Reisetagebuch

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2015-09-09

31. Tag: 97 Kilometer (Gesamt: 3044); 172 Höhenmeter; 15 Meter max. Höhe
Strecke: Saint Gille (09:15 Uhr) - Beauduc (17:30 Uhr)
Wetter: sonnig, 28°

Meine Hoffnung, dass es in der Nähe des Meeres nicht mehr gar so frisch ist wie in höheren Regionen, hat sich erfüllt. Es ist geschätzt nicht mehr unter 10°, sondern bestimmt 5° wärmer. Entsprechend leichter fällt es, den Schlafsack zu verlassen und dem Morgenprogramm nachzukommen. Entgegen sonstiger Gewohnheiten schiebe ich einen Anruf bei meinen Eltern ein. Meine Mutter hat Geburtstag. Es soll jedoch nicht die einzige Abweichung vom Plan bleiben.
Saint Gilles liegt schnell hinter mir. Drei mal abbiegen, dann befinde ich mich auf einer ruhigen Landstraße. Gute 20 Kilometer sind es bis Aigues-Mortes, dem Ort, von dem aus es auf halbwegs bekannten Wegen bis an den Fuß der Pyrenäen geht. Fünf Tage benötigten Ute und ich vor vier Jahren dafür, vier Tage später waren wir am Ziel der Reise aus eigener Kraft angelangt, in Barcelona. Für dieses Mal habe ich für die Überquerung der Pyrenäen eine andere Strecke vorgesehen, ebenso wie für den weiteren Verlauf, aber ich will nicht zu sehr in die Zukunft blicken; der Augenblick wird gelebt. Und eben dieser macht mir deutlich: ich befinde mich in der Camargue. Auf Weiden grasen die bekannten schwarzen Rinder sowie weißen Pferde. Anstatt dieser herrlichen Salinenlandschaft jedoch Weinfelder, hier und da Schilf gesäumte Wiesen. Es ist angenehm ruhig auf der Straße, nur selten überholt mich ein Auto oder es kommt eines entgegen, da überkommt es mich, dass es doch mal wieder nett wäre, ein paar Takte Musik bei der Treterei zu genießen. Also anhalten, Stöpsel in die Ohren und von den dreihundert Alben, oder wie viele es sind, eines zu Gehör bringen. Es ist schon seltsam, da möchte man auf nichts verzichten, was Zuhause in der Musiksammlung sein Dasein fristet, aber ich höre immer das Gleiche, in einem gewissen Umfang. Meine erste Wahl fällt auf Jerry Garcia. Shady Grove. Die Pizza Tapes kommen zwar auch immer wieder gut, aber heute entscheide ich mich für das Album, das mich für den Ex Greatful-Dead Sänger begeisterte. Ruhiger, entspannter Bluegrass.
Ob es das Geschrammel ist, das mich nachdenklich werden lässt, oder was auch immer, irgendwann stelle ich mir die Frage, warum ich ausgerechnet die Gegend nicht mit in die Route einbezogen habe, die mir vor vier Jahren am besten gefiel. Die Salinen, mit ihren Flamingos und holprigen Pisten, wo noch weniger los war als hier auf der Straße. Immer wieder, bei jeder passenden wie unpassenden Gelegenheit schwärme ich von dieser Gegend, und nun lasse ich sie links liegen?
Was ich an diesen längeren Touren so schätze, ist unter anderem der Hauch von Freiheit und Abenteuer. Warum also stur einem Plan folgen, was ist mit der zur Verfügung stehenden Freiheit? Ich brauche gar nicht lange darüber nachzudenken, da steht fest, es wird umdisponiert. Zehn Kilometer vor Aigues-Mortes, an einer Straßenkreuzung, steht eine Bretterbude mit Informationen für Touristen, ich besorge mir einen Flyer mit einer Karte und lasse mich beraten, wie ich am besten dorthin gelange, wo es mich hin zieht: nach Beauduc, dorthin, wo die Kiter am Strand herrschen und wildes Campieren gang und gäbe ist. Meine Wahl fällt auf eine Strecke zunächst nach Saintes-Maries-de-la-Mer. Dort werde ich mich mit Proviant und Wasser eindecken, dann das Naturschutzgebiet von Norden her umrunden, dass ich bislang nur von Süden her kenne, um anschließend auf eben diesem Wege die Reise in geplanter Richtung fortzusetzen.
