Einmal Formentera, immer Formentera?

Erinnerungen von einem, der am liebsten da geblieben wäre

Vorwort
Sie halten das Ergebnis aus über 30 Jahren Formentera Aufenthalten in Ihren Händen. 30 Jahre sind eine lange Zeit. Man heiratet, bekommt Kinder, manch einer sogar Enkel, manch einer scheidet aus dem Leben. In 30 Jahren ändert sich auch eine Menge – selbst an Orten an denen man meint, die Zeiger der Uhr drehen sich langsamer. Während dieser Spanne erlebt man eine Menge, vergisst aber auch einiges wieder. So jedenfalls ergeht beziehungsweise erging es mir. Wie hieß der-und-der doch gleich? Was gab es damals zu Essen auf den Tisch? War das in dem Jahr oder dann-und-dann?
Sie sehen, worauf ich hinaus will: nicht jedes Detail, das sie nachfolgend lesen, muss exakt so stimmen. Gelegentlich war ich so frei, Dinge stimmig zu machen. So oder ähnlich wird es gewesen sein. Dramaturgisches Beiwerk, um den Kern einer (wahren) Begebenheit auszuschmücken, tatsächlich unbedeutend.
Mit den Namen verhält es sich ebenso. Bitte betrachten Sie sie als Schall und Rauch. Nicht, dass jemand unwichtig wäre, aber wie er oder sie tatsächlich heißt oder hieß – irrelevant. Manch ein Name ist aus Gründen der Diskretion absichtlich geändert. Mancher, nicht jeder.
Manch anderes ist der Geschichte geschuldet. Wo einst ein Baum stand, steht heute vielleicht ein Haus, wo im einen Jahr spanisch gekocht wurde, brutzelte man im anderen italienisch und die meisten Kreisverkehre entstanden auch erst nach und nach – konstant ist lediglich der Wandel.
Sollte Ihnen die eine oder andere Anekdote bekannt vorkommen, vielleicht kreuzten sich bereits einmal unsere Wege, vielleicht erzählte sie gar jemand weiter oder vielleicht lasen Sie sie im Internetforum fonda.de. Über lange Jahre hinweg war dieser Flecken im Netz hervorragend geeignet, seine Sehnsüchte ortsunabhängig zumindest ansatzweise zu stillen oder um Erlebnisse, Tipps und Informationen zu teilen. Es sei Ihnen jedoch versichert, dass ältere Veröffentlichungen wenigstens stilistisch überarbeitet wurden. Bezüglich des eigentlichen Sachverhaltes gilt in jedem Fall das zuvor Genannte: was passiert ist, ist passiert.
Zu guter Letzt, bevor es los geht, auf die Insel des Vertrauens: nichts und niemand soll durch meine Schilderungen in Misskredit gebracht werden. Wir sind alle Menschen, wir sind alle wertvoll, wir haben alle unsere Macken, niemand ist perfekt – ist jedenfalls meine Ansicht. In manchen Situationen kommt der eine oder andere lediglich vielleicht ein wenig, nennen wir es ungeschickt, davon. Macht aber ja auch nichts. Manchmal bin ich es selbst. Macht ebenso wenig. Schön, wenn man darüber Lachen kann. Lachen ist gesund. Nicht mehr erreichen wollen diese Aufzeichnungen. Sollten sie auch noch eigene Erinnerungen wachrütteln – um so besser.
Damit aber genug der Vorrede. Haben Sie Spaß, bleiben Sie gesund, erfreuen Sie sich Ihres Daseins!

1986 – das erste Mal
Willkommen auf der Insel
„Die neu´n Bleichgesichter – tach aber auch.“
„Hallo. Tja, da sieht man, wer arbeitet.“ Rüdiger. Er muss es wissen.
„Un´ wat is´ mit ihm? Gehört der Schwatte mit zu Euch?“ Der braun Gebrannte deutet auf mich.
„Student.“ Rüdiger lacht. „Da sieht man, wem es gut geht.“
Ich muss schmunzeln. Gut, ganz unrecht hat Rüdiger nicht. Auch wenn erst zwei Semester hinter mir liegen, in der Zeit habe ich bereits eine Menge gelernt. Zum Beispiel, dass man die weniger spannenden Vorlesungen besser im Freibad anstatt im Hörsaal verbringt. Bleibt auf dem Pelz natürlich nicht ganz ohne Folgen. Nicht auszuschließen aber, dass auch auf den zehn Kilometern mit dem Rad morgens hin zur Schule und Nachmittags zurück der eine oder andere UV-Strahl die Haut traf. Und Ute? Und Birgit? Unsere Freundinnen teilen Rüdigers Teint. Fallen zu viele Sonnenstrahlen in Küchen und Büros, stimmt irgend etwas nicht, doch dafür gibt es keine Anzeichen.
„Und Sie? Schon länger hier?“, Rüdiger ist in seinem Element.
„So is´es. Unsere zwei Wochen sind morgen ´rum. Woll, Gitte? Gott sei Dank. Lange genuch hier gewesen. Vielleicht sollten´wa demnächst bei neuen Urlaubszielen ers´ ma´ nur eine Woche buchen. Sind´se auch das erste Ma´ hier?“
„Mhm, drei Wochen.“
„Na klasse. Glückwunsch. Hauptgewinn. Drei Wochen? In dem Loch? Auf der Insel? Prost Mahlzeit! Uns sehn´ die hier nich´ wieder.“
Von den beiden haben wir offensichtlich keine hilfreichen Hinweise zu erwarten. Trotzdem versuchen wir es. Diesmal sieht sich Gitte veranlasst, unsere Frage zu beantworten.
„Strände? Kla´ gibt’s die. Nur – wer bewegt sich hier schon freiwillig bei der Affenhitze. In der Sonne. Wir sind froh, dass wa´ diesen Schattenplatz am Pool hier ergattert ham´. Könn´se ab morgen übernehmen. Müssen´se nur früh genug aufstehen. Und ´nen Handtuch auf die Liegen werfen. Sonst macht sich hier nämlich ´nen anderer breit. Warten´se aber ab, dass Victor den Pool sauber gemacht hat, bevor´se da reingehen. Morgens, da is´ noch alles voller Viecher im Wasser. Sehn´se dann aber schon. Die ganze Nacht is´ das Licht an im Becken. Kriegen die nich´ geregelt. Wie mit´m Essen. Dat könn´se auch vergessen in Spanien.“
Die Statur der beiden lässt anderes vermuten, erklärt sich jedoch umgehend.
„Morgen Abend, woll´ Herbert, wenn wa´ Zuhause sind, da kommt bei uns erst ma´ lecker wat auf´n Tisch. Wat hält´ze von Eisbein mit Sauerkraut.“
Läuft Herbert bei dem Gedanken das Wasser im Munde zusammen, bleibt uns fast die Spucke weg. Auch kulinarisch spielen unsere Gegenüber in einer anderen Liga. Einen Anlauf wagen wir dennoch.
„Gibt es sonst noch was, das Sie uns empfehlen könnten?“
„Näh – da is' nix. Wenn´se wat wissen wollen, fragn´se Victor.“
„Victor?“
„Ja, den ham´se bestimmt schon kennen gelernt. Victor is´ hier dat Mädchen für alles. Victor macht die Rezeption, Victor reinigt den Pool, Victor macht das Frühstück, mixt Cocktails, brät Hamburger, verleiht die Räder und wat weiß ich nich´ noch.“

Victor
Kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen. Was das Allround-Talent angeht, so liegen Herbert und Gitte richtig. Wir lernten Victor in der Tat bereits kennen, nur blieb uns sein Name bis dahin fremd. Der Mann, an den uns unsere Reiseleiterin übergab, nachdem wir unsere Koffer aus dem Bus wuchteten, der uns vom Hafen hierher fuhr. Geschätzt nicht viel älter als wir, ähnlich rundlich wie unser Empfangskomitee am Pool, die Haare so schwarz wie Hose und Schuhe, anders als das Beinkleid jedoch kurz. Trotz hochgekrempelter Ärmel klebte das Hemd auf Brust und Rücken, Schweißperlen standen auf der Stirn – kaum verwunderlich bei dreißig Grad, solange kein Ventilator oder eine Klimaanlage für ein wenig Zirkulation sorgen. Uns erging es trotz luftigerer Kleidung kaum anders. Der Preis, kann oder will man sich keine Unterkunft leisten, die mit derlei Gerätschaften ausgestattet ist. Überflüssig zu erwähnen, dass „unser“ Hotel über keine derartige Annehmlichkeiten verfügt. Doch zurück zu Victor.
