Reisetagebuch

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2015-09-12

34. Tag: 82 Kilometer (Gesamt: 3318); 849 Höhenmeter; 70 Meter max. Höhe
Strecke: Nissan-Lez-Ensérune (09:45 Uhr) - Le-Barcarès (18:00 Uhr)
Wetter: unterschiedlich bewölkt, starker Wind (6 Bft.) aus Süd, 24°

Noch ganz unter dem Eindruck dessen, was mir da am voran gegangenen Abend widerfahren ist, packe ich meine Sachen im Hotel. War es der Zufall, der mir diesen wunderbaren Abend bescherte, oder war es Bestimmung. Da ich nicht so recht an vorgezeichnete Bahnen glaube, in denen das Leben verläuft, schiebe ich es auf ersteres, was sich mit meinem Weltbild besser in Einklang bringen lässt. Ob es das Universum, die Erde oder unser Dasein betrifft - ich mache es mir da einfach und komme gut mit dieser Anschauung zurecht. Das die Menschheit trotzdem an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt, schiebe ich auf fehlenden Weitsicht zu, mit der wir leben müssen. Evolution schließt auch Wege in Sackgassen nicht aus. Mit dem Zeitalter der Industrialisierung hat es meines Erachtens der Mensch geschafft, mehr Dinge in kürzerer Zeit zu zerstören als Generationen zuvor, und mit der Nukleartechnik ist es nicht besser geworden. Was das mit meiner Reise zu tun hat? Keine Ahnung, Gedanken, die mir durch den Kopf schießen und die ich genieße. Aber ich will nicht besserwisserisch daherkommen. Habe mehr Fragen als Antworten und leiste meinen Beitrag dazu, dass die Welt ist, wie sie ist. Wider aller Vernunft nutze auch ich gelegentlich das Auto, fahre häufig genug schneller als sinnvoll (oder auch schon mal zulässig), und selbst bei meiner Tour wird mir immer wieder deutlich vor Augen geführt, dass die Energie, die ich für meine Gerätschaften benötige, ich nicht selbst generieren kann, mit meinem am Dynamo angeschlossenen Ladegerät; von dem, was ich sonst noch zum Erhalt der Vitalfunktionen benötige, ganz zu schweigen. Gut, Gemüseanbau unterwegs scheidet aus, weil zu langwierig, aber Jagen und Sammeln wären schon Optionen. Doch es ist ja viel einfacher, in den nächsten Laden zu gehen, die Euronen auf den Tisch zu legen, mitzunehmen, was beliebt, und über das, was dahinter steckt, nicht all zu sehr nachzudenken.
Ich kann stundenlang über derlei Dinge sinnieren, was mich wieder zum Radeln beziehungsweise entschleunigten Vagabundieren zurück bringt. Man hat Zeit, über Dinge nachzudenken, zumindest mir geht es so, steckt nicht so im üblichen Alltagstrott, und vieles nehme ich aus einer Art Beobachterperspektive wahr. Ich betrachte mich als Tagebuch schreibenden Reiseradler gewiss nicht als einen besseren Menschen, aber als einen schlechteren auch nicht. Das Schöne ist nur, und das betrachte ich als ein Privileg, ich kann einen Schritt zurück machen und Dinge distanzierter betrachten, als wenn ich mitten im Geschehen stecke oder Teil des Systems bin, in dem wir unser von Arbeit geprägten Leben leben.
Nach einer Stunde ist alles gepackt; Zeit, die Gedanken einstweilen beiseite zu schieben und wieder auf die Straße zu kommen. Bevor es richtig losgeht, sollte aber noch eine kleine Stärkung drin sein. Da der Hotelpreis nichts entsprechendes beinhaltet, schiebe ich mein Rad hinüber zu der Bar, in der ich mich am Vorabend bestens unterhalten fühlte, und auf wen stoße ich dort: das Ehepaar aus Bremen, Willem (der Wilhelm?) und Angelika. Ohne Musik fällt die Unterhaltung leichter, und bei einem Kaffee wird munter geplaudert. Die