Reisetagebuch

2015-08-...
2015-09-01
2015-09-02
2015-09-03
2015-09-04
2015-09-05
2015-09-06
2015-09-07
2015-09-08
2015-09-09
2015-09-10
2015-09-11
2015-09-12
2015-09-13
2015-09-14
2015-09-15
2015-09-16
2015-09-17
2015-09-18
2015-09-19
2015-09-20
2015-09-21
2015-09-22
Bilder

2015-09-21

43. Tag: 76 Kilometer (Gesamt: 4101); 246 Höhenmeter; 36 Meter max. Höhe
Strecke: El Mareny de Barraquetes (09:15 Uhr) – Dénia (15:30 Uhr)
Wetter: sonnig, 28°

Den siebten Montag und letzten „richtigen“ Fahrtag der Reise beginne ich nach Sonnenaufgang. Die gut 70 vor mir liegenden Kilometer sollten keine größeren Überraschungen mehr parat halten und bis 19:30 Uhr, dem Zeitpunkt, zu dem ich mit Horst, meinem ersten Chef als Informatiker, und Maggie, seiner Frau, in Dénia verabredet bin, lässt genug Zeit. Vor dem Aufbruch wird der Inhalt der Packtaschen dezimiert und das Gewicht auf die Beine verlagert - zwei Trinkpäckchen Sojamilch sowie eine gute Hand voll Müsli.
Der leichte Ostwind bringt mich eher voran, als das er mich aufhält, und so fallen die ersten 40 Kilometer bis Gandia nicht schwer. Beim Anblick der Berge zur Rechten wandern meine Gedanken zwei Jahre zurück, als ich von dort aus die Stadt erreichte. Über ehemalige Bahntrassen führte die Strecke durch Tunnels, in denen es nach der ersten Biegung trotz Fahrradleuchte so dunkel war, dass die Augen sich erst an das schwache Licht gewöhnten, als der Ausgang schon wieder nahte. Thomas und Günter, die beiden Radler aus Hamburg, die von Valencia aus nach Cordoba wollten, dürften früher oder später irgendwo hinter den Gipfeln, die ich sehe, in die Sierra-Nevada vordringen, auf eine Höhe, wie ich sie in den Seealpen erklomm - rauf auf 2000 Meter. Mit dem Bild des Höhenweges vor Augen lasse ich weitere Erinnerungen an die letzten sechs Wochen Revue passieren. Die Flüsse in Deutschland, die mich in das Allgäu führten, die Wolken verhangenen Alpen auf dem Weg nach Venedig, die drei großen Flussdeltas, die nahezu täglichen Begegnungen mit mir freundlich gesinnten Mitmenschen. Erst am Morgen erhielt ich von meinen letzten Zeltplatznachbarn, frische Pensionäre aus der Nähe Münchens, einen Kaffee angeboten, den ich jedoch dankend ablehnte. Das Ehepaar wollte mit dem Wohnmobil die gewonnene Freiheit dazu nutzen, bis Weihnachten mehr oder weniger planlos umher zu bummeln, lediglich Portugal stand als grobes Ziel fest.
Auch ich habe die Zeitlosigkeit genossen beziehungsweise genieße sie noch immer. Morgens mit der vagen Vorstellung startend, wo man am Ende des Tages landen könnte, ob dort ein Campingplatz existiert, der Wassersack rechtzeitig zu füllen ist oder, wie eine gut Woche zuvor, ich mir ein Hotelzimmer nehme und ein Live-Konzert geboten bekomme. Es war wieder eine schöne Tour. Die Tagelöhner, die am Morgen vor dem Campingplatz darauf warten, abgeholt zu werden, um als Erntehelfer für wahrscheinlich kleines Geld ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, führen mir vor Augen, in welch luxuriöser Lage ich mich befinde. Sind die 300 Euro Bargeld, die ich maximal mit mir herum trage, aufgebraucht, gehe ich an den nächsten Automaten und ziehe mir neues. Ob die täglichen Lebensmitteleinkäufe, Rechnungen im Restaurant, Zuhause liegen gelassener Fleecepulli, zerschlissene Fahrradkette, Lenkergriffe oder was auch immer, ich muss nicht lange überlegen, schiebe die Kreditkarte oder die Scheine über den Tresen und weiter geht es. Und sollte tatsächlich Unvorhergesehenes eintreten, so sind Telefonnummern im Handy gespeichert, um Versicherungen oder Hilfe in Anspruch zu nehmen. Abenteuer 2.0, mit Netz und doppeltem Boden; niemand der versuchte, mich zu bestehlen oder mir sonst wie gewalttätig gegenüber stand, eine äußerst angenehme Situation und erfreuliche Erfahrungen, die mein Leben bereichern.