Aus einem leicht aufgedunsenem Gesicht schauten uns zwei müde Kulleräuglein an. Irgendwie stimmig. Der Mann hatte das Temperament einer Schlaftablette. Große Worte schienen nicht sein Ding. Statt eines herzlichen Willkommens der emotionslose Tausch von Ausweispapieren gegen Zimmerschlüssel. Für Ute und mich begleitet von dem Hinweis, dass wir uns noch einen Augenblick gedulden müssten. Das Zimmer sei noch nicht fertig. Für uns kein Problem. Wofür hat man Freunde? Sahen wir uns Zuhause häufig genug täglich, kann man sich auch im Urlaub schon mal vorüber gehend ein Bad teilen. Blöd lediglich, wenn die Brille dabei auf der Keramik unter einem zerbricht. Ob Victor das Stück Plastik selbst ersetzte? Keine Ahnung. Die Reaktion auf die Schadensmeldung unterschied sich jedenfalls kaum vom ersten Kontakt – leidenschaftslose, knappe Worte: „Kein Problem, reparieren wir.“
Ich weiß zwar nicht, wie häufig derlei vorkommt, für den Rezeptionisten jedoch schien es die alltäglichste Sache der Welt. Nun ja – für uns sollte es nicht bei der einen Überraschung bleiben.

Vamos a la playa oder wo bitte geht’s zum Strand
Nach einer ersten Abkühlung im Pool und dem diskreten Rückzug von den Platzhirschen am Beckenrand beschließen wir, entgegen derer Warnung, am helllichten Tage in Augenschein zu nehmen, wie es um die karibischen Strände bestellt ist, mit denen die Reiseprospekte lockten. Einige Kilometer sahen wir bereits, als wir von Ibiza aus kommend mit der Fähre auf Formentera zusteuerten. Vielversprechend, doch sicherlich nicht der einzige Abschnitt dieser Art auf der Insel.
Unvorbereitet, ohne Karte, ohne Ortskundigen und ohne mit internet- oder navigationsfähigen Smartphones ausgestattet zu sein, probieren wir unser Glück. Weltweites Datennetz, Satellitennavigation, mobile Kommunikationstechnik? Stecken in den Kinderschuhen. Wir schreiben das Jahr 1986. Der Einsatz von Funktelefonen ist beschränkt auf das Auto. Und das nicht ohne Grund. Die Apparaturen kosten mehr als manches Fahrzeug. Zudem sind die Geräte aufgrund ihrer Größe, ihres Gewichts und ihres Energiebedarfs in keinster Weise geeignet, herumgetragen zu werden. Das Geraffel füllt einen Rucksack. Andere Technologien sind noch weiter davon entfernt, von jedermann genutzt zu werden. Meine ersten Programmiererfahrungen unter akademischer Anleitung im Informatikstudium machte ich auf Lochkarten. Die Anmerkung eines Professors dazu: nimmt man ein dutzend ausgestanzter Kartons und klebt sie zusammen, hat man einen preiswerten Lampenschirm. Doch ich schweife ab. Wie bereits erwähnt, uns zieht es zum Strand, wir wollen uns in die Fluten stürzen und wir haben keine Ahnung, welcher Weg uns dorthin führt.
Mit so etwas wie natürlichem Orientierungssinn bewegen wir uns vor die Tür unseres Hostals Lago Dorado – das Hotel am güldenen See. Die vor uns in der Abendsonne entsprechend schimmernde Lagune westlich des Hafens mag für den Name unserer Unterkunft Pate gestanden haben. Von unserem Balkon aus in dem zweigeschossigen Gebäude, da vermittelt das Gewässer in der Tat einen romantischen Eindruck. Unmittelbar davor stehend jedoch verblasst der Schimmer einstweilen. Strand? Einen schmalen Streifen Sand, ja, den gibt es. Tropisches Flair? Unsere Vorstellungen diesbezüglich waren andere. Zum Baden taugt die Lagune jedenfalls nicht. Wir laufen, laufen und laufen, doch Badesachen wie Knie bleiben trocken. Am anderen Ufer, Richtung Hafen, dümpeln Boote im Wasser. Wir sind die einzigen, die durch die weitläufige Pfütze staksen. Der Boden ist stellenweise morastig und fällt nur minimal ab. Logische Konsequenz? Der Ausflug ist ebenso schnell beendet wie er begann. Sollte sich bestätigen, was wir am Pool aufschnappten?
Der nächste Anlauf führt uns zunächst zurück in die Hände von Victor. Wie könnte es anders sein. Ein fahrbarer Untersatz muss her. Aus dem Reiseprospekt blieb hängen, dass das bevorzugte Verkehrsmittel für den Urlauber auf Formentera das Fahrrad sei. Ich habe damit kein Problem, meine Mitreisenden ebenso wenig, und zum Glück wissen wir ja auch bereits, an wen wir uns zu wenden haben.
Wenig später sind wir mit rustikalen Drahteseln ausgestattet. Wir mieten sie zunächst für eine Woche.
Strand, die Zweite: Vier klapperige Räder holpern über eine staubig steinige Piste. Auf den Gepäckträgern rappeln mit Seilen festgezurrte Holzkisten, darin die Taschen mit unseren Badeutensilien. Noch immer knallt die Sonne. Die Ausdehnung der Insel in groben Zügen vor unseren geistigen Augen kurbeln wir gen Norden. Im Hintergrund zeichnen sich Höhenzüge Ibizas ab. In dieser Richtung müsste das Meer am nächsten sein. Wir strampeln ein kurzes Stück, dann geht es nicht mehr weiter. Zumindest nicht mit dem Rad. Die Straße beziehungsweise der Weg wird zu einem steinigen Trampelpfad, der sich nicht nur windet, sondern ebenso mal rauf wie wieder runter führt, insgesamt jedoch eher ansteigt. Nach einer gefühlten kleinen Ewigkeit dann liegt die Küste vor uns. Wir sind leicht enttäuscht. Es sieht anders aus, als wir es uns vorstellten. Wie wir später lernen sollen, heißt die Ecke Punta de Sa Pedrera. Puntas gibt es auf Formentera einige. Alle sind felsig, alle erheben sich mehr oder minder schroff und alle ragen in das Meer. Die Punta de Sa Pedrera bildet diesbezüglich keine Ausnahme. Wohin wir schauen, unsere Blicke fallen auf eine zerklüftete Mondlandschaft. Ansonsten ist es wie an der Lagune: keine Menschenseele, die sich irgendwo tummelt. Weder in den Klippen, noch im Meer. Überhaupt – um nasse Füße zu bekommen, müssten wir klettern. Oder springen. Paradiesische Strände? Hier mit Sicherheit nicht. Werden auch wir bereuen, uns für diese Insel entschieden zu haben?
Versuch Nummer drei, uns in die Fluten zu stürzen, führt uns zunächst zurück Richtung Hotel, dann an diesem vorbei zur Inselhauptstraße. Der Weg Richtung Hafen ist nicht zu verfehlen, der Rest schnell gefunden. La Savina, der Ort, in dem wir nach der Überfahrt mit der Fähre wieder festen Boden betraten, ist überschaubar. Kommt man über die Straße, liegt links „unsere“ Lagune, die abends goldene. Auf der Karte trägt sie den Namen Estany des Peix. Geradeaus, hinter der Mole, erstreckt sich das Meer beziehungsweise in knapp zwanzig Kilometern Entfernung Ibiza. Bleibt an sich nur noch der Weg nach rechts. Folgt man diesem, landet man nahezu unweigerlich am Strand. Zwar ist auch dieser nicht wer weiß wie breit, auch hier gibt es Flecken, die scharfkantiges Gestein offenbaren, doch immerhin zieht er sich, es gibt sandige Abschnitte und man gelangt so weit in das Wasser, dass man schwimmen oder schnorcheln kann. Wagt man sich noch weiter heraus, kann man nicht mehr stehen.
Schnell sind die Handtücher ausgebreitet und wir genießen, worauf wir uns gefreut haben: in der Sonne zu schmoren und, sobald wir zu verbrennen drohen, in das nicht all zu sehr kühlende Nass zu flüchten. Sanft wogt es hin und her. Was jedoch ebenso klar ist wie das Wasser: wir müssen uns die Insel strukturierter erschließen. Ein Plan muss her. Noch besser: ein Reiseführer. Im Idealfall einer, der unsere Sprache spricht und mit uns im Schlepptau die Orte abklappert, die man als Greenhorn kennen sollte.


1996 – Formentera für immer
Nach weiteren zwei Jahren Formentera Abstinenz bricht für uns 1996 ein neues Zeitalter an. Wir rücken jährlich an. Und zu viert. Mehr oder weniger neun Monate nach der letzten Rückkehr von der Insel erblickt unser zweiter Sohn das Licht der Welt. Tim. Möglicherweise „made in La Mola“.