Gesagt (beziehungsweise gedacht), getan! Auf bereits bekannten Pfaden, nur zunächst in Gegenrichtung, überquere ich mit einer kleinen Fähre die „kleine“ Rhône, Le-Petit-Rhône, dann geht es weiter zum Zigeuner Wallfahrtsort. Rummelig geht es dort zu, so, wie ich es in Erinnerung habe, nur der Marktplatz ist heute leer gefegt. Kurzer Abstecher in den nächsten Supermarkt, Orientierungspause am Straßenrand, um dem Navi den beabsichtigten Weg beizubringen und eine Vorstellung davon zu bekommen, was ich da vorhabe, und schließlich Wasser besorgen.
Hatte ich bislang mit der Beschaffung von Wasser keine Probleme, so gestaltet es sich in Saintes-Maries-de-la-Mer nicht gar so einfach. Auf einem Wohnmobilstellplatz finde ich zwar sechs Wasserhähne, aber alle geben keinen Tropfen, als ich einen nach dem anderen aufdrehe. Ein Camper hat Erbarmen und füllt mir meinen Wassersack - leider nur zur Hälfte. Nicht zuletzt aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten belasse ich es dabei, bedanke mich artig und halte weiter Ausschau. Zum Duschen und Waschen hätte ich schon gerne die vier Liter Fassungsvermögen genutzt, auch wenn es die Last auf dem Hinterrad um das entsprechende Gewicht erhöht. An einer Stranddusche werde ich schließlich fündig, dann folge ich der frisch geplanten Route um den Étang-du-Vaccarès, an dessen anderem Ende sich mein neues Tagesziel befindet. Gute 50 Kilometer liegen vor mir, von denen etwa die Hälfte die Abweichung vom Plan alle Male wert ist. Wer, wie ich, eine Runde um Formenteras Stinkesee und durch die Salinen mag, der wird hier mit einem vielfachen dieser Landschaft belohnt und bekommt dazu tausende von Flamingos noch dazu geliefert. Die andere Hälfte der Strecke, die überwiegend über rauen Asphalt führt und etwas abseits des Salzsees verläuft, hat zwar auch seine Reize, ist aber im Vergleich lange nicht so spektakulär. Im Hintergrund sind die Höhenzüge der Alpenausläufer zu sehen, im Vordergrund viel grün - mal Schilf, mal Reis- und Weinfelder, mal Weideland und Wiesen.
Zwischendurch treffe ich immer wieder mal Deutsche, einige mit dem Rad unterwegs, andere mit dem Auto, sowie ein Ehepaar aus England, das sich mit einem Platten herum schlägt. 20 Dornen hätten sie bereits aus dem Mantel entfernt, wenn der nächste Flicken immer noch nicht hilft, wollen sie den Vermieter anrufen, bei dem sie die Räder geliehen haben - Unterstützung von meiner Seite benötigen sie also nicht, zumal aber auch bereits ein anderes deutsches Pärchen moralischen Beistand leistet.
Am Ziel angekommen stürze ich mich erst einmal in das Meer. Es hat sich nichts verändert. Man kann waten, waten und waten, und wird nicht nass; zumindest nicht über das Knie hinaus. Also hinunter begeben und untertauchen, so weit möglich. Obwohl es so flach ist, ist das Wasser verhältnismäßig frisch. Doch egal, die Abkühlung tut gut, die anschließende Dusche ist eine warme, nach den dreieinhalb Stunden Fahrt in der Sonne, was bleibt, ist das Abendessen, dann versinkt die Sonne im Meer, die Moskitos fallen nicht nur über mich her, und ich verkrieche mich in das schützende Zelt, wo mit dem Rechner auf den Oberschenkeln diese Zeilen entstehen, womit ein Tag endet, der mich zwar dem Ziel nicht näher gebracht hat, den ich aber dennoch in keinster Weise bedaure. Fehlt an sich nur Ute an meiner Seite, so wie vor vier Jahren, um dieses wundervolle Erlebnis teilen zu können.



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Mit dem Rad von Köln nach Formentera - es geht auch anders ...




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