Reisetagebuch

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2015-09-01

23. Tag: 103 Kilometer (Gesamt: 2284); 639 Höhenmeter; 232 Meter max. Höhe
Strecke: Nähe Casale Monferrato (08:00 Uhr) - Turin (16:30 Uhr)
Wetter: unterschiedlich bewölkt, vormittags zeitweise Regen, 27°

Hatte ich am Vorabend noch das Angebot eines Nachtisches, eines Kaffees oder sonstigem aus Gründen der Bescheidenheit abgelehnt, so gelingt es mir an diesem Morgen nicht, zu einem Cappuccino nein zu sagen - und damit der nicht so verloren auf dem Tisch herum steht, gibt es auch noch ein Croissant dazu. Unglaublich, was einem Fremden widerfährt, mit dem man sich noch nicht einmal richtig unterhalten kann. Allein diese Begegnung ist mir die Anstrengungen wert, die es mich gekostet hat, hierher zu gelangen. Ein wundervolles Für- und Miteinander, wie es Schule machen sollte.
Im nächsten Dorf versorge ich mich in einem der kleinen Einkaufsläden mit dem Nötigsten, ohne lange durch Gänge irren zu müssen. Zeige gegenüber der Dame hinter dem Tresen hierauf und darauf und erfahre noch dazu, wo sich der nächste Brunnen, hier Fontanella genannt, zu finden ist, dass auch die Wasserflaschen nicht länger leer bleiben müssen. So stehe ich Augenblicke später wieder vor einem dieser fortschrittlichen Automaten, bei denen zwischen Sprudel- und stillem Wasser zu wählen ist, nur dass diesmal kein Chip zum Zapfen verlangt wird, sondern Münzen. Kommt mir sehr entgegen, und gegen fünf Cent für einen Liter mag ich mich auch nicht beklagen. Im Supermarkt hätte ich locker ein zigfaches bezahlt.
Auf holprigen Schotterwegen, zwischen Wäldern, Mais- und Reisfeldern macht es dann plötzlich „klick“ und ich finde mich in einem herrlichen Dialog mit mir selbst wieder. Die Wege zu finden ist kein Problem, es gibt kaum Kreuzungen, auf andere Verkehrsteilnehmer aufzupassen brauche ich auch nicht, ich bin so gut wie allein unterwegs, und dass es bisweilen leicht regnet, stört mich ebenso wenig. Gute drei Wochen hat es gedauert, fast eine Woche keine großartigen Änderungen in der Umgebung, wenngleich nun auch im Norden wie im Westen Bergrücken auftauchen, und nun drehen sich im Kopf die Gedanken wie unter mir die Pedalen. Ich genieße diese Gedankenkarussell. So ähnlich stelle ich es mir vor, muss es einem im Kloster ergehen, oder unter Drogen. Alles scheint möglich, na gut, zumindest einiges, Dinge sind so klar und zum Greifen nah, und das Radeln gerät zu rein mechanischen, motorischen Bewegungsabläufen. Keine Handinnenflächen, die vom Druck auf den Lenker schmerzen oder taub sind, kein Hintern, der weh tut, einfach nur eine Reise in das Unterbewusstsein, Tagträumereien, Trance.
Ob es eine kleine Schlange ist, die sich mehrfach S-förmig plötzlich vor mir über den Asphalt bewegt, oder ein Dorf, in dem ich wieder schaue, dass ich den Weisungen des Navis richtig folge, oder ein Auto, das um die Ecke kommt, ich kann es nicht sagen, was es ist, das mich langsam wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holt. Die Kilometer sind mühelos dahin geglitten, trotz losen Gesteins, auch die Bahnunterführung mit gefühlten 30 Prozent Steigung, rauf wie runter, ich habe geschoben, machten nichts aus, und selbst die Orte, in denen es grau, trist und die Luft staubig war, wollten mich nicht stören. Ich kann nur vermuten, dass die entgegen gebrachte Gastfreundschaft gepaart mit der Einsam- und Eintönigkeit der Strecke dazu führten, in diesen Zustand zu geraten, dem ich einen gewissen Grad von Suchtpotential zuschreibe, dem ich mich nicht im geringsten entziehen möchte und der in mir eine tiefe Dankbarkeit nach sich zieht; eine unglaubliche Erfahrung, die ich nur jedem wünschen kann, sie zu erleben.