Als er anderthalb ist wird einstweilen zum letzten Mal experimentiert. Wir wollen noch einmal Neuland für uns entdecken, doch der letzte Urlaub auf Formentera setzte Maßstäbe. Hohe. Wieder sollten es drei Wochen werden, wieder wollten wir fliegen, wieder sollte der Flug nicht deutlich länger dauern als zwei Stunden, wieder sollte es ans Meer gehen, ein Strand nicht all zu weit entfernt sein, die Unterkunft nicht weniger als drei Sterne haben sowie einen Bungalow für uns bereit halten. Am besten so etwas wie die kleine Pityuseninsel, nur woanders, gerne aber in Spanien, wussten wir mittlerweile immerhin, dass „Agua con gas“ sprudelndes Wasser bezeichnet und kein Missverständnis ist, ob nicht irgendwo ein Buchstabe vergessen wurden und die Frage nach dem Trinkgefäß beantwortet. Glas/Gas – wer hört da auf Anhieb schon die Spitzfindigkeiten heraus.
Die Entscheidung 1995 ist bahnbrechend. Unsere Wahl fällt auf die große Schwester im Archipel. Auf die Insel, die wir bis dahin lediglich als Transitstrecke nach Formentera kennen lernten. Wir landen auf Ibiza und bleiben dort. Überlegte Ute erst, ob wir die letzte Woche nicht auf dem lieb gewonnenen Eiland ausklingen lassen sollten, so kam für mich ein Kofferpacken mittendrin nicht in Frage. Das Ergebnis: ein kleines Desaster. Dass es im späten August fast eine Woche lang regnet? Sieht zwanzig Kilometer weiter südlich wahrscheinlich auch nicht anders aus. Dass wir miterleben, wie jemand leblos aus den Fluten gezogen wurde? Kommt bedauerlicherweise auf Formentera auch immer wieder mal vor. Dass man uns am Strand beklaut? Auf Formentera wohl ebenfalls nicht auszuschließen, bis dato jedoch sind uns derartige Geschichten fremd. Dass der Diebstahl ausgerechnet dort stattfindet, wo es uns bis dahin am besten gefällt? Ironie des Schicksals. Wir waren mit dem Auto etwa eine Stunde unterwegs und äußerst überrascht, ausgerechnet am Rande der Dünen am überlaufenen Salinas Strand einen Platz im Schatten einer Pinie zu finden. Merkwürdig dann, als wir zu viert im Wasser waren, das kleine Mädchen allein zwischen den Bäumen. Abwechselnd warf es einen Blick auf unsere Sachen und wieder zurück über die Schulter auf den Parkplatz. Als warte es auf die Eltern, die sehr lange damit beschäftigt sind, Hab und Gut aus dem Kofferraum zu sammeln. Ohne, dass jemand weiteres zu sehen war, schritt sie plötzlich zu dem Flecken, auf dem wir uns nieder gelassen hatten, griff zum Rucksack mit unseren Habseligkeiten und machte sich damit von dannen. Der Moment, in dem ich einen verwirrten Rest der Familie zurück ließ und aus den Fluten stürmte, um diverse Strandtücher herum und dem Kind hinterher. Hinter den Sandhügeln auf dem Weg schließlich fand ich unsere Tasche, erleichtert um das Portemonnaie mit Geld und Papieren. Auto- und Apartmentschlüssel fehlten hingegen zum Glück nicht. Zwar wurde ich der kleinen Diebin sowie ihrer Mutter nebst Kleinkind auf dem Arm habhaft, die Geldbörse blieb jedoch für mich unauffindbar und auch die konsultierte Polizei konnte nichts weiter für mich tun, als eine Anzeige entgegen zu nehmen.
Einschneidender jedoch eine andere Feststellung: auf Formentera lebt es sich entspannter. Es gibt keine weiten Wege, so gut wie jeder Zipfel der Insel ist für uns aus eigener Kraft erreichbar, wir brauchen weder zwingend ein Auto noch sitzen lange darin, wenn wir doch auf eines zurück greifen, und ein schöner Strand ist nahezu direkt vor der Haustür. Logische Konsequenz: wozu lange Prospekte wälzen wenn man weiß, wohin man will. Rümpften wir bis dahin die Nase über diejenigen, die alljährlich Fehmarn, Juist, den Wolfgangsee oder was auch immer zum Ziel der schönsten Wochen des Jahres machten – mit einem Male verstehen wir sie und sind selbst nicht besser.
Begünstigt wird der Entschluss einstweilen durch ein Angebot, das uns entgegen kommt. Im La Mola Hotel können wir Ende Mai/Anfang Juni drei Wochen unterkommen, zahlen aber lediglich den Katalogpreis für vierzehn Tage. Der Zeitraum ist noch nicht so gefragt. Für uns optimal. Wir „sparen“ Geld, ebenso Jahresurlaub, je nachdem wie Himmelfahrt, Fronleichnam oder Pfingsten fallen, und meist meint es das Wetter gut mit uns. In der Regel ist es sonnig und angenehm warm, noch nicht zu heiß, das Meer aber bereits einladend. Hinzu kommt: Ute kann entspannt altern. In dem Zeitfenster, in dem wir unsere Ferien verbringen, liegt ihr Geburtstag. Einerseits schön, andererseits hat die Sache einen Wermutstropfen. Ute nimmt das Ereignis gerne zum Anlass, im Kreise von Freundinnen und Freunden zu feiern. Erfolgt die Einladung - „Ihr seid herzlich willkommen – Ihr müsstet lediglich nach Formentera kommen“ - eher in dem Bewusstsein, dass außer Ehemann und Kindern kein vertrautes Gesicht am Tisch sitzen wird, so ist die Freude groß, als es plötzlich und unerwartet anders kommt.
An ihrem Ehrentag leuchten schon beim Abendessen die Augen. Nachdem der Hauptgang verputzt ist, rückt eine dreiköpfige Delegation des Hauses an. Angeführt vom Maître wird eine kleine Geburtstagstorte serviert. Während eine darauf gesteckte Wunderkerze Funken sprüht, schmettert man ein Ständchen. Cumpleaños feliz, happy birthday to you. Der halbe Saal stimmt ein, zum Abschluss Applaus. Aufgrund der Meldepflicht sind dem Hotel diverse Daten seiner Gäste bekannt. Ute ist gerührt.
Nachdem der Kuchen verspeist ist, der übliche Gang zur Kinderdisco. Während die Kinder zu „Veo veo, que ves“ und Konsorten herum hüpfen und Ute und ich zur Feier des Tages vor einem Glas Sekt sitzen, öffnet sich die Tür. Herein schreiten keine Unbekannten. Rüdiger und Birgit mit Daniel und Marvin im Schlepptau. Der Nachwuchs ist in etwa eine Altersklasse. Unsere Kinder trennen keine vier Jahre. Die Überraschung ist perfekt, der Abend wird lang – trotz der Strapazen, die unsere Freunde für den Spaß auf sich nahmen und von denen wir nach und nach erfahren. So kommen sie mehr oder minder direkt von der Fähre, warfen schnell ihre Koffer in das nur unweit entfernt gelegene Ferienhaus, machten sich kurz frisch und rollten die Serpentinen wieder hinab in dem kleinen, roten Italiener, der am Hafen für sie mit Schlüsseln unter der Sonnenblende abgestellt bereit stand – ein Fiat Bambino. Er zählt quasi zum Inventar des Ferienhauses, ist von diesem kaum weg zu denken und soll uns auch in den folgenden Tagen noch eine Anekdote bescheren.


1999 – Urlaube im Ferienhaus
Im Jahr drauf rücken wir dem touristischen Zentrum der Insel näher. Wir buchen uns ein Ferienhaus am Rande von Es Pujols. Das Haus ist selbst klasse, wir schätzen das ungezwungenere Leben, nur die Lage ist während der Hochsaison mehr als grenzwertig. Die Straße nach San Fernando verläuft nahezu nebenan. Besonders blöde: sie macht in diesem Bereich einen Knick. Ruhig ist es lediglich irgendwann im Morgengrauen zwischen vier und sechs. In den restlichen Stunden des Tages rauscht fast ständig der Verkehr. Richtig unangenehm: manch ein in den Nachbarort Fahrender gibt bei der Ausfahrt aus der Kurve kräftig Gas, manch anderer schneidet sie und warnt den entgegen kommenden Verkehr mit der Hupe. Der Krach nervt.
Ein Jahr später sind wir ein Stück schlauer. Wir achten ein wenig besser darauf, wo wir landen. Wieder verschlägt es uns nach Es Pujols, wieder an den Ortsrand, diesmal jedoch ruhiger gelegen. Das Haus steht am Fuße der Punta Prima, einer höher herauf ragenden Landzunge im Osten des Ortes, liegt an einem staubigen Stichweg auf den sich nur verirrt, wer dort wohnt, und wir schauen von der Terrasse aus auf die Bucht beziehungsweise über das Meer auf den östlichen Teil Ibizas. Ganz einfach ist es lediglich nicht mit der Anreise.
...