Als ich um 12:00 Uhr mit Eindrücken im Hinterstübchen die Stadt erreiche, die bereits vor zwei Jahren die Schlussetappe markierte, verspüre ich gar kein Verlangen, die Treterei zu unterbrechen. Noch einmal radle ich über den Plaza-Major, den Platz, an dem Kathedrale und Rathaus stehen und an dem Abends die Tische der Restaurants gut besucht sind, dann folge ich der einstigen Gleistrasse Richtung Dénia. Auf halber Strecke, bei Oliva, werden die Beine dann doch so langsam schwer, der Wind kommt nun mehr von vorne, und ich beschließe, noch eine Pause am Strand einzulegen. Ein Bad im Meer, Stangenbrot mit Käse zum Mittag, Trocknen in der Sonne, bis es zu warm wird - es ist herrlich, sein eigener Herr zu sein, niemanden gegenüber Rechenschaft ablegen zu müssen für das, was man tut oder sein lässt.
Nach einer weiteren Stunde Strampelei bin ich am Ziel der Reise angelangt, soweit es aus eigener Kraft erreichbar ist. Der Abfertigungsschalter der Fähre nach Ibiza. Was ich dort erfahre deckt sich mit dem, was ich selbst zuvor per Internet in Erfahrung bringen konnte: die Fähre am nächsten Tag legt um 17:00 Uhr ab, sollte die Hauptstadt der Baleareninsel vier Stunden später anlaufen, und mit ein wenig Glück könnte innerhalb der nächsten Stunde das Umsteigen auf das nächste Boot Richtung Formentera gelingen. Klappt es nicht, verfahre ich so, wie ich es bislang auch getan habe - kurzerhand mir etwas einfallen lassen. Im Zweifelsfall wieder zu Lasten der Reisekasse.
Nachdem das Ticket für die bevorstehende Passage eingesteckt ist, es ist noch vor 16:00 Uhr, lasse ich mir zwei Kugeln Eis sowie das lieb gewonnene Erfrischungsgetränk schmecken, dann begebe ich mich auf die Suche nach dem Hotel, in dem ich Tags zuvor ein Zimmer reservierte. Zwanzig Euro, die Nacht, da ist die Erwartungshaltung nicht sonderlich hoch, aber für ähnliches Geld bekam ich vor zwei Jahren durchaus passable Schlafgemächer. Das Hotel liegt an einer Zufahrtsstraße zu Dénias Burg. Auf dem Weg dorthin lerne ich die Fußgängerzone der Altstadt kennen. In den engen Gassen reihen sich Straßenrestaurants, Bars, Cafés, Boutiquen und Geschäfte nebeneinander - es wirkt gemütlich, nicht zu touristisch geprägt. Meine Herberge ist schnell gefunden, liegt ebenfalls einigermaßen ruhig, der Hotelier empfiehlt mir dennoch, das Rad vorsichtshalber mit aufs Zimmer zu nehmen. Die Stufen hoch in der ersten Etage laufe ich dann drei mal rauf unter runter, stellen aber zum Glück kein unüberwindbares Hindernis dar.
Die paar hundert Meter zurück Richtung Hafen, zu einem Platz, an dem Abends Verkaufsstände aufgebaut sind, lege ich dann zu verabredeter Stunde zu Fuß zurück. Ich komme gerade um die Ecke, da sehe ich Horsts Wagen vorbeifahren. Ich gehe ihm hinterher, doch die Parkplatzsuche im ersten Anlauf ist erfolglos, und Minuten später kommt er aus der Gegenrichtung auf mich zu, allerdings wider Erwarten allein. Maggie wartet leider auch nicht am anderen Ende des Platzes, sondern ist Zuhause geblieben - eine Entzündung im Knie oder ähnliches plagt sie und macht ihr das Gehen schwer. Wird es also ein reiner Herrenabend. Horst und ich besetzen einen der Tische unter freiem Himmel, und ohne dass wir frösteln oder uns etwas über ziehen müssten verbringen wir den Abend. Beim Tagesmenü sowie einigen Gläsern Erfrischendem berichten wir uns von jüngsten Erlebnissen und erinnern uns an vergangenen aus gemeinsamen Zeiten, bis die Kellner um uns herum zusammen räumen und wir fast die einzig verbliebenen Gäste sind. Selbstredend, dass ich gerne erneut bei Horst und Maggie hätte übernachten können, wie vor zwei Jahren, doch es erschien mir zu umständlich. Die knapp 30 Kilometer mit einigen Höhenmetern hin zu deren Ferienhaus waren mir diesmal zu viel des Guten, und auf Horsts Entgegenkommen, mich aus Dénia abzuholen und Tags drauf zurück zu bringen, mochte ich ebenso wenig zurück greifen, was aber nicht heißen soll, dass ich mich bei den beiden nicht wohl gefühlt hätte. So verabschieden wir uns damit, neben den besten Wünschen an Maggie, dass ich es mir vielleicht bei einem nächsten Mal anders überlegen sollte - ein schöner Gedanke, so zum Abschluss des Tages.



