vor mich hin zu dösen. Kurz vor sechs dann erste Lautsprecherdurchsagen. Passagiere in den Kabinen mögen nicht vergessen, vor dem Verlassen des Schiffes die Schlüssel an der Rezeption abzugeben. Irgendwann dann die Hinweise, dass Fahrer zu ihren Autos gebeten werden. Zuletzt schließlich wird auch das Fußvolk instruiert, wo es sich einzufinden hat. Nachdem der Kahn vertäut ist erfolgt die Aufforderung, diesen über eine Gangway zu verlassen. Verständnislos schaue ich ein dort stehendes Besatzungsmitglied an. Mit dem Liegedreirad – dort herüber? Und dann? Das andere Ende des Übergangs mündet in einen langen, überdachten Gang, einige Meter über dem Boden, nach einigen Windungen endet er in einer Halle. Zwei zufällig vorbei kommende Crewmitglieder teilen meine Bedenken und überzeugen den Stewart. Irgendwo auf dem Weg ist eine Treppe. Wahrscheinlich wird es auch einen Aufzug geben, es soll Passagiere geben, die mit Stufen ihre Schwierigkeiten haben, doch ob in diesen mein Rad passt, ist fraglich. Minuten später brauche ich mir darüber keinen Kopf mehr zu zerbrechen. Ich entschwinde, vom besorgten Passagierbetreuer eskortiert, über die Rampe dem Schiffsbauch, über die üblicherweise motorisierte Fahrzeuge rollen.
In noch stockfinsterer Nacht lege ich anschließend die drei Kilometer von der Außenmole rüber zu dem Teil des Hafens zurück, in dem die zwischen Ibiza und Formentera verkehrenden Fähren anlegen. Außer mir ist so gut wie niemand unterwegs. Als ich dort eintreffe, von wo aus ich schon ungezählte Male ablegte, habe ich Glück. Ich brauche nicht zu warten. Eine Fähre liegt dort abfahrbereit, kurz hinter mir schließen sich die Luken. Minuten später schaukelt der Kahn durch die Wellen. Wie bereits zuvor ist die Überfahrt ruhig.

Um acht schließlich habe ich zum zweiten Mal an diesem Mittwochmorgen festen Boden unter den Füßen beziehungsweise Rädern. Diesmal ist es leidlich hell doch weiterhin frisch – die Sonne hält sich hinter dicken, grauen Wolken bedeckt. Auf nahezu direktem Wege starte ich durch. Ein kurzer Zwischenstopp beim Supermarkt in La Sabina sowie beim Bäcker in San Francisco, ein Foto des bepackten Vehikels vor dem Rathaus, dann kehre ich ein in den schmalen, von Natursteinmauern gesäumten Weg, lasse die Felder rechts und links vorbei ziehen, bis mich vor einer der letzten Kurven etwas stoppt, das mir auf dieser Tour bereits zu Genüge Umwegen bescherte: Wasser, in voller Breite über der Fahrbahn. Zum Glück ist die Pfütze jedoch flach genug. Sitz und Hintern bleiben auch auf den letzten Metern trocken. Augenblicke später ist das Ziel erreicht – das Ferienhaus, von dem ich mich trennen will, um mehr Zeit mit dem Radeln verbringen zu können …

Die Angelegenheiten, die es zu tun gilt, Papierkram, sind schneller erledigt als erwartet. Was sich aus der Ferne als furchtbar kompliziert gestaltete, erledigt sich vor Ort wie von allein und es bleibt Zeit, die Insel zu genießen. Zumindest an den Tagen, an denen das Wetter mitspielt. Es sind jedoch nicht wenige und auch das Timing ist perfekt. Gießt es am Karnevalssamstag sowie Rosenmontag in Strömen, so herrscht den Sonntag dazwischen eitel Sonnenschein. An dem ist die halbe Insel auf den Beinen. In San Francisco heißt es: d'r Zock kütt. Ich schmeiße mir einen ausgedienten Bettbezug über die Schultern sowie den Gepäckträger und reihe mich ein. Mein Motto: viva la vida – es lebe das Leben. Hat zwar mit der Verkleidung nicht viel zu tun, macht aber ja nichts. Lebe es so, wie es ist. Ich blicke in strahlende Gesichter, es wird gejubelt und gelacht, es ist eine Freude. Und weil es so schön ist, gibt es im Anschluss für die Kostümierten die Paella umsonst. Gut, ich werde mit meinen Beiträgen in die Gemeindekasse meinen Anteil beigetragen haben, ist aber auch egal. Man kann Steuergelder sinnloser verprassen.
Auf dem Holzweg bin ich wenige Tage später. Daneben liegen tue ich hingegen nicht. An den Stränden ist dermaßen wenig los, dass ich ungestört und ohne jemanden zu behindern meine Siesta auf den Bretterpfaden abhalten kann. Eine Wohltat, in den Dünen die wärmenden Strahlen der Sonne einzufangen. Ganz anders hingegen die Behaglichkeit im Haus. Als ich ankam, zeigte das Thermometer am Heizkörper hinter der Tür 13 Grad. Gelang es den Radiatoren, in den ersten Tagen im 24 Stunden Dauereinsatz die Raumtemperatur um ein Grad klettern zu lassen, so geht es ab 17 Grad schleppender voran. Meine lange Unterwäsche, an sich gedacht für die Nacht im Schlafsack, trage ich rund um die Uhr. Die ersten Nächte krieche ich zudem in die Daunen gefüllte Hülle. Nur unter der Bettdecke ist es mir zu frisch. Auch die Heizleistung des Kamins ist bescheiden. Sieht zwar gut aus, nach Sonnenuntergang den Flammen beim Lodern zuzuschauen – um Wärme abzubekommen muss ich mich jedoch unmittelbar davor setzen.
Um so mehr genieße ich die Mittwoch Abende im Sa Panxa. Im Nachbarort wird in dem Restaurant zu vorgerückterer Stunde gerockt. Jam Session der üblichen Verdächtigen beziehungsweise wer gerade Lust und Laune verspürt. Ebenfalls nicht schlecht. Zuvor eine Pizza, irgendwie muss das Kulturprogramm schließlich subventioniert werden, mit vollem Bauch dann was auf die Ohren – und alles, ohne zu frösteln. Selbst auf dem Hin- wie Rückweg brauche ich nicht zu erfrieren. Strampeln hält warm und das halbwegs treue Reisevehikel muss nicht den Abend allein in der Garage verbringen.
Nach einigen Tagen des Lotterlebens stellt die Frage: wie soll es weitergehen? Wie ursprünglich geplant, die gleiche Strecke retour? In Anbetracht der überschwemmten Flüsse hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Ins Grübeln komme ich, als ich im Internet über einen Reisebericht stolpere: viele Grüße aus Marokko, habe leider nur noch zwei von acht Wochen vor mir. Dazu ein paar Bilder mit Sonnen beschienener Wüste. Erinnerungen an Christian, den Radler, der nach Marrakesch wollte, werden wach. Ich schalte um auf die Suchmaschine: Flug Marrakesch Köln. Das Ergebnis ist nicht schlecht. Ein Billigfluganbieter verlangt keine 50 Euro für den Transport durch die Lüfte. Die nächste Internetseite, die ich aufrufe, ist ein Routenplaner. Je nach Strecke 1.600 bis 1.800 Kilometer. Ist okay. Passt. Ich sagte Ute, dass ich bis Ostern zurück sein will, und vier, fünf Wochen bleiben mir. Ich schaue weiter. Was sagt das auswärtige Amt zu Marokko? 2013 reichte für meinen Tagesausflug von Tarifa nach Tanger der Personalausweis. Die Einreisebestimmungen lassen die Idee platzen. Ein Reisepass sei vonnöten. Den aber habe ich nicht und mir von Spanien aus einen zu besorgen ist mir die Sache nicht wert.
Mein nächster Gedanke? Wie wäre es mit Mallorca? Fängt auch mit „Ma“ an, steht bei Radlern zu dieser Jahreszeit hoch im Kurs und kenne ich noch weniger, vom Flughafen abgesehen. Mit der Fähre von Ibiza aus rüber, dort eine Runde drehen und von Palma aus zurück fliegen. Die Insel mit dem Ballermann wird von mehr Fluggesellschaften angesteuert als das näher gelegene Eiland. Ein Blick in den Fährplan lässt mich jedoch auch dieses Vorhaben schnell wieder verwerfen. Ja, es gibt einen regelmäßigen Fährverkehr, in der Richtung aber nur allnächtlich gegen zwei. Eine Nacht am Hafen um die Ohren schlagen sind mir Cala Hast-du-nicht-gehört und Tramuntana Gebirge jedoch nicht wert.
Dritter Anlauf: welche Flughäfen werden von Ibiza aus angeflogen, wohin ist es günstig? Eine Recherche, die Erfolg versprechender ist. Amsterdam. Gleiches Preisniveau wie Marrakesch – Köln. Zumindest Anfang, Mitte März. Würde meine Kreditkarte auf Anhieb akzeptiert werden, wäre die Buchung ein Klacks. Sie wird es aber nicht. Sie ist neu und der Anbieter hat sich Sicherheitsvorkehrungen gegen eine missbräuchliche Nutzung einfallen lassen. Bis die Hürden überwunden sind, ist der Flug zehn Euro teurer. Egal. Die Zeit überbrücke ich damit, mir einen Weg von Amsterdam nach Köln zu suchen sowie mich darum zu kümmern, wie und wo ich nach der Ankunft in Holland nächtigen kann.

Während Mitteleuropa unter einer Kältewelle erstarrt, wird es im Süden milder. Formentera auf und ab zu radeln ist zwar weiterhin nett, an Festivitäten und Plauderstündchen mit Bekannten mangelt es nicht, doch irgendwie ist mir nach mehr. Eine Woche vor dem geplanten Abflug fälle ich eine Entscheidung. Ich werde Ibiza unter die Räder nehmen.
Wie oft ich dort bereits zwischen Hafen und Flughafen hin und her pendelte?
Ich weiß es nicht. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen. Die ersten Male war ohnehin alles ganz einfach. Als Pauschaltourist gen Formentera kümmert sich die Reiseleitung darum, dass ein jeder im richtigen Bus landet. Der Individualreisende hingegen sieht sich konfrontiert mit einer Grundsatzfrage: Bus oder Taxi? Greift man auf letzteres zurück, reagiert man auf den fragenden Blick des Chauffeurs im einfachsten Fall, indem man, je nach Fahrtrichtung, Puerto oder Formentera beziehungsweise Aeropuerto oder Airport über die Lippen bringt – auch nicht viel komplizierter. Wählt man den Linienbus, kann der Transfer bereits zum Abenteuer werden. Es gibt mehrere Fahrtziele, die von den beiden infrage kommenden Haltestellen aus angesteuert werden. Steigt man in den erstbesten Bus ein, lernt man möglicherweise Ecken der Insel kennen, die man gar nicht kennen lernen wollte. Das kann reizvoll sein, birgt jedoch das Potential, seinen Flieger oder die nächste Fähre zu verpassen. Auf jeden Fall aber bereichert es das Repertoire an Reiseerlebnissen. Mit der Linie 10 jedoch liegt man richtig (Stand: Winter 2017/2018). Und fährt man der mit dem Rad hinterher, landet man auch nicht verbotenerweise auf der Schnellstraße, sondern zockelt über Sant Jordi mehr oder minder von einer Urbanisation in die nächste.
Viermal folgte ich bislang dem Bus mit dem Rad gen Flughafen. Einmal davon steuerte ich zuvor in der Nähe des Hafens das Fremdenverkehrsbüro an. Ich wollte wissen, ob es eine halbwegs attraktive Alternative für Pedalisten gäbe. Die Antwort war enttäuschend. Nein, die Busstrecke sei wohl die Route der Wahl. Für den Bedarfsfall drückte man mir jedoch ein Paket in die Hände, welches knapp zwei dutzend Beschreibungen sowie eine Übersichtskarte für Touren über das Eiland enthielt – fein säuberliche aufgeteilt in Vorschläge für Mountainbiker und Asphaltfetischisten.
Nun war er eingetreten, der Bedarfsfall. Anfang März, da sollte es auf der Partyinsel noch ruhig zugehen. Zudem versprach der Wetterbericht passable Aussichten. Zeitweise Sonne, kein Regen, Temperaturen im unteren zweistelligen Bereich – selbst die Nächte über. Ideale Voraussetzungen also, sich ein fünftes Mal nicht erneut mit der kurzen Strecke zu begnügen, sondern weiter auszuholen. In vier Tagen sollten sich bereits einige Winkel der Insel erkunden lassen.
Die erste Planung sieht einen Rundkurs gegen den Uhrzeigersinn mehr oder weniger entlang der Küste vor. Nachdem mir unabhängig voneinander auf Formentera zwei Bekannte raten, auf jeden Fall Santa Gertrudis in die Route einzubeziehen, revidiere ich mein Vorhaben. Der Ort stellt quasi Ibizas geographischen Mittelpunkt dar und sei äußerst sehenswert.