Mehr Glück beschert ist uns mit unseren Nachbarn. Ein Lehrerehepaar mit Tochter. Wir verstehen uns auf Anhieb. Wiederholt verbringen wir mit ihnen Abende auf der Terrasse. Die Kinder tollen um das Haus herum, die Erzeuger sitzen in Korbsesseln und quatschen. Was unser Jüngster nicht verstehen kann: Zumutungen wie ihm bleiben dem Mädel von nebenan erspart. Sie hat eine Mutter und einen Vater, die ihr Kind lieben. Geht es irgendwo hin, wird gefahren, ohne dass gestrampelt werden muss. Die Eltern haben ein Auto. Wie wir es von Rüdiger und Birgit mit ihrer Casa Colonia kennen lernten, ist es klein und gehört zum Haus. Anders als bei unseren Freunden ist es jedoch weiß und weder Haus noch Kleinwagen sind gemietet. Beides zählt zum Besitz der Familie. Bewunderten wir schon auf der Fähre oder am Flughafen diejenigen die uns erzählten, sie hätten etwas Eigenes auf Formentera, so lässt uns fortan der Gedanke nicht mehr los wie es wäre, nur noch nach Flügen Ausschau halten zu müssen, Sachen zurück lassen zu können, mit kleinerem Gepäck zu reisen oder länger bleiben zu können, ohne dass es ein kleines Vermögen kostet.
Entsprechend angefixt halten wir fortan Augen und Ohren offen, studieren Aushänge von Immobilienmaklern und sprechen alle möglichen und unmöglichen Leute an, ob sie nicht etwas hätten oder jemanden kennen würden, der gerade zufällig ein Quartier zu Geld machen will. Unsere Vorstellung: eine Finca, eine Casa oder ein Apartment ganzjährig zur Miete. Was wir zu hören bekommen ist leider niederschmetternd: vergesst es. Macht keiner. Und wenn, dann ist es unbezahlbar. Falls überhaupt, dann kaufen.
Weitere Urlaube vergehen und es bleibt nicht bei einem Besuch im Jahr. Mal rücken wir zu Ostern an, mal im Herbst, mal wie gehabt als Familie, andere Male alleine. Legt Ute vor zusammen mit Birgit, so folge ich ohne Begleitung. Was wir erleben, fasziniert uns immer mehr. Im Gegensatz zur verbrannten Erde im Sommer lernen wir eine blühende und sprießende Insel in der Vorsaison kennen sowie eine Wolken verhangene und Sturm gepeitschte in der Nachsaison. Wo während der Hauptsaison Massen Strände und Orte bevölkern, treffen wir zu anderen Zeiten keine Menschenseele.
Was unsere Ambitionen betrifft, auf Formentera eine feste Anlaufstelle zu finden, so eröffnen sich nach und nach Möglichkeiten. Im Internet entdecke ich, dass sich jemand von seinem Anwesen in der Nähe der Cala Saona trennen will. Schon die Beschreibung klingt abenteuerlich: eingeschossiges Ferienhaus aus den Tagen, in denen erste Touristen das Eiland entdeckten, drei Schlafzimmer, Küche, Bad und Wohnbereich, eine Flurseite offen. Wasser sei aus einem Brunnen zu zapfen, ein Anschluss an das Stromnetz existiere nicht, das Grundstück erstrecke sich über zweitausend Quadratmeter. Als wir vor dem Objekt stehen sehen wir: es schreit nach einer Kernsanierung. An Decken und Wänden bröckelt der Putz, im Mauerwerk sind Risse, auf dem Boden liegen lose Fliesen. Hinzu kommt: ein viertausend Quadratmeter großes, bewaldetes Nachbargrundstück ist mit zu erwerben und eine Erbengemeinschaft hinsichtlich der Konditionen zerstritten.
Bei nächster Gelegenheit erweist es sich als günstig, den Kontakt zu den Eigentümern des ersten gemieteten Ferienhauses hergestellt zu haben. Das Ehepaar, beide Formenterenser, das zweimal die Woche zum Putzen erschien. Neben dem von uns bezogenen Haus sowie dem nebenan stehenden besitzen sie weitere auf der Insel, kümmern tun sie sich um noch einige mehr. Eines Tages steht Bartolo vor uns. Das Feriendomizil eines Deutschen stehe zum Verkauf. Er könne es uns zeigen. Wir zögern keine Sekunde. Bartolo verfrachtet uns in seinen Wagen, fährt auf die Inselhauptstraße und biegt bei Kilometer 8 ab auf eine staubige Piste Richtung Cala En Baster. Fast die Strecke, die wir sonst zum Strand mit den Rädern nehmen, nur dass wir auf der anderen Straßenseite bleiben, dort, wo der Küstenstreifen sandig ist. In der eingeschlagenen Richtung ist er felsig. Auf halber Strecke zum Meer hin halten wir vor einem kleinen Gebäudekomplex. Drei Häuser, Wand an Wand, vor den Eingangstüren jeweils eine gute Wagenlänge lang Kies, hinter dem Haus ein kleiner Innenhof mit Terrasse und Steingarten, eingefasst von einer Mauer. Das Haus, das frei wird, ist das mittlere. Es ist keine zwanzig Jahre alt, hat Strom und fließend Wasser und fällt auch nicht auseinander. Hütte und Lage reißen uns nicht zu Stürmen der Begeisterung hin, doch je nach Preis ist es uns eine Überlegung wert.
Zurück in Deutschland wenden wir uns an den Eigentümer. Ein Rheinländer vor den Toren Kölns. Was er haben will, deckt sich nicht mit unseren Vorstellungen. Lange hinterher trauern wir nicht.
Im nächsten Urlaub die nächste Offerte. Wieder ist es Bartolo, der etwas für uns in Aussicht hat. Wieder holt er uns mit dem Auto ab, wieder sind wir ein paar Minuten unterwegs, wieder wollen sich Deutsche von ihrem Ferienhaus trennen. Diesmal fahren wir zur Inselhauptstadt, nach San Francisco, und biegen dort ab gen westliches Ende des Migjorn Strandes, Richtung Es Mal Pas. Die Gegend ist für uns ein weißer Fleck auf der Landkarte. Nach zwei Kilometern entlang von Natursteinmauern und Feldern setzt Bartolo erneut den Blinker, wir rumpeln noch ein paar hundert Meter über einen staubigen Camino auf eine kleine Ferienanlage zu, biegen abermals ab, der Weg wird nochmals schmaler, und bleiben schließlich neben einer Palme vor einer Garage stehen.
„Wir sind da. Aussteigen, Hombres.“
Was wir zu sehen bekommen verschlägt uns fast die Sprache: Ein kleines, freistehendes Haus mit Dachterrasse, einer zum Teil überdachten Veranda sowie der Garage, in dessen Zufahrt wir parken. Vor der Eingangstür macht sich zur Rechten eine Pinie breit, zur Linken eine Mimose. Ein Weg um das Haus herum führt uns zu Terrasse und Garten. Wir sind platt – im Gegensatz zum Grundstück. Dieses fällt leicht nach hinten hin ab. Würde man Bäume, Büsche und Gestrüpp roden und es einebnen, es ließe sich bequem ein Tennisfeld darauf einrichten – einschließlich Platz für eine Reihe Zuschauer. Über ein angrenzendes und wieder leicht ansteigendes Feld blicken wir auf das Meer. Wir müssen uns zwicken. Erleben wir das gerade wirklich?
Bartolos Stimme zeigt uns, dass unser Unterbewusstsein uns keine Streiche spielt.
„Wie sieht es aus? Wollt Ihr das Haus auch von innen sehen? Ich habe den Schlüssel dabei.“
Auch wenn wir bei dem Blick in die Weite augenblicklich versteinern könnten, natürlich wollen wir und was wir sehen, begeistert uns nicht minder: zwei kleine Schlafzimmer, ein noch kleineres Bad, ein Wohnraum, in dem wir uns direkt nach dem Eintreten befinden, eine Kochnische, Wandschränke – einfach, zweckmäßig, gut. Auch die Inneneinrichtung trifft unseren Geschmack. Ein Tresen, der die Küchenzeile abtrennt, ist wie die Wand dahinter als auch das Bad mit spanisch/maurischen Kacheln gefliest, im Wohnraum stehen Korbmöbel, an den Wänden hängen Bilder. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl und könnten direkt einziehen. Ein wenig seltsam mutet lediglich an, was außen neben der Haustür steht. Normalerweise prangen dort Buchstaben. Typischerweise die von Frauennamen. Hier stehen zwei Ziffern. Eine Eins und eine Acht. An den Häusern nebenan sieht es kaum anders aus. Zur einen Seite hin gibt es eine 17 sowie eine 16, zur anderen eine 19, 20 und eine 21.