Je mehr ich mich Turin nähere, desto unübersehbarer sind die Spuren menschlichen Zusammenlebens auf engem Raum. Wohnsilos, Staus in den Randgebieten der Stadt und Müll, wo er nicht unmittelbar stört, geht man mal davon aus, dass es nur wenige „hinter die Büsche“ verschlägt, wo mich meine Route entlang führt. Ausrangierte Fernseher, Monitore, Matratzen, Autoreifen, Farbeimer - und was sich in manch einer Tüte befindet, man mag es lieber gar nicht wissen. An einer Stelle lodern die Flammen, an anderen zeigt die verbrannte Erde, dass auch dort es nicht anders ausgesehen hat. Es lebe das Bewusstsein für die Umwelt!
Anders ein paar Flussmündungen in den Po. Das Wasser sprudelt über rund geschliffene Steine, scheint sauber, Menschen baden darin.
Was eine Unterkunft für die Nacht betrifft, so war ich bereits am Vorabend tätig geworden. Für einen günstigeren Preis als den, der mir auf Campingplätzen am Lago-di-Caldonazzo genannt wurde und zu teuer war, hatte ich ein Zimmer in einer Pension mit Gemeinschaftsbad gefunden, so die Informationen im Buchungsportal. Das Gebäude ist nach kurzer Ehrenrunde diesmal schnell gefunden, eine Hausnummer macht es möglich, doch es handelt sich um ein eher normales Wohnhaus. Im Erdgeschoss gibt es eine Tierarztpraxis, ansonsten auf dem Klingelbrett noch fünf weitere Namen, von denen sich einer mit den Angaben der Reservierung deckt. Ich läute einmal, zweimal, dreimal und ich weiß nicht wie oft noch, doch keine Reaktion. Weder eine Stimme aus der Gegensprechanlage, noch eine Betätigung des Türöffners. Also Smartphone auspacken und schauen, was da alles in der Reservierungsbestätigung beziehungsweise den Angaben zur Unterkunft steht. Nichts besonderes, aber eine Telefonnummer ist dabei. Ein Anrufbeantworter, mit italienischer Ansage - toll!
Im Hotel nebenan bitte ich den Rezeptionisten mich zu unterstützen. Macht er bereitwillig, kommt aber zum gleichen Ergebnis - niemand zu erreichen. Erneut begebe ich mich zum Klingelbrett. Schelle wieder, alles wie gehabt. Schicke eine Mail, dass ich vor der Tür, stehe, was ich tun soll. Noch hadere ich, die Reservierung abzuschreiben. Die Stornierungsgebühr deckt sich mit dem Preis für die Übernachtung, und das Hotel nebenan wollte mit 50 Euro fast das doppelte dessen, womit die seltsame Pension warb, die dem Anschein nach nicht so recht existiert. Versuche es bei der Tierarztpraxis. Auch hier bemühen sich Frau Doktor sowie ihre Assistentin redlich. Von einem Beherbergungsbetrieb wisse man nichts, auch der Hauseigentümer kann nicht weiterhelfen. Schließlich führt ein weiterer Anruf zum Erfolg. Diesmal kein Anrufbeantworter, sondern eine menschliche Stimme. In einer knappen halben Stunde komme jemand vorbei, der mich herein lässt. Rechnet man die Zeit meiner Ankunft, so vergehen insgesamt anderthalb Stunden, bis ich das gebuchte Zimmer betrete - mit dem Fahrrad unter dem Arm. Unten, auf der Straße, sei es nicht sicher, und im Innenhof habe man keinen Stellplatz. Las sich zwar hinsichtlich eines Parkplatzes auch anders, aber was hilft's. Neben meinem Zimmer gibt es einen weiteren Raum, für den es diese Nacht aber keinen Gast gibt, ansonsten eine gemeinsame Küche sowie ein ebensolches Bad - eine ganz normale Wohnung, die tageweise untervermietet wird und die ich nun für mich allein habe. Unglaublich, was man so alles innerhalb von nur 24 Stunden erleben kann …



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Mit dem Rad von Köln nach Formentera - es geht auch anders ...




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