Am Samstag den 3.3.2018 ist es soweit. Mit einer entsprechend präparierten Route auf dem Navi setzte ich mit der Fähre um elf über. Die Vorhersage auf der Próximo Ferry Webseite am Vortag: schlechte Überfahrt.
Als ich im Hafen von La Savina das Einlaufen der Nixe beobachte, des Bootes, das mich auf die Nachbarinsel bringen soll, ist es in der Tat windig. Entsprechend überrascht es mich nicht, dass mein Liegedreirad im Bauch des Schiffs mit einem Tampen an der Bordwand gesichert wird.
Aus Süd blasend sind die ersten Kilometer dann auch tatsächlich ein wenig schaukelig. Mit frischer Luft um die Nase und der Sonne im Rücken drängt es mich jedoch zu keinem Zeitpunkt, mir die letzte Mahlzeit nochmals durch den Kopf gehen zu lassen. Ohne besondere Vorkommnisse bewältigt der Dampfer die gut 20 Kilometer in der geplanten halben Stunde, dann rolle ich ebenso als letzter von Bord, wie ich auf Formentera den motorisierten Fahrzeugen folgte.
Vor der Kulisse der Altstadt zieht es mich einstweilen zum nächsten Movistar Laden. Ich hatte den Telefonanschluss im Ferienhaus ebenso gekündigt wie das Bankkonto aufgelöst und will die letzte Zahlung leisten, bevor das Kreditinstitut einen Abbuchungsversuch zurückweist. Der Geschäftsraum ist schnell gefunden, aus meinem Ansinnen wird jedoch nichts. Eine Schlussrechnung ist noch nicht geschrieben und die Registrierung einer Kreditkarte kann nicht vorgenommen werden, da mit der Abmeldung keine Änderungen an den Daten mehr möglich sind. Im IT-System des Kommunikationsanbieters besteht für meinen Geschmack noch Verbesserungspotential, doch interessiert sich niemand für meine Meinung.
Meinen Bestrebungen, in einem der geöffneten Fahrradgeschäfte passende Beläge für die Scheibenbremsen meines Rades zu finden, ist ein ähnlicher Erfolg beschert. Das, was der Hersteller des Vehikels verbaute, ist für konventionelle Gefährte zu exotisch. Muss ich also weiter mit dem auskommen, was von zwei Paar verschlissenen Stoppern noch übrig ist.
Schwierigkeiten habe ich ebenso mit dem Einstieg in meine Route. Von Puig d'en Valls aus will ich eine kleine Verbindungsstraße Richtung Norden fahren. Wollte mich der Routenplaner bereits auf die Schnellstraße lotsen, so ergeht es mir in ersten Anläufen nicht anders. Ich drehe einige Ehrenrunden, die immer wieder vor entsprechenden Zufahrten enden, bevor ich die Unterführung entdecke, von der aus ich ungefährdet in das Dorf gelange. Dass es halb zwei geworden ist und es sich am Himmel langsam aber sicher zuzieht? Nicht zu ändern, ärgern zwecklos.
Eine gute halbe Stunde später erreiche ich nach acht Kilometern auf schwach frequentiertem Asphalt das Hippodrom San Rafel. Rennatmosphäre schnuppere ich keine. Laut ibizenkischer Radwegbeschreibung bin dafür einen Tag zu früh dran. Jeden Sonntag werde geschaut, wer der Schnellste ist. Samstag am frühen Nachmittag rieche ich Stallmist, sehe an Wände gelehnte Sulkys und einen älteren Herren, der sich um das Wohlergehen eines Traber kümmert. Ich spreche ihn durch einen Zaun voneinander trennt an.
„Darf ich einmal einen Blick um die Ecke werfen?“
Der gute Mann hat nichts dagegen.
„Schau mal. Dort hinten, da ist ein Tor. Das ist verschlossen. Daneben ist eine Tür. Die ist nur angelehnt.“
Augenblicke später ist der Zugang gefunden und ich stiefele zwischen aufgewühltem Matsch und breiten Pfützen zu einer kleinen Tribüne. Eine weitaus größere liegt mir gegenüber. Dazwischen erstreckt sich das Rund mit seinem staubig, sandigen Untergrund sowie einem Innenraum, auf dem ein paar Pferde grasen. Dort, wo Hufe bisweilen über den Boden donnern, pirscht lautlos eine Katze. Es herrscht eine friedliche Stille. Niemand, der mit dem Wettschein in der Hand fiebert, dass sein Favorit das Rennen macht, kein Jockey, der den vor sich eingespannten Vierbeiner hetzt, keine aus einem Lautsprecher quakende Stimme, die das Geschehen kommentiert und sich beizeiten überschlägt. Statt dessen einfach nur eine entspannte Ruhe.
Ähnlich beschaulich geht es weiter. Kurz hinter der Pferderennbahn knickt eine Schotterpiste rechts ab. War der Anstieg bislang auf 80 Meter über dem Meeresspiegel eher flach, so wird es auf holperigem Untergrund steiler. Zu beiden Seiten des Weges zweigen immer wieder Zufahrten zu Grundstücken ab, ansonsten viele Natursteinmauern, Pinien, hin und wieder ein kläffender Hund. Zu sehen ist keine Menschenseele. Auf zwei kurvigen Kilometern verdoppele ich meine Höhe, dann habe ich wieder Asphalt unter den Rädern und das gepriesene Santa Gertrudis ist erreicht. Ein Bauerndorf, das sich trotz einiger Bars, Restaurants und Boutiquen seinen Charme bewahrte. Die meisten Häuser sind traditionell weiß gekalkt, die Kirche ist das höchste Gebäude geblieben, auf der Straße herrscht samstagnachmittägliches Treiben: Kinder spielen Fangen, Verstecken oder schießen sich den Ball zu, Erwachsene sitzen an Tischen, trinken, quatschen, dösen. Alles geht ganz unaufgeregt zu – man genießt das Sein. Ich drehe eine Runde über die Fußgängerzone, komme mir ein wenig fehl am Platze vor, mit meinem Gefährt die Aufmerksamkeit auf mich ziehend, schieße ein paar Bilder und kurbele weiter.
Vor dem nächsten Supermarkt mache ich halt. Der Laden hat geöffnet. Gelegenheit, mir eine Banane einzuverleiben und mich mit einer Flasche Limo sowie Wasser für den Abend einzudecken. Das Rad lasse ich stehen, ohne es abzuschließen. Auch das Navi bleibt in seiner Halterung. Lediglich die Parkbremse arretiere ich mit dem kleinen Hebel, den ein ungeübtes Auge kaum wahrnehmen dürfte. Ein paar Jugendliche schauen neugierig, wollen wissen, ob mein Vehikel einen Elektroantrieb habe.
„Nein, das einzig Elektrische an dem Rad ist die Beleuchtung.“
Mit meiner Antwort ernte ich anerkennendes Kopfnicken. In Zeiten, in denen selbst Kinder auf Akku betriebenen Fortbewegungsmitteln unterwegs sind, dem Anschein nach ein Anachronismus, aus eigener Kraft zu reisen. Ich lasse die, die üblicherweise wahrscheinlich auf einem Roller durch die Gegend knattern, stehen und erledige meinen Einkauf. Als ich zurück komme, sind die Heranwachsenden weitergezogen. Mein Rad macht einen unangetasteten Eindruck – eine Erfahrung, die bisherige bestätigt: in den kleineren Orten ist die Welt noch in Ordnung.
Ich schäle gerade meinen Pausensnack aus seiner natürlichen Verpackung, da werde ich von dem Nächsten angesprochen. Ein Mann in etwa meinem Alter. Er interessiert sich für mein Woher und Wohin und stellt sich mir als Peter vor. So, wie halt alle Holländer heißen. Sagt er. Ich gehe nicht näher auf seinen Namen ein. So viele Holländer kenne ich nicht. Von denen, die ich kenne, heißen jedoch die wenigsten Peter. Tut aber nicht viel zur Sache. Nachdem ich Peter in kurzen Worten schildere, wie ich nach Santa Gertrudis gelangte und wie es weitergehen soll, will ich von ihm wissen, was ihn hierher verschlug.
„Ich lebe hier seit zig Jahren. Ich mag Ibiza. Hier leben nette Menschen, viele Künstler, ist meist schönes Wetter und es gibt keinen Stress.“
Wovon Peter lebt, erzählt er mir nicht. Statt dessen erfahre ich, dass es kein Problem auf Ibiza sei, für ein Glas Bier oder eine Limo in angesagten Lokalen zehn Euro zu zahlen, dass der Eintritt in einen Club oder eine Disko ein Vielfaches kosten kann und dass Peters Freunde und Bekannte Deutsche sind und er daher keine Notwendigkeit für sich entdeckt hat, Spanisch oder Katalan zu lernen. Na ja – soll jeder tun, was er für richtig hält.
„Ich würde dich gerne irgendwohin einladen, zu einer Party oder einer Fiesta, aber heute ist nichts los. Morgen musst du nach Sant Joan kommen. Da ist Hippiemarkt. Sicher spielen auch Musiker dort.“
Vielleicht habe ich doch zu viel erzählt, was mir unter anderem an Formentera gefällt, doch ein wenig mit jemand anderem zu plaudern stört mich nicht. Ich habe weder ein festes Ziel noch einen Zeitplan, wann ich wo sein will, insofern hält mich das Gespräch nicht auf. Dass Peter ansonsten wild über die Insel hüpft, was ich mir alles anschauen müsse, zeigt, dass auch er motorisiert unterwegs ist. Obwohl die Entfernungen zwischen den einzelnen Orten überschaubar sind, ich soll noch feststellen, dass ich mit den etwa 50 pro Tag kalkulierten Kilometern bestens bedient bin. Neben der reinen Distanz gibt es weitere Einflussfaktoren, die das Vorankommen aus Muskelkraft beeinflussen.
Einen kleinen Vorgeschmack dessen bekomme ich, nachdem ich mich von Peter verabschiede und durch das Hinterland gen Südostküste der Insel kurbele. Dörfer wie Sant Llorenç oder Sant Carles bleiben für mich eher unscheinbar, was ihren Charme jedoch nicht mindern soll. Auf den Straßen dazwischen sind nicht viele unterwegs, um mich herum ist es schön grün und es bleibt ausreichend Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen. Ansonsten wird bereits deutlich: die Wege, die ich mir ausgesucht habe, sind nur selten eben. Als ich an der Cala Mastella den Tag ausklingen lasse und auf das GPS Gerät schaue, sind knapp 500 Höhenmeter registriert.
Dass die erste Etappe in der kleinen Bucht endet, ist kein Zufall. 1995 verschlug es mich mit Ute und den Kindern bereits hierher. Die Ferienanlage, in der wir unseren Urlaub verbrachten, lag mehr oder weniger nebenan. Ein oder zwei Mal besuchten wir damals den idyllisch gelegenen kleinen Sandstrand, der von Pinien gesäumten Hügeln umgeben ist. Links hinter einem Vorsprung liegen einige Fischerboote, von dem Felsen davor aus wird geangelt, zu beiden Seiten der Bucht könnte man klettern und kraxeln. Wie schon damals begnüge ich mich mit dem Ausblick, der wahrscheinlich schon manchen Maler inspirierte. Als die Dämmerung herein bricht, schlage ich mein Zelt auf. Nicht direkt am Strand, sondern in zweiter Reihe. Hinter einem Mäuerchen und zwischen einer schmucklosen, verwaisten Kunstfaserbude, Bambushalmen und Gestrüpp bilde ich mir ein, niemandem Anlass zu geben, sich über mein Dasein zu beklagen.