Als Bartolo mit uns auch noch an den Strand fährt, sind wir vollends von den Socken. Gen Süden erhebt sich langsam die felsige Steilküste, die bis zum Cap de Barbaria auf fast hundert Meter anwächst, gen Osten erstrecken sich bis zu dem Hotel hin, in dem wir lange Jahre residierten, sieben Kilometer mehr oder minder Sandstrand. Von einer kleinen Anhöhe aus blicken wir auf die weitläufige Bucht.
Die Vorstellung, hier ansässig werden zu können, lässt uns nicht mehr los. Rasch glühen die Drähte. Bartolo gibt uns die Telefonnummer, wir kontaktieren die Eigentümer, sprechen mit der Bank und machen uns schlau: Hauskauf in Spanien – was gilt es zu beachten?


Casa 18
Monopoly für Anfänger
Mit spanischen Ausländeridentifikationsnummern, einem bankbestätigten Scheck sowie zwei Fahrrädern als Sportgepäck reisen Ute und ich reichlich aufgeregt im März 2003 erneut an. Der Flieger ist so gut wie leer. Wer von den anderen Fluggästen ebenfalls nach Formentera übersetzt, ob diejenigen Jesus-Sandalen tragen, Latzhosen oder lässige, abgetragene Kleidung oder exzentrischer auftretend sich gleich als auf Ibiza Verbleibende abstempeln lassen ist uns gleichgültig. Wir haben diesmal anderes im Sinn als das unter Inselverrückten geschätzte Ratespiel. Wir haben einen Termin. Vor einem Notar. Und ein wenig Stress: wird alles reibungslos über die Bühne laufen oder platzt im letzten Augenblick unser Traum wie eine Seifenblase? Scheitert an irgendeiner Formalie, einer Verhinderung, einem Bewusstseinswandel oder welchem blöden Zufall auch immer?
Verbringen wir bereits die Nacht zuvor in dem noch nicht ganz uns gehörenden Haus, residieren dessen bis dahin noch amtlich beurkundete Eigentümer in einem Hotel in der Altstadt Ibizas. Am nächsten Morgen im Büro des Juristen in San Francisco dann ein Durchatmen. Alle Beteiligten sind anwesend. Ebenso Bartolo. Er hilft aus als Dolmetscher. Schließlich der spannende Akt. Der Notar verliest in langsamen, emotionslosen, klaren Worten den Kaufvertrag. Das Prozedere ist uns nicht ganz unbekannt. Wir kauften bereits unser Haus in Köln und waren anwesend, als Utes Elternhaus den Besitzer wechselte. Diesmal jedoch verstehen wir so gut wie kein Wort. Wir vergleichen lediglich, ob das Gehörte zu dem passt, was uns ein Anwalt zuvor übersetzt zukommen ließ. Die abschließende Frage, ob wir alles verstanden hätten, bevor wir das mehrseitige Dokument unterzeichnen, bejahen wir trotzdem. Anschließend geht alles ganz schnell. Selbst der Kugelschreiber lässt uns nicht im Stich. Unseren Verkäufern fällt die Trennung nicht leicht, den Frauen stehen Tränen in den Augen. Die Zeit hinterließ Spuren. Emotionen, Erinnerungen und was nicht alles hängen an dem, was mit einem Federstrich aufgegeben wird. Herrscht auf der einen Seite Beerdigungsstimmung, fällt uns ein Stein vom Herzen. Nach einer gemeinsamen Tasse Kaffee in einer der umliegenden Bars löst sich unsere kleine Trauergesellschaft auf. Für unsere Verkäufer geht es zurück zur Nachbarinsel, wir stromern mit Bartolo noch ein wenig durch den Ort. Ein Konto will eröffnet, der Stromlieferant informiert sowie der gerade übergegangene Besitz bei einer entsprechenden Agentur versichert werden. Bei einem weiteren Cafe-con-leche, einem Milchkaffee, diesmal auf der Terrasse eines Cafés auf dem Platz zwischen Kirche und Rathaus, fällt uns auf, wie ausgestorben die Inselhauptstadt ist. Die wenigen, die auf den Beinen sind, laufen wie wir in dicken Jacken herum. Sonniger Süden? Zeitweise schon, ja, doch auch hier macht sich die Jahreszeit bemerkbar.
Nachdem unsere gute spanische Seele auch damit betraut ist, was wir am Haus alles renoviert haben wollen – ein neuer Anstrich ist fällig und auf dem Dach sowie an der Treppe hoch gibt es ein paar auszubessernde Kleinigkeiten – genießen wir noch ein paar Tage das Leben auf der Insel. Hat das Wetter einen Durchhänger, richten wir es uns in unseren vier Wänden mehr und mehr nach unseren Vorstellungen ein: hier kommt ein Bild weg, dort wird eines umgehängt, anderswo ein neues an die Wand. Ebenso arbeiten wir uns durch Schränke, Schubladen und Garage. Was wollen wir übernehmen, womit können wir nichts anfangen. Zum Glück ist Zahl derer, die sonst noch die Mülltonnen füllen, gering. Strahlt hingegen die Sonne, nehmen wir Reißaus, erfreuen uns menschenleerer Strände, spazieren dort ausgiebig umher und fangen uns während einer kurzen Siesta an windgeschützter Stelle einen leichten Sonnenbrand ein. Spanisch für Anfänger.
An den Abenden sehen wir zu, geöffnete Restaurants zu finden. Nicht ganz einfach. Die meisten haben geschlossen, doch einige wenige empfangen Gäste. Der Vorteil dort: es ist geheizt. Bei Temperaturen um die zehn Grad während der dunklen Stunden des Tages nicht ganz unwesentlich. Zwar haben auch wir im Haus zwei Heizkörper, doch sonderlich effektiv kommen sie uns nicht vor. Ebenso hält der offene Kamin in der einen Ecke des Wohnraumes nicht, was er verspricht. So schön es ist, in die lodernden Flammen zu schauen, so wenig lässt er das Thermometer im Haus klettern. Ein wenig Strahlungshitze um die Feuerstelle herum, ja, das haut hin, darüber hinaus entweicht die Wärme viel zu schnell. Gute zwei Meter senkrecht über der Glut vermischen sich erwärmte Luft und frische. Hinzu kommt, dass das Brennholz knapp ist. Katastrophal die Idee, den Klotz zu verheizen, den wir im Herbst am Strand fanden. Wahrscheinlich war er angeschwemmt. In die Flammen gestellt qualmt er mehr, als dass er brennt. Als wir uns am nächsten Morgen überwinden, das kuschelig warme Bett zu verlassen und die Schlafzimmertür öffnen, kippen wir fast um. Ein übler Gestank schlägt uns entgegen. Kalter Rauch mit einer ganz besonderen Duftnote – der Mief von Anderswo. Was das Holz aufgesogen haben mag? Wir malen es uns besser nicht aus. Statt dessen reißen wir alle Türen und Fenster auf. Aus den Wänden bekommen wir den Geruch trotzdem nicht. Tags drauf rufen wir Bartolo an. Bitte auch noch das Haus von innen streichen, wenn wir wieder weg sind. Wenig später sind wir wieder weg.


Pleiten, Pech und Pannen
Mehr als einmal reisen wir zum Ende der dunklen Jahreszeit an. Mehr als einmal stellen wir dabei fest: die kurzen Tage hinterlassen Spuren. Zunehmend wird der erste Blick in den Garten ein sorgenvoller. Gibt es wieder Bäume und Äste, die einem Sturm nicht standhielten? Das eine Mal lehnt ein Stamm an der Wand des Hauses zur Linken. Ein Nachbar warnte uns bereits vor. Entsprechend im Gepäck: Astschere, Kettensäge und Häcksler. Drei volle Tage bin ich damit beschäftigt, mit den Gerätschaften zu hantieren. Am Ende sind Teile des Bodens im Garten mit geschredderten Zweigen übersät und Brennholz beginnt sich zu stapeln. Insbesondere Mimosen (korrekterweise Silber-Akazien, landläufig aber falsch bezeichnet) lassen uns verzweifeln. Es ist ein Kampf wie der gegen Windmühlen. Ebenso schnell wie die gelb blühenden Äste sprießen, gehen sie zu Bruch. Subtiler hingegen sind andere Probleme.