Technik unter dem Hintern, wie schön doch alles ist, woher es geht, bei den beiden von Trier nach Bordeaux, über den Schlenker in den Süden, das Übernachten, Finden der Wege, deren Beschaffenheit auf den vor uns liegenden Kilometern, wir fahren schließlich dorthin, wo der andere gerade hergekommen ist, und derlei Dinge. Die Zeit verrinnt, und nach einer knappen halben Stunde beschließen wir, nun aber tatsächlich dem nachzugehen, das uns zusammenführte - dem Radeln. Hatten die Hanseaten zunächst noch überlegt, einen Ruhetag einzulegen, so scheint doch der Wille größer, den Wind zu nutzen, der die beiden voran bringen sollte, zumal der vorher gesagte Regen bislang ausbleibt - trotz tief hängender beziehungsweise vorbei ziehender Wolken.
Der Wind ist es dann auch, der mein Vorankommen bestimmt. Da sehr entgegen kommend, im negativen Sinne, ist ja nicht so ganz trivial, diese Formulierung, wird es ein Tag harter Beinarbeit. Nur selten bläst er mir in den Rücken, meist kommt er schräg von vorn, und er weht kräftig - laut Internet mit Stärke sechs. Überholen mich Autos auf der Straße, wird es schon mal wackelig, mit dem Eintauchen in den Windschatten sowie dem wieder daraus Hervortreten, wenn man sich ansonsten leicht dagegen lehnen muss, doch es kommt zu keinen brenzligen Situationen. Fast die Hälfte des Tages verbringe ich auf Holperpisten entlang eines Kanals, von der anderen Hälfte einen Großteil auf gut ausgebauten Radwegen, und den Rest auf eher wenig frequentierten Landstraßen, um mich herum, wenn kein Wasser, dann überwiegend Weinstöcke.
In Narbonne halte ich mich nicht lange auf, die längste Zeit stehe ich fast an einem Marktstand an, um mir zwei Teilchen zu erstehen. Es ist ein alternativer Handel, der dort betrieben wird, alles ist dem Bekunden nach selbst hergestellt und aus der Region, was den Eingangs erwähnten Gedanken entgegen kommt - und schmackhaft ist es außerdem, wie ich später feststelle. Wieder zurück am Meer, bei Leucate, bewundere ich die Kiter und Surfer, die sich in den Wellen austoben. Der auflandige Wind wühlt die Wassermassen kräftig auf. Darüber hinaus spreche ich eine Französin auf ihren Fahrradanhänger an, mit dem sie versucht, ihre Surfausrüstung samt Brett nach Hause zu bekommen, erfolglos, aufgrund des Windes, und werde von einer Schweizerin in ein Gespräch verwickelt, die durch die Taschen an meinem Rad neugierig geworden ist.
An den Hütten der Austern- und Muschelfischer fahre ich entgegen vorheriger Absicht ohne anzuhalten vorbei, die letzte Mahlzeit ist gerade verspeist, nachdem ich zuvor in einem Supermarkt etwas gegen das Loch im Magen erstanden hatte und dabei Zeuge wurde, wie ein Wohnmobil zwei Behindertenparkplätze blockierte, deren Besatzung nicht im geringsten den Eindruck erweckte, dass die Inanspruchnahme der Plätze gerechtfertigt sei: junge Surfer, die bestenfalls unter Appetit oder Hunger litten.
15 Kilometer vor dem ins Auge gefassten Tagesziels beschließe ich dann: es reicht. Am nächsten Tag soll der Wind nachlassen, ich finde einen Campingplatz, der mit 17 Euro knapp unter dem gesetzten Limit bleibt, und investiere zum Abendessen in eine Paella - kulinarische Einstellung auf das, was voraussichtlich Tags drauf folgt: der Wechsel über die Grenze von Frankreich nach Spanien.



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Mit dem Rad von Köln nach Formentera - es geht auch anders ...




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