Die Nacht verbringe ich ruhig. Zum Abend hin tröpfelt es ein wenig, meine französischen Nachbarn mit ihrem zum Wohnmobil umgebauten Lieferwagen sind auf dem Parkplatz noch eine Weile in Feierstimmung, doch das leise Plätschern der Wellen wiegt mich in einen erholsamen Schlaf. Als mich um Viertel vor acht der Wecker daran erinnert, dass ich auch am Sonntag noch mehr von der Insel sehen wollte, ist die geschlossene, graue Wolkendecke des Vorabends einer leichten Bewölkung gewichten. Je weiter der Morgen voran schreitet, desto mehr setzt sich ein blauer Himmel durch. Während die Sonne das Zelt trocknet, sitze ich bequem zurück gelehnt auf meinem Vehikel, löffele mein Müsli, schlürfe den Pulvercappuccino und genieße den Blick über den Ableger des Meeres sowie die Wärme auf der Haut. So darf es gerne weitergehen.
Richtig warm wird es, als ich um kurz vor zehn in die Pedale trete. Meine Route führt mich an der Küste entlang weiter, und die ist hügelig und steil. Schnell sind die Hosenbeine abgezippt und die Jacke ausgezogen, ohne dass es frisch würde. Anschließend bringt nicht nur das Höhenprofil das Blut in Wallung. Die Aussichten sind einmalig und ich bin es, der das Tempo bestimmt. Zumindest in dem Rahmen, wie es die Anstiege zulassen. Wo es mir beliebt und ungefährlich erscheint, nicht gerade in einer Kurve, bleibe ich stehen, drücke auf den Auslöser und sauge die Landschaft in mich auf: kleine Buchten, lang gezogene Buchten, Sandstrände, Kiesstrände, Bäume, Sträucher, Meer und noch viel mehr. Vor allem aber Ruhe und Beschaulichkeit. Außerhalb der Saison sind nicht nur die Straßen leer. Zudem bestätigt sich eine bereits zuvor gewonnene Erkenntnis: ich erlebe mit mehr Sinnen, als säße ich hinter einer Windschutzscheibe. Ich spüre Wind und Sonne am Körper, ich rieche den Duft von Blumen und Bäumen, ich höre die Vögel zwitschern und verursache keinen Krach, komme lediglich das eine oder andere Mal ein wenig außer Atem, wenn sich ein Anstieg zu sehr zieht oder zu arg ist.
In der Bucht S'Aigua Blanca entdecke ich einen Supermarkt. In einem verglasten Vorraum sitzen eine handvoll Leute. Ich spreche sie darauf an, ob der Laden geöffnet sei.
„Nein, wir öffnen erst Anfang Mai.“
„Können Sie mir denn mit Wasser weiterhelfen.“
„Klar, kein Problem. Kommen Sie herein.“
Mit gefüllten Flaschen am Rad setze ich kurz darauf meine Fahrt fort. Wenig später schiebe ich. Am Strand gibt es nur einen Weg durch den Sand, außerdem ist die steinige Piste ein paar Meter den nächsten Hang hinauf eher etwas für breitere und stolligere Reifen. Im Gegenzug werde ich jedoch mit spektakulären Aussichten belohnt: hier der Blick auf Tagomago sowie einige kleinere Inseln, dort eine Felsnadel an der Küste, woanders ein paar einfache Fischerhütten. An einigen Stellen knicke ich von der Straße ab, fahre, bis die Straße steil zum Meer hin abfällt und laufe von dort aus ein paar Schritte weiter.
Wozu ich entgegen vorheriger Vorstellungen nicht komme, ist eine Siesta am Strand oder einem einsamen Fleckchen. Zum einen rennt mir die Zeit zwischen Fotostopps, Stichwegen und dem Erklimmen der Hügel davon, bei denen selbst manch Autofahrer einen Gang herunter schaltet, um mich zu überholen, zum anderen zieht es sich zu passender Stunde immer weiter am Himmel zu. Ein Hochgenuss ist die Reise dennoch. Ich kann mich an meinen Freiheiten berauschen.

Sant Joan lechze ich förmlich entgegen. Der Ort ist für mich eine kleine Oase. Hinter mir liegen gar nicht mal so viele Kilometer, dafür jedoch um so mehr Höhenmeter – zumindest relativ. Den Abstecher in die versteckte Bucht Cala Nadja brach ich kurz vor Erreichen des Ziels ab. Das Navi verriet, dass das Ende des Weges in weniger als einem Kilometer erreicht sei, ebenso jedoch, dass ich mich noch gute hundert Meter über dem Meeresspiegel befand. Konnte ich ersteres nicht überprüfen, so deckte sich letzteres immerhin mit meinem Empfinden. So erhaben die Aussicht war, so wenig mochte ich den Gedanken an den Rückweg verdrängen. Gute zehn Prozent, abschnittweise wahrscheinlich mehr, zum Bestaunen einer schnuckeligen Bucht? Ich beließ es bei dem Blick über den Hang, vertilgte die Reste eines Baguettes vom Vortag, einige Scheiben Käse und sehnte bei einem Schluck Wasser aus der Trinkflasche Geschmackvolleres herbei.
Als der Ort im Norden der Insel vor mir liegt, fällt mir meine Begegnung vom Vortag ein. Peter. Der Holländer. Der Mann, der mir mitteilte, dass hier und heute ein Hippiemarkt sei. Bei den vielen Autos, die vor dem Friedhof sowie am Straßenrand parken und den vielen Leuten, die hin und her wuseln, muss ich an ihn denken. Eine Kurve weiter sieht es kaum anders aus. Dort zweigt die Straße nach rechts hin ab, die als violette Linie auf dem kleinen Bildschirm meines elektronischen Wegweisers schimmert. Bevor ich jedoch abbiege, widme ich mich dem, was auf der gegenüber liegenden Straßenseite auf mich wartet. Los otros. Die anderen.
Was aussieht wie ein Restaurant, ist nur teilweise eines. Neben einer Bar und einer Küche beherbergt der Laden einen Concept Store. Boutique klänge wohl zu trivial. Außerdem steht im Innern hinter einem Mischpult ein DJ. Aus Boxen tönen chillige Klänge, an den Tischen auf der Terrasse sitzt stylisch gekleidetes Publikum, das genau meine klischeehaften Vorstellungen Ibizas erfüllt. Hip, ohne dass es nach Hippie aussieht. Eher danach, dass man sich über den Betrag, der auf dem Preisschildchen gestanden haben mag, keine Gedanken machte. Hauptsache anders. Für mich schließt sich ein Kreis. Wäre ich unter normalen Umständen eher achtlos an dem Etablissement vorbei gefahren, so treiben mich geschlossene Supermärkte sowie Brand auf eine Limo in die Hipsterbude. Das erste, was ich nach dem Parken meines Vehikels in einer freien Ecke neben Tischen und Stühlen zu hören bekomme ist: „me gusta esa bici – das Rad gefällt mir“.
Nun denn – so richtig überrascht bin ich nicht. Ist ja auch anders. Ich lächle die Bedienung an und lasse sie wissen, dass es mir nicht anders ergeht: „vale, a mí también – ja, mir auch.“
Am Tresen erfahre ich, dass ich nicht direkt bestellen kann. Ich müsse mir einen Platz suchen und mich bedienen lassen. Also gut. Da ich niemanden mit meinen verschwitzten Klamotten belästigen will, setze ich mich ein wenig abseits an ein Mäuerchen, vor dem noch alle Sitzkissen frei sind. Als ich eine Cola ordere, wird es komplizierter.
„Cola haben wir keine. Fanta, Sprite und so etwas auch nicht. Wenn du etwas mit Zucker willst, musst du unsere hausgemachte Limonade bestellen.“
„Und was kostet die?“
„Fünf Euro.“
„Wieviel bekomme ich dafür? Ein Glas 0,2? 0,3?“
„Ich glaube, es ist ein halber Liter.“
„Gut, dann bitte eine solche Limo – möglichst ohne Eis.“
Nach wenigen Minuten steht ein Krug mit zwei Strohhalmen vor mir. Die ersten Züge sind hastig, danach lasse ich mir Zeit. Geschmacklich ist nichts gegen die Eigenkreation einzuwenden. Als das Glas leer ist und ich zahlen will, werde ich überrascht.
„Schon in Ordnung. Du bist eingeladen.“
Ob man mir ansieht, dass ich als Sparstrumpf-Reisender nicht so richtig zur Zielgruppe des Lokals zähle? Oder war es zu riechen? Honorierte man, dass ich Distanz wahrte und nicht all zu lange bleibe? Egal. Eigentlich ist es mir auch gar nicht so wichtig. Ich freue mich über die nette Geste, bedanke mich artig, wünsche noch einen schönen Tag, bringe mein Fahrzeug wieder auf den Asphalt und ziehe von dannen.
Mein nächstes Ziel ist der Hippiemarkt. Zu verfehlen ist er nicht. Ich brauche einfach nur dem Strom folgen, der sich über die Bürgersteige bewegt. Nur ein paar Meter weiter schiebt man sich an Ständen vorbei. Seife, Kerzen, Düfte, Schmuck, Klamotten, Hüte – selbst Gitarren werden angeboten. Was mir im Vorbeirollen auffällt: Publikum wie Verkäufer passen bestens zusammen. Typen in abgewetzten Jeans und Gammellook entdecke ich keine. Dem Hippie auf Ibiza ist anscheinend ein gepflegtes Erscheinungsbild wichtig. Unbesorgt parke ich mein Rad am Straßenrand. Abermals verzichte ich darauf, es abzuschließen. Im guten Glauben, dass Blumenkinder nicht stehlen, sondern schlimmstenfalls ungefragt teilen, schlendere ich einmal auf und ab. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Die Musik kommt aus der Konserve und die Veranstaltung vermittelt mir eher den Eindruck eines Schaulaufens – sehen und gesehen werden. Wie dem auch sei – ich entdecke kein bekanntes Gesicht und bleibe selbst ebenso unbehelligt. Niemand, der mich mit jemand anderem verwechselt, niemand, der mich zu kennen glaubt, niemand, dem ich tatsächlich bereits einmal begegnete.
Deutlich weniger los ist auf dem Weg nach Portinatx. Kurvenreich geht es zunächst zwei Kilometer den nächsten Hügel hinauf, die anschließenden zehn Kilometer kann ich mich über weite Strecken rollen lassen. Wälder und Felder wechseln einander ab, das Meer bleibt zumeist hinter Kuppen verborgen. Kurz vor dem Erreichen des einstigen Fischerdorfes biege ich rechts ab und folge dem Wegweiser Richtung Cala d'en Serra. Auch hier schenke ich mir die letzten Meter. 500 sind es diesmal. Meinen Nachbarn der letzten Nacht muss die Straße ebenfalls zu steil gewesen sein. Ihr fahrbarer Untersatz blieb wie mein Vehikel am Straßenrand zurück, während sie 50 Meter unterhalb im Sand sitzen. Ich belasse es bei einem Blick von oben auf den kleinen Strand, der eingebettet ist von steil abfallenden Felsen und an dessen einem Ende ein paar hölzerne, windschiefe Bootsunterstände stehen. Fehl am Platze erscheint mir in der sehr überschaubaren Bucht lediglich eine Bauruine. Vor Jahren muss jemand begonnen haben, eine zweigeschossige Ferienanlage zu errichten, dieser Tage blickt man auf einen dachlosen Rohbau, in dem auf manch grauer Wand ein Graffiti gesprayt ist. Beides passt für meinen Geschmack nicht so richtig in die Landschaft.
Ähnlich malerisch gewesen sein muss vor Urzeiten Portinatx. Heute jedoch steht in der Bucht ein Hotel neben dem anderen sowie im Sand Bretterbuden einer Tauchschule und einer Strandbar. Nachmittags um vier am ersten Sonntag im März bei mittlerweile tief hängenden Wolken ähnelt der Ort einer Geisterstadt. Kaum eine Menschenseele ist unterwegs, Boutiquen, Restaurants und Supermärkte sind verriegelt und verrammelt, der Wind weht Dreck über die Straße. Einzig Richtung Leuchtturm gen Nordosten tummeln sich ein paar Hartgesottene. In Anoraks gehüllt mit Kapuze auf klettert man über schroffes Gestein, wirft Steine in das Meer und posiert vor dem Smartphone. Auch ich kraxele ein wenig über die Felsen, richte die Kamera auf das markante Gebäude auf den Klippen, an dem sich heute wohl nicht mehr gar so viele Seefahrer orientieren, dann trete ich den Rückzug an.
Auf dem Parkplatz fallen mir zwei blitzblanke Nobelkarossen eines deutschen Herstellers auf – der mit dem Stern. Die eine, eine Sportlimousine, trägt ein Böblinger Kennzeichen, die andere, ein Geländewagen, ein Stuttgarter. In beiden sitzen jeweils zwei junge Männer. Stronger than time – stärker als Zeit, so prangt es auf dem Lack des Offroaders, der mit laufendem Motor dort steht und aussieht, als habe er noch nicht einmal einen staubigen Camino gesehen. Was mir die Worte sagen sollen? Ich weiß es nicht. Noch nicht. Es steht nichts weiter dabei. Vermessen kommt mir der Slogan vor – worauf er sich auch beziehen mag. Sich mit einer so relativen Größe wie der Zeit zu messen – ich empfinde es als überheblich. Mich spricht eher lässiges Understatement an. Was ist die Lebenserwartung eines Autos in Relation zu dem Licht manch eines Himmelskörpers, das uns erreicht. Dazu der Schadstoffausstoß, der von der Karre ausgeht. Ich bin verleitet an das Fenster der Fahrertür zu klopfen und nachzufragen, ob die Maschine nicht wieder anspringt, ist sie erst einmal abgestellt. Der Fahrer des anderen Wagens kommt mir jedoch zuvor. Er fährt an mir vorbei, der größere Luftverpester folgt. Fotoshooting auf der Baleareninsel?
Darüber sinnierend, welche Buchstabenkombination mir auf meinen Gepäcktaschen gefallen könnte, strampele ich weiter. Stärker als Achselschweiß? Wäre das etwas? Nicht gänzlich unpassend, wenngleich mir auf dem folgenden Hügel der körpereigene Saft wieder einmal aus mehr Poren rinnt als nur aus denen unter den Armen. Doch was soll´s – die Klamotten werden nicht zum ersten Mal an diesem Tage nass und auch den vor mir liegenden Anstieg bekomme ich bewältigt.
Der nächste Halt lässt jedoch nicht lange auf sich warten. Der Torre de Portinatx ist der nächste Punkt auf meiner Route, den ich im Vorfeld für sehenswert hielt. Als ich mich dem nähere, habe ich meine Zweifel, ob er den Abstecher wirklich verdiente. Er sieht genauso aus wie die Türme, die mir auf Formentera als Maurentürme bekannt sind. Ebenso ist die Aussicht von dem Plateau, auf dem er steht, nicht so besonders. Das Bauwerk ist umgeben von Bäumen und in unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich eine Großbaustelle – die nächste Bettenburg ist im Entstehen.