Eines Frühjahrs erwischen wir wieder mal einen Hinflug zu nachmittäglicher Stunde. Was einerseits schön ist, wir können ausschlafen und müssen nicht mit verklebten Augen die heimische Tür hinter uns zu ziehen, hat zur Folge, dass es dämmert und ungemütlich frisch wird, als wir den Schlüssel am Ziel der Reise im Schloss umdrehen. Entsprechend brennt wenig später das Licht und die Heizkörper verwandeln Strom in Wärme. Ebenso dauert es nicht lange, da köcheln auf dem Zwei-Platten-Elektroherd die Nudeln und es spritzt Fett in der Pfanne. Als dann sich auch noch einer anschickt, mit dem Staubsauger die ärgsten Spuren unserer Abwesenheit zu beseitigen, geschieht, was geschehen muss. Kurzzeitig wird es laut, schlagartig danach ist es sehr leise, dunkel und Heizdrähte erlöschen. Der Fall ist klar: eine Sicherung löste aus. Überlastung. Der Griff zur Taschenlampe offenbart eine Überraschung. Im Sicherungskasten stehen alle Automaten in der Position, in die wir sie erst kurz zuvor versetzten. Gesichter werden lang. Da das Essen so gut wie fertig ist, entzünden wir Kerzen und füllen die Teller. Fertig mit der Mahlzeit erledigen wir mit lauwarmem Wasser den Abwasch, dann hüllen wir uns in Decken, lesen, irgendwann später siedeln wir um in die Betten. In der Nacht plagen mich Albträume. Ich sehe mich um Erklärungen bemüht stotternd vor einem Vertreter des Energieversorgers.
Am nächsten Morgen, wieder halbwegs bei Sinnen, der rettende Gedanke: Bartolo. Unser Mann für alle Fälle wird es richten. Das Handy funktioniert schließlich noch. Bevor ich unseren Helfer in der Not kontaktiere nochmals ein Blick vor die Tür. Dort steht ein monströser, gemauerter Kasten. Darin: ein Stromzähler. Unser Stromzähler. Verborgen hinter einer vor sich hin rostenden Tür mit einem Schloss. Obwohl nicht im Besitz des passenden Schlüssels versuche ich, die Tür zu öffnen. Quietschend gibt sie meinen Bestrebungen nach. Was ich zu sehen bekomme, lässt mein Herz vor Freude hüpfen. Neben dem Zähler befindet sich ein weiterer Sicherungsautomat. Ein ausgelöster. Was folgt ist kein Hexenwerk: ich brauche nur den Schalter um zu legen und plötzlich leuchten Lampen wieder, mit dem Wasserkocher lässt sich Wasser kochen und es dauert auch nicht lange, da röhrt erneut der Staubsauger.
Nur eine Frage der Zeit ist es, bis wir mit unseren Freunden zusammen anreisen. Rüdiger und Birgit gelingt es den Bungalow zu ergattern, der an unseren Garten ragt. Neben Kind und Kegel diesmal bei ihnen dabei: Lucky. Lucky hat vier Beine, ein weißes Fell mit schwarzen Tupfern und kann bellen. Ein Hund. Ein ausgewachsener. Einer der Vorfahren war Dalmatiner. Demzufolge kein Schoßhündchen.
Wie bereits zuvor sind Urlaube mit unseren Trauzeugen immer etwas Besonderes. Schon die Anreise ist nicht ganz frei von Komplikationen. Nachdem der Flieger auf Ibiza gelandet ist, geht es an das Kofferband. So weit nichts Ungewöhnliches. Es zu finden bereitet uns keine Schwierigkeiten. Überall steht auf Bildschirmen zu lesen, von welchem Band das Gepäck zu ziehen ist. Neu für uns ist, als Letzte dort zu stehen, mitzubekommen, wie das Band mit einem Male stehen bleibt, obwohl noch ein aufgegebenes Gepäckstück fehlt. Die Hundebox mit Lucky ist es glücklicherweise nicht. Statt dessen vermissen wir eine Tasche. In ihr, unter anderem: meine Badehose sowie die unserer Jungs, eine Mütze, die mein lichtes Haupt vor einem Sonnenbrand schützen sollte, sowie ein Kulturbeutel, der benötigte Medikamente enthält.
Am Fundbüro Schalter weiß man noch nichts, registriert aber den Verlust. Tags drauf erhalte ich einen Anruf. Die Tasche sei aufgetaucht. Ich könne sie entweder noch am Abend am Hafen in Empfang nehmen oder sie werde mir am nächsten Tag ans Haus geliefert. In Anbetracht der Arzneimittel entscheide ich mich für letzteres.
Richtig unangenehm wird es bei der Abreise. Hinter uns liegt einmal mehr eine schöne Zeit – tagsüber an den Stränden, die Abende an beziehungsweise in den Häusern. Mal im einen, mal im anderen, gelegentlich aufgeteilt nach Generationen – die Hütten liegen schließlich keine fünfzig Meter weit auseinander. Alle hatten ihren Spaß. Selbst Lucky. Was wir bei ihm feststellen durften: seine Flecken im Fell sind Meerwasser fest. Verbrachte er die Hinreise widerwillig in einer Hundebox im klimatisierten Frachtraum, so sieht es auf dem Rückweg anders aus. Der Preis den man zahlt, bucht man eine Reise über das Internet, vergleicht die Konditionen der verschiedenen Anbieter und entscheidet sich dann in Abhängigkeit der Flugrichtung für unterschiedliche Gesellschaften. Dass die für den Weg nach Hause keine Hunde mit an Bord nimmt, die nicht auf Herrchens Schoß Platz finden? Für unsere Freunde kein Hindernis, auch wenn ihr Dalmatinermischling das Kriterium nicht erfüllt. Rüdiger erkor einen der beiden Zöglinge zu einem Behinderten, Lucky musste zu therapeutischen Zwecken mit und schon attestierte der Fluganbieter, dass damit die Ausgangssituation eine andere sei.
Entsprechend zeitig von Formentera aufgebrochen sind wir die ersten in der Schlange vor dem Schalter. Kurz vor dem Öffnen kommt eine Dame vom Bodenpersonal auf uns zu. Rüdiger ist gerade zur Toilette. „Soll das Tier mit?“
Meine Antwort ist vielleicht der Situation nicht angemessen. „Ja. Die Bestie gehört zu uns und soll mit zurück.“
Ein Dialog entwickelt sich.
„Das geht nicht.“
„Warum?“
„Die Maschine hat keinen klimatisierten Frachtraum und auf den Schoß können Sie den Hund nicht nehmen.“
Wir legen den Sachverhalt dar. Während wir debattieren kommt Rüdiger zurück und präsentiert der Frau in Bluse und Rock der Fluggesellschaft das Flugticket. Hinter dem Namen des einen Sohnes steht ein „B“.
„Ist Ihr Sohn blind und das Tier ein ausgebildeter Blindenhund?“
Beides müssen wir verneinen.
„Wo ist aber denn der Unterschied? Wir haben hier unseren gehandicapten Sohn, wir haben Ihre Bestätigung und wir haben eine Hundebox.“
Trotz allen Insistierens bleibt die Dame hartnäckig.
„Tut mir leid – wir können Sie nicht mitnehmen. Im Frachtraum geht es nicht und in der Kabine ist kein Platz.“
Auch wenn wir nicht erfahren, wie einem ausgebildeten Blindenhund der Flug ermöglicht wird, Rüdiger muss tatsächlich mit Lucky zurück bleiben. Unterlagen sowie ein paar Habseligkeiten unserer Freunde werden aufgeteilt, anschließend fliegen sieben von uns zurück, zwei Augenpaare schauen hinterher. Tags drauf landen auch Hund und Herrchen in Deutschland. Mit einem Flieger der Fluggesellschaft, die sie auf dem Hinweg beförderte. Die Nacht sei unruhig gewesen. Betrunkene Engländer, lärmende Kehrmaschinen, besorgtes Sicherheitspersonal – großartig an Schlaf auf einer der Sitzreihen sei nicht zu denken gewesen. Einige Wochen später trudeln zwei Schecks ein. Der eine bei uns, der andere bei unseren Freunden. Aussteller: die beiden Fluggesellschaften, bei denen wir unsere Flüge buchten. Erhalten Rüdiger und Birgit den Aufpreis zwischen dem gebuchten Rückflug und dem durchgeführten zurück erstattet, entschädigt man uns für das auf der Strecke gebliebene Gepäckstück beziehungsweise die in dem Zusammenhang entstandenen Ausgaben. Glück gehabt. Diesmal. Andere Male kommen wir nicht so glimpflich davon.