Bericht zurück
2015-09-20
Seitenanfang
2015-09-21
Bericht vor
2015-09-22



Mit dem Rad von Köln nach Formentera - es geht auch anders ...




Newsletter

Sie wollen per E-Mail über neue Einträge auf dieser Seite informiert werden?
Kein Problem!
Klicken Sie auf Newsletter und folgen Sie den dort beschriebenen Anweisungen.




Live Vortrag

Zurzeit ist leider nichts geplant, die Liste unter Vorträge wird jedoch ständig aktualisiert.
Falls Sie selbst Interesse haben, mich einzuladen oder Sie einen Veranstalter kennen, treten Sie gerne mit mir in Kontakt. Es erwarten Sie unterhaltsame anderthalb bis zwei Stunden Fotoshow mit live vorgetragenen Erlebnissen und Anekdoten sowie Musik untermalten Passagen. Für Fragen oder einen kleinen Plausch stehe ich Ihnen während einer kurzen Pause oder im Anschluss gerne zur Verfügung und ich würde mich freuen, Sie persönlich kennen zu lernen!




Zum "mitnehmen"

Der Reisebericht der Radtour 2011 von Köln über Barcelona nach Formentera ist unter dem Titel "Urlaub, mal anders" (ISBN: 978-3-7309-0754-2) als E-Book für kleines Geld im Handel erhältlich.

Kennen Sie das?
Sie haben den Supermarkt gerade hinter sich gelassen da fällt Ihnen ein, was Sie unbedingt besorgen wollten - dann aber doch vergessen haben. Das ist nicht nur on tour blöd, sondern Zuhause ebenso. Und da Stift und Zettel sich häufig genug nicht in greifbarer Nähe befinden, der kleine elektronische Störenfried hingegen schon und weil es obendrein viel praktischer ist: verwenden Sie, sofern Sie es nicht bereits tun, Pruedis Einkaufsliste.
Die App für Ihr Android Smartphone, der Sie nicht nur vertrauen können, die Sie nicht mit Werbung belästigt, die auf das Wesentliche reduziert ist, die sich einfach bedienen lässt und die auch dort funktioniert, wo es vielleicht mal kein Internet gibt.
Sie kennen Pruedis Einkaufsliste noch nicht? Dann wird's aber Zeit - jetzt kostenlos testen!