Das folgende Auf und Ab, eher jedoch das zuerst genannte, zeigt mir dann doch so langsam die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit auf. Tausend Höhenmeter, der überwiegende Anteil davon mit Steigungen über fünf Prozent, sind an mir nicht spurlos vorüber gegangen. Hätte ich keine dreieinhalb Wochen auf Formentera Pause eingelegt, wäre ich wahrscheinlich weniger geschafft, so aber werden mir langsam die Beine lang. So nett die nächste Bucht aussieht, die Cala Xarraca, so sehr bedaure ich, dass der Weg mich knapp 50 Meter wieder hinunter an das Meer führt. 50 Meter, die unmittelbar darauf folgend erneut zu erklimmen sind. Dazu hundert weitere, nach denen ich wieder auf der Straße lande, die ich für den Weg ans Wasser verließ. Hätte ich geringfügig leichter haben können, wäre mir nur der Blick auf die Bucht in der Bucht verwehrt geblieben. Doch ich will mich nicht beklagen. Ich wollte etwas von Ibiza sehen, und ich erhalte.
Auf der C-733 zum zweiten Mal in weiter empor führenden Serpentinen angelangt, bekomme ich jedoch noch etwas anderes. Einen Hungerast. Nichts geht mehr. Ich lenke mein Gefährt in die nächste Einfahrt. Angst, dass ich irgend jemandem Platz machen müsste, habe ich keine. Das Haus in Sichtweite sieht unbewohnt aus. Die Kette, die die Zufahrt verwehrt, ist mit einem Rost befallenen Vorhängeschloss gesichert. Unterzuckert mache ich mich über die Reste meines Brotes, über Käsescheiben sowie über ein Snickers her. Dazu ein guter Schluck aus der Flasche, wenngleich das Wasser bestenfalls dazu herhält, Flüssigkeitsverluste zu kompensieren. Auf wackeligen Beinen gehe ich anschließend ein paar Schritte zurück, dorthin, wo ich zuvor an Müllcontainern vorbei fuhr, und entsorge Verpackungsmaterial artgerecht. Als ich mich umdrehe, halte ich inne. Auf der anderen Straßenseite steht ein bewohntes Haus. Jemand werkelt dort mit Spachtel und Kelle. Es ist sechs, in gut einer Stunde wird es dunkel, ich bin am Ende meiner Kräfte – an sich der richtige Zeitpunkt, die finale Parkposition für den Tag zu finden. Nur sind die Serpentinen nicht der geeignetste Platz, um das Zelt versteckt aufzuschlagen. Zumindest will ich es nicht unversucht lassen, um Asyl zu bitten, zu fragen, ob ich vielleicht irgendwo im Garten oder sonstwo übernachten kann.
Nach ersten skeptischen Blicken und Äußerungen hat man Erbarmen mit mir – von meinem Rad ist immerhin weit und breit nichts zu sehen. Es steht hinter der nächsten Biegung. Eigentlich sei man ja ein Beherbergungsbetrieb, doch man habe noch geschlossen. Im Zelt mag man mich jedoch nicht übernachten lassen.
„Hier kannst du schlafen.“
Der Herr mit dem Farbklecks auf dem Arm führt mich zu einem kleinen Gebäude. Eine Tür hat es nicht, statt dessen hängen schwere Vorhänge herunter. Dahinter stehen zwei Betten, an der Wand hinter dem Eingang ein kleines Regal. Der unverstellte Platz ist gerade ausreichend, um sich umzudrehen. Auf den Matratzen liegen Schuhkartons, Decken sowie zwei Kopfkissen. Ein kleines Fenster ist mit einer Plastiktüte verhangen, auf dem Boden und auf den Betten liegen ein paar Blätter. Nebenan, am Rande eines Swimmingpools, bekomme ich „mein“ Badezimmer gezeigt. Ein Klo, ein Waschbecken, eine Dusche. Auch diesem sieht man an, dass es seit längerem nicht benutzt wurde, doch ich mag mich nicht beschweren – immerhin kann ich mich mit fließend warmen Wasser von den Spuren des Tages befreien.
Dankend nehme ich das Angebot an.
„Ich bringe dir gleich noch ein Handtuch und eine Flasche Wasser.“
„Vielen Dank. Ist aber nicht nötig. Ich habe alles dabei, was ich brauche.“
Ich bekomme dennoch. Eine Viertelstunde später stehe ich noch einmal bei den Franzosen vor der Tür. Diesmal nur in Unterhose und Stiefeln. Es ist mir ein wenig peinlich, doch ich will auch diesen Anlauf nicht unversucht lassen. Vielleicht ist es ja nur eine Kleinigkeit, dass im Bad kein Wasser kommt. Meine Überwindung wird auch diesmal belohnt. Es ist nur ein Handgriff. Die Sicherung der Wasserpumpe war draußen.
Im Schlafsack auf anderer Leuts Matratze verbringe ich eine geruhsame Nacht. Wer sonst in dem Kabuff nächtigt? Schwer zu sagen. Meine Gastgeber selbst? Hausangestellte? Animateure? Letzteres wohl doch eher nicht, dazu macht mir die Anlage einen zu kleinen Eindruck. Aus acht Apartments mag sie bestehen. Unterm Strich brauche ich mir jedoch gar keinen Kopf zu zerbrechen. Ich habe eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden, sogar mit Dusche, und werde im Schlaf nicht gestört.
Als ich mich am nächsten Morgen verabschiede, bekomme ich sogar noch einen Kaffee angeboten. Ein weiteres Angebot, das ich dankend ablehne – ich hatte bereits mein Müsli samt Frühstückstrunk. Wir wechseln noch ein paar Worte, dann lasse ich meine Gastgeber weiter renovieren und sie mich weiter strampeln.