Formentera online
Bis zum nächsten Inselbesuch vergeht ein Dreivierteljahr. Ein Drei-Viertel-Jahr! Neun Monate! Unglaublich. Eine Zeit, in der andere Nachwuchs zur Welt bringen. Wann es das zuletzt gab? Muss ein vorheriges Leben gewesen sein. Wie ich die vierzig Wochen überstehe? Es ist mir selbst ein Rätsel. Ein wenig helfe ich mir hinweg mit virtuellen Ausflüchten in das gelobte Land. Fonda.de ist zu der Zeit noch ein solcher Ort. Das Internet Forum ist vom Namen her angelehnt an eine der Kultstätten der Insel. Fonda Pepe. Eine Kneipe mit angegliedertem Hotel in San Fernado. Berühmt berüchtigt ist der Laden unter anderem für seine Philosophenmauer. Sie grenzt einen schmalen Durchgang an der Längsseite des Lokals ab und dient als Sitzgelegenheit. Ihr Ruf ist ebenso legendär wie die Aussicht von ihr. Starrt man nicht gerade auf die Gebäudewand oder in das Gesicht seines Gegenübers, liegt vor einem lange Zeit eine Scherben gesäte und von Kakteen überwucherte Brachfläche, auf der Steine wachsen. Eines Jahres schießen sie in die Höhe. Trotz vager Besitzverhältnisse zieht plötzlich jemand einen Gebäudekomplex hoch. Das laute Sinnieren bekommt einen Knacks. Der freie Blick in die Nachbarschaft sowie in den Sternenhimmel: Vergangenheit. Vorbei die Zeit, in der Vermögend mit Arm, Einheimischer mit Badegast und Männlein mit Weiblein sich auslassen über das Leben, die Liebe und den Frust. Jahre später, nach einigem Prozessieren, wird der Neubau wieder dem Erdboden gleichgemacht. Dem breiten Mäuerchen hilft es nicht. Richtig erholen tut es sich nicht. Nicht großartig anders ergeht es der Selbsthilfegruppe im Netz. An sich ist alles über die Insel zum x-ten Mal durchgekaut. Man trauert den guten alten Zeiten hinter, als noch keine Italiener die Insel überrannten, man noch ohne All-Inclusive Bändchen am Handgelenk beim Sundowner am Meer zusammen stand und der Schicki-Micki sich mit dem Nachbareiland zufrieden gab. Außerdem scheint das Ende des Zeitalters ganzer Sätze besiegelt zu sein. Katzenvideos, Drei-Worte-Kommentare und „gefällt mir“ - das ist einstweilen das, was zieht. Dennoch – noch sind die Dinosaurier nicht ganz ausgestorben und auch mir helfen die Erlebnisse und Berichte Anderer hinweg über Phasen der Inselabstinenz. Zumindest ein wenig.
Ein weiterer Trost: für die Zukunft sind Vereinbarungen getroffen die helfen sollten, eine derartige Durststrecke nicht so schnell erneut entstehen zu lassen. Gegen Ende der Probezeit heuchelte ich gegenüber dem neuen Arbeitgeber, dass ja an sich alles so weit schön und gut sei. Nur eine Kleinigkeit missfiele mir: die vierzig Stunden Arbeitszeit die Woche. Ob wir uns nicht auf eine Reduzierung einigen könnten. Vorsichtshalber schlug ich direkt dreißig Stunden vor. Hätte ich ein wenig Verhandlungsmasse, stieße mein Vorschlag nicht kategorisch auf taube Ohren. Überraschenderweise jedoch war mein Vorstoß kein Thema. Klar, ließe sich machen. Man würde mir eine Probeabrechnung erstellen. Dann könne ich ja sehen, ob mir das Mehr an freier Zeit den Preis wert wäre. Ein Abschreckungsmanöver? Keine Ahnung. Was die Zahlen anbelangte, so bekam ich den Dreisatz noch im Kopf hin. Gehalt geteilt durch vier, mal drei – kein Hexenwerk. Muss ja nicht auf Heller und Pfennig exakt sein. Als ich jedenfalls eines Julitages zusammen mit Ute anreise, ist der Deal perfekt. Ich kann wieder Überstunden anhäufen und weiß, wo ich sie lasse. Zudem liebäugele ich mit einer weiteren Sache. Hochoffiziell und amtlich habe ich laut Angestelltenvertrag einen Heimarbeitsplatz. Zuhause fühle ich mich auch im sonnigen Süden. Vielleicht sogar noch ein wenig mehr als in Köln. Sollte dies die Brücke schlagen, einem Sehnsuchtsziel näher zu kommen? Leben und arbeiten auf Formentera?
Was zum Weg ins Glück fehlt ist ein Draht in die Welt. Um meinen Verpflichtungen nachkommen zu können, bin ich neben Strom angewiesen auf einen Zugang zum Internet. Klingt trivial? Irgendwie schon, hat aber im hintersten Winkel der Balearen seine Tücken. In unser Haus mündet keine entsprechende Strippe.
Eine Lösung, mit der man auf der Insel wirbt, ist eine luftige Angelegenheit. Ein Anbieter unterhält ein Funknetz. WiFi Formentera. Hört sich pfiffig an. Die in Aussicht gestellte Datenrate sollte die Anforderungen professioneller Bedürfnisse erfüllen. Dummerweise jedoch liegt unser Ferienhaus in einem Funkloch. Um mit dem Handy zu telefonieren, müssen wir bereits an eine bestimmte Stelle vor die Haustür. Ein entsandtes Messteam stellt fest: auch das Insel eigene WLAN Signal findet seinen Weg nicht auf unser Dach. Einzig mögliche Abhilfe: wir stellen uns eine sechs Meter hohe Antenne in den Garten. Eine Option, die für uns keine ist. Uns reicht bereits der mittlerweile gepflasterte Weg vor dem Haus. Da verschandeln wir mit Sicherheit unser geliebtes Eiland nicht weiter.
Die neu angelegte Zufahrt vorbei an unserem Grundstück offenbart jedoch eine andere Alternative.
Im Zuge der Erdarbeiten verlegte man am Rande der Piste Leerrohre. Leerrohre dazu gedacht, durch diese Leitungen zu ziehen. Entsprechend wenden wir uns an den Festnetzanbieter. Ein Büro befindet sich direkt in San Francisco. Der erste Kontakt ist vielversprechend.
„Klar, wir schicken jemanden raus. Der schaut sich die Sache an. Sollte aber kein Problem sein, einen Anschluss zu schalten.“
Als der Jemand bei uns vor der Tür steht, entpuppt sich die Angelegenheit als nicht mehr gar so einfach.
„Sie haben ja gar keine Leitung ins Haus. Nee – schaffen Sie erst einmal einen Weg, dass wir die ziehen können, dann schauen wir weiter.“
Noch sind wir voller Zuversicht. Wo die Strippe her soll ist keine Frage. Das eine Ende ist gegeben: der Zugang zu den Leerrohren, die durch die Urbanisation führen. Das andere ist schnell gefunden. Um das Haus herum führt ein Weg. Vor der Küche hat er einen Absatz. Das Grundstück hat leichtes Gefälle. Von dort aus zu den Leerrohren sind es durch den Vorgarten, vorbei an der Pinie, keine fünf Meter.
Beim nächsten Urlaub haben wir schweres Gerät im Gepäck. Einen Pneumatik-Schlagbohrhammer, einen einspannbaren Meißel sowie einen Bohrer, der länger ist als die Hauswand dick. An einem sonnigen späten Vormittag mache ich mich an die Arbeit. Ich starte in der Küche. Das Loch in die Außenwelt ist schnell gebohrt. Hört sich zwar an, als stürze jeden Augenblick die Decke ein, doch was soll's. Nichts im Vergleich zu den Lärmbelästigungen, denen wir bisweilen ausgesetzt sind, wenn außerhalb der Saison am Hotel gegenüber herum gewerkelt wird.
Anschließend ist der Absatz an der Reihe. Wie ich feststelle, ein Betonsturz. Grundsolide. Mit dem Meißel komme ich nicht weit. Kratzt ein wenig an der Oberfläche, doch schafft nichts weg. Meine nächste Überlegung: Bohren. Entlang des beabsichtigten Leitungswegs perforieren und dann versuchen, einen Schlitz zu stemmen. Wie vieler Löcher es dazu bedarf, auf einem knappen Meter, mit einem sechs Millimeter Bohrer? Einige. Zahlreiche. Für das Hotel gegenüber zu viele. Es dauert nicht lange, das steht ein Bediensteter vor mir.
„Wie lange geht das denn noch so weiter, mit dem Krach?“
Ich zucke die Schultern.
„Bis ich fertig bin.“
Dass meine Antwort nicht hilfreich ist weiß ich selbst, doch eine verlässliche Aussage traue ich mir nicht zu. Ich würde auch lieber am Meer liegen, mit dem Rauschen der Wellen in den Ohren, doch was tut man nicht alles für seine Träume? Meine Rechte deutet über die Längsseite des Betonsturzes. Viele Löcher sind noch nicht zu sehen.
Wenig später rückt der Chef an.
„Das geht so nicht. Hast Du kein geeignetes Werkzeug?“
„Kann man so nicht sagen. Zum Einen halte ich das Werkzeug nicht für ungeeignet, zum Anderen habe ich nichts anderes.“
Die Antwort scheint perfekt. Ich darf mich zurück lehnen. Er werde die Sache übernehmen und seine Leute das machen lassen. Den Lärm könne er seinen Gästen nicht zumuten.
Als ich Abends vom Strand zurück komme, kann ich das Installationsrohr einziehen und den sauber ausgefrästen Schlitz wieder zu kitten. So weit, so gut. Die Fortsetzung macht zwar weniger Krach, ist jedoch nicht einfacher.