Ausgeruht und mit frischen Kräften fallen die nächsten Kurven wieder leichter. Die Straße windet sich noch einige Male Hügel aufwärts, ich kann nochmals einen Blick auf mein Quartier werden, diesmal von oben, dann ist Sant Joan nahezu wieder erreicht. Ich halte mich jedoch weiter entgegen des Uhrzeigersinns, biege bei nächster Gelegenheit rechts ab und darf mich einer weiteren Talfahrt erfreuen – diesmal gen Cala Benirràs. Wie schon an den voran gegangenen Vormittagen, so scheint auch an diesem Montag Morgen die Sonne. Entsprechend einladend sieht die Bucht aus. Ein zehn, zwanzig Meter breiter Sandstrand, an beiden Enden Fischerhütten, in der Mitte der Bucht ein Fels – nicht gerade in der Brandung, dennoch aber schön für das Auge, wie er da aus den Fluten empor ragt. Gleichfalls wie die beiden Tage zuvor habe ich die Bucht fast ganz für mich allein. An den Restaurants am Parkplatz renovieren eine handvoll Leute, zwischenzeitlich tönt der Presslufthammer, ansonsten ist ist nur das Schwappen der Wellen zu hören. Schon in drei Monaten dürfte es deutlich überlaufener zugehen. Die vielen Parkplätze werden nicht ohne Grund angelegt sein.
Anstatt zwischen Orangen- und Zitronenplantagen hindurch führt der Weg aus der Bucht heraus durch Wald. Die ersten Meter haben es ein weiteres Mal in sich, doch mein Motto steht: stronger than sweat – stärker als Schweiß. Notfalls schiebend. Es dauert nicht lange, da wird das gerade erst frisch gewaschene Oberteil erneut feucht. Bis zur ersten Kurve sitze ich noch im Sattel, doch eine mit einem Kinderwagen mir entgegen kommende junge Mutter warnt mich bereits.
„Hier willst du hoch? Das wird noch steiler. Viel Kraft!“
Augenblicke später weiß ich, was sie meint. Ich habe nicht länger Pedale unter den Tretern, sondern Asphalt. 15 Prozent auf mehr als nur ein paar Metern sind für mich zu viel des Guten. Wie aber auch immer – bei lachender Sonne ist die Strecke der Plackerei wert. Der Ausblick auf die Bucht, in der ich noch eine Viertelstunde zuvor stand, ist beeindruckend. Dunkelblaues Meer, hellblauer Himmel, saftig grünes Gestrüpp – das Auge freut sich.
In munterer Berg- und Talfahrt geht es die Küste entlang weiter. Ein wenig besorgt bin ich um meine Bremsen. Die Abfahrten sind mir zu steil und ich weiß nicht, wie es hinter dem nächsten Straßenknick aussieht beziehungsweise wer oder was mir entgegen kommt. Ungünstige Voraussetzungen, dem Rad ungezügelt seinen Lauf zu lassen. Einstweilen aber habe ich Glück. Die Betätigung der Hebel zeigt die erwartete Wirkung und auch die Geräuschkulisse bleibt erträglich – es trifft noch kein Metall auf Metall.
Nach einigen Kurven stoppt mich ein Schild am Straßenrand. Cova de Can Marçà – ein Muss auf Ibiza – ganzjährig geöffnet. Eine Höhle. Okay, wenn der Besuch quasi vorgeschrieben ist, darf ich nicht achtlos daran vorbei fahren. Wieder einmal lasse ich meinen fahrbaren Untersatz unabgeschlossen hinter einer Biegung zurück. Hinter der verläuft die Zufahrt steil abwärts. Zu steil, als dass ich mein Gefährt auf dem Rückweg hinauf schieben möchte. Die bisherigen Passagen reichten mir, dienten aber wenigstens dem Vorankommen auf der Route. Eine Haarnadelkurve weiter gerate ich dann doch ins Stutzen. Auf einem Parkplatz warnt ein Schild davor, keine Wertsachen im Auto zu lassen. Ich verdränge etwaige Sorgen damit, dass der Hinweis vorzugsweise für die Saison gilt und stiefele weiter. Einige Meter darauf endet der Weg vor einer Aussichtsplattform mit Café, Fernglas über die Bucht und einer weiteren Informationstafel. Letztere zeigt Fotos von Stalaktiten, einem unterirdischen See und Daten. Nächste Führung: um zwölf. Der Ticketpreis für einen Erwachsenen: fast ebenso viele Euro – einen weniger, elf, Uhrzeit unabhängig. Für mich ein klarer Fall. Ich habe genug gesehen. Einerseits will ich keine halbe Stunde warten, andererseits lebe ich von dem Eintrittspreis einen ganzen Tag lang. Unverhältnismäßig also. Für den Rückweg entdecke ich in Stein gemeißelte Treppenstufen. Genau dort, wo ich mein Rad hinterließ, enden sie. Und auch hier macht mein Fahrzeug einen unberührten Eindruck.
Drei Minuten später stehe ich in Port de Sant Miquel. Der Kilometer ist schnell zurück gelegt. Fast die längste Zeit verbringe ich vor dem Schild, welches zum Strand weist, und überlege, ob sich der Weg dort hinunter lohnt. Letztendlich gebe ich mir und dem Rad einen Tritt und rolle gen Meer. Es ist ein ähnliches Bild wie in Portinatx. Kleine Bucht, Fischerhütten, Beobachtungsposten für die Rettungsschwimmer, dreht man sich am Strand um, das ganze flankiert von Bettenburgen. Auch hier sind die meisten Türen verschlossen, auf zwei Terrassen jedoch kann sich der geneigte Besucher bedienen lassen. Als ich den Ort wieder verlasse, erschließt sich mir der Grund. Ein paar gefüllte Reisebusse kommen mir entgegen. Kaffeefahrer.
Für die nächsten vier Kilometer bin ich wieder eine halbe Stunde unterwegs. Aufstieg nach Sant Miquel. 150 Meter hoch über dem ansonsten gleichnamigen Ort mit Hafen gelegen, aus dem ich gerade komme, und mit geöffneten Supermärkten ausgestattet. Ich fülle meine Proviantreserven auf, decke mich mit einem Fertiggericht für den Abend ein und stärke mich mit einer Banane. Wird ersteres verstaut, gelangt letztere auf dem Weg die Treppen hoch zur Kirche unmittelbar in den Verdauungstrakt. Auf den erhofften Blick über die Küste muss ich hingegen verzichten. War die Serpentinen hoch das Gotteshaus quasi meine stets sichtbare Orientierungshilfe, so stehen von oben ein Nachbargebäude sowie ein paar Bäume der Aussicht im Wege.
Die Strecke von Sant Miquel über Sant Mateu nach Santa Agnès ist ohne größere Anstrengungen zurück gelegt. Auf 200 Meter Höhe geht es nur sanft auf und ab und ebenso halten sich Gegenwind wie Fahrbahnunebenheiten in Grenzen. Die Gegend ist ländlich, die Besiedlung dünn und Verkehr gibt es kaum. Zwar sind laut elektronischer Karte gen Meer hin einige Sehenswürdigkeiten und Aussichtspunkte verstreut, doch die Wege dorthin sind als unbefestigt oder Pfade markiert und befinden sich in Gebieten, in denen die Höhenlinien eng beieinander liegen. Ich lasse es gemächlich angehen, begnüge mich mit unbeschwertem Kurbeln und genieße die Ruhe sowie die letzten Sonnenstrahlen des Tages – zum ausklingenden Mittag hin zieht sich der Himmel einmal mehr immer weiter zu.
In Santa Agnès überlege ich kurz, ob ich mich auf die Terrasse einer hiesigen Bar setzen und ein Tagesmenü ordern soll, lasse den Gedanken aber ebenso rasch wieder fallen wie er aufgekommen war. Warum soll ich beim Essen auf eine Straßenkreuzung schauen (gut, es ist nur eine Gabelung), wenn Naturpanoramen nicht weit entfernt liegen. Zudem fristet eine schnell zuzubereitende Mahlzeit ihr Dasein im Gepäck. Entsprechend belasse ich es bei einem Foto auf Kirche und Kneipe und radle weiter – den Umweg am Rande der Hochebene Plà des Corona entlang, die für ihren Reichtum an Mandelbäumen bekannt sein soll. So schön es ist, das zu wissen, so unspektakulär stellt sich dies Anfang März bei grauem Himmel dar. Die Gegend ist grün, ja, geht jedoch leider ein wenig in der Tristesse tiefer rückender Wolken unter und für die Blütezeit bin ich ohnehin mindestens vier Wochen zu spät unterwegs.
Eindrucksvoller stellt sich mir die Steilküste dar, an dessen Rand ich für eine Mittagspause anhalte. Vor meinen Füßen fällt der Hang fast senkrecht ab. Es folgen noch einige Geröll gesäte Meter, dann steht dem Blick zum Horizont nichts mehr im Wege. Eine Zeitlang höre ich die Stimmen zweier Wanderer, ab und zu rutschen Steine, ansonsten ist nichts zu hören außer Vogelgezwitscher und leichter Brandung. Zufrieden mit meinem Rastplatz lasse ich es mir schmecken.

Auf den restlichen Kilometern des Tages ändert sich nicht viel. Da gut im Zeitplan und kräftemäßig nicht ausgelaugt, fahre ich durch bis Sant Rafel anstelle, wie geplant kurz zuvor in ein Gebiet abzubiegen, dass landschaftlich als äußerst reizvoll in der Karte ausgewiesen ist. Ich bin fast der Überzeugung, dass ich mir den Ort entlang der Schnellstraße zwischen der Inselhauptstadt und der Stadt mit dem anderen größeren Hafen, Sant Antoni, hätte sparen können, da fällt mein Blick auf ein Geschäft, wie ich es gebrauchen kann. Ein Fahrradladen. Unverhofft kommt oft. An sich kann es nur ein Volltreffer werden, bezüglich der Bremsbeläge, die ich benötige. Passt ja auch alles bestens. Bis hierhin haben sie gehalten, ich stehe vor unverschlossenen Türen und ich habe Zeit. Leider jedoch ist das benötigte Fabrikat auch für diesen Händler zu ausgefallen. Ebenso nimmt er mir die Hoffnung, in Sant Antoni am nächsten Tag mehr Glück zu haben. Dort gäbe es keine geöffneten Fahrradgeschäfte. Wenn, dann müsste ich nach Ibiza fahren. Dass ich mir den Weg schenken kann, behalte ich für mich.
Freuen kann ich mich hingegen über den Flecken, den ich mir auf der Karte für die Nacht aussuchte. In einem lichten Wald finde ich ein ebenes wie halbwegs verstecktes Plätzchen. Häuser stehen zwar in der Nähe, jedoch weit genug entfernt, als dass man mich aus der Ferne direkt sehen könnte. Auch bis zum nächsten Weg sind es knappe hundert Meter. Ich überlege gerade gegen halb fünf, womit ich mir die gut zwei Stunden bis zur Dämmerung vertreiben könnte, da wird mir geholfen: es beginnt zu regnen.
Kurze Zeit später steht das Zelt und ist eingeräumt. Was das Wasser von oben anbelangt: es wird leider nicht mehr. Für eine Dusche ist es zu wenig. Entsprechend greife ich zur Flasche und mache mir etwas warm. Man muss es ja nicht übertreiben, mit dem Minimalismus, zumal ich mich zwei Tag später ohnehin von nicht verbrauchtem Brennspiritus trennen muss. Der Transport entflammbarer Flüssigkeiten im Flieger ist verboten. Suboptimal ist hingegen mein Timing für die Körperhygiene. Kaum stehe ich so gut wie unbekleidet und mit dem Waschlappen in der Hand vor meiner Behausung, bekomme ich Besuch. Zunächst rennen zwei Hunde auf mich zu. Augenblicke später rückt Herrchen nach. Stimmen von Frauchen und zweibeinigem Nachwuchs folgen. Dem jungen Mann ist die Begegnung offensichtlich ebenso unangenehm wie mir. Er pfeift seinen Boxer und den Hirtenhund zurück, die Tiere gehorchen auf Anhieb, erwidert meinen Gruß, dann schlägt er diskret eine andere Richtung ein, ohne dass ich seine Gefolgschaft zu Gesicht bekomme.
Mit dem, was ich mir im Supermarkt zum Abendessen aus dem Regal griff, bin ich ebensowenig richtig zufrieden. Als diesmal Wasser auf dem Kocher steht, studiere ich den Becher meines asiatischen Reisgerichtes. Diesen bis zur Markierung füllen. So weit nichts Neues. Anstatt jedoch einer Angabe, wie lange die dehydrierte Pampe anschließend quellen soll, der Hinweis, den Behälter fünf Minuten lang in die auf 800 Watt eingestellte Mikrowelle zu stellen. Anschließend das Olivenöl hinzugeben und weitere drei Minuten erhitzen. Sehr witzig. Ich kenne keinen Radreisenden, der ein solches Gerät mit sich führt. Zudem ist mir keines bekannt, das sich mit Brennspiritus betreiben ließe. Und eine Steckdose hinter mir im Gebüsch gibt es nicht. Also Packungsinhalt umfüllen in den Kochtopf, umrühren, zwischendurch mal kosten, ob das Getreide bereits eine genießbare Konsistenz hat und warten. Nach einer guten Viertelstunde ist es soweit. Der Geschmack: zweifelhaft. Es gab schon Fertiggerichte, die den Gaumen mehr ansprachen.
Einen richtigen Schrecken bekomme ich jedoch in der Nacht. Licht flackert. Zunächst denke ich an die Scheinwerfer eines Autos, das auf einem der Wege unterwegs ist. Das Getanze der sich auf der Plane meines Zeltes abzeichnenden Schatten lässt jedoch nicht nach. Ein Fahrzeug müsste längst vorbei sein. Leute? Mit Taschenlampen? Wollte sich der Herr, der mit den Hunden unterwegs war, doch nicht mit der einen Begegnung zufrieden geben?
Ich warte ab, was geschieht. Es passiert nichts. Flackern tut es weiterhin. Zu hören ist nichts. Ich traue mich nicht, mich großartig zu bewegen, gar zur Taschenlampe zu greifen, das Zelt zu öffnen und hinaus zu leuchten. Nach einer gefühlten kleinen Ewigkeit überwinde ich mich. Im Zeitlupentempo erhebe ich mich, öffne vorsichtig den Reißverschluss meines Domizils, schiebe den Stoff beiseite und erstarre. Was ich sehe, raubt mir fast den Atem. Erst vor wenigen Tagen war Vollmond, der Himmel ist kristallklar und gleicht einem Lichtermeer, dazu schwanken Äste im Wind. Ein wunderschöner Anblick. Ich lache in mich hinein, genieße eine Zeit lang das Bild, dann verkrieche ich mich wieder in die Daunen und mache alle Luken dicht.

Stunden später schlage ich die Augen erneut auf. Der Himmel weiterhin wolkenlos, hat aber mehr Farbe. Welch ein Start in den Tag. Dank des Windes ist das Zelt trocken und ich bin für meine Verhältnisse zügig wieder auf den Rädern. Um Viertel vor zehn verlasse ich meinen Schlafplatz. Zwar würde ich ihn ohne mit der Wimper zu zucken auch ein weiteres Mal aufsuchen, dass ich jedoch bereits eine knappe halbe Stunde später erneut zurück kehre, ist ungeplant. Der zunächst gewählte Weg entpuppte sich als Sackgasse. Wo es laut Karte Richtung Sant Antoni hätte weitergehen sollen, stand in der Realität ein Tor. Zwar ließ es sich öffnen, doch endete die Holperpiste vor einem Haus – und dem Anschein nach nicht erst seit gestern. Dass mich möglicherweise eine Kamera bei meinem Erkundungsgang filmte? Ich kann es nicht ändern. Mein Besuch war mit keiner bösen Absicht verbunden.
Zwei andere Törchen dürfen geöffnet werden. Schilder bitten lediglich darum, sie wieder zu schließen. Sie liegen auf einem der auf der Insel ausgeschilderten Radwege. Für Mountainbiker. Liegedreiradler heißen sie willkommen, indem sie Geäst in den Speichen rattern lassen und die Fahrer aus dem Sitz zwingen, wollen sie nicht Gefahr laufen, weiteres Material auf schroffem Gestein zu opfern. Gegen die Kennzeichnung des Streckenabschnitts in der Karte ist jedoch nichts einzuwenden – landschaftlich attraktiv. Auf leichtem Gefälle geht es vorbei an Natursteinmauern, hinter denen es gedeiht und sprießt und duftet.

Ibizas zweitgrößter Ort ist viel zu schnell erreicht. Ein Häusermeer mit engen Gassen. Ich verlöre mich, würde mir nicht das Navi soufflieren, wo es lang geht. Dass ich trotzdem kurzzeitig von der Route abweiche und mich nicht verirre verdanke ich der Beschreibung einer Passantin, die ich auf ein Fahrradgeschäft anspreche. Sie beschreibt mir sehr präzise, wie ich fahren muss. Den Laden finde ich auch, helfen tut es aber nicht – nach einem kurzen Blick auf den verlangten Bremsbelag erhalte ich die gleiche Antwort wie zuvor.
Keine Orientierungsprobleme bereitet die Fahrt entlang des Strandes. Ein gepflasterter Weg samt Radspur ist nicht zu übersehen. Bei weiterhin stürmischem Westwind gestattet er sogar, in der Gischt der donnernden Brandung bis auf die Knochen nass zu werden. Stellt man es jedoch nicht all zu ungeschickt an, kann man diesem Schicksal auch entgehen.
Unzweifelhaft ihren Spaß haben diejenigen, die direkt über und durch die Wellen jagen – ein paar Kiter. An den Schnüren ihrer Lenkdrachen flitzen sie auf und ab, vollbringen artistische Einlagen in der Luft und lassen Adrenalin durch die Adern schießen. An Land geht es deutlich unaufgeregter zu. Die meisten Bars und Geschäfte haben geschlossen, es ist kaum eine Menschenseele unterwegs und die, die es sind haben es nicht eilig. Dass ich zwischendurch am legendären Café Del Mar vorbei fahre? Es fällt mir nicht auf. An einer für mich namenlosen Bude hingegen mache ich Halt. Dort wird immerhin ersichtlich renoviert. Gewisse Örtlichkeiten sind bereits benutzbar und so lässt sich Geschäftliches erledigen, ohne einmal mehr in Büschen verschwinden zu müssen. Hat sich also auch der Ausflug in die „Zivilisation“ gelohnt.

Der Weg aus der Touristenhochburg heraus ist steinig. Auch die Straße erhält ein neues Gesicht. Ein paar hundert Meter sind gesperrt und aufgerissen. Auf leichten Abwegen gelange ich jedoch dorthin, wo ich hin will. Einige Kilometer weiter habe ich gewollt staubigen Boden unter den Rädern. Ebenfalls aber wie schon zuvor: die Piste ist es wert. Es ist ruhig, beschaulich und entspannend. In der Cala Bassa klettere ich ein wenig über den Felsen, freue mich ein weiteres Mal darüber, dass Anfang März außer mir nur zwei andere Pärchen umher streunen, dann wird es richtig grandios. Über eine holperige Piste lasse ich die Bucht in Richtung Westen hinter mir. Wieder einmal zieht es sich mehr und mehr zu, doch die tief hängenden Wolken passen zu der Mondlandschaft, die ich durchquere. Über loses Gestein und vorbei an verstreut wachsendem, kargen Gestrüpp, lotst mich das Navi zum Torre D'En Rovira, einem weiteren Maurenturm. Ein Pfad ist häufig genug nicht zu erkennen. Hin und wieder stehen jedoch Wegweiser in der Landschaft die mir das Gefühl geben, dass ich mich nicht vollständig in einem Naturschutzgebiet befinde, das nicht betreten werden darf.
Mit dem Bauwerk selbst verhält es sich wie mit dem letzten, vor dem ich stand: nichts neues. Die Aussicht gen Westen und Nordwesten ist hingegen ein Traum. Vor mir liegen die Inseln Sa Conillera, S'Espartar sowie einige weitere. Einer Legende nach soll Hannibal, einer der großen Feldherren der Antike, der mit einer Herde Elefanten die Alpen überquerte, in einer Höhle dort zur Welt gekommen sein, als man, per Schiff vorbei reisend, Schutz vor einem Sturm suchte. Ob an der Geschichte etwas dran ist, ist für mich nicht zu sehen, wohl jedoch, wie die Felsen majestätisch aus dem Meer ragen. An einer Abbruchkante zeigen sich geschwungene Strukturen im Gestein, die Gischt schießt meterhoch empor, hoch über den Hängen wabert ein bedrohlich wirkender Wolkenteppich. Natur pur, fast zum Anfassen. Ich bin begeistert, vergesse, dass der Weg beschwerlich ist, Zeit, Mühen und Kraft kostet. Ganz weit hinten, am Horizont, zeichnen sich Höhenzüge ab – das Festlands. Ein faszinierender Anblick. Mit der Kamera schaffe ich es mal wieder nicht, die Stimmung einzufangen. Licht und Entfernung überfordern das künstliche Auge. Das Panorama bleibt mir hingegen noch eine ganze Weile erhalten.
Bis zu den Platges de Comte, Stränden im Nordwesten Ibizas, zieht sich die Strecke über unbearbeiteten Boden. Mehr als einmal steige ich ab, um das Rad über kopfgroßes, loses Gestein, schroffe Kanten oder knorrige Wurzeln zu schieben. Nach einer guten Stunde sind die drei Kilometer Offroad bewältigt. Mit Sicherheit kein rekordverdächtiger Schnitt, dafür aber der Streckenabschnitt, der für mich ganz weit oben auf der Liste der bislang reizvollsten dieser Runde steht.
Was folgt brilliert bestenfalls durch Zahlen. Der Grad der Steigungen ist nicht ohne. Häufig genug zweistellig. Ansonsten: Ferienanlagen, Villen, zugebaute Hänge. So aussichtsreich gelegen an der Westküste manch eine Terrasse sein mag, für meinen Geschmack verschandelt das von Menschenhand Geschaffene die Landschaft. Ohne großartigen Gegenwert bedeuten die steilen Einschnitte für mich vor allem eines: sie kosten Kraft. Entsprechend reduziere ich das Abbiegen auf Stichwege in kleine Buchten oder zu abgelegeneren Aussichtspunkten. Froh bin ich lediglich, dass ich an der Cala Valdella nicht auch noch umkehren muss. Ein Straßenschild signalisiert, dass eine Durchfahrt infolge einer Baustelle nicht möglich sei. Da ich mir einen Umweg ersparen möchte, ignoriere ich einstweilen den Hinweis. Wäre ja nicht das erste Mal, dass ich mit dem Rad dennoch durch komme. Nach einigen abschüssigeren Metern eine Kurve weiter dann eine Absperrung quer über die Fahrbahn. Ich mag es kaum glauben. Alles wieder zurück und außerdem die längere Alternativroute einschlagen? Zum Glück rollt hinter mir ein Lastwagen heran. Der Fahrer steigt aus, schiebt Teile des Hindernisses beiseite und schickt sich an, es zu passieren. Ich spreche ihn an.
„Komme ich mit dem Rad an der Baustelle vorbei?“
„Nein, die Straße ist aufgerissen.“
„Und über den Bürgersteig? Oder über einen Randstreifen?“
„Haut nicht hin. Ist alles offen. Bestenfalls über den Strand. Da müsstest du aber durch Sand.“
Na also. Geht doch. Schlimmer als die Mondlandschaft zuvor wird es schon nicht sein. Und die Bucht ist keine zweihundert Meter breit. Hat sich über-die-Schilder-Hinwegsetzen einmal mehr ausgezahlt. Ich bedanke mich bei dem Lastwagenfahrer, schließe hinter ihm und mir die Absperrung und folge der Linie auf dem Navi. Dass ich meinen fahrbaren Untersatz zwanzig Meter über den Sand schiebe, um danach über einen Bretterweg zu rumpeln? Geschenkt. Die Straße auf der anderen Seite der Bucht den Hügel hoch ist anstrengender.

Ist Es Vedrà für manch einen das letzte sichtbare Überbleibsel von Atlantis, für manch anderen eine Orientierungshilfe für UFOs, so bleibt für mich der fast 400 Meter hohe Fels vor der Westküste Ibizas der Punkt, von dem aus ich die Küste hinter mir lasse. Auch ein letzter Versuch, nicht aus eigener Kraft noch ein Stück weiter auf ein näher gelegenes Kap zu gelangen, um der Insel noch ein Stück näher zu kommen, endet erfolglos. Ich biege in einen staubigen Stichweg ein, parke mein Vehikel hinter einer Kurve so, dass es nicht unmittelbar für auf der Straße vorbei Fahrende sichtbar ist, und warte eine Viertelstunde, ob mich jemand im Auto mitnimmt. Es kommt jedoch keiner. Fünf Uhr ist bei bedecktem Himmel außerhalb der Saison nicht der richtige Zeitpunkt für derartige Exkursionen.

Eine Stunde später ist Sant Josep erreicht. Hier stelle ich mir vor, in einem preiswerten Hotel oder einer ebensolchen Pension meine letzte Nacht während meiner Kurztour zu verbringen. Von dem Ort aus sind es keine 15 Kilometer mehr zum Flughafen, nicht wenige davon bergab, so gut wie keine Anstiege mehr. An sich optimale Voraussetzung, nach einer Dusche unverschwitzt die Tour zu beenden. Auf dass kein Sitznachbar oder sonst wer in meiner Nachbarschaft die Nase rümpfen muss. Spätestens aber, als ich in der Polizeistation des Dorfes nachfrage, weiß ich: Sant Josep ist für mein Ansinnen der falsche Ort. In ihm sowie in der näheren Umgebung gibt es keine Hotels und Pensionen. Also doch wieder Katzenwäsche aus der Wasserflasche?
Ich decke mich im Supermarkt entsprechend ein und schaue, wo ich bleiben kann. Meine Wahl fällt auf den Hügel im Osten. Dort entdecke ich Wald, Felder und Plantagen. Was ich auf Anhieb nicht finde, ist jedoch ein verstecktes Plätzchen. Versuche, irgendwo anzuklopfen und zu fragen, ob man einen Flecken für mich habe, sind ebenso erfolgreich wie das Stoppen eines Mountainbikers. Ist in den Fincas niemand außer dem Hund Zuhause, so kann mir der Bergpedalist genauso wenig weiterhelfen. Dazu kommt, dass die Zeit voran schreitet. Es wird immer dunkler. Die nachlassende Helligkeit hat jedoch auch ihre Vorzüge. Leute, die Zuhause sind, schalten das Licht an.
In einer entfernteren Villa fallen mir erleuchtete Räume auf. Nach einer hundert Meter langen Zufahrt stehe ich vor einem verschossenem Tor. Dahinter: eine Kies bedeckte Fläche, ein Geländewagen, ein zweigeschossiges Gebäude. Oben die Fenster, hinter denen das Licht brennt. Neben dem Tor hängt an der Mauer eine Glocke. Ich läute. Der an das Metall schlagende Klöppel muss bis in das Haus zu hören sein. Hinter einem der Fenster regt sich etwas. Ich gestikuliere, winke. Zunächst schaut eine Frau um die Ecke, dann ein Mann. Letzterer kommt die Treppe des Hauses herunter. Das ich mit dem Rad reise, ist unschwer zu erkennen. Diesmal steht mein fahrbarer Untersatz unmittelbar hinter mir.
„Hallo. Ich suche einen Platz, auf dem ich für eine Nacht mein Zelt aufzuschlagen kann. Hätten Sie für mich etwas?“
„Das ist ein ungewöhnliches Anliegen.“
Ich schildere in knappen Worten das Wieso, Weshalb und Warum, dann wendet sich mein Gegenüber ab.
„Ich bespreche das kurz mit meiner Frau. Augenblick.“
Wenig später öffnet sich das Tor.
„Meine Frau ist zwar nicht begeistert, aber Sie können bleiben. Ich verantworte das schon.“
Innerlich amüsiere ich mich. Sind wir nicht klasse, wir Männer. Wahrscheinlich sind die Frauen selbst auch nicht besser. Erst fragen und dann trotzdem tun, was man für richtig hält. Wie auch immer – mir ist es recht, der Mann ist mir sympathisch.
„Ich würde Ihnen gerne unser Gästezimmer anbieten, da hat ein Freund jedoch noch seine Sachen herum liegen. Kommen Sie aber mal mit. Ich zeige Ihnen einen Platz. Wir haben oben eine Pferdekoppel. Zur Zeit sind keine Tiere drauf. Dort können Sie sich breit machen. Am besten vielleicht im Stall. Er ist sauber und dort wären Sie windgeschützt.“
Wir stiefeln auf einem Trampelpfad den Hügel weiter empor. Das Grundstück ist ein paar tausend Quadratmeter groß. Nach einigen Schritten stehen wir vor einem Blockhaus, vor dem ein weiterer Geländewagen abgestellt ist. Mein Gastgeber öffnet eine Tür der Hütte.
„Hier. Wenn Sie wollen.“
Ich bevorzuge den Platz ohne festes Dach über dem Kopf. Trotz des Windes. Die Aussicht ist grandios. In zwei, drei Kilometern Entfernung, im Tal, liegt Sant Josep, mittlerweile ebenfalls beleuchtet, um mich herum Bäume. Nachdem wir wieder zurück am Tor sind, wo noch immer mein Rad steht, bekomme ich „mein“ Bad gezeigt.
„Ich stelle Ihnen noch den Boiler an und lege Ihnen ein Handtuch hin. In etwa einer Stunde sollten Sie warm duschen können.“
Es ist mir fast ein wenig peinlich, doch ich widerspreche nicht.
Etwa eine Stunde später dusche ich warm. Das Zelt steht. Erstmals, seit ich auf Ibiza bin, setzte ich Heringe für drei Abspannleinen, damit das Tuch nicht so sehr flattert. Ich bin so frei, ziehe auch noch die Leibwäsche durch das Waschbecken, eine Leine zwischen zwei Bäume, und überlasse die nassen Klamotten der Natur.
Zufrieden mit mir, meinem Dasein und meiner Umgebung lasse ich es ruhig angehen. Wie gewohnt koche ich mein „Süppchen“, schmökere noch ein wenig in einem E-Book und lasse Gedanken ihren Lauf. Dass ich die Nacht den Eindruck habe, da grast jemand um mein Zelt? Ich ignoriere es. Das Grundstück ist umzäunt, es wächst kaum etwas vor meiner „Haustür“ und selbst wenn, es würde mich nicht stören. Weder, dass da etwas sprießt, noch, dass es gefressen wird. Wahrscheinlicher ist es ohnehin, dass einfach nur der Wind Geräusche verursacht. Ein befreiendes Gefühl, sich über Dinge nicht den Kopf zerbrechen zu müssen, die man selbst nicht ändern kann.