Zunächst geht es darum, ein Antragsformular auszufüllen. Name, Adresse und Steuernummer einzusetzen fällt nicht schwer. Anders sieht es aus mit einem anderen Pflichteingabefeld. Man verlangt eine Telefonnummer für Terminabsprachen. Klingt paradox, bei der Beantragung eines Telefonanschlusses, ist aber so. Wie wohl der erste Spanier jemals in den Genuss eines solchen gelangte? Eine Henne/Ei Frage. Die Rufnummer der spanischen SIM Karte anzugeben ist zwecklos. Irgend etwas an dem Chip ist kaputt. Er wird vom Handy nicht mehr akzeptiert. Die Nummer der deutschen SIM Karte? Abgelehnt. Es muss eine inländische Rufnummer sein. Letztendlich fragen wir einen Nachbarn, ob er als Relaisstation herhält und bekommen grünes Licht. Wir dürfen seine Mobilfunknummer verwenden.
Beim abermaligen Besuch eines Technikers dann die Feststellung, dass dieser sich auf privatem Grund und Boden befände. Dort dürfe er keine Leitungen ziehen. Zur Verfügung stellen, ja, verlegen, nein. Nach mehrmaliger Unterstützung durch den Nachbarn, der sich breitschlagen ließ, als Mittler zu fungieren, gelangen wir an die Strippe. Die Koordination zur Übergabe des Kringels ist nicht so einfach, wie man meinen mag. Fahrräder zu hinterlassen war unproblematischer.
Als nächstes sind wir wieder an der Reihe. Gute 120 Meter ummantelte Zweidrahtleitung sind durch Leerrohre zu ziehen zu einem Baum, neben dem eine Verteilerdose sitzt. Auf den meisten Etappen liegen glücklicherweise Zugschnüre, doch nicht überall. Eine Aktion, die sich zieht, Flüche kostet und bei dreißig Grad im Schatten manchen Tropfen Schweiß. Kommen wir dort einigermaßen voran, wo unsere Staubpiste Pflastersteinen wich, verzweifeln wir nahezu auf den letzten Metern. Je näher wir der Verteilerdose rücken, desto voller sind die Installationsrohre mit Leitungen. Mit viel Geduld und Spucke, beherztem bis entnervtem Gezerre und der Unterstützung des Gärtners bekommen wir unser Kabel hindurch gezwängt. Nach Stunden baumelt sie schließlich dort, wo sie hin gehört, die Strippe. Zeit, dass der Telefonmann wieder anrücken kann.
Tage später ist es geschafft. Elektronik aus Deutschland kommuniziert mit spanischer Vermittlungstechnik. Dank virtuellem Netzwerk lassen sich sogar die Apparaturen Zuhause mit denen im sonnigen Süden koppeln, womit wir über das Internet unter unserer Kölner Rufnummer telefonisch erreichbar sind. Nett, verhindert aber nicht, sonst wo auf der Insel abgenabelt umher zu schwirren.


Begegnungen
Im darauf folgenden Jahr, 2014, nimmt unser Inselleben seinen ganz „normalen“ Lauf, doch was ist schon normal? Ende Mai wird nachgeholt, was im Vorjahr der „Nordroute“ zum Opfer fiel – die Fiesta in San Fernando. Die üblichen Verdächtigen sind zugegen, es wird kräftig gerockt, erzählt, geblödelt, Nächte werden lang. Anfang Juni enden für einen nach dem anderen die Tage unbeschwerten Seins. Irgendwann ist auch Ute an der Reihe, zurück bleibe ich – jedenfalls noch für eine Woche. Angesammelte Überstunden lassen grüßen. Wenig ungewöhnlich verbringe ich etliche davon auf dem Wasser. Bei einer meiner Runden auf drei Rümpfen und mit gehisstem Segel begegne ich in der Nähe der blauen Bar einem Pärchen. Die beiden sitzen in einem reichlich bepackten Kajak und paddeln. Ich grüße im Vorbeifahren, die beiden grüßen zurück, dann gehen wir unserer Wege. Die Paddler Richtung Pelayo, wo ich her komme, ich Richtung Piratabus, den die beiden hinter sich ließen. Nach einem Cafe-con-leche bei den Strandräubern mache ich kehrt, eine Weile später ist das Kajak eingeholt. Seine Besatzung ist gebeugt über eine Karte.
„Kann ich Euch helfen?“
Zwei Köpfe schauen auf. Wie sich heraus stellt, sind die beiden Spanier. Ich hole das Segel ein und wir gleiten nebeneinander her.
„Hört der Strand hier gleich auf?“
„Ja, noch so etwa ein Kilometer, dann wird es felsig.“
„Und gibt es hier einen Supermarkt?“
„Mhm, da drüben.“ Ich deute in die entsprechende Richtung schräg vor uns.
„Ist zwar nur ein kleiner, aber es gibt alles, was Ihr benötigen dürftet.“
„Und kannst Du uns sagen ob es erlaubt ist, am Strand zu übernachten?“
„Offiziell nicht, aber ich habe hier schon häufiger Leute wie Euch gesehen, die ihre Schlafsäcke im Sand ausbreiteten. Umrundet Ihr die Insel?“
Blöde Frage an sich, ist ziemlich offensichtlich, was die beiden tun. Dennoch – sie bestätigen freundlich und nach und nach erfahre ich mehr. Man komme aus Almeria, umkreiste letztes Jahr Menorca, diesmal nahm man sich Ibiza und Formentera vor. Als ich den beiden anbiete, bei mir im Haus zu übernachten, das ich gerade für mich alleine habe, sind die zwei irritiert.
„Könnt Ihr Euch ja in Ruhe überlegen. Kostet Euch jedenfalls nichts. Ich fahre schon mal weiter und komme gleich zurück.“
Es ist mir ein Vergnügen anzubieten, was ich im Jahr zuvor selbst häufig genug erfuhr. Als ich erneut vor dem Kajak aufkreuze, blicke ich in strahlende Gesichter.
„Wir nehmen Dein Angebot gerne an. Wir sind übrigens Eli und Manuel.“
Auch wenn meine Wasserbekanntschaft einige Jahre jünger ist als ich, es schmälert den Spaß, den wir haben, nicht. Ein wenig problematisch ist es, Ihr Sack und Pack in kleinen Beuteln unter die Arme zu quetschen, nachdem die Boote an Land gezogen sind. Letztendlich stellt aber auch diese Hürde kein unüberwindbares Hindernis dar. Sind es zur Abwechslung mal drei, die wie Packesel beladen vom Strand zur Ferienhütte schreiten.
Am Haus angekommen freuen sich die beiden, nach Tagen im Meer bei einer Dusche das Salz von der Haut zu bekommen. Ich hingegen bin froh, meine Spanisch-Kenntnisse anwenden zu können. Dass die beiden mich zum Essen einladen? War nicht beabsichtigt, doch mein zaghafter Protest wird abgewiesen und wir verbringen einen geselligen, feucht fröhlichen Abend miteinander. Zunächst in der Pelayo Bar, später bei uns auf der Terrasse. Es herrscht schließlich Lagerfeuer Romantik. Jeder berichtet mit leuchtenden Augen von seinen Erlebnissen zu Land und zu Wasser, wobei auch Radabenteuer bei meinen Gegenübern nicht zu kurz kommen.
Einem gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen folgt der Rückweg zum Strand. Bis zum Barbaria-Cap-Leuchtturm will ich die beiden noch begleiten. Manuel und Eli ist es recht. Lasse ich das Segel extra in der Garage, so hat meine Zufallsbekanntschaft immer noch genug damit zu tun, zu zweit paddelnd mit mir Schritt zu halten. Jedenfalls bis zu dem Augenblick, als sich eine Flosse aus meinem Tretantrieb löst. Wie es der Zufall will ereignet sich die Panne erst kurz vor Erreichen des gemeinsamen Ziels. Zuvor legen wir noch einen Badestopp an einem Mini-Sandstrand zwischen den Klippen ein und erkunden eine Höhle, die ich bis dahin selbst noch nicht entdeckte. Begeistert sind wir alle drei. Der Felsspalt liegt hinter einem Vorsprung, ist gerade so breit, dass wir mit den Booten hindurch passen und ist nach einem Knick etwa zwanzig Meter tief. Im Innern schließlich ist es nach dem gleißend hellen Tageslicht stockfinster, es tropft es von der Decke, Krebse huschen im Schein der Taschenlampen die Wände entlang und es wird eng, die Kajaks zu wenden. Als wir uns schließlich verabschieden weiß ich: es ist ebenso schön, Gastfreundschaft zu erfahren, wie zu geben. Und den Schraubenschlüssel zur Reparatur meines „Motors“ finde ich auch noch.