Mittwoch. Letzter Tag auf Ibiza. Wieder scheint die Sonne. Laut Vorhersage sogar bis in die Abendstunden. Meine Wäsche auf der Leine trocken. Um Viertel vor zehn sind die Taschen ein letztes Mal auf dieser Insel gepackt. Obwohl mein Gastgeber ein zweites Tor für mich bereits entriegelt hat, klopfe ich bei ihm an und bedanke mich nochmals. Der Mann scheint Zeit zu haben. Seine Frau ist zum „Hairdresser“, er begleitet mich zurück zu meinem Rad. Ob es unhöflich ist, seine Einladung auf einen Kaffee abzulehnen, darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Ich hatte wieder einmal bereits eine Tasse des morgendlichen Trunkes und wir unterhalten uns auch gut ohne Gebräu an der frischen Luft. Letztendlich bekomme ich mit auf den Weg, gerne wieder vorbei zu schauen, wenn ich das nächste Mal in der Gegend bin. Sinnig wäre es jedoch dazu, Kontaktdaten auszutauschen. Der Gedanke daran kommt mir allerdings erst Stunden später. Interessant hört sich hingegen an, was ich unmittelbar zu hören bekomme.
„Warst du schon mal in Amerika?“
„Nein.“
„Kann ich dir nur empfehlen. Wir lebten dort für eine Weile in San Francisco. Nur eine Stunde mit dem Auto raus und du gelangst in Gegenden, die der Mensch noch nicht zerstört hat. Wir spazierten dort einige Male auf Wegen, die den Spuren nach seit Monaten niemand betrat. Natürliche heiße Quellen, in die wir uns setzten, hatten wir für uns allein und im Meer vor uns zogen die Wale vorbei.“
Ohne warmes Wasser aus der Erde und die Aussicht auf Meeressäuger geht es für mich einstweilen abwärts. Zweihundert Meter Talfahrt auf fast zehn Kilometer, mit frischer Frühlingsluft um die Nase. Vorbei an Blumenwiesen und Wäldchen. Ich mag gar nicht daran denken, nur wenige Stunden später mit dem Flieger in die Lüfte aufzusteigen.
In der Cala Jondal zieht es mich noch einmal an das Meer. Laut einem Reiseführer soll die Bucht beliebt sein bei Leuten, die über mehr Besitztümer verfügen als andere und/oder bekannter sind als Otto-Normalverbraucher. Als ich dem Klackern der Steine in der Brandung zuhöre, bin ich der einzige dort. Das Geld, was ich im Portemonnaie habe, reicht mir. Es ist kein Vermögen. Kennen muss mich auch niemand. Mir reicht es halbwegs zu wissen, wer ich bin und was ich will. Bilde ich mir zumindest ein. Was andere von mir halten? Ich mag mir nicht deren Kopf zerbrechen. Es reicht mir, mich glücklich und zufrieden zu fühlen. In einer der Strandbars zu sitzen und dort Beträge zu lassen, für die manch anderer lange arbeitet und/oder leben könnte, würde mir nichts bedeuten. Heinrich Bölls Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral spricht mich deutlich mehr an und so reicht es mir, einfach nur die wärmenden Strahlen der Sonne auf dem Pelz zu spüren. Der blaue Himmel, die klare Luft und die Stille sind für mich unbezahlbar. Ich genieße für einige Momente einfach nur den Augenblick, das Hier und Jetzt, das Sein.

Eine gefühlte kleine Ewigkeit später ist es mit dem Leben in der Zeitlosigkeit vorbei. Es gibt da dieses Ticket, das ich nicht verfallen lassen will, einen Warmshowers Gastgeber, bei dem ich mich für den Abend anmeldete, sowie die Frau meiner Wahl, der ich ankündigte, zum Wochenende zurück zu sein. Ich kehre also wieder zurück auf die Straße und trete in die Pedale.
Auf den letzten Kilometern Richtung Flughafen bekomme ich Gesellschaft. Die, die mir bereits am Sonntag auffielen. Die beiden Autos mit deutschen Kennzeichen aus dem Schwabenland. Von denen die Tür des einen diesen Schriftzug trug, mit dem ich nichts anfangen konnte. An diesem Mittwoch Vormittag bekomme ich ihn gleich mehrfach zu sehen. Der Asphalt wird gleich in Rudeln bevölkert. Vier Kolonnen mit jeweils einem Dutzend Fahrzeuge, die machen, was ich auch mache. Man gurkt umher. Anders als ich erfreuen sich deren Lenker weniger an der Natur sondern vielmehr daran, was Ingenieure, Designer, Mechaniker und Maschinen erschufen. Wie unschwer zu überhören hat man auch daran seinen Spaß. Motoren werden kurzzeitig höhere Drehzahlen entlockt, dann kommt die nächste Kurve. Ob hinter den Windschutzscheiben auch etwas davon mitzubekommen ist, dass Vögel zwitschern, Blüten duften oder die Sonne die Haut umschmeichelt? Ich wage es zu bezweifeln. Wer stärker ist als die Zeit, dem fehlt sie anscheinend, sie zu genießen. Wie ich nur wenig später erfahre, ist man allerdings auch nicht nur zum Vergnügen auf dem Baleareneiland.
Minuten später wird meine Ibiza-Runde zur Erinnerung. Gute 200 Kilometer und 3000 Höhenmeter sind abgespult. Keinen von ihnen möchte ich missen. Wie sich Erlebnisse, Eindrücke und Glücksmomente quantifizieren lassen, bleibt für mich auch auf dieser Tour unbeantwortet. Ich lebe jedoch ganz gut damit, dass nicht alles in Zahlen ausdrückbar oder messbar sein muss. Vor dem Flughafen reckt auf einer Reklametafel eine Frau ihre Arme gen Himmel. We love winter – wir lieben die kalte Jahreszeit. Auch wenn ich etwas anderes kennen lernte, als ganzjährig geöffnet beworben wird – ich schließe mich dem an.

In der Sonne vor dem Abfertigungsgebäude mache ich mein Vehikel flugtauglich. Taschen ab, Sitz ab, Fähnchen raus, Rad zusammenklappen, ausrangierte Bettwäsche drum, damit möglichst anderer Leuts Gepäck keine Spuren von Öl und Schmiere abbekommt, sensiblere Teile mit Karton und Schaumstoffverpackungen polstern – Container für Papiermüll und Verpackungen entwickeln sich für mich zu einer wahren Fundgrube – alles schön mit etlichen Metern Frischhaltefolie aus dem Supermarkt bandagieren, noch ein paar Kabelbindern sowie Spanngurten drum und ab zum Check-In-Schalter. Während ich warte, vertreibe ich mir die Zeit im Gespräch mit denen, die mir kurz zuvor auf der Straße begegneten. Plastikausweise mit dem Logo des Autoherstellers erweisen sich als verräterisch.
„Gehört ihr zu denen, die mit Böblinger Kennzeichen in den Daimlern unterwegs waren?“
„Ja, oh, trage ich noch mein Kärtchen um den Hals?“
„Um was ging es denn bei euch? Fotoshooting vor balearer Kulisse?“
„Nee, wir sind Verkäufer und durften die neuen Modelle kennen lernen.“
Wir quatschen ein wenig belangloses Zeug, ich erfahre, dass ich mit meiner Vermutung nicht so ganz daneben lag – Zeit, die Insel kennen zu lernen, blieb keine – dann bin ich an der Reihe, meine Habseligkeiten gegen eine Bordkarte einzutauschen. Von den angemeldeten 25 Kilo Gepäck hätte ich mir fünf sparen können. Dafür jedoch stelle ich mein Handgepäck besser nicht auf das Kofferband. Spannend wird es, als es um das Rad geht.
„Sie hatten ein Rad angemeldet.“
„Das ist dieses.“
Mein Finger deutet auf das unförmige Etwas hinter mir.
„Das ist ja gar kein richtiges Fahrrad.“
„Das ist das, was ich bei der Fluggesellschaft angemeldet habe und wofür ich meinen Obolus entrichtete. Soll ich Ihnen die E-Mail zeigen?“
So genau will es die Dame dann doch wieder nicht wissen. Als wir Richtung Sperrgepäckschalter gehen, werde ich mit weiteren Bedenken traktiert.
„Das Rad sieht nicht so aus, als ob es durch den Scanner passen würde.“
„Seien Sie unbesorgt.“
Mein Eindruck ist, dass es der Bediensteten nicht gefällt, ihren Stuhl zu verlassen.
Als wir vor dem Band stehen, quengelt sie weiter.
„Wir müssen uns beeilen. Am Schalter ist sonst niemand, die anderen Fluggäste warten.“
Ich nehme es gefällig zur Kenntnis. Muss ich mich hier um Arbeitsabläufe kümmern?
Wie schon vor anderthalb Jahren, so passt auch diesmal das Rad problemlos durch das Gestänge. Nachdem es auf dem Band hinter herab fallenden Gummilappen verschwunden ist bekomme ich noch mit auf den Weg, ich möge doch bitte auf die Lautsprecherdurchsagen achten. Höre ich meinen Namen, solle ich unbedingt und umgehend den Anweisungen Folge leisten. Irgendwie muss ich es der Dame angetan haben.
Anstatt dass ich aufgerufen werde, lässt man mich jedoch sitzen. Und nicht nur mich, sondern ebenso die wahrscheinlich weiteren 200 Passagiere auf dem Flug nach Amsterdam. Nicht wenige von ihnen, gerade die, die kurz zuvor noch kennen lernen durften, was stärker als Zeit ist, werden unruhig. Werden die Anschlussflüge noch erreicht? Zweieinhalb Stunden Verspätung sind angekündigt. Bei schönstem Wetter sitze ich hinter einer Panoramascheibe mit Blick über das Rollfeld sowie die Salinen. In der Zeit hätte ich schön noch einen Abstecher gen südlichsten Zipfel der Insel einlegen können.
Ein wenig entschädigt werde ich dafür mit der Flugroute. Als ich irgendwann nach dem Start aus dem Fenster schaue, sehe ich Land. Es sieht jedoch anders aus als die Bucht von Palma de Mallorca, über die es üblicherweise geht. Nach einigem Hinschauen dämmert es mir. Der Fluss, der da aus dem Hinterland kommt, sich verästelt und von Lagunen umgeben in das Meer mündet, ist der Ebro. Wir sind über dem Festland, befinden uns zwischen Barcelona und Valencia. In der Abendsonne aus der Höhe ein stimmungsvoller Anblick der Erinnerungen weckt. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass ich zwischen den Reisfeldern her radelte. Eine Weile später überfliegen wir Schnee bedeckte Gipfel. Die Pyrenäen. Auch eine Gegend, der man sich mal intensiver widmen könnte. Gegen sieben schließlich genieße ich einen Sonnenuntergang über den Wolken. Ebenfalls ein immer wieder faszinierendes Naturschauspiel. Die Farben wechseln, der Himmel glüht, am Ende verschluckt ein tiefes Schwarz alles, bis im Landeanflug der Flieger sich seinen Weg durch eine dichte Wolkendecke bahnt.

Wie erwartet vergeht einige Zeit, bis ich nach der Landung meine vier Gepäckstücke wieder vollzählig habe. Die beiden Taschen sowie den Rollsack mit dem Zelt habe ich schnell, das Rad lässt länger auf sich warten. Vor mir spuckt das Band des Sperrgepäckschalters zahlreiche längliche Gegenstände aus. Es dauert einige Zeit, bevor bei mir der Groschen fällt. Natürlich. Wir haben ja Winter. Es gibt auch Menschen, die machen Skiurlaub. Nach einer guten halben Stunde entdecke ich mein Fahrzeug. Irgend jemand hat es vor einem Aufzug abgestellt. Für das Band war es wohl zu schwer, sperrig oder unhandlich.
Erleichtert rufe ich wie vereinbart meinen Warmshowers Gastgeber an. Ich hatte ihn bereits von Ibiza aus über meine Verspätung informiert und nachgefragt, ob es für ihn ein Problem sei oder ob ich mich nach einer anderen Alternative für die Übernachtung umschauen solle. Für Peter, ich nenne ihn an dieser Stelle diskreterweise mal so, da alle Holländer ja angeblich so heißen, war es keine Frage.
„Nein, nein, alles okay. Ruf mich an, wenn Du Dein Gepäck wieder hast. Ich komme dann vorbei und hole Dich mit dem Auto ab. Wir wohnen nur eine Viertelstunde vom Flughafen entfernt.“
Was mir bei einer Landung um kurz nach fünf nicht recht gewesen wäre, kommt mir zweieinhalb Stunden später entgegen. Der Weg zum abgesprochenen Treffpunkt entwickelt sich mit einem zusammen gefalteten Liegedreirad und vier Gepäckstücken zu einem Slapstick reifen Unterfangen. Ausgerechnet im schmalen Ausgang zwischen Zollkontrolle und Empfangshalle ist jedoch niemanden nach Lachen zumute, als mein Kartenhaus auf Rädern zusammenbricht. Erst fällt eine Tasche herunter, dann folgen die anderen. Die dem Anschein nach Geschäftsreisenden haben jedoch besseres zu tun, als zu helfen. Sie steigen über die am Boden liegenden Gepäckstücke und drängeln sich hastig vorbei. Sich zu bücken und mitzuhelfen, den Weg frei zu machen, wäre einfacher. Irgendjemand erbarmt sich dann aber doch, greift mir mehr oder minder unter die Arme und sorgt dafür, den Durchgang nicht länger zu blockieren. Auch wenn ich es nicht für möglich gehalten hätte, letztendlich stehe ich noch vor Peter vor dem Terminal.
Bei meinen Gastgebern eingetroffen verläuft der Rest des Abends entspannter. Nahezu vertraut. Wir setzen uns an den Tisch und quatschen. Schnell herrscht eine Atmosphäre, als kennen wir uns schon ewig. Peter und Astrid, seine Frau, sind in meinem Alter, haben ebenfalls zwei mittlerweile erwachsene Söhne und reisen viel und gerne. Für die beiden bin ich der erste radreisende Gast, den sie beherbergen. Peter hatte sich erst kurz zuvor in der Internetgemeinde angemeldet. Er will im Sommer per Drahtesel über die Alpen in die Toscana und dabei auf die Gastfreundschaft Gleichgesinnter zurückgreifen. Da Köln für ihn auf dem Weg liegen wird besteht Potential, dass wir uns wieder sehen werden.
Die Zeit verfliegt. Irgendwann ist es das Bewusstsein, das auf meine Gastgeber am nächsten Morgen ein neuer Arbeitstag wartet und ich auch nicht zu spät starten will, das uns in die Federn treibt. Stunden später setzen wir unsere Unterhaltung noch ein wenig am Frühstückstisch fort, dann geht jeder seiner Wege. Peter gen Büro, Astrid ins Arbeitszimmer, ich einstweilen in die Garage. Nach einer knappen Stunde bin ich startklar. Ich verabschiede mich von Astrid, dann beginnt der Endspurt.
Die 300 Kilometer bleiben vergleichsweise glanzlos. Wie schon für die Anreise von Köln nach Barcelona vertraue ich auch auf dem Weg von Schiphol zurück an den Ausgangspunkt meiner Reise dem, was der Internetroutenplaner Naviki vorschlug. Gibt es Zeitgenossen, die die Strecke an einem Tag bewältigen, so komme ich für meine Verhältnisse auch mit drei Tagen noch zügig voran. Der Wind kommt überwiegend von der rechts, Erhebungen sind nicht der Erwähnung wert und in der Regel rollen die Räder auf Asphalt. Was sich auf den ersten Kilometern bis Utrecht bewahrheitet ist eine Erkenntnis, die mir Peter und Astrid mit auf den Weg gaben.
„An sich ist Holland ganz schön. Das einzige was fehlt, ist ein Dach drüber.“
Es beginnt zu regnen. Kalt ist es außerdem. Wobei die Temperatur relativ ist. Ich empfinde sie als frisch, für die, die die letzten Tage in diesen Breitengraden miterlebten, wird es warm. Mit fünf Grad ist es fast zehn Grad wärmer als noch unlängst zuvor, ebenso jedoch gut zehn Grad kühler als auf Ibiza. Schnell trage ich Bekleidungsstücke, die ich schon seit Wochen nicht mehr benötigte – Handschuhe.
Die zwei Stunden Flugzeit bringen jedoch noch weitere Veränderungen mit sich. Statt Meer und Hügel habe ich um mich herum Kanäle und flaches Land. Nahezu überall. Ebenso wie Häuser. Wohin ich schaue, stets ist eines zu sehen. Sie stehen nicht immer eng beieinander, irgendwo ist aber immer eines zu entdecken.
Nicht gar so reichlich gesät sind hingegen Supermärkte. Dort, wo viele Menschen leben und ich mein Rad nur ungern unbeaufsichtigt zurück lasse, finden sich entlang meiner Route Einkaufsmöglichkeiten, andernorts nicht. Einen notdürftigen Ersatz finde ich in einer Tankstelle. Da ich keine anderthalb Tage in Holland unterwegs bin, kann ich damit leben.
Einen kleinen Umweg bereitet mir eine Fähre über die Waal. Sie verkehrt ausschließlich für Radfahrer und Fußgänger, das aber lediglich im Sommer. Zum Glück ist eine Alternative nicht fern. Über den Pannerdensch Kanaal und den Rhein gelange ich ebenfalls nach Millingen, nur kosten mich die fünf Kilometer mehr einschließlich der Wartezeiten eine Stunde.
Die beiden Nächte verbringe ich im Zelt. Finde ich in Holland in der Nähe von Rhenen am Niederrhein einen geöffneten Campingplatz hinter dem Deich, so schlage ich meine Behausung bei Rheinberg auf einer Wiese eines Landwirtes auf. Dass nebenan Koteletts, Schnitzel und Haxen wachsen stört kaum. Der Stall hat dicke Mauern, neben mir rauscht ein Bach und auch der Wind lässt eher die Schweine mitbekommen, dass sie für eine Nacht einen neuen Nachbarn haben, als anders herum.
Gewöhnungsbedürftiger empfinde ich den Verkehr. Auf den Wegen, die ich auf Ibiza einschlug, war kaum jemand unterwegs. Von den wenigen Radlern, die mir begegneten, kurbelten die meisten auf dem Rennrad umher. Die anderen waren Mountainbiker. In Holland hingegen wimmelt es nur so von Alltagsradlern. Im Gegensatz zu den Sport- und Freizeitpedalisten grüßt von ihnen kaum jemand. Auf der Baleareninsel winkten mir häufig genug selbst Autofahrer entgegen oder erhoben respektvoll den Daumen. Der Vergleich zwischen Holland und Deutschland ist nochmals ein anderer: im Nachbarland fühle ich mich deutlich besser in den Straßenverkehr integriert und mehr von den Autofahrern respektiert. Ich vermag gar nicht so genau zu benennen, was den Unterschied ausmacht, dass einer besteht, ist jedoch unverkennbar. Möglicherweise ist es aber auch einfach nur die höhere Verkehrsdichte auf den Straßen.
Unspektakulär nähere ich mich mit einer Kurbelumdrehung nach der anderen dem Ort, der gemeinhin Heimat genannt wird. Begegnungen bleiben Mangelware. Die meisten Gleichgesinnten sitzen noch in ihrem stillen Kämmerlein und planen gerade erst ihre Touren. Platz, Gedanken schweifen zu lassen, existiert ebenso wenig. Die Straße erfordert meine volle Aufmerksamkeit. Gleichfalls halten sich Sehenswürdigkeiten in Grenzen. Kalkar und Xanten bieten zwar mit manch einem Gebäude einen Blick in die Vergangenheit, dass mich aber etwas derartig fesselt, das ich Mühe habe, mich davon wieder loszueisen, ist nicht der Fall. Statt dessen akklimatisiere ich mich mit jedem Kilometer mehr und mehr an meine gewohnte Umgebung.
Erst kurz vor den Toren Kölns werde ich gestoppt. Jürgen, ein anderer Liegedreiradler, mit dem ich schon mal eine Runde zusammen drehte, taucht plötzlich hinter mir auf.
„Wo kommst du denn her? Weltreise?“
Wir plaudern ein wenig, fahren ein kurzes Stück zusammen und haben schließlich den Langeler Fähranleger im Norden der Domstadt vor uns.
„So. Pause. Ich habe mich hier auf dem Hinweg auf eine Bratwurst angemeldet. Traditionsbesuch bei der Bude hier.“
Da ich erst kurz zuvor ein Brötchen verdrückt hatte und sich unsere Wege ohnehin in ein paar Kilometern trennen würden, verabschiede ich mich.
Eine gute Stunde später habe ich das nächste Trike neben mir. Diesmal ist die Begegnung weniger zufällig. Es ist Ute. Sie radelte mir entgegen, nachdem ich sie von der Leverkusener Brücke aus vorwarnte, dass ich in einer Stunde in der Altstadt sein würde. Um mit meiner Zeitabschätzung nicht all zu sehr daneben zu liegen, trat ich etwas beherzter in die Pedalen und so braucht meine Frau nicht auf mich zu warten. Unter den Kranhäusern schließe ich sie in die Arme. Ein schöner Empfang – auf den Tag genau sind zwei Monate vergangen, seit wir uns auf einem Weg zwischen den Feldern voneinander verabschiedeten. Dass meine Klamotten im Gegensatz zu dem Tag im Januar nach dem Endspurt kleben und möglicherweise ebenso olfaktorisch nicht ganz unauffällig sind? Es scheint Ute nicht zu stören. Auch Liebe ist anscheinend stärker als Schweiß …